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Gesichtslähmung – Ursache unbekannt: Idiopathische Fazialisparese

Häufig treten Gesichtslähmungen unvermittelt ohne eine feststellbare Ursache auf. Solche idiopathischen Fazialisparesen bilden sich oft wieder vollständig zurück

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 19.12.2018
Mann beim Arzt

Schmerzen hinter den Ohren: Sie können einer halbseitigen Gesichtslähmung vorausgehen


Gesichtslähmung ohne Ursache: Idiopathische Fazialisparese, Bell-Lähmung

Können die zu Rate gezogenen Fachärzte, in der Regel Hals-Nasen-Ohren-Arzt und/oder Neurologe, trotz eingehender Untersuchungen keine übergeordnete Krankheitsursache feststellen, handelt es sich meist um eine idiopathische Gesichtslähmung.

Sie ist die häufigste Form der Fazialisparesen und weist die typischen Symptome einer peripheren Nervenlähmung auf (siehe dazu auch Kapitel "Gesichtslähmung – Was das Symptom bedeutet"). Die Art der Beschwerden und der meist positive Krankheitsverlauf bestätigen oft die Diagnose.

Als mögliche Auslöser vermuten Mediziner verborgene beziehungsweise wieder aktivierte entzündliche Prozesse im Körper, insbesondere durch eine Virusinfektion. Im Fokus hier: das Herpes-simplex-Virus Typ 1. Zudem könnte der Fazialisnerv, der den inneren Gehörgang und dann einen engen Kanal im Schläfenbein beziehungsweise Felsenbein (Canalis facialis) passieren muss, dort durch eine Schwellung in Bedrängnis geraten und/oder nur mehr mangelhaft durchblutet sein.

Druckschäden durch umgebende Gewebeveränderungen gehören ebenfalls in die Liste vermuteter Ursachen. Darüber hinaus ziehen Medizinforscher Immunstörungen, sogenannte autoimmunologische Vorgänge, in Betracht. Ein beobachteter unmittelbarer Auslöser scheint mitunter Kälteeinwirkung zu sein.

Mann beim Augenarzt

Als Risikofaktoren gelten Diabetes in Verbindung mit einem erhöhten Blutdruck. In der Schwangerschaft erleiden Frauen mitunter eine ungeklärte Fazialislähmung.

Symptome: Kennzeichnend sind oft anfängliche Schmerzen hinter dem Ohr mit unmittelbar folgenden Missempfindungen auf einer Wange sowie einseitigen Lähmungserscheinungen. Diese erfassen Mund, Auge, auch die Stirnseite, und sind unterschiedlich ausgeprägt. Die mimische Muskulatur kann teilweise oder vollständig bewegungsunfähig sein. Das Augenlid lässt sich nicht mehr richtig schließen. Schmeckstörungen im vorderen Zungenabschnitt kommen häufig dazu. Das bedeutet, dass die Betroffenen vor allem süß, sauer und salzig nicht mehr richtig schmecken. Geräuschüberempfindlichkeit und ein gestörter Tränenfluss sind möglich.

Treten Gesichtsschmerzen, Schluckstörungen und/oder Kopfschmerzen auf, sind das Anzeichen, dass auch andere Hirnnerven gereizt sind, etwa der Trigeminusnerv oder der Nerv, der auch Zungen- und Rachenmuskulatur versorgt. Der Trigeminus, der fünfte Hirnnerv, vermittelt unter anderem Schmerz-, Temperatur- und Berührungswahrnehmungen im Gesicht.

Diagnose: Die Krankengeschichte, die Symptome und erste körperliche Untersuchungen geben dem Arzt oft schon entsprechende Hinweise. Als Spezialisten zieht er neben einem Neurologen je nach Verdachtsdiagnose auch ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt sowie ein Augenarzt hinzu. Bleiben weitere körperliche Untersuchungen, Bluttests, elektrophysiologische und gegebenenfalls bildgebende Verfahren wie eine Computertomografie oder Magnetresonanztomografie unauffällig, erhärtet das die Diagnose einer idiopathischen Gesichtslähmung. In Einzelfällen erwägen Fachärzte allerdings zusätzlich noch eine Lumbalpunktion (siehe Kapitel "Gesichtslähmung – Diagnose").

