Logo der Apotheken Umschau

Der Zweite Weltkrieg forderte unzäh­lige Opfer. In einem Feldlazarett versorgte der amerikanische Militärarzt Henry Beecher die Verwundeten, als ihm sein wichtigstes Mittel ausging, um die Schmerzen zu lindern. Kein Morphium mehr. In der Not spritzte eine Krankenschwester einem Soldaten Kochsalzlösung. Beecher gelang es, den Schwerverletzten zu operieren. Offenbar hatte er dabei keine starken Schmerzen. Wie konnte das sein? Der Arzt war verblüfft und wiederholte die Täuschung, sobald wieder Morphium fehlte. Nach dem Krieg vertiefte er sich in die Forschung. 1955 veröffentlichte Beecher einen bahnbrechenden Aufsatz: „The Powerful Placebo“ – „Das machtvolle Placebo“.

Vom Beginn der Erforschung des Placeboeffekts

Zuckerpillen, die Depressionen lindern. Akupunkturnadeln, die nicht in den Körper dringen und trotzdem Knieschmerzen verschwinden lassen. Operationen, die nur zum Schein durchgeführt werden – und dennoch heilsam sind. Was passiert hier? Auch nach Beecher tat sich die moderne Medizin schwer mit Effekten, die mehr nach Humbug und Hokuspokus klingen als nach harter Wissenschaft.

Achtung, Beipackzettel!

Nebenwirkungen treten eher ein, wenn man von ihnen weiß. Schuld daran ist der sogenannte Noceboeffekt. Er gilt als böser Gegenspieler des Placeboeffekts. Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2009 untersuchte männ­liche Patienten mit erhöhtem Blutdruck, die das Medikament Metoprolol einnahmen. Einer Gruppe wurde gesagt, dass Erektionsstörungen auftreten können. Die zweite Gruppe erhielt diesen Hinweis nicht, eine dritte kannte nicht einmal den Namen der Arznei. Ergebnis: In der ersten Gruppe hatten 32 Prozent der Männer Erektionsstörungen, in der zweiten 13 Prozent, in der dritten sogar nur acht Prozent. Mögliche Nebenwirkungen sollten daher in der ärztlichen Praxis oder Apotheke besonders beruhigend und vertrauensvoll erklärt werden.

Als Professor Manfred Schedlowski vor 30 Jahren begann, sich der Erforschung des Placeboeffekts zu widmen, zuckten Kollegen daher schon mal mit den Schultern. Einer gab ihm sogar den Rat, besser Künstler zu werden. „Die Existenz des Placeboeffekts war zwar unbestreitbar“, sagt Schedlowski. Doch galt er eher als Störfaktor und Ärgernis. Inzwischen hat sich die Sicht grundlegend verändert. Forscherinnen und Forscher lernen immer mehr über die geheimnisvollen Kräfte, die in Gang kommen, wenn an sich wirkungslose Therapien wirksam werden.

Warum der Placeboeffekt keine Einbildung ist

Auch Schedlowski, der heute das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Uniklinikum Essen leitet, hat die rätselhafte Wirkung des ­Effekts schon oft an sich selbst erlebt. Jedes Mal etwa, wenn er ein Schmerzmittel nimmt. „Nach zehn Minuten spüre ich, wie es wirkt“, erzählt der Placeboforscher. Obwohl er weiß, dass dies erst nach einer halben Stunde der Fall sein kann. „Ich freue mich dann, dass mein Gehirn noch gut funktioniert“, sagt er und lacht.

Ein magischer Trank: Placeboforscher Prof. Manfred Schedlowski gelang es mithilfe grüner Milch, das Immunsystem von Testpersonen zu trainieren.

Ein magischer Trank: Placeboforscher Prof. Manfred Schedlowski gelang es mithilfe grüner Milch, das Immunsystem von Testpersonen zu trainieren.

