Januar: China meldet einen neuen Krankheitserreger

Diese Nachricht zu Jahresbeginn wird die Welt verändern: In der chinesischen Metropole Wuhan sind 44 Menschen an einer schweren Lungenentzündung erkrankt. Ursache unbekannt. Das meldet die chinesische Regierung zu Silvester der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Bereits eine Woche später zeigen chinesische Forscher: Ein neuartiges Coronavirus ist der Verursacher. Man vermutet, dass Tiere es übertragen. Kurz darauf gibt es den ersten Test auf Infektionen. "Damit ist ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung des neuen Virus getan." Man könne nun klären, ob sich Menschen untereinander anstecken, sagt Professor Christian Drosten. Sein Team hat an der Charité Universitätsmedizin Berlin den Test entwickelt.

Die Antwort kommt prompt. Zum Monatsende sind in China fast zehntausend Menschen erkrankt und über zweihundert gestorben. Eine Chinesin bringt das Virus per Flugzeug nach Oberbayern, steckt dort einen Arbeitskollegen an. Es ist der erste bekannte Fall in Deutschland. 15 weitere Personen infizieren sich. Alle werden isoliert, sodass sich das Virus nicht verbreitet.

Februar: Das Coronavirus erobert Deutschland

Während die Narren und Jecken Karneval feiern, erobert das Coronavirus die Region. Im Kreis Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) infizieren sich bei einer einzigen Karnevalssitzung 300 Menschen, ergeben spätere Analysen. Und: Die meisten erleiden keine oder nur typische Erkältungssymptome. Doch sie sind ansteckend für andere, selbst wenn sie nur Virusträger sind. Der Erreger hat daher leichtes Spiel, sich zunächst unbemerkt zu verbreiten.

Ab dem Monatsende wird der Kreis Heinsberg zum ersten Corona-Hotspot in Deutschland, dem Zentrum eines großen Ausbruchs. In den folgenden Wochen füllen sich die Krankenhäuser der Region mit schwer kranken Patienten. Professor Gernot Marx erinnert sich: "Ich hatte anfangs zwei große Sorgen: Wird es gelingen, alle Patienten gut zu versorgen, und schaffen wir es, unsere Mitarbeiter vor einer Infektion zu schützen?", sagt der Leiter der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. "Unsere Verwaltung arbeitete Tag und Nacht, um die nötige Schutzausrüstung zu beschaffen."

Die Anzahl der Intensivbetten wird kräftig aufgestockt. Zum Glück gibt es viel weniger Schwerkranke als befürchtet. Die Krankenhäuser sind nur vereinzelt überlastet. Denn es gelingt, die Anzahl der täglich Neuinfizierten schnell zu senken. Dazu werden Schulen, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen geschlossen und rund tausend Menschen in häusliche Quarantäne geschickt.

März: Die Pandemie zwingt zu Beschränkungen

So etwas hat noch keiner von uns erlebt: Staaten schotten sich ab und schränken die Kontakte ihrer Bürger drastisch ein. Dem Ausruf der Pandemie am 11. März durch die WHO folgt der Lockdown in vielen Ländern. Deutschland reagiert mit Abstands- und Hygieneregeln, dem Schließen vieler Betriebe und Einrichtungen. Unternehmen schicken ihre Angestellten massenweise in das Homeoffice. Die Maßnahmen greifen. Zur Monatsmitte wird das Maximum von täglich über 6000 Neuinfizierten erreicht, dann ebbt die Welle ab.

April: Wir reagieren früh und haben Glück

Deutschland kommt glimpflich davon. Intensivbetten bleiben leer, die Zahl der Schwerkranken niedrig. Bis Monatsende sind knapp 6300 Menschen an Covid-19 gestorben. Zum Vergleich: Frankreich und Italien zählen bis dahin je viermal so viele Opfer. Drosten mahnt dennoch zur Vorsicht.

"Wir haben nichts besonders gut gemacht, wir haben nur ungefähr vier Wochen früher reagiert als andere Länder", wird der Virologe im September sagen. Deutschland hat rechtzeitig hohe Testkapazitäten aufgebaut. Das hilft, viele Infizierte frühzeitig zu finden, zu isolieren und zu behandeln, bevor sie schwer erkranken. Und wir haben Glück. Das Coronavirus erobert erst im zweiten Anlauf Deutschland. Damit gewinnen wir zusätzliche Zeit.

