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Alternsforschung: Für immer fit?

Jugendstil für alle: Seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler nach Wegen, wie Menschen langsamer altern und länger gesund leben – und sie kommen dem Traum immer näher

von Julia Rudorf, aktualisiert am 11.02.2020
Infografik Menschen

Altern gehört zum Leben: Die Forschung zeigt aber, dass sich manches gesundheitliche Problem hinauszögern ließe


Alle wollen sein Geheimnis erfahren. Bei seinem 100. Geburtstag wurde Gustav Gerneth gefragt. Und auch bei seinem 114. Wie wird man so alt? Eine seiner Antworten: "Gute Butter, keine Margarine. Diät kommt nicht infrage." Der Mann aus Havelberg war bis zu seinem Tod am 21. Oktober 2019 nicht nur der ältes­te Deutsche, sondern auch der ­älteste ­lebende Mann der Welt.

Supercentenarians nennen Wissenschaftler Menschen, die ein Alter von 110 Jahren oder mehr erreichen, viele sogar bei guter Gesundheit. Für Alternsforscher wie Björn Schumacher sind sie ein Phänomen, das motiviert. "Sie zeigen uns ja, dass es möglich ist sehr lange zu leben bei guter Gesundheit", so der Professor für Genom­stabilität in Alterung und Erkrankung an der Universität Köln.

Aktives Anti-Aging

Das Altern aufhalten – dieser Traum ist selbst schon ziemlich alt. Doch wer sich heute mit Genetikern, Biologen, Stammzellforschern oder Ärzten unterhält, stellt schnell fest: Nicht alles an dieser Wunschvorstellung ist un­­realistisch. "Viele Forschungsergebnisse deuten in eine ähnliche Richtung: Alterungsprozesse lassen sich positiv beeinflussen", sagt etwa Professor Luigi Fontana, Professor für Ernährungswissenschaften und Alternsforscher an der Universität Sydney. Der Traum rückt näher an die Wirklichkeit, Stück für Stück.

Im kalifornischen Silicon Valley, das vor allem für Hightech-Unternehmen als gelobtes Land gilt, will man auf die Zukunft nicht so lange warten. "Aktives Anti-Aging" gehört dort zum guten Ton, nicht nur unter Managern. Technische Hilfsmittel sollen den Schlaf verbessern oder den Sport optimieren, Hormone oder Nahrungsergänzungsmittel den Körper jung halten.

Jungbrunnen als Geldquelle

Einer der Stars der Bewegung ist der Biologe und Genetiker David Sinclair. "Kein biologisches, chemisches oder physikalisches Gesetz besagt, dass das Leben enden muss", schreibt der Harvard-Professor in seinem neuesten Buch.

Dass solche Aussagen Investoren auf den Plan rufen, die in ewiger Jugend vor allem ein Geschäftsmodell sehen, stört Sinclair wenig. Schließlich hat er selbst mehrere Biotechnologie-Unternehmen gegründet, die Wirkstoffe gegen das Altern auf den Markt bringen.

Skepsis ist da durchaus angebracht. Ebenso wie die Frage, wie weit die Wissenschaft denn nun wirklich ist auf dem Weg zu einem gesunden Altern für jeden. Hinter der Entstehung von Krebs, Falten oder Demenz stehen komplexe Prozesse, an denen Gene, Zellen, ihr Stoffwechsel oder ihre Kommunikation beteiligt sind. Dazu kommen Umwelteinflüsse und der individuelle Lebensstil.

Der Wurm und das lange Leben

Viele Antworten auf die großen Fragen nach Leben und Tod liefert ein win­­ziger Fadenwurm. Caeno­rhabditis elegans ist nur einen Millimeter klein und besitzt meist exakt 959 Zellen. Dafür lieben ihn Genetiker und Alternsforscher. Zum Vergleich: Ein Mensch besteht aus Billionen von Zellen.

