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Was bei einem Reizmagensyndrom hilft

Völlegefühl, Druck und brennende Schmerzen im Oberbauch – hinter solchen Beschwerden steckt manchmal ein Reizmagensyndrom. Welche Behandlungsmöglichkeiten es dann gibt

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 03.12.2020

Was versteht man unter einem Reizmagensyndrom?

Unter dem Begriff Reizmagen werden vielfältige Beschwerden im Bereich von Magen und Oberbauch zusammengefasst, die sich nicht auf eine eindeutige organische Ursache zurückführen lassen. Mediziner sprechen deshalb von einer funktionellen Störung oder einer funktionellen Dyspepsie, abgeleitet vom griechischen "dys" für Störung eine Zustands und "pepsis" für Verdauung.

Das Reizmagensyndrom gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Verdauungsapparats. "10 bis 15 Prozent der Bevölkerung geben in Befragungen die entsprechenden Symptome an", sagt Professor Andreas Stengel, Oberarzt der Abteilung Innere Medizin VI, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, am Universitätsklinikum Tübingen. "Das ist eine ähnliche Größenordnung wie beim Reizdarmsyndrom." Wie Stengel berichtet treten die beiden Krankheitsbilder auch gemeinsam auf. Und es gibt noch eine weitere Parallele. Wie das Reizdarmsyndrom betrifft auch das Reizmagensyndrom mehrheitlich Frauen. Aber auch mit einer Refluxkrankheit kann ein Reizmagensyndrom einhergehen.

Nach der Definition darf eine funktionelle Dyspepsie allerdings erst dann in Erwägung gezogen werden, wenn eines oder mehrere der krankheitstypischen Symptome innerhalb eines halben Jahres für mindestens drei Monate bestehen und organische Ursachen ausgeschossen wurden.

Ursachen: Wie kommt es zu einem Reizmagensyndrom?

Die exakten Hintergründe des Reizmagensyndroms sind nach wie vor nicht geklärt. Betroffene haben meist ein überempfindliches Nervensystem im oberen Magen-Darm-Trakt.

Forscher konnten inzwischen verschiedene Faktoren identifizieren, die dessen Entstehung begünstigen. Dazu gehören traumatische Erlebnisse in der Kindheit, psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen sowie negativ erlebter Stress und andere seelische Belastungen. Dass zwischen der der Psyche und den Verdauungsorganen eine enge Verbindung besteht, kommt nicht umsonst in der Redensart "das schlägt mir auf den Magen" zum Ausdruck. In den USA wird die funktionelle Dyspepsie zu den Störungen der Gehirn-Darm-Achse gezählt. Dazu passt das Erklärungsmodell der Hypersensitivität, nach dem die Betroffenen Reize, die Gesunde nicht spüren, als unangenehm oder gar schmerzhaft wahrnehmen – zum Beispiel die Bewegungen der Magenwandmuskulatur während und nach der Nahrungsaufnahme.

Zudem scheinen genetische Faktoren eine gewisse Rolle zu spielen. "So ganz schlau sind wir da zwar noch nicht", räumt Andreas Stengel ein. "Aber Studien belegen, dass Familienangehörige von Patienten mit Reizmagensyndrom eine erhöhtes Risiko haben, ebenfalls zu erkranken." Ein weiterer Risikofaktor sind Veränderungen des Darm-Mikrobioms, wie die Gesamtheit der Mikroorganismen im menschlichen Verdauungsapparat genannt wird. Dafür spricht, dass sich die funktionelle Dyspepsie nach Darminfektionen oder einer Antibiotika-Therapie entwickeln kann. Allerdings gelte das längst nicht immer und bei jedem, sagt Stengel. "In nächster Zeit werden wir einige Studien sehen, die diesen Zusammenhang näher beleuchten", verrät der Experte. Dass Alkohol, Rauchen und Übergewicht die Krankheitsentstehung fördern und die Beschwerden verschlimmern können, gilt hingegen schon jetzt als belegt.

Symptome: Welche Beschwerden verursacht ein Reizmagensyndrom?

Ein Reizmagensyndrom kann unterschiedliche Symptome verursachen. Bei relativ vielen Betroffenen treten die Beschwerden in erster Linie beim oder nach dem Essen zu Tage, meist in Form von Völlegefühl, Druck im Oberbauch (der sprichwörtliche Stein im Magen) und vorzeitigem Sättigungsgefühl (auch schon nach sehr kleinen Mahlzeiten). Besteht kein Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme, stehen eher Schmerzen und Brennen in der Magengegend im Vordergrund. Allerdings überlappen sich diese Beschwerdebilder häufig.

