Gesichtslähmung – Diagnose: Wie der Arzt vorgeht

Krankengeschichte und körperliche Untersuchungen geben wesentliche Hinweise auf Form und Ursache der Gesichtslähmung. Auch apparative Verfahren können angezeigt sein

von Andrea Blank-Koppenleitner, aktualisiert am 10.11.2014

Erster Diagnoseschritt: Der Arzt sieht sich genau an, wie sich die Lähmung im Gesicht zeigt, welche Muskeln sich nicht mehr bewegen lassen


Gelähmte Gesichtsmuskeln: Gleich zum Arzt gehen

Lähmungserscheinungen im Gesicht sind immer ein Grund, so rasch wie möglich einen Arzt aufzusuchen.

! Bestehen Anzeichen für einen Schlaganfall, etwa plötzliche auftretende, halbseitige Lähmungen an Gesicht, Arm und anderen Körperteilen, Kopfschmerzen, Probleme mit dem Sehen und Sprechen, Schwindel, Gangunsicherheit, ist sofort der Notarzt zu verständigen. Lesen Sie mehr dazu im Ratgeber "Schlaganfall (Apoplex)".

Ansonsten ist der Hausarzt häufig der erste Ansprechpartner, wenn jemand Muskeln auf einer oder beiden Gesichtsseiten plötzlich nicht mehr bewegen kann. Er wird den Patienten eingehend befragen und körperlich untersuchen. Auf diese Weise kann er mögliche Ursachen eingrenzen beziehungsweise ausschließen, etwa Verletzungen oder Ohrentzündungen. Auch dem Verdacht auf eine Borrelien-Infektion geht der Arzt bei entsprechenden Hinweisen nach. Eventuelle Hautveränderungen, etwa kreisrunde Rötungen um einen vier bis mehrere Wochen zurückliegenden Zeckenstich, legen eine Borreliose nahe. Bluttests geben dann teilweise Aufschluss.

Je nachdem, welche in Richtung die ersten Untersuchungen weisen und wie ausgeprägt die Erkrankung ist, zieht der Hausarzt einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder einen Spezialisten für Nervenerkrankungen (Neurologen) hinzu. Auch für Diabetiker oder Schwangere, bei denen Störungen am Gesichtsnerven auftreten, können weiterführende Untersuchungen, etwa bei einem Neurologen, notwendig sein.

Aufschlussreich: Form und Hintergründe der Fazialislähmung

Wegweisende Fragen sind für den Arzt zunächst, ob der Patient verletzt ist oder vor einiger Zeit einen Unfall hatte. Akute oder chronische Ohrerkrankungen sowie zurückliegende Ohroperationen sind wichtige Anhaltspunkte, ebenso bestehende Gehirnerkrankungen, bekannte Tumorleiden, eine schon diagnostizierte Autoimmunerkrankung oder andere entzündliche Systemerkrankung.

Nach einer eingehenden Befragung wird der Arzt prüfen, ob eine oder beide Gesichtshälften betroffen sind und welche Muskeln nicht mehr richtig funktionieren. Er kontrolliert, ob nur die Mundwinkel schlaff herabhängen oder ob sich Mund und Augenlider, eventuell auch der Kinnbereich nur mehr verzögert beziehungsweise gar nicht mehr bewegen lassen. Kann der Patient die Backen aufblasen oder nicht, kann er pfeifen, die Zähne fletschen?

Ein wichtiger Hinweis auf die Art der Fazialislähmung ist zudem, ob der Betroffene in der Lage ist, die Stirn zu runzeln oder nicht:

  • Bei peripheren Lähmungen, die den Gesichtsnerv direkt erfassen, ist meist auch die Stirn schlaff.
  • Zentrale Lähmungen, die vom Gehirn ausgehen, wirken sich in der Regel nicht auf den Nervenast aus, der die Stirn versorgt. Die Stirnmuskeln sind dann noch beweglich.