Vor 30 Jahren wurden bereits besonders langlebige Exemplare des Caeno­­rhabditis elegans identifiziert. Zehn Jahre später entdeckte die US-Biologie-Professorin Cynthia Kenyon, dass dafür unter anderem ein bestimmtes Gen verantwortlich ist. Wurde es ausgeschaltet, lebten die Tiere doppelt so lange. Auch Björn Schumacher arbeitet mit Caenorhabditis elegans. Jedoch mit solchen, die durch einen Gen­defekt besonders schnell altern.

Einer der entscheidenden Faktoren für Alterung ist nämlich die Fähigkeit unserer Zellen, Erbgut zu reparieren. Und da fällt einiges an Arbeit an: "Die DNA wird ständig beschädigt. 10 000 Beschädigungen in jeder einzelnen Zelle, jeden einzelnen Tag", sagt Schumacher. Am Fadenwurm Caenorhabditis elegans konnten Wissenschaftler zeigen, wie Zellen vorgehen, um trotzdem weiter zu funktionieren.

Dem Geheimnis auf der Spur

Über bestimmte Signalwege können sie eine Art Langlebigkeitsprogramm aktivieren. Noch gibt es zwar keine Möglichkeiten, dieses Programm beim Menschen gezielt abzurufen, berichtet Schumacher. Trotzdem seien die Ergebnisse ein Hoffnungsschimmer. "Bei solchen Signalwegen besteht zumindest eine Chance, dass man sie über Wirkstoffe und Medikamente erreichen und beeinflussen kann."

Auch dazu, was Organismen altern lässt, hat die Forschung in den letzten Jahren manch Neues entdeckt. In einem Beitrag in der Fachzeitschrift Cell haben internationale Wissenschaftler die aus ihrer Sicht neun wichtigsten Aspekte von Alterungsprozessen festgehalten.

Nebenwirkungen der Zeit: Wo Alterungsprozesse im Körper ansetzen

Nicht nur die Stabilität des Genoms, sondern auch die Stammzellen spielen demnach eine wichtige Rolle – jene Verwandlungskünstler unter den Zellen, die sich nach Bedarf zu Haut-, Blut- oder Darmzellen weiterentwickeln können.

Was es mit blutbildenden Stammzellen auf sich hat

"Die sogenannten blutbildenden Stammzellen spielen eine wichtige Rolle für das Immunsystem", sagt Professor Hartmut Geiger, Direktor des Instituts für Molekulare Medizin an der Universität Ulm. Blutstammzellen können sich fast unbegrenzt teilen, um neue Blutzellen zu bilden.

Allerdings darf dabei nichts schiefgehen. "Man kann es sich ein bisschen vorstellen wie eine Fertigungsstraße in der Industrie, wo 200 000 Teile richtig zusammengesetzt werden müssen", erklärt Geiger. "Haben Sie da keine Ordnung, brauchen Sie eigentlich gar nicht anzufangen." Doch wenn Stammzellen altern, herrscht zunehmend Chaos – und das beeinträchtigt Ihr Arbeitsergebnis.

Im Labor sind Verjüngungsprozesse möglich

Warum das so ist, haben Geiger und seine Mitarbeiter vor einigen Jahren entdeckt. Ein Protein, das den Namen RhoGTPase Cdc42 trägt, ist in alternden Zellen hyperaktiv und bringt die Prozesse durcheinander.

Mit einer bestimmten Substanz gelang es den Forschern, das Protein wieder herunterzutakten. Alte, blutbildende Stammzellen funktionierten dadurch wie früher. Sogar das Immunsystem verjüngte sich.

Bisher war das erst in Laborversuchen nachweisbar. Doch alles spricht dafür, dass so ein Verjüngungsprozess auch beim Menschen funktionieren könnte. Ein Gedanke, an den sich selbst Wissenschaftler noch gewöhnen müssen. Geiger: "Vor zehn Jahren war mir auch nicht klar, dass so etwas wirklich geht."