Mai: Ab jetzt ist die Atemmaske immer dabei

Viele halten es für übertrieben, als Jena Anfang April die Maskenpflicht einführt – als erste Stadt in Deutschland. Doch nach und nach folgen alle Bundesländer dem Beispiel. Auch wenn viele Experten den Schutzeffekt damals noch infrage stellen. Inzwischen gibt es Belege, dass Alltagsmasken das Risiko einer Ansteckung senken.

Professor Klaus Wälde von der Universität Mainz hat die Effekte der Maskenpflicht analysiert. "Sie führte über alle Regionen hinweg zur Halbierung der täglichen Neuinfektionen", fasst der Volkswirt seine Ergebnisse zusammen. Auch rein wirtschaftlich betrachtet, sind sie sinnvoll. "Masken kosten für jeden rund 30 Euro im Monat." Und damit lassen sich die viel größeren Einbußen durch Corona-bedingte Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit vermeiden.

Juni: Unruhe nach Ausbruch in Fleischfabrik

Nur ein paar hundert Neuinfizierte täglich in ganz Deutschland. Ein entspannter Monat. Doch der Ausbruch in einer Fleischfabrik in Nordrhein-Westfalen erinnert daran, dass wir das Coronavirus auf absehbare Zeit nicht wieder loswerden.

Eine Analyse zeigt: Ein Mitarbeiter hat Kollegen über eine Distanz von acht Metern hinweg infiziert, die Viren haben sich dabei, gebunden an kleine Wassertröpfchen als sogenannte Aerosole verbreitet. Und: Die anstrengende Arbeit des Fleischzerlegens bei 10 Grad Celsius, kombiniert mit der konstant umgewälzten verbrauchten Luft, schafft optimale Bedingungen, um sehr viele Menschen auf einmal zu infizieren.

Juli: RKI-Präsident warnt vor zweiter Welle

Millionen Menschen genießen ihre Sommerferien. Viele bleiben in Deutschland, doch auch Reisen ins europäische Ausland sind wieder möglich. Die Corona-Infektionen bleiben bundesweit auf einem niedrigen Niveau. Trotzdem warnt Professor Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, vor einer zweiten Infektionswelle.  Sorge bereite ihm der Anstieg der Infektionen auf Familienfeiern, in Arbeitsstätten und in Altenheimen.

August: Heimkehrer treiben Infektionszahlen in die Höhe

Beliebte Urlaubsziele im Ausland werden wieder zu Corona-Risikogebieten. Ab dem 8. August gilt für Heimkehrer aus solchen Regionen eine Testpflicht. Bayern bietet sogar allen Heimkehrern kostenlose Tests an. Es kommt zur Panne. 44 000 Ergebnisse können tagelang keiner Person zugeordnet werden. 900 Menschen erfahren verspätet, dass sie infiziert sind. Ob sie zwischendurch andere anstecken, ist unbekannt.

Fest steht: Heimkehrer treiben die Corona-Infektionen in Deutschland in die Höhe. In den letzten drei Augustwochen haben sich über 40 Prozent der Neuinfizierten im Ausland angesteckt, meldet das RKI.

September: Lüften weht die Erreger zum Fenster hinaus

Nun sind die Sommerferien in allen Bundesländern vorbei. Einige Kinder betreten erstmals seit einem halben Jahr wieder ihr Schulgebäude. Lüften wird nun zur wichtigen Maßnahme, um Infektionen durch Aerosole zu unterbinden. Das Umweltbundesamt rät, im Winter die Fenster alle 20 Minuten lang für drei bis fünf Minuten weit zu öffnen.

Zum Monatsende verständigen sich Bund und Länder darauf, das Lüften auch in die allgemeinen Verhaltensempfehlungen aufzunehmen: als einfache und billige Maßnahme gegen Corona-Infektionen in der kalten Jahreszeit, wenn sich die Menschen vermehrt drinnen aufhalten.

Oktober: Die zweite Welle kommt mit voller Wucht

Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf", sagt Professor Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, bei der Krisensitzung mit den Länderchefs im Kanzleramt zur Monatsmitte. Anlass: Die Zahl der Infizierten steigt ebenso steil wie im März. Bund und Länder verständigen sich auf eine verschärfte Maskenpflicht, nächtliche Sperrstunden und eine eingeschränkte Teilnehmerzahl bei Feiern.

