Kammerflimmern ist eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung. Unbehandelt führt sie innerhalb kürzester Zeit zum Herzkreislaufstillstand.

Kammerflimmern darf nicht verwechselt werden mit Vorhofflimmern – mehr zu dieser Rhythmusstörung lesen Sie im Ratgeber

Wie entsteht ein Kammerflimmern?

Die Aufgabe des Herzens ist es, Blut durch den Körper zu pumpen. Dazu müssen die einzelnen Zellen des Herzmuskels in einer genau aufeinander abgestimmten Reihenfolge elektrisch erregt werden und sich zusammenziehen.

Die elektrische Erregung stammt aus bestimmten rhythmusgebenden Herzmuskelzellen. Sie breitet sich in immer gleicher Weise über den gesamten Herzmuskel aus. Gesunde Herzmuskelzellen sind mit verschiedenen Schutzfunktionen ausgestattet. Diese sorgen dafür, dass die elektrische Erregung immer im richtigen Tempo und in die richtige Richtung weiterwandert.

Das Erregungs-Leitungssystem des Herzens organisiert den normalen Herzryhthmus (1 Sinusknoten, 2 AV-Knoten, 3 His-Bündel und Purkinje-Fasern)

Das Erregungs-Leitungssystem des Herzens organisiert den normalen Herzryhthmus (1 Sinusknoten, 2 AV-Knoten, 3 His-Bündel und Purkinje-Fasern)

Bestimmte Umstände können dazu führen, dass der Ablauf der elektrischen Erregung der Herzmuskelzellen gestört wird. Wenn die elektrische Erregung anders wandert als vorgesehen, können bestimmte Teile der Herzkammer zu früh aktiviert werden. Dann entstehen sogenannte ventrikuläre Extrasystolen, also Extraschläge der Herzkammer. Einzelne ventrikuläre Extrasystolen kommen bei vielen Menschen vor und sind meist ungefährlich.

Kritisch wird die Situation dann, wenn Extraschläge in bestimmte sensible Phasen des Erregungszyklus fallen. Dann kann sich unabhängig von dem eigentlichen Reizleitungssystem des Herzens ein eigener und zu schneller Herzrhythmus in den Herzkammern entwickeln. Sogenannte "kreisende Erregungen" lösen unter Umständen ganze Serien von Extraschlägen aus, sogenannte "Kammertachykardien". Auf Deutsch: "ein zu schneller Herzschlag, der in der Herzkammer entsteht".

Wenn das Herz deutlich zu schnell schlägt, hat das zwei Folgen:

  • Dem Herzmuskel fehlt die Zeit, sich zwischen zwei Herzschlägen angemessen mit Blut zu füllen. Das mit einem Herzschlag weitertransportierte Blut wird also weniger. Dadurch erhält auch das Herz selbst weniger Blut, sprich Sauerstoff und Nährstoffe.
  • Der Herzmuskel verbraucht gleichzeitig deutlich mehr Energie als bei einer normalen Herzschlagfrequenz.

Die Folge ist, dass die Störungen am Herzmuskel zunehmen und der Kammerrhythmus irgendwann ganz aus dem Ruder laufen kann. Die Kammertachykardie geht in ein Kammerflattern und schließlich ein Kammerflimmern über.

Beim Kammerflimmern werden die einzelnen Zellen zwar noch immer elektrisch aktiviert und ziehen sich zusammen. Weil die Kontraktionen aber nicht mehr aufeinander abgestimmt sind, kommt es nur noch zu einem Zittern ("Flimmern") des Herzmuskels. Richtig zusammenziehen kann sich der Herzmuskel nicht mehr. Das Blut in den Herzkammern wird also nicht mehr weitergepumpt. Mediziner sprechen dann von einem funktionellen Herzstillstand. Bleibt das Kammerflimmern unbehandelt, erschöpft sich der Herzmuskel und bleibt völlig stehen (Asystolie).

Im EKG zeigt sich Kammerflimmern mit unregelmäßigen Zacken

Im EKG zeigt sich Kammerflimmern mit unregelmäßigen Zacken

Wie sieht das EKG aus?

Kammertachykardien sind im EKG als Serien von "breiten Kammerkomplexen" sichtbar. Wenn die Kammer "flattert" sieht der Arzt im EKG eine haarnadelförmige Kurve mit einer Frequenz von etwa 250 bis 320 Schlägen pro Minute.

Wenn die Herzkammer flimmert, sind unregelmäßige Zacken mit einer Frequenz von über 320 Schlägen pro Minute zu erkennen. Die Übergänge zwischen Kammerflattern und Kammerflimmern sind fließend.

Was sind Ursachen für ein Kammerflimmern?

