Eine Diabetes-Diagnose ist für Betroffene oft ein Schock. Dabei ist sie nicht selten, im Gegenteil: Rund 1600 Menschen erhalten sie täglich. Insgesamt gibt es in Deutschland fast sieben Millionen Menschen, die mit erhöhten Blutzuckerwerten zu kämpfen haben. Die häufigste Form: Diabetes Typ 2, der sich meist ab der zweiten Lebenshälfte entwickelt.

„Seit den letzten Jahren steigt aber auch die Zahl jüngerer Betroffener deutlich“, warnt Dr. Karin Schlecht, Hausärztin und Diabetologin aus Eisenach. Einer der Hauptgründe: das Überangebot an zuckerhaltigen Lebensmitteln. „Das ist Gift für die Gesellschaft“, betont auch Apotheker Hans Peter Dethlefs aus Oldenburg. Um die Blutzuckerwerte zu senken, spielt der Lebensstil eine Schlüsselrolle. Doch wie gelingt das? Was müssen Neu-Diabetiker jetzt wissen?

„Zuckerkrank“ - was bedeutet das eigentlich?

Jeder Mensch hat Zucker im Blut. Der meiste stammt aus den Kohlenhydraten in der Nahrung. Er wird dann in die Körperzellen geschleust und liefert ihnen Energie. Dafür zuständig ist das Hormon Insulin, das von Betazellen in der Bauchspeicheldrüse produziert wird. Beim Typ 2 sprechen die Zellen aber schlechter auf Insulin an, sie entwickeln eine Insulinresistenz. Um diese zu überwinden, produzieren die Betazellen mehr Insulin. Mit der Zeit erschöpfen sie jedoch, die Insulinproduktion sinkt.

„Neben einer erblichen Veranlagung ist massiv der Lebensstil dafür verantwortlich“, so Schlecht. Häufige Ursachen sind ein durch Fehlernährung bedingtes Übergewicht und Bewegungsmangel. Auch Schlafmangel, Stress und Rauchen spielen eine Rolle. Die Folge: Der Zucker staut sich in den Blutgefäßen – und schädigt sie. Daher drohen gefährliche Folgen wie Netzhautschäden, Nierenversagen, Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Infografik: Das läuft bei Typ-2-Diabetes im Körper schief

Darf ich nur noch spezielle Lebensmittel essen?

Nein. Entscheidend ist es, sich gesund und ausgewogen zu ernähren – und vor allem: Zucker zu meiden. Dieser ist die Wurzel des Übels. „Zucker lässt den Blutzuckerspiegel steigen und führt zu einer starken Insulinausschüttung“, erklärt Apotheker Dethlefs. Das fördert Übergewicht und seine Folgen wie Bluthochdruck. Besonders schädlich: gezuckerte Getränke, da gelöster Zucker schnell ins Blut flutet und die Insulinantwort verstärkt. Auch bei Fertiggerichten auf den Zuckergehalt achten. Zudem stark verarbeitete Kohlenhydrate – vor allem Weißmehlprodukte wie Brötchen oder Kekse – reduzieren, diese werden im Darm schnell zu Zucker zerlegt.

„Der viele Zucker in den Lebensmitteln ist Gift für die Gesellschaft“: Hans Peter Dethlefs, Apothekeninhaber aus Oldenburg

„Der viele Zucker in den Lebensmitteln ist Gift für die Gesellschaft“: Hans Peter Dethlefs, Apothekeninhaber aus Oldenburg

Ein wirksamer Schritt: Möglichst oft selbst kochen – am besten mit viel Gemüse, wenig Fleisch und ballaststoffreichen Beilagen wie Vollkornreis, -nudeln sowie Hülsenfrüchten. Viele Krankenkassen bieten kostenlose Kurse zu gesunder Ernährung an.

Mehr Bewegung: Wie schaffe ich das?