Studien mit zweifelhafter Aussagekraft

Bis die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung tatsächlich am Menschen getestet werden können, vergeht in der Regel viel Zeit. Auch wenn manche Unternehmen so tun, als könne man den langwierigen Prozess einfach abkürzen.

Vor Kurzem präsentierte etwa ein US-Biologe der Öffentlichkeit neun Probanden, die zwei Jahre lang eine Kombination aus dem Wachstumshormon hGH, einer weiteren hormonähnlichen Substanz und dem Diabetesmittel Metformin eingenommen hatten. Der Pillen-Mix habe, so behauptete der Wissenschaftler, zu einer Verjüngung der Testpersonen um 2,6 Jahre geführt.

Björn Schumacher sieht die Ergebnisse mit Skepsis. Zum einen bekam jeder Proband einen anders dosierten Medikamentencocktail, zum anderen gab es keine Kontrollgruppe. Problematisch war das Experiment auch deshalb, weil Wachstumshormone seit Langem als potenziell krebserregend gelten.

Außerdem: "Es gibt bislang einfach keine Methode, um solche angeblichen Verjüngungseffekte im Menschen genau zu messen", sagt Schumacher.

Phänomen Biohacker

In der Öffentlichkeit entstehen dadurch falsche Vorstellungen von Forschung, kritisiert Stammzell-Experte Geiger: "Da mag sich mancher fragen, warum machen wir es nicht wie diese Amerikaner und nehmen einfach diese Substanzen? Und dann schauen wir, was passiert?"

Selbstversuch oder seriöse Forschung: Bei manchem Anti-Aging-Optimisten sind die Übergänge fließend. Nicht nur im Silicon Valley gibt es etwa sogenannte Biohacker: Menschen, die versuchen, in biologische Prozesse einzugreifen, um sie zu optimieren.

Der Test mit sich selbst

Das beliebteste Studienobjekt der Biologie-Bastler sind in der Regel sie selbst. Anregungen und Inspirationen ziehen sie unter anderem aus den Publikationen renommierter Wissenschaftler. So nehmen manche etwa das Diabetesmedikament Metformin ein, obwohl sie eigentlich gesund sind.

Der Grund: Schon länger ist in der Biohacker-Community bekannt, dass das Medikament neben Blutzucker- auch Cholesterinwerte senkt und vielleicht vor Krankheiten wie Demenz und Krebs schützt. Vielversprechendere Daten gäbe es für das Medikament  Rapamycin. In Studien konnte es Alterungsprozesse messbar ausbremsen.

Zugelassen ist es jedoch ausschließlich für Patienten nach einer Organtransplantation, da es das Immun­system unterdrückt – mit erheblichen Nebenwirkungen. Biohacker, gerade in den USA, schreckt das nicht ab.

Kalorienbremse für ein langes Leben

Geiger, der für seine Grundlagenforschung eine bestimmte Substanz einsetzte, um Stammzellen zu verjüngen, bekam ebenfalls schon Anfragen. "Da muss man dann ehrlich sagen: So was geht einfach nicht!"

Vor allem, weil es einfachere und sichere Möglichkeiten gibt, Alterungsprozesse zu verlangsamen. Besonders gut untersucht ist die kalorienreduzierte Ernährung. Schon in den 1930er-Jahren stellte der Ernährungswissenschaftler Clive McCay fest, dass Ratten, die auf Diät gesetzt wurden, etwa ein Drittel länger lebten als ihre Artgenossen.

In den 80er-Jahren starteten in den USA zwei Untersuchungen mit Rhesusaffen. Tatsächlich bescherte eine Kalorienbremse manchen Affen ein biblisches Alter von 40 Jahren. Normalerweise werden diese Tiere nicht älter als 30. Der wichtigere Effekt jedoch: Die Affen auf Diät waren alle gesünder und fitter als ihre normal verfressenen Artgenossen.