Ursache für ein Kammerflimmern ist fast immer eine Schädigung des Herzmuskels. Die häufigste Ursache dafür ist wiederum eine koronare Herzerkrankung (KHK) oder ein akuter Herzinfarkt. Weitere Gründe für Schäden an den Herzmuskelzellen können unter anderem eine Entzündung des Herzmuskels (Myokarditis) oder eine schwere Herzschwäche (Herzinsuffizienz) sein.

Ursache für schwere Herzrhythmusstörung kann zum Beispiel ein Herzinfarkt sein

Ursache für schwere Herzrhythmusstörung kann zum Beispiel ein Herzinfarkt sein

Auch massive Veränderungen in der Zusammensetzung der Blutsalze, vor allem von Kalium und Magnesium, können ein Kammerflimmern auslösen. Das Risiko für solche Störungen des Salzhaushaltes ist erhöht, wenn Patienten bestimmte Entwässerungstabletten etwa aufgrund einer Herzschwäche einnehmen müssen. Hier wird der Arzt oder die Ärztin daher die Blutsalze im Blick behalten und gegebenenfalls engmaschig kontrollieren.

Eine seltenere Ursache für ein Kammerflimmern sind Erkrankungen des Reizleitungssystems am Herzen, das sogenannte Long-QT-Syndrom. Ein Long-QT-Syndrom kann angeboren sein. Ähnliche Veränderungen können aber auch als unerwünschte Wirkung bestimmter Medikamente auftreten. Besondere Vorsicht ist bei Kombinationen von Medikamenten geboten oder wenn, beispielsweise aufgrund einer gestörten Nierenfunktion, die Ausscheidung dieser Wirkstoffe beeinträchtigt ist.

Manchmal entsteht Kammerflimmern auch als Folge eines Stromunfalls – etwa beim Umgang mit Elektrogeräten oder durch einen Blitzschlag.

Meistens müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, damit ein Kammerflimmern entsteht. Betroffen sind in der Regel Menschen über 60 Jahre mit bekannten Risikofaktoren. In fünf bis zehn Prozent aller Fälle trifft diese bedrohliche Herzrhythmusstörung jüngere und zuvor scheinbar gesunde Menschen, zum Beispiel beim Sport. Bei der Hälfte dieser Betroffenen stellt sich später heraus, dass sie unter einer bis dahin unerkannten Herzerkrankung leiden.

Was sind die Symptome eines Kammerflimmerns?

Leitsymptom ist eine innerhalb weniger Sekunden eintretende Bewusstlosigkeit ohne Puls und Atemtätigkeit.

Gibt es Vorboten oder Warnsignale für ein Kammerflimmern?

Häufig kommt es aus völligem Wohlbefinden heraus zu einem Kammerflimmern.

Es können aber auch bestimmte Warnzeichen vorhanden sein. Das sind häufig Symptome der zugrundeliegenden Herzerkrankung. Dazu gehören zum Beispiel linksseitige Brustschmerzen als Vorboten oder Zeichen eines Herzinfarktes, wiederkehrende Schwindelattacken oder Ohnmachtsanfälle bei Kammertachykardien, Atemnot bei geringer Anstrengung und spürbares Herzrasen. Bei solchen Symptomen ist eine eingehende Untersuchung durch den Arzt empfehlenswert. Mit verschiedenen Maßnahmen kann er feststellen, ob die Symptome harmlose Ursachen haben oder ob ein erhöhtes Risiko für bedrohliche Herzrhythmusstörungen besteht. Wichtig: Bei Symptomen, die auf einen Herzinfarkt hindeuten können wie Brustschmerzen oder Engegefühl in der Brust oder Atemnot, nicht lange zögern, sondern sofort den Notarzt rufen!

Das höchste Risiko für Kammerflimmern haben Menschen, die bereits einmal ein Kammerflimmern überlebt haben.

Sofortmaßnahme: unverzügliche Reanimation

Kammerflimmern ist immer eine unmittelbar lebensbedrohliche Situation. Sie erfordert sofort Maßnahmen der Wiederbelebung (Reanimation). Wichtig: Helfer sollten keine Zeit auf die Suche nach einem Puls verschwenden. Die ist selbst für geübtes medizinisches Personal oft schwierig und kostet wertvolle Minuten für die Wiederbelebung.

Prüfen Sie, ob der Betroffene ansprechbar ist und normal atmet. Reagiert er auch auf laute Ansprache nicht und atmet er nicht (oder nicht normal, zum Beispiel nur schnappend mit langen Pausen), muss sofort mit der Herzdruckmassage begonnen werden.

Eine Herzdurckmassage kann zumindest einen minimalen Blutfluss zum Gehirn gewährleisten und damit das Überleben möglich machen. Die Mund-zu-Mund-Beatmung kann (und sollte) man machen, wenn man sie zum Beispiel in einem Erste-Hilfe-Kurs gelernt hat. Das wichtigste ist aber eine rasche und möglichst kontinuierliche Herzdruckmassage. Jede Minute zählt, denn die Gehirnzellen sterben schon nach drei bis fünf Minuten allmählich ab, wenn sie nicht mit ausreichend Blut versorgt werden.