Denn dort, so weiß der Psychologe, wird aus seiner Erwartung Chemie. Die Aussicht auf Linderung setzt körpereigene Schmerzmittel frei, darunter sogenannte Endorphine. Sie wirken bereits, bevor der schmerzstillende Arzneistoff der Tablette den Ort erreicht hat, an dem er wirken soll. „Der Placeboeffekt ist keine Einbildung“, betont Schedlowski. Die biochemischen Veränderungen im Körper lassen sich sogar sichtbar machen. Mithilfe bildgebender Verfahren kann die Forschung dabei zusehen, wie die Mittel aus der „körpereigenen Apotheke“ im Gehirn Schmerzen blockieren. Ganz ohne Magie.

Erwartung spielt große Rolle bei der Selbstheilung

Bekannt sind inzwischen auch Wege, über die man die körpereigenen Heilkräfte, die hinter dem Placeboeffekt stehen, ankurbeln kann. Zum Beispiel über die Erwartung. Schluckt man eine Schmerztablette, steigt die Hoffnung auf baldige Linderung. Dies setzt Mechanismen in Gang, welche ein Stück weit selbst zu der erwarteten Wirkung führen – oder diese verstärken.

Denn einen Placeboeffekt gibt es nicht nur bei Zuckerpillen und Kochsalzspritzen. Er heilt immer mit. Arzneiwirkung plus Placebo­effekt – in der Medizin besteht der Erfolg jeder Behandlung aus diesen beiden Teilen. Der Placeboanteil kann gering sein, aber auch mehr als die Hälfte des Effekts ausmachen. Besonders deutlich zeigt er sich zum Beispiel bei Depressionen. So geht die Wirkung von Antidepressiva zu etwa 70 Prozent auf den Placeboeffekt zurück.

63398003_4c01aa24ea.IRWUBPROD_5O2X.jpg

Bei Bello alles in Balance?

Bioresonanz soll nicht nur bei Menschen krankhafte Schwingungen ausgleichen. Auch in der Therapie von Tieren wird sie beliebter. Aber hilft sie wirklich? zum Artikel

Lerneffekt hat großen Einfluss

Neben der Erwartung spielt ein Lerneffekt eine wichtige Rolle, der durch einen Vierbeiner berühmt wurde: den pawlowschen Hund. Der russische Mediziner Iwan Petrowitsch Pawlow zeigte an ihm, wie Konditionierung funktioniert. Der Anblick eines vollen Napfs genügt – und ein Hund beginnt zu sabbern. Pawlow bewies, dass auch der Klang einer Glocke ausreicht. Diese ertönte stets kurz vor dem Füttern. Bald reichte ihr Bimmeln – und den Hunden lief das Wasser im Maul zusammen. „Assoziatives Lernen klappt genauso beim Menschen“, erklärt Schedlowski. Hat der Körper gelernt, einen Reiz, etwa das Schlucken einer Pille, mit Schmerzlinderung zu verbinden, setzt dies automatisch Körperreaktionen in Gang.

Wundermittel Kochsalz

Wie machtvoll Placebos gerade bei Schmerzen sein können, weiß auch Dr. Regine Klinger, Schmerzpsychotherapeutin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Zum Beispiel bei chronischen Rückenproblemen. In einer Studie bekamen Testpersonen ein dickes, wabenförmiges Pflaster auf den Rücken geklebt. Per Infu­sion wurde eine Flüssigkeit hineingeleitet. Die Patientinnen und Patienten erfuhren, dass diese die Ausschüttung schmerzstillender Endorphine ankurbeln würde. Schon bald sollten sie weniger Schmerzen haben, sich besser bewegen können. Es war keine Lüge. „Die Effekte waren erstaunlich“, sagt Klinger. Im Schnitt nahmen die Schmerzen um mehr als die Hälfte ab. Je mehr sich die Leidgeplagten von der Therapie erwartet hatten, desto stärker der Rückgang der Schmerzen. Das vermeintliche Wunder­mittel: Kochsalz.

Das Nadel-Wunder

Akupunktur wirkt – egal ob echt oder nur Schein. Eine deutsche Studiengruppe um Professor Michael Haake, heute Klinikdirektor des Klinikums Plattenwald, untersuchte 2007 in einer groß angelegten Studie die Wirkung von echter Akupunktur, Scheinakupunktur und konventioneller Therapie bei chronischen Rückenschmerzen. Es zeigte sich: Akupunktur – egal ob an sogenannten Akupunkturpunkten oder nicht – wirkt langfristig gegen Schmerzen. Und das bei 20 Prozent mehr Menschen als konventionelle Therapie.

