Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist ursprünglich am 7. Juni 2022 entstanden. Er wird fortlaufend mit den neuesten Zahlen aktualisiert.

Die nächsten Coronavarianten breiten sich in Deutschland aus und sind neu und vertraut zugleich. BA.4 und BA.5 heißen die Varianten, die seit April in Deutschland zunehmend Fuß fassen. Sie sind Unterformen der mittlerweile bekannten Omikron-Variante, die bereits seit Anfang des Jahres das Geschehen dominiert.

Wie verbreitet sind BA.4 und BA.5 in Deutschland?

Laut dem Covid-19-Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 23. Juni ist nun die Untervariante BA.5 in Deutschland vorherrschend. Der Anteil an Neuinfektionen mit BA.5 lag im Zeitraum vom 06. Juni bis 12. Juni bei 49,7 Prozent. Vorher war monatelang die Untervariante BA.2 dominant gewesen. Ihr Anteil lag im genannten Zeitraum bei 44,1 Prozent. Auch die Neuinfektionen mit der Untervariante BA.4 sind leicht gestiegen, auf 5,8 Prozent. Insgesamt kommen BA.4 und BA.5 also auf 55,5 Prozent. In der Woche zuvor lag der Anteil der beiden Varianten noch bei 27,9 Prozent, eine weitere Woche zuvor waren es 13,7 Prozent. Damit verdoppeln sich die Werte wöchentlich.

Die Omikron-Varianten im Raum München

Die große süddeutsche Laborgemeinschaft Becker fand bei einer Analyse der Tests in ihren verschiedenen Standorten bereits einen noch höheren Anteil für BA.4 und BA.5. Grund ist, dass dem Labor bereits aktuellere Daten vorliegen. So liegt im Raum München der Anteil von BA.4/BA.5 im Zeitraum vom 20. bis 26. Juni bei gut 72 Prozent.

Dass die bayerische Laborgemeinschaft der Analyse des RKI zeitlich etwas voraus ist, liegt unter anderem daran, dass das Labor eine bestimmte Kombination von Tests anwendet, die relativ schnell Ergebnisse liefern. Dabei wird nicht zeitaufwändig das ganze Virusgenom analysiert, sondern es werden jeweils nur solche Stellen im Genom untersucht, die für die jeweiligen Varianten charakteristisch sind. Hinzu kommt, dass die Daten alle aus den Laboren von Becker stammen und nicht erst von vielen unterschiedlichen Laboren gemeldet werden müssen.

Vieles deutet darauf hin, dass künftige Daten des RKI die von Becker gefundene Tendenz für ganz Deutschland bestätigen werden.

Welche Einflüsse spielen bei der Verbreitung eine Rolle?

Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer von Becker, beobachtet den Anstieg der Verbreitung neuer Varianten seit Beginn der Pandemie genau. Auch er beurteilt die Lage so, dass BA.4 und BA.5 auf dem Vormarsch sind – allerdings breiten sie sich Durner zufolge weniger schnell aus als manch frühere Variante. „Klar, die Zahlen steigen, aber erst seit kurzem. BA.4 und BA.5 waren bereits einige Wochen aktiv“, sagt Durner. Derzeit führten aber auch saisonale Einflüsse, insbesondere das sonnige Wetter, zu einem unklareren Bild. „Die Verbreitung insgesamt ist dadurch eingeschränkt“, sagt Durner.

Dass sich die neuen Varianten – die sich beide recht ähnlich sind – ausbreiten, schlägt sich auch in den täglichen Zahlen der Neuinfektionen nieder: Gingen diese in den letzten zwei Monaten tendenziell zurück, ist es in den Tagen vor Pfingsten sogar zu einem leichten Anstieg gekommen. Hält diese Entwicklung an, könnte sie den Sommer trüben. Doch Grund zur großen Sorge besteht aktuell noch nicht, wenn man betrachtet, was bisher über BA.4 und BA.5 bekannt ist.

Wie gefährlich sind die neuen Virusvarianten?

Die Variante BA.5 hat laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) einen Verbreitungsvorteil gegenüber der BA.2-Variante von 13 Prozent. Dieser Vorteil bei der Ausbreitung ist dem ECDC zufolge aller Wahrscheinlichkeit nach auf einen besseren Fluchtmechanismus gegenüber den Schutzmechanismen des menschlichen Immunsystems zurückzuführen. Vermutlich können BA.4 und BA.5 vor allem effizient den Immunschutz umgehen, den eine alleinige vorangegangene BA.1-Infektion gebracht hat.

