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Gift, Alkohol, Drogen? Die Spurensuche im Labor

In der forensischen Toxikologie suchen Pharmazeuten nach Fremdstoffen – und helfen so, Verbrechen aufzuklären

von Konstanze Faßbinder, 26.08.2020

Tankwart oder forensischer Toxikologe – die Vorschläge seiner Beraterin im Arbeitsamt klangen für den Abiturienten Cornelius Heß, als hätte sie einfach auf den Buchstaben T im Berufslexikon getippt. Vom forensischen Toxikologen wusste Heß gar nicht, was er überhaupt macht. Vielleicht hätte den jungen Mann damals die folgende Job­beschreibung überzeugt: "Suff, Sex, Gewalt und Drogen, damit verdienen wir unser Geld." So steht es in dem Buch "Mordsgifte", geschrieben von zwei forensischen Toxikologen. Einer davon: Dr. Cornelius Heß.

Ganz offenbar hat die Berufsberaterin ihren Job gut gemacht. Seit 2018 leitet der heute 37-jährige Heß, nach dem Studium der Pharmazie und einer Zwischenstation in der Dopinganalytik der Sporthochschule Köln, die Forensische Toxikologie am Rechtsmedizinischen Institut der Universität Mainz. Er sucht in Millilitern Blut, in Tröpfchen Urin, in bleistiftdicken Strähnen Haar, manchmal auch in wenigen Gramm Gehirn- oder Lebergewebe nach Substanzen, die dort natürlicherweise nicht vorkommen.

Der Zusammenhang von Capuccino-Schaum und Zyanidmord

Im Grunde ist Heß damit eine Art umgekehrter Apotheker: Er empfiehlt nicht, welchen Wirkstoff in welcher Dosierung ein Patient einnehmen soll  – sondern er rekonstruiert, was und wie viel jemand bereits eingenommen hat. Ein höchst spannender Job, findet Heß. Für wen sonst kann die Beschaffenheit des Cappuccino-Schaums aus dem Büroautomaten mehr sein als ein morgendliches Ärgernis? Nämlich viel­leicht die letzte fehlende Information für einen Zyanidmord? Eben.

Die meisten Fälle, mit denen sich die forensische Toxikologie beschäftigt, drehen sich um Blutalkohol-, Dro­gen- und Medikamentennachweise. Es geht darum, für Ermittlungsbehörden wie Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gerichte festzustellen, ob jemand unter Einfluss sogenannter körperfremder Substanzen eine Straftat begangen hat, zum Beispiel betrunken oder bekifft Auto gefahren ist. Oder ob jemand nach einer solchen Straftat wirklich abstinent lebt und nun seinen Führerschein zurückbekommen darf. Manche Einrichtungen arbeiten außerdem eng mit Kliniken zusammen und untersuchen Proben akuter Notfälle. Wird ein Kind mit Vergiftungserscheinungen eingeliefert, können die Toxikologen ermitteln, was der kleine Patient geschluckt hat – damit die Ärzte entsprechend handeln.

20 000 Obduktionen pro Jahr

Fast täglich landen in Mainz bei Heß und seinem Team auch Körperflüssigkeiten Verstorbener. Leichentoxikologie gehört ebenfalls zu den Aufgaben rechtsmedizinischer Institute. Besteht der Verdacht, ein Mensch sei nicht auf natürliche Weise gestorben, beauftragt die Staatsanwaltschaft eine Obduktion. 20 000 davon werden in Deutschland laut der Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM) pro Jahr durchgeführt.

Zu wenig, finden viele Experten. Vor allem Vergiftungen würden bei einer normalen Leichenschau oft nicht erkannt, etwa wenn stattdessen eine Herzerkrankung als Todesursache vermutet werde. Bei der DGRM geht man davon aus, dass auf jedes Tötungs­delikt ein unerkanntes kommt. Und diese Schätzung sei noch konservativ.

Damit eine Leiche ihre Geheimnisse preisgibt, arbeiten verschiedene Berufsgruppen Hand in Hand. Zwei Mediziner öffnen den Körper am Seziertisch und prüfen unter anderem, ob auf den Menschen vor seinem Tod Gewalt eingewirkt hat: Weist die Haut Verletzungen wie Einstiche, Schnitte, Krusten auf? Haben sich im Gewebe Hämatome gebildet? Sind die Knochen intakt oder gebrochen? Außerdem wird untersucht, ob die Organe bis zuletzt funktionsfähig waren und ob irgendetwas für eine unentdeckte Krankheit, eine Sucht oder eine Vergiftung spricht.

