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Bluthochdruck ist nicht so schlimm. Und wenn man ihn schon hat, schluckt man eine Zeitlang Pillen und schon ist er geheilt: Das ist eine von vielen Fehleinschätzungen, die über den erhöhten Druck in den Adern kursieren. Denn weder ist Bluthochdruck harmlos noch kann man die Behandlung, sei es durch Verhaltensänderungen oder mit Medikamenten, irgendwann beenden. Wer gefährdet ist, welche Werte akzeptabel sind, warum Schwankungen normal sind: Höchste Zeit, einige Falschmeldungen zurechtzurücken.

Mythos 1: Was nicht wehtut, ist auch nicht schlimm

Was man nicht oder kaum spürt, kann so schlimm nicht sein, denkt so mancher. Ein fataler Irrtum. Die möglichen Folgen von Bluthochdruck sind vielfältig: Er kann zum Beispiel zu Schlaganfällen, Herzinfarkten, Herzschwäche und Nierenschwäche führen, bei Männern die Potenz beeinträchtigen. Und er kann das Sehvermögen stark verschlechtern.

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Wie kann man Bluthochdruck erkennen?

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In Deutschland leidet jede dritte erwachsene Person unter Bluthochdruck. Das sind 20 bis 30 Millionen Menschen. Zwar sind ungefähr gleich viele Frauen wie Männer betroffen - trotzdem ist es sinnvoll, sie getrennt zu betrachten zum Artikel

Mythos 2: Nur dicke Menschen bekommen Bluthochdruck

Übergewicht erhöht das Risiko. Es ist aber nur ein wichtiger Faktor — und zwar einer von vielen, die in unserer Hand liegen, wie auch salzreiche Ernährung, Rauchen, regelmäßiger Alkoholgenuss. Falsch ist außerdem das Vorurteil, Hochdruckpatientinnen und -patienten dürften keinen Sport treiben. Der steigert zwar kurzfristig den Blutdruck. Aber weil Sport die Gefäße elastischer hält, wirkt er sich insgesamt positiv aus.

Mythos 3: Bluthochdruck haben vor allem Männer

Das stimmt nur teilweise. Bis zum mittleren Alter sind Männer tatsächlich häufiger betroffen, obwohl auch Frauen nicht selten erkranken. Ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren gleicht sich die Verteilung zunehmend an.

Mythos 4: Die Messung in der Arztpraxis ist verlässlich

Sehr häufig leider nicht, weil die nötigen Bedingungen nicht eingehalten werden. Dazu zählt etwa, dass man zuvor ein paar Minuten ruhig sitzen sollte und dass zweimal, besser dreimal gemessen wird. Beides trifft oft nicht zu. Zudem haben Patienten in der Praxis oft vor Aufregung höhere Werte, teilweise auch niedrigere. Deshalb ist das Selbstmessen sehr wichtig.

Mythos 5: Leichten Bluthochdruck muss man nicht behandeln

Doch, muss man, wenn man nicht das ­Risiko schwerer gesundheitlicher Folgenin Kauf nehmen will. Handlungsbedarf besteht bei Werten über 140/90 mmHg. Bei einem Wert ab 160/100 mmHg sind auf jeden Fall Medikamente nötig. Bei leichtem Bluthochdruck (140–159/90–99 mmHg) empfiehlt die europäische Leitlinie ein gestuftes Vorgehen: erst mal für drei bis sechs Monate eine gesündere ­Lebensweise probieren — und bei mangelndem Erfolg auf Medikamente setzen.
Bei bestimmten Risiken, die die Ärztin oder der Arzt abklären müssen, sind jedoch auch dann sofort Medikamente ratsam.

Mythos 6: Das ist doch reine Veranlagungssache

Bestimmte Genveränderungen erhöhen das Risiko für Bluthochdruck. Behandelbar sind sie nicht. Es gibt nicht den einen Genfehler, durch dessen Korrektur man das Leiden verhindern könnte. Die gute Botschaft einer Studie einer griechisch-­britischen Forschungsgruppe: Mit einer Lebensführung mit gesunder Ernährung, wenig Salz, Normalgewicht, viel Bewegung und wenig Alkohol lässt sich das genetisch ­erhöhte Risiko ausgleichen.

