Gesichtslähmung – Ursache unbekannt: Idiopathische Fazialisparese

Häufig treten Gesichtslähmungen unvermittelt ohne eine feststellbare Ursache auf. Solche idiopathischen Fazialisparesen bilden sich oft wieder vollständig zurück

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 10.11.2014

Schmerzen hinter den Ohren: Sie gehen oft einer halbseitigen Gesichtslähmung ohne feststellbare Ursache voraus


Gesichtslähmung ohne Ursache: Idiopathische Fazialisparese, Bell-Lähmung

Können die zu Rate gezogenen Fachärzte, in der Regel Hals-Nasen-Ohren-Arzt und/oder Neurologe, trotz eingehender Untersuchungen keine übergeordnete Krankheitsursache feststellen, handelt es sich meist um eine idiopathische Gesichtslähmung. Sie ist die häufigste Form der Fazialisparesen und weist die typischen Symptome einer peripheren Nervenlähmung auf (siehe dazu auch Kapitel "Übersicht"). Die Art der Beschwerden und der meist positive Krankheitsverlauf bestätigen oft die Diagnose.

Als mögliche Auslöser vermuten Fachleute verborgene beziehungsweise wieder aktivierte entzündliche Prozesse, insbesondere durch eine Virusinfektion. Möglicherweise spielt das Herpes-simplex-Virus hier eine Rolle. Auch könnte der Fazialisnerv, der den Gehörgang und dann einen engen Kanal im Felsenbein (Canalis facialis) passieren muss, dort in Bedrängnis geraten und nur mehr mangelhaft durchblutet sein. Druckschäden, etwa durch Flüssigkeitsansammlungen, gehören ebenfalls in die Liste vermuteter Ursachen. Darüber hinaus ziehen Medizinforscher autoimmunologische Vorgänge in Betracht. Ein beobachteter unmittelbarer Auslöser scheint mitunter Kälteeinwirkung zu sein. 

Als Risikofaktoren gelten Diabetes und ein erhöhter Blutdruck. In der Schwangerschaft erleiden Frauen nicht selten eine ungeklärte Fazialislähmung.

Symptome: Kennzeichnend sind oft anfängliche Schmerzen hinter dem Ohr mit unmittelbar folgenden Missempfindungen auf einer Wange sowie einseitigen Lähmungserscheinungen. Diese erfassen Mund, Auge und auch die Stirnseite und sind unterschiedlich ausgeprägt. Die mimische Muskulatur kann teilweise oder vollständig bewegungsunfähig sein. Das Augenlid lässt sich nicht mehr richtig schließen. Geschmacksstörungen im vorderen Zungenabschnitt kommen häufig dazu. Das bedeutet, dass die Betroffenen vor allem süß, sauer und salzig nicht mehr richtig schmecken. Geräuschüberempfindlichkeit und ein gestörter Tränenfluss sind möglich.

Treten Gesichtsschmerzen, Schluckstörungen und/oder Kopfschmerzen auf, sind das Anzeichen, dass auch andere Hirnnerven gereizt sind, etwa der Trigeminusnerv oder der Nerv, der auch Zungen- und Rachenmuskulatur versorgt. Der Trigeminus, der fünfte Hirnnerv, vermittelt unter anderem Schmerz-, Temperatur- und Berührungswahrnehmungen im Gesicht.

Diagnose: Die Krankengeschichte, die Symptome und erste körperliche Untersuchungen geben dem Arzt oft schon entsprechende Hinweise. Als Spezialisten sind neben einem Neurologen je nach Verdacht auch ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt sowie ein Augenarzt gefragt. Bleiben weitere eingehende körperliche Untersuchungen, Bluttests, elektrophysiologische und gegebenenfalls bildgebende Verfahren wie eine Magnetresonanztomografie unauffällig, erhärtet das die Diagnose. In Einzelfällen erwägen Fachärzte zusätzlich auch eine Lumbalpunktion (siehe Kapitel "Diagnose").

Therapie: Die Lähmungen können innerhalb weniger Wochen bis Monate vollständig zurückgehen, manchmal auch ganz ohne Behandlung. Da dies aber nicht gesichert ist, behandeln Neurologen und HNO-Ärzte häufig mit Kortison. Das betroffene Auge bleibt teilweise geöffnet und damit schutzlos. Augentropfen oder Salben und ein spezieller Verband (Uhrglasverband) helfen hier, das Auge zu befeuchten, die empfindliche Hornhaut abzuschirmen und bleibende Schäden zu vermeiden. Als nützlich für den Erfolg einer Therapie haben sich zusätzliche physiotherapeutische Übungen erwiesen, die gezielt die mimischen Muskeln trainieren.

Nur bei bestimmten, schweren Krankheitsverläufen erwägen die Ärzte mitunter chirurgische Eingriffe. Eine Druckentlastung des Fazialisnervs durch Entfernung von Knochenanteilen im Felsenbein beurteilen Mediziner inzwischen jedoch kritisch. Mikrochirurgische Therapien am Gesichtsnerv oder an Muskeln ziehen Spezialisten unter Umständen bei anhaltenden Lähmungen in Betracht.

Melkersson-Rosenthal-Syndrom: Wechselseitige idiopatische Fazialisparese

Eine idiopathische Gesichtslähmung gehört zu den Leitsymptomen dieser seltenen Erkrankung von Mund und Rachenraum. Auslöser der Beschwerden sind Blutgefäßentzündungen, bei denen sich Gewebe verändert und sich kleinste Geschwülste bilden. Die Ursachen dafür sind nicht geklärt. Am Melkersson-Rosenthal-Syndrom erkranken vorwiegend jüngere Menschen im Alter zwischen zehn und 40 Jahren. Es können neben dem Fazialisnerv noch weitere Hirnnerven in Mitleidenschaft gezogen sein. Das Syndrom tritt mitunter auch im Rahmen der entzündlichen Darm-Erkrankung Morbus Crohn oder einer Sarkoidose auf (siehe dazu Kapitel "Ursachen: Infektionen, Entzündungen").

Symptome: Schubweise auftretende Beschwerden, häufig anfangs geschwollene Lippen und Gesichtsschwellungen. Die Zunge verändert sich, es bilden sich Falten und Risse auf dem Zungenrücken. Dazu kommt eine periphere Gesichtslähmung wie bei der idiopathischen Fazialislähmung. Kennzeichnend ist hier jedoch, dass die Lähmungserscheinungen wechselweise auf der linken und der rechten Seite oder gleichzeitig auf beiden Gesichtshälften auftreten können. Die Gesichtslähmung kann manchmal schon längere Zeit vor den kennzeichnenden Anfangszeichen wie Lippenschwellung und Zungenveränderung auftreten. Geschwüre, Aphthen und Entzündungen der Mundschleimhaut sowie geschwollene Halslymphknoten können schließlich dazukommen. Mitunter entwickeln sich auch psychische Störungen.

Diagnose: Die Hauptsymptome sind für den Arzt aufschlussreich. Oft schließen sich feingewebliche Untersuchungen von Mundschleimhaut sowie Bluttests an. Mit bildgebenden Verfahren und gegebenenfalls einer Dickdarmspiegelung (bei Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung) wird der Arzt das Krankheitsbild von anderen entzündlichen und autoimmunologischen Erkrankungen abgrenzen beziehungsweise ihnen zuordnen.

Therapie: Die Beschwerden gehen oft nach einiger Zeit wieder zurück. Die Ärzte setzen zur Behandlung vor allem Kortison und entzündungshemmende Medikamente ein.