Senioren Ratgeber

Eine neue Studie des Sozialverbands VdK zeigt, dass viele Menschen, die einen Angehörigen zu Hause pflegen, hoch belastet sind. Dennoch bleibt eine Reihe an Hilfe-Leistungen der Pflegeversicherung ungenutzt. Woran liegt das?

Dr. Andreas Büscher ist Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Er leitet die VdK-Pflegestudie „Pflege zu Hause - zwischen Wunsch und Wirklichkeit“. Hier klärt er auf und gibt Rat, wie Pflegende Entlastung und Unterstützung finden.

Als Pflegewissenschaftler leitete Dr. Andreas Büscher die VdK-Pflegestudie

Als Pflegewissenschaftler leitete Dr. Andreas Büscher die VdK-Pflegestudie

Herr Prof. Büscher, Sie haben mit Ihrem Team mehr als 27.000 pflegende Angehörige befragt. Wie hoch ist deren Belastung?

Mehr als ein Drittel der Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen, fühlen sich extrem belastet und können die Pflegesituation nur unter Schwierigkeiten oder gar nicht mehr bewältigen. Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen vernachlässigt die eigene Gesundheit.

Gibt es einen Notstand in der häuslichen Pflege?

Die häusliche Pflege ist schon lange strapaziert. Von den vier Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden 80 Prozent zu Hause versorgt. Angehörige übernehmen den Löwenanteil der Pflege-Arbeit. Das System würde sofort zusammenbrechen, wenn die Angehörigen das nicht mehr machen würden. Pflegende Angehörige brauchen den professionellen Sektor, um sinnvolle Hilfen nutzen zu können. Wir brauchen eine bessere Verzahnung der beiden Bereiche. Da liegt viel Potenzial.

Frau

Verdiente Auszeit: Kuren für pflegende Angehörige

Pflegende Angehörige sind oft ausgebrannt. In vielen Fällen übernehmen die Kassen eine Reha oder Vorsorge.

Nicht jeder, der pflegt, fühlt sich belastet. Welche Faktoren tragen dazu bei?

Es gibt eine Reihe an objektiven Belastungsfaktoren. Die sind physischer, psychischer, emotionaler oder finanzieller Art. Wenn beispielsweise die Mobilität eingeschränkt ist und der Pflegebedürftige gehoben werden muss und physische Arbeit geleistet wird, belastet das. In anderen Haushalten sind es eher die geistigen Beeinträchtigungen. Die Menschen ticken natürlich verschieden und sind unterschiedlich belastungsfähig. Es hat sich gezeigt, dass Menschen mit niedriger Resilienz durch das Pflegen häufig eine hohe Belastung spüren.

In welchen Fällen sind Angehörige besonders betroffen?

Die Pflege eines Angehörigen mit Demenz oder Depression macht es oft schwer. Die Statistiken zeigen ebenfalls, dass bei einem hohen Pflegegrad häufig die Belastung hoch ist. Auch, wenn die Familienkonstellationen angespannt sind und es Konflikte in der Familie gibt, sind Angehörige besonders belastet.

Vorsicht bei kostenpflichtiger Pflegeberatung per Telefon!

Eine schweizer Firma wirbt derzeit mit telefonischer Pflegeberatung gegen eine Gebühr von 199 Euro. Durch die Beratung sollen Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen Leistung im Wert von bis zu 6280 Euro erhalten. Die Verbraucherzentrale NRW warnt und erklärt solche Angebote für unseriös. Pflegebedürftige erhalten bei offiziellen Stellen von Kommunen oder Pflegekassen eine kostenlose Beratung.
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Wenn die Belastungen so hoch sind, warum werden die Unterstützungsleistungen der Pflegeversicherung oft nicht genutzt?

Zum einen fehlt es an Wissen. Pflegebedürftige und pflegende Angehörige erhalten vielleicht von der Pflegekasse eine Information über die Leistungen. Aber niemand erklärt ihnen, was genau das ist. Die Studie hat ganz klar gezeigt, dass Beratung den Unterschied macht. Wer Beratung nutzt, nimmt deutlich mehr Unterstützungsleistungen in Anspruch.

Was könnte eine Beratung leisten?

All diese Unterstützungsleistungen sind sehr abstrakt. Wenn Menschen in eine Pflege-Situation geraten, haben sie oft keine Vorstellung davon, wie einzelne Leistungen funktionieren, welche sich für ihre Situation eignen und wo sie sie beantragen. Man kann sich das natürlich alleine anlesen, aber wer pflegt, dem fehlt die Zeit, denn er muss sich um seinen Angehörigen kümmern. Eine Beratung ist für die meisten Menschen sehr hilfreich. Häufig sind auch Hausbesuche möglich.

Eigentlich hat ja jeder Pflegebedürftige und pflegende Angehörige Anspruch auf Beratung. Warum passiert das dann nicht?