Doch was geschah, als die Patientinnen und Patienten davon erfuhren? Schmerzpsychotherapeutin Klinger und ihr Team nahmen sich viel Zeit für Erklärungen. „Einige waren geradezu positiv schockiert, dass sie selbst so etwas schaffen konnten – ohne Medikamente“, berichtet sie. Ein Rückenpatient beschloss sogar, wieder zur Arbeit zu gehen. Er hatte neues Zutrauen in seinen Körper gewonnen. Die Kochsalztherapie konnte dabei durchaus mit einem starken Schmerzmittel mithalten. In einer Überblicksstudie zum Einsatz von Opioiden bei chronischen Rückenschmerzen waren diese im Schnitt sogar weniger wirksam als das Placebopflaster.

Placebo beeinflusst Körperfunktionen

Fast magisch erscheint die Macht des Pla­cebos aber nicht nur bei Schmerzen. Sie ­beeinflusst selbst Körperfunktionen, bei denen dies zunächst überrascht. Wie Schedlowskis Team in Versuchen eindrucksvoll zeigen konnte, lässt sich mit Placebos auch das körpereigene Abwehrsystem trainieren. Zum Beispiel mithilfe giftgrüner Milch mit Erdbeer-Lavendel-Geschmack. Eine Herausforderung für den Gaumen, für das Experiment aber die perfekte Wahl. „Die Testpersonen sollten den Geschmack bislang mit nichts verbinden“, erklärt Schedlowski.

Sport ist Kopfsache

Wer an die Wirkung von Sport glaubt, hat mehr davon. Dass dies in der Tat so ist, hat der Psychologe Hendrik Mothes vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Freiburg 2016 in einer Studie gezeigt. Er ließ seine Testpersonen eine halbe Stunde auf einem Heimtrainer Fahrrad fahren. Zuvor sahen diese unterschiedliche Kurzfilme, die die positive Wirkung von Sport unterstrichen – oder nicht. Vor und nach dem Training wurde die Gehirnaktivität gemessen und der Glaube an die Wirkung von Sport abgefragt. Ergebnis: Wer an den Effekt glaubte, profitierte deutlich mehr von der stimmungsaufhellenden Wirkung von Sport und war messbar entspannter.

In Versuchen erhielten sie den exotischen Cocktail zusammen mit Medikamenten, die das Abwehrsystem hemmen. Nach einiger Zeit lähmte die grüne Milch die Abwehr auch ohne Medikamente. Bei Organtransplantierten, bei denen die Medikamente ­eine Abstoßung verhindern sollen, verstärkte sie deren Wirkung. „Ein Ziel könnte sein, die Dosis der Medikamente in Zukunft zu verringern – und damit die Nebenwirkungen“, sagt Schedlowski. Denkbar wäre dies auch bei anderen Erkrankungen. Denn Placebos wirken nachweislich auch bei Herz-­Kreislauf-Leiden, Verdauungsbeschwerden wie Reizdarm, neurologischen Krankheiten wie Parkinson, Stoffwechselstörungen wie Diabetes Typ 2 und vielen anderen Krankheiten.

Der Placeboeffekt hat Grenzen

Das wirft die Frage auf: Wie lassen sich ­alternative Verfahren – von Bioresonanz und Bachblüten bis zur Homöopathie – einschätzen? Studien zufolge wirken diese Therapien nicht über den Placeboeffekt hinaus. Oft wird das gleichgesetzt mit „wirkungslos“. Doch zeigt die moderne Placeboforschung nicht das Gegenteil?

Fest steht: Placebos wirken. Aber ihr Effekt hat Grenzen. Klinger berichtet zum Beispiel von Tests mit chronisch Hautkranken. Obwohl diese zunächst einen Placeboeffekt zeigten, ließ sich dieser allein durch wirkstofflose Präparate nicht aufrechterhalten. Dauerhaft war die Wirkung nur, wenn immer wieder die Erfahrung hinzukam, dass die Mittel die Beschwerden tatsächlich linderten – über den Placeboeffekt hinaus. „Eine der wichtigsten Empfehlungen aus der Placeboforschung ist, die Patientinnen und Patienten in einer Behandlung nicht zu täuschen“, sagt Klinger.