Beschwerden, die häufig eine Gesichtsmuskellähmung begleiten

Außerdem achtet der Arzt auf weitere Folgen der Nervenstörung. Dazu kann ein verminderter Tränenfluss gehören, oder mitunter auch ein übermäßiger. Die Tränen fließen dann zum Beispiel völlig unpassend beim Essen (Krokodilstränen). Darüber hinaus kommt es zu Geschmacksstörungen, Ohrenschmerzen sowie Hörproblemen. Häufig leiden Menschen mit einer Fazialisparese auch unter Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis). Schluckstörungen, Kopfschmerzen, Atemnot, eine verwaschene Sprache geben weitere Hinweise.

Es folgt eine gründliche Inspektion von Kopf- und Halsbereich. Die Ohren untersucht der Arzt mit dem Ohrenspiegel, dem Otoskop, um Entzündungen oder Herpes-Bläschen zu erkennen. Er testet die Beweglichkeit von Händen und Armen, Füßen und Beinen, um weitere Lähmungsanzeichen auszuschließen. Außerdem kontrolliert er den Blutdruck. Den Tränenfluss kann der Arzt mit einem speziellen Papierstreifen messen (Schirmer-Test). Hörtests sowie Funktionsprüfungen anderer Hirnnerven können angezeigt sein.

Gesichtslähmung: Erkenntnisse im Labor

Blutuntersuchungen geben schließlich Aufschluss über mögliche Infektionskrankheiten wie die schon erwähnte Borreliose oder eine Herpes-Infektion. Besteht der Verdacht auf eine noch nicht bekannte Diabeteserkrankung oder eine Schwangerschaft, ordnet der Arzt die notwendigen Tests an.

Mitunter veranlasst der Arzt zudem eine Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit, eine Liquorpunktion. Veränderungen der Farbe, Beschaffenheit und Zusammensetzung der Hirnflüssigkeit sowie bestimmte Antikörpermuster können Gehirn- und Hirnhauterkrankungen belegen, die unter anderem auch den Gesichtsnerv mit einbeziehen.

Elektrophysiologische Verfahren: Sendet der Gesichtsnerv noch Signale?

Mitunter setzen Hals-Nasen-Ohrenärzte und Neurologen weiterführende Untersuchungen der Nervenfunktionen ein. Mit der sogenannten Elektromyografie ist es möglich, über feinste Nadelelektroden die elektrische Aktivität der Nerven in einem Muskel zu messen. Damit kann der Arzt einmal den Grad einer Nervenstörung bestimmen, zum anderen aber dann auch den Heilungsverlauf kontrollieren. Ergänzend kommt dazu manchmal auch die Elektroneurografie infrage. Auf der Haut angebrachte Elektroden zeigen die Nervenleitgeschwindigkeit an und damit, ob und wie schnell die Nervenfasern elektrische Reize an den Muskel weitergeben.

Ein weiteres Verfahren zur Überprüfung der Aktivität des Fazialisnervs ist die Magnetstimulation. Der Arzt reizt mit Hilfe einer Magnetspule den Nerv im Schädelinneren und kann je nach Ergebnis die Heilungsmöglichkeiten genauer einschätzen.

Bildgebende Verfahren in der Diagnose einer Gesichtslähmung: Blick ins Innere

Vor allem wenn der Verdacht auf Tumore und Veränderungen im Schädelinneren oder im Halsbereich, etwa der Ohrspeicheldrüse, besteht, sind Computertomografie und Magnetresonanztomografie aufschlussreich. Bei einer Magnetresonanztomografie kann der Arzt mit Hilfe eines Kontrastmittels unter anderem den Verlauf des Nervus facialis und mögliche Veränderungen erkennen.

Konnten die Ärzte der zuständigen Fachrichtungen mit den grundlegenden Untersuchungen keine konkrete Krankheitsursache feststellen, liegt meist eine idiopathische Fazialislähmung, auch Bell-Lähmung genannt, vor. Sie ist die häufigste Form einer Gesichtslähmung. Weitere Informationen dazu finden Sie im folgenden Kapitel "Ursache unbekannt".


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