Apotheker im Labor Cornelius Heß Rechtsmedizin Mainz

Feste und flüssige Proben werden bei minus 19 Grad konserviert

Bei etwa der Hälfte der jährlich 500 Toten in Rheinland-Pfalz, deren Todesursache als ungeklärt gilt und die deshalb in der Mainzer Gerichtsmedizin landen, beauftragt die Staatsanwaltschaft eine chemisch-toxikologische Untersuchung. Etwa wenn in der Ermittlungsakte steht, dass am Leichenfundort eine leere Packung Schlaftabletten gefunden wurde.

Weil der Auftrag für eine solche ­Untersuchung auch erst Wochen bis Jahre später erfolgen kann, schneiden die Mediziner den toten Körper nicht nur auf, sondern immer auch winzige Stücke davon ab. Neben Blut und Urin sichern sie für ihre Kollegen in der ­Toxikologie außerdem Organmaterial und den Mageninhalt der Leiche, der anschließend püriert wird.

All diese festen und flüssigen Proben werden in kleine Glasgefäße gegeben und wandern zwei Stockwerke höher ins Labor des Teams um Cornelius Heß. Dort bereitet man sie auf und ­lagert sie bis zur Analyse bei minus 19 Grad ein, damit das Material länger stabil bleibt.

Die Spurensuche geht dann auf molekularer Ebene weiter. "Im Grunde ist die toxikologische Analyse wie ein Puzzle. Aus einzelnen Teilen setzt sich langsam das Gesamtbild zusammen", sagt Dr. Marc Bartel, Leiter der Forensischen Toxikologie am Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Es sei tatsächlich wie in US-amerikanischen Krimiserien wie CSI – nur nicht ganz so futuristisch und schnell.

Blut ist Untersuchungsmaterial Nummer Eins

Gibt es anhand der Ermittlungsakte ­keine eindeutigen Hinweise auf eine bestimmte Substanz wie Schlafmittel oder Drogen, suchen die Experten systematisch nach unterschiedlichsten Stoffgruppen. Sie nennen das "General- Unknown-Screening". Dank indivi­dueller Molekülstrukturen hat jeder chemische Stoff einen eigenen Fingerabdruck. In toxikologischen Datenbanken sind 10 000 solcher Finger­abdrücke hinterlegt.

Können die Experten in einer Blutprobe einen davon identifizieren, wird in einer zweiten Runde genauer analysiert. Schließlich muss das Ergebnis der Detektivarbeit vor Gericht verwertbar sein.

Blut ist das Untersuchungsmaterial der Wahl. In ihm sind Substanzen in der Regel mehrere Stunden nachweisbar. Experten können die Konzentra­tion ableiten und daraus wiederum, wie stark etwas gewirkt haben muss – und ob es in tödlicher Menge vorlag. Mit Analysen des Urins hingegen lässt sich oft lediglich belegen, dass ein Stoff aufgenommen wurde. Zwar sind die Substanzen selbst oder ihre Stoffwechselprodukte meist mehrere Tage lang im Urin auffindbar – um Fremdstoffe ausscheiden zu können, baut der Körper sie nämlich oft so um, dass sie wasserlöslich sind. Doch sind sie dort viel konzentrierter vorhanden als im Blut. Und die individuelle Trinkmenge kann das Ergebnis verfälschen.

Entscheidende Hinweise für Anklage und Strafmaß

Manche Stoffe lagern sich auch in den Haaren ab. Der Vorteil einer toxikologischen Analyse auf dieser Basis: Es kann – je nach Haarlänge – ein Konsum nachgewiesen werden, der bereits Monate oder gar Jahre zurückliegt. Da ein Haar im Schnitt einen Zentimeter pro Monat wächst, lassen sich Zeitpunkt und Dauer des Konsums nachträglich sogar relativ genau feststellen. So kam etwa beim Fußballtrainer Christoph Daum auf diese Weise die Wahrheit über seinen Kokain-Missbrauch ans Licht.