Neben einer gesunden Ernährung lautet die beste Waffe gegen Diabetes Typ 2: Bewegung. Denn körperliche Aktivität wirkt der Insulinresistenz entgegen und sorgt dafür, dass der Zucker schneller in die Zellen gelangt. Zudem verbessert Bewegung Blutdruck- und Blutfettwerte und baut Stress ab – ebenfalls ein Risikofaktor für Diabetes. Wer aktiv ist, braucht daher oft weniger Medikamente.

Versuchen Sie, mindestens fünfmal pro Woche 30 Minuten körperlich aktiv zu werden. Effektiv sind etwa zügiges Spazierengehen, Nordic Walking, Schwimmen oder Radfahren. Und trainieren Sie einmal in der Woche Ihre Muskelkraft. Alternativ ist auch die 10 000 Schritte-pro-Tag-Regel empfehlenswert. Ein Schrittzähler motiviert! Natürlich muss nicht alles von heute auf morgen gelingen. Fangen Sie langsam an: Es reicht zum Beispiel, zunächst zehn Minuten flott zu gehen und dabei leicht ins Schwitzen zu kommen. Dann probieren Sie Woche für Woche mehr. Jeder Schritt zählt!

Abnehmen: Wie geht das am besten?

Übergewicht ist eine der Hauptursachen für Typ-2-Diabetes – vor allem wenn sich das Fett im Bauch ansammelt. Es bildet Boten- und Entzündungsstoffe, die Blutzucker und Blutdruck erhöhen. Um langfristig abzunehmen, ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung entscheidend. Diabetologin Schlecht rät außerdem: „Essen Sie drei Hauptmahlzeiten und snacken Sie nicht zwischendurch.“ Zum einen treiben die Zwischenmahlzeiten den Blutzucker und damit den Insulinspiegel ständig in die Höhe – das verhindert den Fettabbau. Zum anderen fielen die „Snacks“ oft zu üppig aus.

Eine gute Möglichkeit, Gewicht zu verlieren, kann auch Intervallfasten sein, sagt Schlecht. Dabei legt man zwischen den Mahlzeiten längere Pausen ein. Bei der 16:8-Form isst man 16 Stunden nichts, zum Beispiel zwischen Abendbrot und Mittag am nächsten Tag. Dadurch sinkt unter anderem der Insulinspiegel im Blut. Trinken ist in den Pausen aber natürlich erlaubt: möglichst Wasser und ungesüßte Getränke wie Früchtetee.

Frau misst ihren Bauchumfang

Abnehmen mit Typ-2-Diabetes

Durch den Abbau von Übergewicht lässt sich ein Typ-2-Diabetes messbar lindern und in einigen Fällen sogar heilen. Betroffene sollten sich aber nicht mit Hungerkuren oder Crash-Diäten quälen. Auf Dauer

Behandelt mich mein Hausarzt oder soll ich zum Diabetologen?

Betroffene werden in der Hausarztpraxis bestens betreut. Alle drei bis sechs Monate wird der Blutzucker und Langzeit-Wert (HbA1c) gemessen. Er verrät, wie hoch die Werte der letzten acht bis zwölf Wochen im Schnitt waren. Bei Bedarf wird die Medikamentendosis angepasst. Bessern sich die Werte nicht, kann der Patient an einen Diabetologen überwiesen werden.

Welche Untersuchungen sind wichtig?

Erhöhte Blutzuckerwerte fördern Schäden der großen und kleinen Gefäße und können so zu Durchblutungsstörungen führen. In der Regel wird die Hausärztin oder der Hausarzt daher mindestens einmal im Jahr die Nierenwerte prüfen, Herz und Kreislauf untersuchen und die Fußnerven testen.

Wichtig ist auch, früh nach der Diagnose die Augen untersuchen zu lassen. Bevor ein Typ-2 Diabetes erkannt wird, besteht er oft schon unbemerkt viele Jahre. Eventuell ist die Netzhaut bereits geschädigt. Zudem: mindestens einmal jährlich zur Zahnkontrolle, da sich Diabetes und Parodontitis gegenseitig verstärken können. Welche Untersuchungen regelmäßig nötig sind, besprechen Sie am besten mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Was bringt eine Schulung?