Der Notarzt sollte so früh wie möglich gerufen werden. Idealerweise alarmiert gleich zu Beginn der Reanimation ein weiterer Helfer unter 112 den Rettungsdienst.

Mittlerweile gehört der Einsatz von AEDs zur ersten Hilfe

Mittlerweile gehört der Einsatz von AEDs zur ersten Hilfe

Defibrillation mit Hilfe eines AED

Ein Kammerflimmern unterbrechen kann nur ein Elektroschock, der von einem sogenannten Defibrillator abgegeben wird. Je schneller das geschieht, desto besser sind die Überlebenschancen des Betroffenen.

Daher wurde die Frühdefibrillation, das heißt die Defibrillation durch den Rettungsdienst, aber auch durch Laien, in die Leitlinien zur Basisreanimation aufgenommen. Für die Defibrillation durch medizinische Laien stehen sogenannte AEDs (Automatisierte Externe Defibrillatoren, Laiendefibrillatoren) zur Verfügung. Sie zeichnen sich durch eine sehr hohe Sicherheit aus. Die Geräte geben Sprachanweisungen und unterstützen den Helfer so bei der Reanimation.

Klebt der Helfer die Elektroden auf die Brust des Patienten führt das Gerät eine automatisierte EKG-Analyse durch. Nur wenn ein defibrillationsfähiger Rhythmus vorliegt, stellt es die Defibrillationsenergie tatsächlich zur Verfügung.

Viele öffentliche Plätzen (zum Beispiel U-Bahnhöfe) sind mittlerweile mit AEDs für Ersthelfer ausgestattet.

Wichtig: Auch wenn ein Defibrillator in erreichbarer Nähe ist und geholt werden kann, ist eine unverzügliche Herzdruckmassage bis zu seinem Einsatz entscheidend. Während das AED-Gerät die Analyse durchführt und falls es nach der Analyse einen Elektroschock empfiehlt, muss die Reanimation dafür zwar kurz gemäß der Sprachanweisungen des Geräts unterbrochen werden. Doch sobald der Defibrillator den Elektroschock abgegeben hat, muss die Herzdruckmassage sofort wieder aufgenommen werden – bis der Notarzt eintrifft oder der Betroffene wieder normal atmet beziehungsweise zu sich kommt. Empfiehlt der automatische Defibrillator keinen Schock, muss weiterhin eine Herzdruckmassage erfolgen.

Die Informationen auf dieser Seite können praktische Übungen nicht ersetzen. Genaue Anleitung und Übungen gibt es in Erste-Hilfe-Kursen. In diesem Video können Sie Ihr Wissen auffrischen: Erste Hilfe bei Herzstillstand.

Gibt es Maßnahmen die ein Kammerflimmern verhindern können?

Bei Menschen mit einem hohen Risiko für lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen ist unter Umständen ein implantierbarer Defibrillator (ICD) im Sinne einer Primärprävention empfehlenswert. Dafür ist, ähnlich wie bei der Anlage eines Herzschrittmachers, eine kleine und risikoarme Operation in örtlichen Betäubung notwendig. Ein implantierbarer Defibrillator erkennt ein Kammerflimmern und unterbricht es durch einen sofortigen Elektroschock. Diese Therapie kann zum Beispiel bei einer ausgeprägten Herzschwäche infrage kommen, die durch Medikamente nicht zu bessern ist. Auch Menschen, die ein Kammerflimmern überlebt haben, erhalten oft einen ICD im Sinne einer Sekundärprävention. Daneben ist es natürlich auch wichtig, bestehende Krankheiten optimal zu behandeln, die das Risiko für ein Kammerflimmern erhöhen könnten.

Professor Dr. med. Markus Haass

Professor Dr. med. Markus Haass

Beratende Experten

Professor Dr. med. Markus Haass ist Internist und Kardiologe. Er ist Lehrbeauftragter der Universität Heidelberg und seit 2002 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin II mit den Schwerpunkten Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin der Theresienkrankenhaus und St. Hedwig-Klinik gGmbH in Mannheim, einem akademischen Lehrkrankenhaus der Universität Heidelberg.

Dr. med. Boris Schumacher

Dr. med. Boris Schumacher

Dr. med. Boris Schumacher ist Internist und Kardiologe. Er ist Oberarzt und Sektionsleiter des Bereichs Invasive Elektrophysiologie der Theresienkrankenhaus und St. Hedwig-Klinik gGmbH in Mannheim.

Quellen:

Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC): Reanimationsleitlinien 2021, 

Schindler, E: Pschyrembel online, Verlag Walter de Gruyter,

Wichtiger Hinweis:

Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann eine ärztliche Beratung nicht ersetzen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine individuellen Fragen beantworten