Vor 15 Jahren wurde die Pflegeberatung gesetzlich verankert. Das war eine tolle Idee, aber jedes Bundesland handhabt das unterschiedlich. Wir haben einen Flickenteppich an Möglichkeiten. Da sind die Pflegekassen, Pflegestützpunkte oder Pflegedienste – für Angehörige ist es oft nicht leicht zu durchblicken, wo sie sich beraten lassen können. Dazu kommt, dass viele Menschen eine Scheu davor haben, sich mit dem Thema Pflege auseinanderzusetzen.

Querling Verena

So finden Sie einen guten Pflegedienst

Wer auf einen ambulanten Pflegedienst angewiesen ist, möchte sich in guten Händen wissen. Worauf Sie achten sollten, bevor Sie einen Vertrag abschließen.

Weshalb fällt das so schwer?

Pflege ist eine intime Dienstleistung, weil man sich in die Hände von Fremden begibt. Da muss man erstmal über eine emotionale Schwelle treten. Wenn man das geschafft hat, dann klappt es in vielen Fällen ganz gut. Die Menschen, die Unterstützungsleistungen nutzen, sind sehr zufrieden damit.

Gibt es Pflege-Leistungen, die besonders hilfreich sind?

Das kann man nicht verallgemeinern, denn es hängt immer von der individuellen Situation ab. Wenn Angehörige und Pflegebedürftige nicht in einem Haushalt leben, ist beispielsweise der ambulante Pflegedienst viel wichtiger, als wenn sie zusammen wohnen. Und wenn man in einem Haushalt lebt, dann sind die Angebote zur Entlastung oft deutlich hilfreicher, etwa die Verhinderungspflege. Man braucht einen differenzierten Blick darauf – und das kann man als Laie oft gar nicht leisten.

Liegt es nur an der fehlenden Beratung, dass Leistungen ungenutzt bleiben?

Nein, ein häufiger Grund ist, dass die Menschen Angst vor Zuzahlungen haben. Pflegende Angehörige, die bereits Unterstützungsleistungen nutzen, wünschen sich größtenteils mehr davon. Was sie davon abhält, sind die Kosten. Manchmal sind es allerdings nur die vermeintlichen Kosten.

Wie kann man da besser durchblicken?

Auch da hilft Beratung. Die Pflegeberater kennen die Budgets der einzelnen Unterstützungsleistungen und können aufzeigen, wo und wie man die nutzen oder miteinander verrechnen kann.

Gibt es noch weitere Gründe, die davon abhalten, die Leistungen in Anspruch zu nehmen?

Oft fehlt es an freien Kapazitäten. Der ambulante Pflegedienst kann die Stunden nicht aufstocken, die Kurzzeitpflege oder Tagespflege bieten keine freien Plätze, weil es an Personal fehlt.

Der VdK fordert einen Anspruch für jeden Pflegebedürftigen auf einen Tagespflegeplatz. Wie soll das funktionieren, wenn schon jetzt Personal fehlt?

Wenn wir für jeden Pflegebedürftigen einen Tagespflegeplatz benötigen – das sind über 3,2 Millionen Menschen –, das ist von heute auf morgen nicht machbar. Das ist auch mittelfristig nicht vorstellbar. Aber es geht um die Frage, wie wir mit Pflege umgehen wollen. Ich finde die Forderung nicht abwegig. Das ist ja die Analogie zum Recht auf einen Kita-Platz. Pflege ist ein gesamtgesellschaftliches Thema – und es braucht eine umfassende Reform. Wenn die Angehörigen nicht mehr können, was bleibt denn dann? Man stelle sich vor, die 3,2 Millionen Menschen müssten ins Pflegeheim. Da fehlt auch das Personal, und dann haben wir einen echten Notstand.

Pflegekenner

Was, wenn der liebe Gott mir das Licht ausmacht?"

Arnold Schnittger findet: Angehörige pflegen unter unwürdigen Bedingungen. Er kümmert sich um seinen Sohn und nennt sich selbst "Pflegerebell".

Was braucht es, um die Angehörigenpflege zu stärken?

Es würde es sicher erleichtern, wenn die Leistungen zu einem Budget zusammengefasst würden, das Angehörige flexibel nutzen können. Aber das Hauptproblem ist damit nicht gelöst, denn man muss wissen, wofür man das Geld ausgeben kann. Beratung ist das wichtigste – und zwar am besten frühzeitig. Wenn wir über Pflege sprechen und von den vier Millionen Pflegebedürftigen in der Statistik, dann tun wir so, als wäre das eine feste Gruppe an Menschen. Aber in jedem Jahr fällt etwa ein Drittel heraus und ein Drittel kommt hinzu. Jedes Jahr sind mehr als eine Million Menschen neu von Pflege betroffen. Sie und ihre Angehörigen sind neu in der Situation, meist ohne jegliches Vorwissen.

Was ist Ihr Rat an pflegende Angehörige?

Suchen Sie sich eine gute Beratung, nutzen Sie sie regelmäßig und tauschen Sie sich mit anderen über Pflege aus. Dadurch entstehen im besten Fall neue Netzwerke, die den Alltag erleichtern können.

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