Nach der Diagnose stehen viele Fragen an – etwa zur Ernährung oder den Zuckerwerten. Professionellen Rat finden Sie in Schulungen. Diese werden von Diabetes-Schwerpunktpraxen oder Kliniken angeboten. Fragen Sie in Ihrer Hausarztpraxis oder bei Ihrer Krankenkasse nach. Manche Schulungen richten sich gezielt an Typ-2-Diabetiker, die mit Tabletten behandelt werden, andere an solche, die Insulin brauchen.

Tipp: Lassen Sie sich von Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt in ein Chroniker-Programm (DMP) einschreiben. Das ist für Betroffene kostenlos. Damit bekommen Sie alle nötigen Kontrolluntersuchungen, die Krankenkasse zahlt auch die Schulungen.

Vorsorge nach Plan

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Disease-Management-­Programme ­sollen die Behandlung chronisch ­Kranker verbessern. Teilnehmen lohnt sich — gerade bei Diabetes

Wie oft muss ich meinen Blutzucker messen?

Anfangs ist es sinnvoll, den Blutzucker häufiger selbst zu messen, sagt Dethlefs. „Man bekommt ein Gefühl dafür, wie gut die Therapie anschlägt und welche Lebensmittel den Blutzucker besonders ansteigen lassen.“ Generell hängt es von der Therapie ab, wie oft das Messen nötig ist. Klären Sie das mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

„Spritzt jemand kein Insulin und hat ein geregeltes Essverhalten, reicht es teils, einmal im Monat ein Tagesprofil zu machen“, so Schlecht. Gemessen wird dann vor jeder Hauptmahlzeit sowie zwei Stunden danach und vor dem Schlafengehen. Das nötige Equipment erhält man in der Apotheke, ebenso wie kostenlose Diabetes-Tagebücher. „Wir beraten die Patientinnen und Patienten ausführlich und erklären, wie das Messen abläuft“, so Dethlefs. Die Krankenkasse bezahlt Gerät und Teststreifen nur unter bestimmten Bedingungen – etwa wenn man Insulin spritzt oder die Therapie beginnt.

Video: Richtig Blutzucker messen

Muss ich Medikamente nehmen?

Die Ärztin oder der Arzt legt zusammen mit dem Betroffenen Blutzucker-Zielbereiche fest. Häufig liegen diese vor dem Essen bei 100 bis 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l). Um diese zu erreichen, wird oft zusätzlich ein Medikament gegeben. „Es gibt verschiedene Diabetesmedikamente, die man als Tabletten einnehmen kann und die sehr wirksam sind“, so Dethlefs.

Das Mittel erster Wahl sei Metformin. Es bewirkt, dass die Leber weniger Traubenzucker produziert, der Darm weniger Zucker aus der Nahrung aufnimmt und Körperzellen wieder besser auf Insulin ansprechen. Zudem droht keine Gefahr der Unterzuckerung. Welcher Wirkstoff infrage kommt, hängt von Verschiedenem ab – etwa davon, ob er sich mit anderen Arzneien verträgt. Diabetologin Schlecht: „Die Therapie kann jederzeit geändert werden.“ Medikamente können wieder zurückgefahren, aber auch erhöht oder verändert werden.

Medikamente bei Typ-2-Diabetes

Medikamente gegen Typ-2-Diabetes

Beim Thema Blutzuckersenker setzen Ärzte auf eine ganz individuelle Strategie, denn jeder Patient ist anders. Doch welche Mittel gibt es überhaupt? Und was können sie?

Und was ist mit Insulin?

Eine Insulintherapie spielt bei Typ-2-Diabetes zunächst nur selten eine Rolle. Das ändert sich aber womöglich im Laufe der Jahre. Denn mit fortschreitendem Alter schüttet die Bauchspeicheldrüse weniger Insulin aus. Dann können sich trotz aller Maßnahmen die Zuckerwerte verschlechtern, die Tabletten nicht mehr ausreichend gut wirken. Meist reicht es schon, zusätzlich zu den Tabletten einmal täglich ein lang wirkendes Insulin zu spritzen. Es wirkt über viele Stunden und deckt den Grundbedarf des Körpers an Insulin.

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