Mittels Haaranalytik können die Toxikologen den Ermittlungsbehörden zudem helfen, wenn der Verdacht auf K.-o.-Tropfen fällt. Wie zum Beispiel in diesem früheren Fall von Cornelius Heß: Ein Mann hatte seine Nichte mit sogenannter Gamma-Hydroxybuttersäure betäubt und anschließend missbraucht. Dabei erstickte das Mädchen. Heß und sein Team konnten nachweisen, dass der Täter seinem Opfer das Mittel über mehrere Monate immer wieder eingeflößt hatte. Da­raus ließ sich schließen, dass der Missbrauch vermutlich mehrmals statt­gefunden hatte – ein entscheidender Hinweis für die Anklage und das Strafmaß.

Auch Mordgifte haben Moden

K.-o.-, Schlaf- oder Beruhigungs­mittel sind heute gängige Substanzen im Kontext von Gewaltdelikten oder Selbstmord. Womit absichtlich oder unabsichtlich berauscht oder vergiftet wird, war dabei schon immer abhängig von zwei Dingen: der Verfügbarkeit und dem Stand der Wissenschaft. Häufig genutzt werden in der Regel Stoffe, denen man nur schwer auf die Spur kommt – und damit auch dem Verbrechen.

So waren Verbindungen des Halbmetalls Arsen von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert ein sehr beliebtes Mordgift. Bis dem englischen Chemiker James Marsh 1836 erstmals der Nachweis der Substanz gelang. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen viele synthetisch hergestellte Schmerzmittel wie Opiate auf den Markt, in Labors wurde mit chemischen Drogen experimentiert. Beides eröffnete neue Möglichkeiten des Missbrauchs.

Während der NS-Zeit erlangte Zyanid traurige Berühmtheit: Der Wirkstoff des Schädlingsbekämpfungsmittels ­Zyklon B wurde zum Massenvernichtungsmittel der Nazis – deren Granden sich, Ironie des Schicksals, mit Zyankali-Kapseln teils selbst umbrachten, als sich die Niederlage der Deutschen abzeichnete.

Von sorgfältigen toxikologischen Analysen hängen Schicksale ab

Einen sehr seltenen aktuelleren Zyanid-Fall schildern Heß und sein Kollege in ihrem Buch: jenen des bereits erwähnten "Cappuccino-Mörders". Er sorgte Anfang der 1990er-Jahre für Aufsehen. Der Betriebsleiter einer Lüdenscheider Firma für Oberflächenveredelung hatte sich an goldhaltigen Produktionsabfällen bereichert. Als seine Stellvertreterin Verdacht schöpfte, gab er – ebenfalls in Herstellungsprozessen verwendetes – Natrium­zyanid in einen Cappuccino und bot ihn ihr an. Nach nur einem Schluck krampfte die Frau, brach zusammen und verstarb an akuter Vergiftung.

Die auslösende Substanz hatten Ermittler bald identifiziert, doch nun galt es zu prüfen: Hatte sich die Tote, wie vom Betriebsleiter behauptet, selbst umgebracht? Oder hatte er ihr das Gift im angebotenen Cappuccino unbemerkt verabreicht? Da ein Suizid unrealistisch schien, prüfte ein Toxikologe vor Ort, wie gut sich Zyanid im Auto­matenkaffee der Firma auflöst. Das Ergebnis: Noch nicht einmal die Schaumkrone verschwand. Das und weitere Indizien erhärteten den Verdacht gegen den Betriebsleiter, der schließlich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Von seinen sorgfältigen ­toxikologischen Analysen und deren Interpretation hängen menschliche Schicksale ab – das wird Cornelius Heß immer wieder bewusst. Spätestens vor Gericht bekommen seine Proben Gesichter und Geschichten. Die Arbeit von Pharmazeuten wie ihm, aber auch von Biologen, Chemikern oder Lebens­mittelchemikern in der forensischen Toxikologie, beinhaltet neben Laboranalysen, Forschung und Lehre auch das: Gutachten schreiben und diese als Sachverständiger in Prozessen vortragen.

Mitunter stellt Cornelius Heß Zeugen und Angeklagten die jeweils letzte Frage. Anschließend ziehen sich die Richter zurück, um wenig später ihr Urteil zu verkünden.