In einem Fernsehinterview kurz darauf macht Meyer-Hermann keinen Hehl daraus, dass er das für unzureichend hält. "Wir sollten auch kleinere Feiern jetzt nicht unbedingt machen und jeder, der seine Reise nicht unbedingt machen muss, sollte auch einfach mal zuhause bleiben."  Denn werde der sich beschleunigende Anstieg nicht gestoppt, bleiben nur weitere Ausgangsbeschränkungen.

Ein Jahr mit Corona

Am 28. Oktober sehen sich Bund und Länder schließlich dazu gezwungen, drastische Maßnahmen zu verordnen. Kindergärten und Schulen blieben diesmal allerdings offen.

November: Wieder neue Beschränkungen

Wir können gar nicht mehr alles abarbeiten bei den steigenden Fallzahlen", sagt Dr. Ute Teichert. Sie kennt sehr gut die aktuelle Lage in den Gesundheitsämtern: "Wir arbeiten im Schichtbetrieb rund um die Uhr", sagt die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Dienst am Wochenende und Urlaubssperren gehören schon seit Monaten zum Alltag der Mitarbeiter.

Dabei gibt es Unterstützung durch Soldaten, Studenten und weitere Mitarbeiter. Sie helfen dabei, Kontaktpersonen von Infizierten zu finden, um weitere Ansteckungen möglichst zu unterbinden. Wer einem Infizierten 15 Minuten lang näher als 1,5 Meter gekommen ist, wird vorsorglich für zwei Wochen in Quarantäne geschickt, wenn nötig auf seinen Gesundheitszustand überprüft und gegebenenfalls getestet.

Doch wenn sich zu viele Menschen auf einmal infizieren, ist diese Aufgabe der Eindämmung nicht mehr zu bewältigen. Das zeigt eine Umfrage des Datenrechercheteams der Apotheken Umschau bei allen 401 Gesundheitsämtern und -behörden in Deutschland. 175 Ämter lieferten verwertbare Antworten. Mehr als ein Viertel (45) gaben an: Enge Kontaktpersonen können nicht mehr zeitnah informiert werden.

Der Beschränkungen sollen also auch den Gesundheitsämtern helfen, die Lage wieder in den Griff zu bekommen.  Denn je weniger Menschen sich im kommenden Monat infizieren, desto größer stehen die Chancen, unbeschwert mit der Familie Weihnachten zu feiern.

Dezember: Das Virus mutiert, trotzdem gibt es einen Lichtblick

"Es stehen uns schwere Wochen bevor, wir wollen sie nicht noch schwerer machen", sagt Professor Lothar Wieler am 22. Dezember. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts meldet besorgniserregende Zahlen: Mehr als 5000 Covid-19-Patienten kämpfen auf Deutschlands Intensivstationen um ihr Leben. Jeden Tag sterben Hunderte Menschen an den Folgen der Erkrankung. Und auch die Anzahl der Neuerkrankten in den letzten sieben Tagen hat einen neuen Höchststand seit Beginn der Pandemie erreicht: Mit bundesweit fast 200 Infizierten pro 100000 Einwohnern.

Die verschärften Einschränkungen gut eine Woche zuvor haben also (noch) nicht gegriffen: Geschlossene Kindergärten, Schulen, Restaurants, Hotels und Läden. Mit den Feierlichkeiten um Weihnachten könnte sich die angespannte Lage weiter zuspitzen, befürchtet Wieler.

"Verreisen Sie nicht! Treffen Sie möglichst wenige Menschen, und wenn, dann immer dieselben", lauten seine dringenden Bitten an uns alle. Denn das Virus lebt von unseren Kontakten. Eine Variante, die sich derzeit in England verbreitet, könnte es noch schwerer machen, die Anzahl der Infektionen zu senken – sofern sich bestätigt, dass sie infektiöser ist als die bislang zirkulierenden Viren. Um zu verhindern, dass sich die neue Variante auch in Deutschland verbreitet, wurde der Passagier-Flugverkehr aus Großbritannien in der Nacht zum 21. Dezember vorsorglich eingestellt.

Doch an diesem Tag gibt es auch den lang erhofften Lichtblick: Der erste Corona-Impfstoff wird in der Europäischen Union zugelassen. Nach den vorläufigen Daten schützt er zu 95 Prozent vor einer Erkrankung. Bis Ende Januar könnten bundesweit vier Millionen Dosen verimpft sein: An Alte, Pflegebedürftige und weitere Personengruppen, die den Immunschutz am dringendsten benötigen.