Großes Blutbild: Weiße Blutkörperchen unter der Lupe

Ein großes Blutbild ist ein „kleines Blutbild“ plus „Differenzialblutbild“, wobei hier zusätzlich die verschiedenen Typen der weißen Blutkörperchen genau untersucht werden
von Dr. med. Dunja Voos, aktualisiert am 30.03.2017

Beim großen Blutbild werden die weißen Blutkörperchen in Untergruppen eingeteilt

W&B/Shutterstock

Kurz gesagt:

Bei einem großen Blutbild wird das kleine Blutbild durch eine genaue Untersuchung der weißen Blutkörperchen ergänzt. Es gibt fünf Typen von weißen Blutkörperchen: neutrophile, eosinophile und basophile Granulozyten, Monozyten und Lymphozyten. Anhand der Anzahl und Verteilung erhält der Arzt wertvolle Hinweise auf mögliche Erkrankungen.

Warum wird ein großes Blutbild erstellt?

An einem kleinen Blutbild erkennt der Arzt, ob es erste Hinweise auf eine Erkrankung gibt, wie zum Beispiel eine Infektion, Blutarmut, Entzündung oder Blutkrebserkrankung. Ist das kleine Blutbild auffällig, wird häufig noch ein großes Blutbild gemacht, damit der Arzt sich einen genaueren Eindruck verschaffen kann.

Neben den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) werden dann auch die einzelnen Typen der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) untersucht (differenziert). Zur Familie der weißen Blutkörperchen gehören Monozyten, Lymphozyten und Granulozyten. Die Granulozyten sind unter dem Mikroskop daran erkennbar, dass sie kleine Körnchen enthalten (Granula).

Der Labormediziner kann die Granulozyten durch verschiedene Farbstoffe anfärben, sodass drei verschiedene Arten zum Vorschein kommen: Die neutrophilen Granulozyten – dies sind die meisten – nehmen nur wenig Farbe an, bleiben also "neutral" und durchsichtig; die basophilen Granulozyten werden blau und die eosinophilen Granulozyten rot.

Aufschlussreiches Verteilungsmuster

Anhand der Verteilung der Granulozyten erhält der Arzt weitere Hinweise auf die Art der Erkrankung. Zum Beispiel sind eosinophile Granulozyten besonders dann erhöht, wenn eine Allergie oder eine rheumatische Grunderkrankung vorliegt oder wenn ein Patient von Parasiten, zum Beispiel Darmwürmern, befallen ist.

Auch kann der Arzt erkennen, wie reif die Blutzellen sind, die er unter dem Mikroskop sieht. Wenn auffallend viele unreife Blutzellen vorhanden sind, bedeutet dies, dass das Knochenmark mehr davon produziert und früher an das Blut abgibt. Der Arzt sieht dann viele junge Zellen unter dem Mikroskop – das kann zum Beispiel bei einer Infektion oder einer Blutkrebserkrankung der Fall sein. Sind besonders viele junge Zellen zu erkennen, spricht der Mediziner von einer "Linksverschiebung".

Differenzialblutbild der Leukozyten (weiße Blutkörperchen, Erwachsene):

  • Neutrophile Granulozyten: Hier unterscheidet man die segmentkernigen reifen von den stabkernigen jungen neutrophilen Granulozyten. Die meisten neutrophilen Granulozyten im Blut sind üblicherweise die segmentkernigen – etwa 1700 bis 7200 pro Mikroliter (µl) sind normal.

41 bis 75 Prozent aller weißen Blutkörperchen (Leukozyten) sind segmentkernige, neutrophile Granulozyten.

Die stabkernigen kommen meistens bei einer sogenannten Linksverschiebung gehäuft vor. Der Normalwert für stabkernige liegt bei 150 bis 400 pro Mikroliter Blut, das sind etwa 3 bis 5 Prozent aller Leukozyten.

  • Eosinophile Granulozyten: 30 bis 410 eosinophile Granulozyten pro Mikroliter Blut sind normal. Bis zu 7 Prozent aller Leukozyten sind eosinophile Granulozyten.
  • Basophile Granulozyten: Der Normwert liegt bei 10 bis 70 basophilen Granulozyten pro Mikroliter Blut. Das heißt: Bis zu 1 Prozent der Leukozyten sind basophile Granulozyten.
  • Lymphozyten: Etwa 1000 bis 2900 Lymphozyten pro Mikroliter Blut sind normal, das heißt, dass etwa 17 bis 47 Prozent aller weißen Blutzellen Lymphozyten sind.
  • Monozyten: Das Blut des gesunden Erwachsenen enthält etwa 200 bis 800 Monozyten pro Mikroliter, das entspricht einem Anteil von 4 bis 13 Prozent an der Gesamtzahl der weißen Blutkörperchen.

Wann steigen die Leukozyten-Werte an?

Bei Infektionen und Entzündungen steigen die Leukozyten-Werte an. Das nennen Ärzte eine Leukozytose. Bei einer Infektion mit Bakterien ist dieser Verlauf typisch: Zu Beginn erhöht sich die Zahl der neutrophilen Granulozyten, dann kommen vermehrt Monozyten im Blut vor, und am Ende der Erkrankung sind zunehmend Lymphozyten und eosinophile Granulozyten vorzufinden. Mediziner sprechen von der "eosinophilen Morgenröte", wenn zum Beispiel eine Lungenentzündung ausheilt.