Der Wachstumsvorteil war Grund genug, dass viele wichtige Gesundheitsbehörden, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die britische UK Health Security Agency (UKHSA) und auch die ECDC empfehlen, die neuen Varianten weiter zu beobachten und auch gegebenenfalls Auffrischungsimpfungen zu erwägen.

Aber – und das ist die gute Nachricht – das ECDC schreibt auch: „Es gibt aktuell keine Anzeichen dafür, dass BA.4 und BA.5 im Verlauf irgendwelche Unterschiede zeigen gegenüber vorigen Omikron-Varianten.“ Das heißt, der Krankheitsverlauf ist nicht schwerer als bei der in Deutschland monatelang dominanten Variante BA.2.

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Wie verbreitet sind BA.4 und BA.5 im Ausland?

Schaut man in die Länder, in denen BA.4 und BA.5 schon seit Wochen dominieren oder zumindest häufiger vorkommen, dann passen die Entwicklungen dort zu diesen Einschätzungen. In Südafrika etwa, wo BA.4 und BA.5 zuerst entdeckt wurden, sind diese Varianten seit April dominant. Die Zahl der Neuinfektionen ist gestiegen – die Zahl der Krankenhauseinweisungen hingegen hat sich kaum verändert.

Auch Portugal wird seit kurzem von der Variante BA.5 dominiert, im Zuge dessen haben sich die Neuinfektionen in den letzten Wochen mehr als verdoppelt – und das, obwohl der Sommer beginnt und die Menschen sich zunehmend draußen aufhalten. Hier ist allerdings die Zahl der Krankenhauseinweisungen beunruhigender: Sie steigt seit kurzem auch deutlich an, wenngleich prozentual weniger steil als die Neuinfektionen.

Auch in anderen Ländern wurden BA.4 und BA.5 bereits entdeckt – darunter in Dänemark, den USA, Österreich und Großbritannien. Der Anteil an den Neuinfektionen mit BA.4 und BA.5 ist dort jedoch meist sehr gering. Aktuell wurden die Varianten bereits in 45 Ländern weltweit gefunden.

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Sommerwelle mit BA.4 und BA.5?

Aber welchen Unterschied macht es überhaupt, ob nun diese beiden Varianten dominieren oder BA.2? Steigen die täglichen Zahlen an Neuinfektionen dann noch einmal deutlich an?

Die seit einigen Wochen anteilig zunehmenden Omikron-Sublinien sind nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts derzeit bereits dominierend. „Das starke Wachstum von BA.4 und insbesondere BA.5, aber auch BA.2.12.1, lässt darauf schließen, dass diese Varianten aktuell bereits die Mehrzahl der Nachweise ausmachen“, heißt es im RKI-Wochenbericht zu Sars-CoV-2 vom 16. Juni. Es stützt sich auf Auswertungen zu Virusvarianten.

Damit ist klar: „Die angekündigte Sommerwelle ist leider Realität geworden. Das bedeutet auch für die nächsten Wochen wenig Entspannung“. Das sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach der „Rheinischen Post“.

Wie geht es mit Corona weiter?

Das Robert Koch-Institut erwartet auch für die nächste Zeit weiter steigende Fallzahlen, wie Vizepräsident Lars Schaade sagte. Jede Welle habe bei jungen und mittleren Altersgruppen begonnen. „Das ist auch diesmal so.“ Sie pflanze sich dann fort, und es kämen auch wieder mehr Menschen aus Risikogruppen mit Covid in Kliniken und auf Intensivstation. Gründe für den Trend seien das Ende vieler Schutzauflagen und dass die Variante BA.5 sich noch schneller ausbreite als bisherige.

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„Die gute Nachricht ist, dass es derzeit keine Hinweise darauf gibt, dass BA.5 zu schwereren Erkrankungen führt als die anderen Omikron-Varianten“, erläuterte Schaade.

Die grundsätzliche Tendenz, die bereits seit Anfang des Jahres besteht, scheint sich also fortzusetzen: Neue Varianten tauchen auf, die ansteckender sind, aber nicht gefährlicher – und das vor dem Hintergrund, dass das Immunsystem der Menschen durch die Corona-Impfungen und Infektionen zunehmend vertraut wird mit dem Virus. Damit wird das Coronavirus zunehmend endemisch: SARS-CoV-2 dürfte uns zwar weiter begleiten, aber die Gesellschaft wird es vermutlich nicht mehr so oft in Ausnahmesituationen führen.

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