Mythos 7: Selbstmessen ist nur sinnvoll, wenn die Diagnose steht

Dann ist es tatsächlich besonders wichtig. Aber auch sonst ist Selbstmessen ab etwa dem mittleren Lebensalter sinnvoll. Damit lässt sich der Blutdruck im Alltag besser beurteilen. Außerdem wird dabei der Weißkitteleffekt umschifft: höhere Werteaufgrund der Aufregung beim Arztbesuch. Aus diesen Gründen gelten für die Selbstmessung niedrigere Grenzwerte, der Blutdruck sollte unter 135/85 mmHg liegen. Zudem kann Selbstmessen sogenannten maskierten Hochdruck aufdecken. Denn bei manchenMenschen ist der Wert beim Arzt normal, im Stress des Alltags aber höher.

Mythos 8: Hohe Werte im Alter sind unvermeidbar

Mit dem Alter steigt das Risiko insbesondere für einen erhöhten sys­­tolischen Wert, also den ersten der beiden Messwerte. Das hat damit zu tun, dass die Gefäßwände versteifen und sich weniger gut erweitern können, wenn das Herz Blut in den Kreislauf pumpt. Eine gesunde Lebensweise kann den Alterungsprozess verlangsamen.

Mythos 9: Bei älteren Menschen sind höhere Werte in Ordnung

Selbst Menschen über 80 Jahren profitieren, wenn ihr Blutdruck unter 130–140/90 mmHg liegt. Für gebrechliche und kranke Patienten ist das aber weniger klar. „Es kommt nicht auf das chronologische, sondern ­auf das biologische Alter an“, sagt Professor Dr. Felix Mahfoud, leiten­­der Oberarzt in der Kardiologie des Uniklinikums des Saarlandes in Homburg/Saar. ­Ge­sun­den, fitten Älteren empfiehlt er eine strengere Einstel­lung, sofern sie gut damit klarkommen. Dabei müssen ­jedoch mögliche negative Effekte wie ein erhöhtes Sturzrisiko oder eine Verschlechterung der Nierenfunk­tion beachtet werden. Treten solche Prob­leme auf, können oft höhere Werte toleriert werden.

Mythos 10: Medikamente sind nur vorübergehend nötig

Das wäre der Idealfall, stellt Patientinnen und Patienten aber vor eine hohe Herausforderung. Denn dazu sind besondere Anstrengungen nötig. Vor allem bei nur leicht erhöhten Werten besteht durchaus die Chance, wieder in normale Bereiche zu kommen. „Ich habe das aber auch schon bei Menschen erlebt, die einen oberen Blutdruckwert von mehr als 160 hatten“, berichtet Professorin Dr. Christiane Erley, Nierenspezialistin am St. Joseph Krankenhaus in Berlin-Tempelhof. Doch selbst wenn ­Normalwerte nicht erreicht werden, sollte das Ziel sein, mit möglichst wenigen Arzneien auszukommen. Medikation aber bitte nicht ohne Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt ändern!

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Mythos 11: Hochdruckpatienten dürfen kein Salz essen

Das ist kaum machbar, weil Salz in vielen Lebensmitteln enthalten ist — etwa in Brot, Käse oder Wurst. Ein kompletter Verzicht ist nicht nötig. Doch durchschnittlich essen Menschen in Deutschland zu viel Salz. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal fünf Gramm pro Tag. Diese Menge passt auf einen kleinen Teelöffel. Zu viel Salz erhöht den Blutdruck, weniger senkt bereits erhöhte Werte. Indes: „Nicht jeder Mensch ist salzempfindlich“, sagt Christiane Erley. „Doch das herauszufinden ist sehr aufwendig und daher oft kaum möglich.“ Am besten kontrolliert seinen Salzkonsum, wer viel selbst kocht, auf Gewürze statt Salz setzt und auf Fertig­gerichte verzichtet.

Mythos 12: Bei Menschen mit Diabetes muss der Blutdruck besonders niedrig sein

Wer Diabetes hat, der hat häufig auch Bluthochdruck, weil beiden ähnliche Ursachen zugrunde liegen. Das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall ist dann oft stark erhöht, eine gute Einstellung des Blutdrucks besonders wichtig. Die europäische Leitlinie sieht aber keine anderen Grenzwerte als die generellen vor (siehe rechts).