Neutrophile Granulozyten (Neutrophilie): Auch eine akute Infektion wie eine Blinddarmentzündung (Appendizitis) zeigt sich unter anderem durch einen – teilweise massiven – Anstieg der Leukozyten. Dasselbe trifft auf andere Entzündungen zu, wie zum Beispiel die Mandelentzündung (Tonsillitis), auf chronische Darmentzündungen und rheumatische Erkrankungen. Einige hormonelle Störungen lassen die Leukozytenzahlen ebenfalls ansteigen, beispielsweise eine Nebenschilddrüsenüberfunktion sowie ein Cushing-Syndrom (Überschuss an Cortisol). Schließlich können verschiedene Medikamente wie zum Beispiel Kortison die Leukozytenzahlen ansteigen lassen. In all diesen Fällen ist hauptsächlich die Konzentration der neutrophilen Granulozyten erhöht.

Eosinophile Granulozyten (Eosinophilie): Eosinophile Granulozyten kommen vermehrt bei Allergien und bei Parasitenbefall, zum Beispiel mit Darmwürmern, im Blut vor. Auch Leukämien (Blutkrebs) und Lymphknotenkrebs (Morbus Hodgkin) können sich durch erhöhte Konzentrationen an eosinophilen Granulozyten zeigen.

Basophile Granulozyten (Basophilie): Eine Vermehrung der basophilen Granulozyten kann unter anderem auf eine Blutkrebserkrankung hinweisen, zum Beispiel eine chronisch-myeloische Leukämie (CML).

Lymphozyten (Lymphozytose): Infektionen mit Viren lassen häufig die Lymphozyten ansteigen, etwa eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV), Cytomegalie-Virus (CMV) oder mit Hepatitis-Viren. Auch bei verschiedenen Blutkrebserkrankungen sind die Lymphozytenzahlen erhöht. Eine Erhöhung der Lymphozyten-Konzentration heißt Lymphozytose.

Monozyten (Monozytose): Zu einer Vermehrung der Monozyten kommt es bei speziellen Infektionen, zum Beispiel bei einer bakteriellen Endokarditis (Herzinnenhautentzündung), Malaria oder Tuberkulose.

Wann sind die Leukozyten-Werte zu niedrig?

Leukozyten (Leukozytopenie, Neutropenie, Agranulozytose): Da die meisten Leukozyten neutrophile  Granulozyten sind, spricht man bei einer niedrigen Leukozyten-Konzentration auch von einer Neutropenie. Infektionen mit Viren – zum Beispiel Hepatitis-Viren, dem Epstein-Barr-Virus, Masernvirus, Rötelnvirus und Influenzavirus (Influenza ist die "echte Grippe") – führen zu einer Verminderung der Leukozytenzahl. Auch verschiedene Medikamente können bewirken, dass die Zahl der Leukozyten (neutrophilen Granulozyten) im Blut sinkt – darunter zum Beispiel Antibiotika, Schmerzmittel, Blutdruckmittel wie Betablocker, Schilddrüsenblocker, Beruhigungsmittel oder Chemotherapie-Medikamente (Zytostatika). Verschiedene Krebserkrankungen, etwa akute Leukämien, können ebenfalls eine Neutropenie verursachen.

Eosinophile Granulozyten (Eosinozytopenie): Bei akuten Infektionen mit Bakterien, beim Cushing-Syndrom oder auch bei Stress sind die eosinophilen Granulozytenzahlen erniedrigt.

Lymphozyten (Lymphozytopenie): Verringerte Lymphozytenzahlen kommen vor beim Cushing-Syndrom (Cortisolüberschuss) sowie beim Morbus Hodgkin (Lymphknotenkrebs) oder bei einer Urämie (Harnstoff im Blut, bei Nierenschäden).

Monozyten: Da die Zahl der Monozyten grundsätzlich sehr niedrig ist, kann ein weiteres Absinken schwierig zu erfassen sein.

Blutbild-Messgerät

Durchflusszytometrie zur Zählung von Blutkörperchen

Labor Becker, Olgemöller & Kollegen / W&B, Bernhard Huber

Wichtig: Die Referenzwerte sowie die ermittelten Werte können sich von Labor zu Labor stark unterscheiden. Weiterhin gibt es unter Umständen starke tageszeitliche und (saisonale) jahreszeitliche Schwankungen ohne Krankheitswert. Bevor Sie sich durch abweichende Ergebnisse verunsichern lassen, bitten Sie daher Ihren Arzt, Ihnen Ihre persönlichen Daten zu erklären. Einzelne Laborwerte alleine sind zudem meistens nicht aussagekräftig. Oft müssen sie im Zusammenhang mit anderen Werten und im zeitlichen Verlauf beurteilt werden.

Fachlich geprüft von Prof. Dr. med. Michael Spannagl, Labor für Immungenetik und molekulare Diagnostik, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München


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