Telemedizin: Hilft die Videosprechstunde?

In Deutschland steht die Liberalisierung der Telemedizin an. Bislang waren Telefon- oder Videosprechstunden tabu. Für Patienten könnte die Öffnung von Nutzen sein

von Christian Andrae, 15.05.2018
Telemedizin

Zukunftsvision: Per Telemedizin vom Arzt behandelt werden ohne unnötige Wege und Wartezeiten


Hartnäckig hatte sich die deutsche Ärzteschaft in der Vergangenheit gegen die Aufhebung des Fernbehandlungsverbots gesträubt, demzufolge Ärzte ihre Patienten erst nach einem persönlichen Gespräch behandeln dürfen. In der Praxis bedeutet das bisher: Diese müssen bei einem Arzt für eine Erstbehandlung vorstellig werden, ehe sie eine Fernbehandlung per Telefon oder Videosprechstunde in Anspruch nehmen können. Kurzum: Fern­­diagnosen sind dadurch in Deutschland stark eingeschränkt.

Nun wurde Anfang Mai 2018 auf dem Deutschen Ärztetag in Erfurt eine Lockerung des Verbots beschlossen. Ärzte sollen hierzulande ihre Patienten in näherer Zukunft auch per E-Mail, SMS, Online-Chat, Videosprechstunde oder telefonisch behandeln dürfen, ohne dass vorher der Arzt den Patienten persönlich gesehen hat – zumindest in Einzelfällen, wenn es ärztlich vertretbar erscheint. Als nächster Schritt muss die Änderung von den Landesärztekammern in die Berufsordnung übernommen und regional umgesetzt werden, was noch einige Zeit dauern kann.

In anderen westlichen Ländern bereits etabliert

In skandinavischen Ländern sowie in der Schweiz, den USA oder auch in England gehört das schon seit Jahren zum Alltag. Doch woher kommt nun der Schwenk? "Eingeleitet wurde der Vorstoß in Baden-Württemberg", sagt Dr. Franz Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telemedizin der Bundesärztekammer. Denn dort läuft bereits seit März ein entsprechendes Modellprojekt.

Bei "Doc Direkt" – initiiert von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) – können gesetzlich versicherte Patienten aus Stuttgart und dem Landkreis Tuttlingen bei ­Beschwerden ein Callcenter anrufen, wenn sie ihren Hausarzt nicht erreichen. Handelt es sich um einen Notfall, wird der Anrufer an die Rettungsleitstelle weitergeleitet. Andernfalls erhält er innerhalb von 30 Minuten den Rückruf eines Arztes. Können die Beschwerden nicht erfolgreich per Telefon geklärt werden, bekommt der Patient noch am selben Tag einen Termin in einer sogenannten Portalpraxis in Wohnortnähe.

Nur eingeschränkte Sprechzeiten im Modellprojekt

Die Notaufnahmen am Wochenende kann das Modellprojekt "Doc Direkt" jedoch nicht entlasten. Das machen schon die Sprechzeiten (werktags zwischen 9 und 19 Uhr) deutlich. Laut der KVBW sollen dagegen die Praxen entlastet werden, und die Fernbehandlung an sich soll erprobt werden.

Für Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, steckt jedoch weit mehr dahinter: "Wir wissen, dass schon heute die Menschen medizinische Angebote im Internet nicht nur anklicken, sondern auch entsprechende Portale anrufen." Das Problem: "Bei manchen Callcentern wissen Sie nicht, wer dahintersteckt", mahnt Clever. Dennoch sei es eine stark wachsende Zahl von Menschen, die aus der Ferne auf ärztlichen Rat hofft. "Und diese Aufgabe wollen wir nicht an irgendwelche unklaren Callcenter im Irgendwo verlieren", betont Clever.

Schnellere und präzisere Weiterleitung der Patienten erhofft

"Die Leute nutzen solche Dienste", meint auch Franz Bartmann. Ein großer Vorteil, falls die Telemedizin in Deutschland liberalisiert werden sollte, wäre neben einer Rechtssicherheit für Mediziner vor allem: "Eine ganze Menge an Arztkontakten würde entfallen oder anders verlaufen, indem man Patienten gleich an die richtige Stelle bringt", sagt Bartmann.

"Telephone first" – so hieß ein entsprechender Ansatz in England. Die Behauptung, dass telefonische Erstkonsultationen Zeit und Geld sparen, konnte laut einer im Oktober im Fachblatt British Medical Journal ver­öffentlichten Studie der Universität von Cambridge (Großbritannien) jedoch nicht bestätigt werden. Im Gegenteil: Zwar geht die Zahl der persönlichen Kontakte zurück – unterm Strich wird jedoch mehr Zeitaufwand für die Pa­tientengespräche am Telefon benötigt. Die Daten aus England lassen sich jedoch nur schwer auf das deutsche Gesundheitswesen übertragen.

Gute Erfahrungen aus der Schweiz

Aber wie gut lässt sich überhaupt eine Diagnose am Telefon stellen? An sich sehr gut, meint zum Beispiel Dr. Christiane Brockes. Sie leitet die klinische Telemedizin am Universitätsspital Zürich. Bei den Eidgenossen gehört die Fernbehandlung seit 18 Jahren zur Grundversorgung. "Natürlich ist es etwas ganz anderes, wenn der Patient vor einem sitzt. Per E-Mail oder Telefon fehlt der ganze nonverbale Bereich, der sehr aufschlussreich für Ärzte sein kann", sagt Brockes. Aber Telemedizin sieht sie ohnehin nicht als Ersatz, sondern "als Ergänzung zu traditionellen Behandlungsmethoden".

Zudem könne Telemedizin Menschen auch bei peinlichen oder unangenehmen Fragen vieles erleichtern. "Die Hemmschwelle ist viel niedriger", erklärt Brockes. "Gerade die Beratung auf Distanz eignet sich natürlich sehr für Themen, die man sonst nicht so gerne anspricht – zum Beispiel aus der Psychologie, der Urologie oder der Gynäkologie", so die Telemedizinerin.

Doch der eigentliche Grund, der laut Brockes für den Einsatz von Telemedizin spricht, ist ein anderer. Sie passt in unsere Zeit: "Der Patient ist heute informierter und möchte mitreden und mitentscheiden. Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Das passiert einfach mit der Digitalisierung", sagt Brockes.

Verbot stammte aus der Zeit der Briefe

Eingeschränkt wurde die Fernbehandlung bislang durch Paragraf 7 Absatz 4 der Berufsordnung für Ärzte. Doch dessen Wurzeln sind laut Franz Bartmann uralt. Die ersten Hinweise darauf habe man 1893 gefunden. "Das war eine Zeit, in der Fernkommunikation ausschließlich über Briefe ging. Damals hieß es, dass eine briefliche Beratung nicht zulässig ist."