Therapie: Die Lähmungen können innerhalb weniger Wochen bis Monate vollständig zurückgehen, manchmal auch ganz ohne Behandlung. Da dies aber nicht gesichert ist, gilt eine Behandlung mit Kortison als Standard. Für Kinder ist das derzeit nicht belegt. Bei Diabetes-Patienten erfolgt die Kortisongabe unter sorgfältiger Kontrolle der Zucker-Stoffwechsellage. Schwangeren Frauen wird – ebenfalls aus Gründen der Stoffwechselkontrolle – empfohlen, diese Therapie sicherheitshalber in der Klinik durchzuführen. Virushemmende Mittel werden außer bei einer Varizella-Zoster-Infektion nicht angeraten. Ein mitbetroffenes Auge bleibt teilweise geöffnet und damit schutzlos. Augentropfen oder Salben und ein spezieller Verband (Uhrglasverband) helfen hier, es zu befeuchten, die empfindliche Hornhaut abzuschirmen und bleibende Schäden zu vermeiden. Physiotherapeutische Übungen, die gezielt die mimischen Muskeln trainieren, können die Genesung unterstützen.

Nur bei bestimmten, schweren Krankheitsverläufen erwägen die Ärzte mitunter chirurgische Eingriffe. Eine Druckentlastung des Fazialisnervs durch Entfernung von Knochenanteilen im Felsenbein beurteilen Mediziner inzwischen jedoch kritisch. Mikrochirurgische Therapien am Gesichtsnerv oder an Muskeln ziehen Spezialisten unter Umständen bei anhaltenden Lähmungen in Betracht.

Bausteine

Melkersson-Rosenthal-Syndrom: Wechselseitige idiopatische Fazialisparese

Die Bezeichnung Syndrom steht für ein Krankheitsbild, das durch mehrere Krankheitszeichen charakterisiert ist. Eine idiopathische Gesichtslähmung gehört zu den Leitsymptomen des Melkersson-Rosenthal-Syndroms, einer seltenen Erkrankung von Mund und Rachenraum. Auslöser der Beschwerden sind Blutgefäßentzündungen, bei denen sich Gewebe verändert und sich kleinste, knötchenartige Geschwüre bilden. Die Ursachen dafür sind nicht geklärt. Es sind Fälle beschrieben, bei denen das Syndrom in den Familien gehäuft auftrat.

Vorwiegend erkranken jüngere Menschen im Alter zwischen zehn und 40 Jahren. Neben dem Fazialisnerv, der etwa in einem Drittel der Fälle betroffen ist, können noch weitere Hirnnerven in Mitleidenschaft gezogen sein. Das Syndrom tritt mitunter auch im Rahmen der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn oder einer Sarkoidose auf (siehe dazu Kapitel "Gesichtslähmung – Ursachen: Infektionen, Entzündungen ...").

Symptome: Schubweise auftretende Beschwerden, häufig anfangs geschwollene Lippen und Gesichtsschwellungen. Die Zunge verändert sich, ist weniger beweglich, es bilden sich Falten und Risse auf dem Zungenrücken. Schmeckstörungen sind ebenfalls möglich. Dazu kommt eine periphere Gesichtslähmung wie bei der idiopathischen Fazialislähmung. Kennzeichnend ist hier jedoch, dass die Lähmungserscheinungen wechselweise auf der linken und der rechten Seite oder gleichzeitig auf beiden Gesichtshälften auftreten können. Die Gesichtslähmung kann manchmal schon längere Zeit vor den Anfangszeichen wie Lippenschwellung und Zungenveränderung auftreten. Geschwüre, Aphthen und Entzündungen der Mundschleimhaut sowie geschwollene Halslymphknoten können schließlich dazukommen. Mitunter entwickeln sich auch psychische Störungen. Es müssen aber nicht alle Symptome auftreten.

Diagnose: Die Hauptsymptome sind für den Arzt aufschlussreich. Oft schließen sich feingewebliche Untersuchungen von krankhaft veränderten Lippen- oder Mundschleimhautbereichen sowie Bluttests an. Mit bildgebenden Verfahren und gegebenenfalls einer Dickdarmspiegelung (bei Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung) wird der Arzt das Krankheitsbild von anderen entzündlichen und immunologischen Erkrankungen abgrenzen beziehungsweise ihnen zuordnen.

Therapie: Die Beschwerden gehen oft nach einiger Zeit wieder zurück. Die Ärzte setzen zur Behandlung vor allem Kortison und andere Medikamente, zum Beispiel Minocyclin, ein.