Naturbelassener Speiseplan

Hungerphasen können in Zellen einen Energiesparmodus auslösen, der sie in die Lage versetzt, besser mit Schäden klarzukommen. "Von dem, was wir bislang über Alterungsprozesse wissen, ist Ernährung die wichtigste Intervention", sagt Luigi Fontana, ein Vertreter der Forschung zu Kalorienrestriktion. Dass das auch beim Menschen funktioniert, untersuchte er in der Calerie-Studie.

Etwa 200 Probanden nahmen daran teil. Eine Hälfte durfte normal essen. Die anderen sollten Kalorien zählen und ein Viertel weniger Energie zu sich nehmen. Nach zwei Jahren stand fest: Die Probanden der Diät-Gruppe waren weniger diszipliniert als erhofft, sie hatten nur etwa zwölf Prozent weniger gegessen.

Doch selbst das zeigte eine deutliche Wirkung auf die Gesundheit. Stoffwechsel, Blutwerte und damit die Risiken für Schlaganfall oder Herzkrankheiten hatten sich in der Diät-Gruppe stark gebessert. "Das sind fantastische Effekte, für die man sonst vier oder fünf Tabletten nehmen müsste", sagt Fontana.

Er ist überzeugt, dass jeder von uns eine kleine Einschränkung schaffen könnte. "Man darf ziemlich viel essen, nur muss es eben möglichst naturbelassenes Essen sein: viel Gemüse und Ballaststoffe etwa, weniger tierische oder industriell verarbeitete Produkte." Intervallfasten könnte ebenfalls helfen, am Ball zu bleiben.

Die Dimensionen des Alters

Für das Altern gibt es keine allgemeingültige Definition. Je nach Perspektive betrifft es unterschiedliche Aspekte eines Lebens.

Anti-Aging auf dem neuesten Stand der Forschung muss also weder teuer sein noch elitär. Das gilt auch für Alterungsprozesse des Gehirns. Nach wie vor gibt es kein Heilmittel gegen Demenz. Die Frage ist deshalb: Welche Präventionsmaßnahmen halten das Gehirn lange jung?

Gesunder Körper und gesunder Geist

Außer Bildung scheint unser Bewegungsapparat Teil der Antwort zu sein, sagt Professor Andreas Fellgiebel, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Agaplesion Elisabethenstifts in Darmstadt. "Im Alter wird besonders deutlich, wie eng ein gesunder Körper und ein gesunder Geist miteinander verbunden sind."

Studien zeigen, dass bei Menschen, die im Alter noch körperlich aktiv sind, das Risiko für Demenz ein Drittel niedriger ist als bei Personen, die nicht trainieren. Sport lässt bestimmte Bereiche  des Gehirns auch im Alter wachsen. Ohne Bewegung würde sich dort sonst Abbau bemerkbar machen.

Langes Leben nach altem Rezept

Was uns ebenfalls jung hält, ist das Gefühl, gebraucht zu werden und ein erfülltes Leben zu leben. Warum diese soziale und psychologische Ebene eine Rolle spielt und wie sie sich auf die biologischen Alterungsprozesse auswirkt, ist schwer nachzuweisen. Doch scheinen es diese Gefühle zu sein, die uns motivieren, das Hier und Jetzt möglichst lange zu genießen.

Zugegeben: Diese Empfehlungen für gesundes Altern klingen vertraut – gesunde Ernährung, Bewegung, Unternehmungen und Aktivitäten, am besten zusammen mit guten Freunden oder Familie.

"Die Erkenntnisse der Forschung zeigen jedoch: Wer das alles macht, der macht schon eine ganze Menge richtig", sagt Fellgiebel. Bis es eine echte Verjüngungspille gibt, hält also jeder den Schlüssel zu langer Gesundheit selbst in der Hand. Kein neuer Gedanke – aber doch ein sehr tröstlicher.