Weitere mögliche Symptome sind Sodbrennen, Aufstoßen, Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit. "Viele Patienten mit Reizmagensyndrom verlieren auch an Gewicht", sagt Andreas Stengel. "Manche fünf Kilogramm, andere zehn oder in schweren Fällen sogar noch mehr." Charakteristisch ist auch, dass die einzelnen Beschwerden mal mehr und mal weniger ausgeprägt sind und zwischenzeitlich auch ganz abklingen können. Auch Beschwerden des vegetativen Nervensystems, wie Herzstechen, Herzrasen oder vermehrtes Schwitzen können das Krankheitsbild begleiten.

Diagnose: Wie wird ein Reizmagen festgestellt?

Die funktionelle Dyspepsie ist eine Ausschlussdiagnose. Das heißt: Erst wenn sichergestellt ist, dass keine anderweitigen Krankheiten hinter den Symptomen stecken, darf von einem Reizmagen ausgegangen werden. "Gerade im Bereich des Magens beziehungsweise des Oberbauchs gibt es zahlreiche Diagnosen, an die man denken muss", sagt Andreas Stengel. "Magenschleimhautentzündung, Magengeschwür, bösartige Tumoren des Magens und der Speiseröhre, Erkrankungen der Gallenwege, der Leber oder des Darms, die auf die Region projizieren – die Liste ist lang."

Zunächst erkundigt sich der Tübinger Arzt bei den Patienten nach ihrer Krankengeschichte und den Symptomen. In dieser sogenannten Anamnese achtet er aber nicht nur auf das rein körperliche sondern auch auf psychosoziale Belastungsfaktoren. "Ich schaue, was es im Leben der Betroffenen gibt, das bei der funktionellen Dyspepsie eine Rolle spielen könnte", erläutert Stengel. Daran an schließt sich eine körperliche Untersuchung. Zur Diagnostik bei solchen unklaren Beschwerden gehören in aller Regel auch einen Magenspiegelung, ein Ultraschall des Oberbauchs und meist auch Laboruntersuchungen des Blutes. Ergeben all diese Diagnosemethoden keine auffälligen Befunde, hat sich der Verdacht auf ein Reizmagensyndrom erhärtet.

Prof. Dr. med. Andreas Stengel

Therapie: Wie wird das Reizmagensyndrom behandelt?

Ein erster und ganz wichtiger Schritt bei der Therapie der Patienten mit Reizmagensyndrom ist Information, die sogenannte Psychoedukation. Im persönlichen Gespräch erfahren die Betroffenen, dass es sich um eine funktionelle Störung handelt, welche möglichen biopsychosozialen Ursachen die Beschwerden haben, dass sich keine ernste Erkrankung dahinter verbirgt und welche Behandlungsmaßnahmen in Frage kommen. Ein medikamentöser Therapieversuch, welcher sich nach den individuellen Symptomen richtet, ist möglich. Stehen Beschwerden während und nach dem Essen im Vordergrund, eigenen sich Wirkstoffe, welche die Magenbewegungen beeinflussen (Prokinetika). Bei Schmerzen werden Magensäurehemmer oder auch Amitriptylin in niedriger Dosierung eingesetzt. "Das sind aber immer nur symptomatische Behandlungen, auf die längst nicht alle Patienten ansprechen", stellt Professor Stengel klar.

Ein bedeutender Bestandteil der Therapie besteht deshalb darin, krankheitsbegünstigende Faktoren wie Rauchen, Alkohol oder Übergewicht weitest möglich auszuschalten. Das beinhaltet auch den Umgang mit psychischen Belastungen, die Beseitigung von Konfliktsituationen und den Abbau von Stress. Genügend Schlaf, Sport, Bewegung und Entspannungstechniken wie autogenes Training helfen dabei. Für manche Betroffene ist es zudem ratsam, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen, insbesondere dann, wenn begleitend eine psychische Erkrankung vorliegt.

Die Chancen, einen Betroffenen mit Reizmagensyndrom erfolgreich zu behandeln, stehen gut – auch wenn die Symptome nicht immer vollständig verschwinden. "Entscheidend ist, dass die Beschwerden soweit in den Hintergrund treten, dass sie die Lebensqualität kaum noch oder gar nicht mehr beeinträchtigen", sagt Andreas Stengel. "So lautet das Therapieziel, das sehr häufig auch erreicht wird."