Falsche Hoffnung für Tuberkulose-Patienten

Warum ein Extrakt gegen Tuberkulose nur Meerschweinchen heilte

von Dr. Christian Heinrich, 22.12.2016

Robert Koch (1843 bis 1910) hatte unfassbar viel Erfolg als Wissenschaftler. Dass er auch mal falschliegen könnte, schien für ihn nicht vorstellbar. Längst galt er als Koryphäe, als Begründer der modernen Mikrobiologie und Bakteriologie. Als Erster hatte er unter anderem den Lebenszyklus eines Erregers vollständig beschrieben.

Entsprechend selbstbewusst verkündete Koch im August 1890 auf dem Zehnten Medizinischen Kongress in Berlin seine neueste Entdeckung. Nach langem Suchen habe er ein Heilmittel gegen Tuberkolose entdeckt, das nicht nur im Reagenzglas, sondern auch im Tierversuch das Wachstum der Bazillen aufhalten könne. Eine medizinische Sensation! Etwa jeder siebte Deutsche starb zu dieser Zeit an Tuberkulose.

Was das euphorisierte Publikum nicht ahnen konnte: Robert Koch hatte sich bei seiner Forschung verrannt. Monatelang hatte er alle möglichen Substanzen und Chemikalien getestet – erfolglos. Schließlich versuchte er, Meerschweinchen mit Tuberkulosebazillen zu impfen.

Als manche der Tierchen tatsächlich etwas länger lebten, ignorierte der erfolgshungrige Koch alle wissenschaftliche Vernunft und griff nach diesem Strohhalm. Trotz der äußerst dürftigen Wirknachweise entwickelte er auf Basis der abgetöteten Bazillen einen Extrakt, dessen Inhalt er geheim hielt.

Als er die Arznei an seinen Mitarbeitern und einigen Patienten testete, bekamen viele hohes Fieber und Schüttelfrost. Koch erklärte sein Tuberkulin dennoch zum ungefährlichen Medikament. Tausende Tuberkulosekranke strömten daraufhin nach Berlin, um sich heilen zu lassen. Bald war klar: der Extrakt wirkt überhaupt nicht. Kochs Ruhm begann zu wanken, doch der Mediziner stürzte nicht. Im Sommer 1891 wurde er sogar Direktor eines neuen wissenschaftlichen Instituts.

Dass sein Tuberkulinextrakt wahrscheinlich sogar einzelne Patienten in den Tod getrieben hatte, darüber wurde eisern geschwiegen. Inzwischen lässt sich Tuberkulose heilen, sofern sie rechtzeitig erkannt wird – mit einer aufwendigen Therapie aus mehreren Antibiotika. Deshalb und auch weil die Vorsorge sich verbessert hat, ist Tuberkulose in Deutschland eine Seltenheit geworden. Derzeit gibt es gerade einmal rund 5000 Fälle.