Mythos 13: Wer täglich seine Pillen schluckt, braucht sonst nichts zu tun

Das wäre ein fatales Missverständnis, auch wenn die Werte wieder gut sind. Medikamente sollten immer von einer gesunden Lebensweise mit salzarmer und gemüsereicher Ernährung, Normalgewicht, wenig Alkohol und viel Bewegung begleitet werden. Denn sonst können gerade bei Menschen mit Dia­betes weitere Erkrankungen auftreten, die das Risiko für Herzleiden, Schlaganfall und andere Folgeschäden vervielfachen.

Mythos 14: Die Medikamente wirken immer

Für die Allermeisten trifft das zu. Bei Menschen, die bereits drei Medikamente nehmen und immer noch zu hohe Werte haben, gilt es abzuklären, ob eine organische Ursache dahintersteckt. Infrage kommt etwa eine erhöhte Hormonproduktion der Nebennieren. Bei nicht erklärbarem, resistentem Hochdruck ist der Wirkstoff Spironolacton erste Wahl. „Oft wirkt der schon in sehr niedriger Dosis, bei der­ ­Nebenwirkungen wie gefährlicher Kaliumüberschuss oder eine Brustvergrößerung bei Männern selten sind“, sagt Professor Bernhard Krämer, Hochdruckexperte an der Uniklinik Mannheim.

Mythos 15: Einmal eingestellt, bleibt der Druck stabil

Viele Patienten machen eine andere Erfahrung: Mal ist der Wert niedriger, mal höher. „Schwankungen sind völlig normal“, sagt Bernhard Krämer. „Wichtig ist nur, dass der Durchschnittswert im Zielbereich liegt.“ Zuverlässige Ergebnisse liefere die richtige Selbstmessung: zunächst fünf Minuten ruhig sitzen und dann den Mittelwert aus zwei oder drei Messungen nehmen. Die Deutsche Herzstiftung nennt diverse Gründe für Schwankungen, etwa psychische Belastungen oder die Einnahme bestimmter Arzneien. Aber auch Kaffee, schwarzer oder grüner Tee, Alkohol oder eine salzreiche Mahlzeit können die Werte kurzfristig in die Höhe treiben.

Blutdruckmessgerät

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Blutdruckmessung in der Apotheke

Die Arznei gegen Bluthochdruck abholen und dabei gleich die Werte von Profis überprüfen lassen? Genau das bieten viele Apotheken vor Ort an. zum Artikel


Quellen:

  • The Task Force for the management of arterial hypertension of the European Society of Cardiology (ESC) and the European Society of Hypertension (ESH): 2018 ESC/ESH Guidelines for themanagement of arterial hypertension. Leitlinie: 2018. European Heart Journal: (Abgerufen am 12.05.2023)

  • Narita K et l.: Association of Home and Ambulatory Blood Pressure With Cardiovascular Prognosis in Practice Hypertensive Outpatients. In: Hypertension 17.11.2022, 80: 451-459
  • Blumenthal JA et al.: Effects of Lifestyle Modification on Patients with Resistant Hypertension: Results of the TRIUMPH Randomized Clinical Trial. In: Circulation 12.10.2021, 144: 1212-1226
  • Pazoki R et al.: Genetic Predisposition to High Blood Pressure and Lifestyle Factors, Associations With Midlife Blood Pressure Levels and Cardiovascular Events. In: Circulation 13.02.2018, 137: 653-661
  • Wain LV et al.: Genome-wide association analysis identifies novel blood pressure loci and offers biological insights into cardiovascular risk. In: Nat. Genet. 01.03.2017, 49: 403-415
  • The SPRINT Research Group: A Randomized Trial of Intensive versus Standard Blood-Pressure Control. In: NEJM 26.11.2015, 373: 2103-2116
  • Kremer KM et al.: Systolic Blood Pressure and Mortality in Community-Dwelling Older Adults: Frailty as an Effect Modifier. In: Hapertension 24.01.2022, 79: 24-32
  • Beckett NS et al.: Treatment of Hypertension in Patients 80 Years of Age or Older. In: NEJM 01.05.2008, 358: 1887-1898
  • Deutsche Herzstiftung: Blutdruckschwankungen: Was ist die Ursache?. https://herzstiftung.de/... (Abgerufen am 11.05.2023)