Der Weißkittel-Effekt

Die Ärztin oder der Arzt ist eine Respektsperson. Man nennt dieses Phänomen den „Weißkittel-Effekt“: Auch wenn eine Patientin oder ein Patient eigentlich einen normalen Blutdruck hat, kann allein die Tatsache den Wert in die Höhe treiben, dass eine Ärztin oder ein Arzt im weißen Kittel die Manschette anlegt. Eine Studie aus England ergab: Führt stattdessen eine Kranken- pflegerin oder ein Krankenpfleger die Messung durch, ist der Weißkittel-Effekt weniger stark. Um falsche Werte zu vermeiden, sollte man sich vor der Messung fünf Minuten lang entspannen. Eine andere Möglichkeit ist, seinen Blutdruck selbst regelmäßig zu Hause zu messen. Bevor in der hausärztlichen Praxis zum ersten Mal blutdrucksenkende Medikamente verschrieben werden, sollte zudem eine Langzeitmessung über 24 Stunden durchgeführt werden.

Alternativmedizinische Verfahren aber werden teils geradezu als Wundermittel angepriesen. Auch darf man die Macht des Effekts nicht überschätzen. Placebos heilen keinen Krebs. Oder, wie es der Placeboforscher Fabrizio Benedetti formuliert: „Placeboantibiotika können keine Bakterien töten, mit Placebo­gasen kann man keine Narkose machen und Placeboverhütungsmittel verhindern keine Schwangerschaft.“

Einfühlsamkeit von Ärzten gefordert

Aber es gibt eine Methode, mit der sich die Macht des Placebos schon heute hervorragend nutzen lässt. Bei jeder Behandlung. Keine Sorge, niemand läuft Gefahr, dass ihm beim nächsten Arztbesuch heimlich ein Placebo untergeschoben wird. Ärztinnen und Ärzte sind rechtlich und moralisch verpflichtet, darüber aufzuklären, welche Therapien und Tabletten sie verschreiben. Aber: Die Behandelnden können selbst Placebo sein. Jede Therapie ist erfolgreicher, wenn sie von den Ärztinnen und Ärzten einfühlsam erklärt wird, wenn Fragen und Ängste ernst genommen werden. „Mit diesem Mittel wird es Ihnen sicher bald wieder besser gehen“, macht beispielsweise eine Kardiologin Mut.

Eine der wichtigsten Empfehlungen aus der Placeboforschung ist, die Patientinnen und Patienten in einer Behandlung nicht zu täuschen.

Im Gehirn wird aus einer kleinen Ermutigung Chemie, welche die Heilung fördern kann. Eine unsensible, flapsige Aussage kann dagegen schnell das Gegenteil bewirken. Es kommt zum Noceboeffekt, dem bösen Zwilling des Placebo­effekts. Die Medikamente wirken schlechter, lösen zum Teil mehr Nebenwirkungen aus. Versuche haben gezeigt, dass eine negative Erwartung den Effekt eines starken Schmerzmittels nahezu aufheben kann.

Doch warum ist das so? Noch hat die ­Forschung bei Weitem nicht alle Fragen ­geklärt. Auch wenn wir heute besser ver­stehen, was im Körper passiert, wenn ein Blickkontakt heilsam wirkt, ­Empathie die Genesung fördert: Magisch bleibt es noch immer.

Globuli

Hat Homöopathie eine Wirkung?

Die Homöopathie gehört zu den alternativen Therapien. Globuli, Potenzen und eine ausführliche Anamnese sind feste Bestandteile der homöopathischen Therapie. Aber: Sie wirkt nicht besser, als ein Placebo zum Artikel


Quellen:

  • Kirchhof J, Petrakova L et al.: Learned immunosuppressive placebo responses in renal transplant patients. PNAS: https://www.pnas.org/... (Abgerufen am 22.02.2023)
  • Beecher H K: The Powerful Placebo. JAMA: https://jamanetwork.com/... (Abgerufen am 22.02.2023)
  • Buch (gebundene Ausgabe)