Baby und Familie

Nachdem im Mai 2021 ein Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren zugelassen wurde, gibt es nun auch einen Impfstoff gegen Covid-19 für Kinder von 5 bis 11 Jahren. Entwickelt wurde dieser von Biontech und Pfizer. 

Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Corona-Impfung Kindern von fünf bis elf Jahren mit Vorerkrankungen und Kontakt zu Risikopatienten. Gesunde Kinder können auf Wunsch und nach ärztlicher Aufklärung geimpft werden.

Eltern mit Kindern der Altersgruppe von 5 bis 11 haben vermutlich unzählige Fragen im Kopf: Soll ich mein Kind gleich impfen? Oder gar nicht? Was sind die Nebenwirkungen? Hier finden Sie Einschätzungen.

Wie ist die Datenlage zur Impfung für Fünf- bis Elfjährige?

„Bisher können wir nur auf die zu Verfügung gestellten Daten des Herstellers zurückgreifen. Es gibt noch keine ausreichend repräsentative Erfahrung aus anderen Ländern“, so der Kenntnisstand von Dr. Martin Terhardt, Kinder- und Jugendarzt in Berlin und Mitglied der Stiko. Die bestehenden Daten aus den USA und Israel weisen laut Dr. Jakob Armann, Kinderarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin des Uniklinikums Dresden, bisher keine besorgniserregenden Nebenwirkungen auf. „Allerdings sind dies Daten nach der ersten Impfung, da die zweiten Impfungen erst seit etwa 2 Wochen in dieser Altersgruppe verabreicht werden“, fügt er hinzu. Seit Anfang November 2021 haben mehr als 5 Millionen Kinder in den USA im Alter zwischen 5 und 11 Jahren eine Impfung erhalten. Die Zweitimpfungen haben erst begonnen. Damit fehlt es der STIKO bisher an der sicheren Datenbasis und nötigen Nachbeobachtungszeit für eine generelle Impfempfehlung.

Klar ist, dass die Impf-Dosis bei 10 Mikrogramm liegt und damit einem Drittel der Impfdosis von Erwachsenen entspricht. Die Nebenwirkungen sind wohl vergleichbar mit denen bei Jugendlichen und Erwachsenen und umfassten zum Beispiel Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder Kopfschmerzen. Ob und wie häufig seltenere Komplikationen wie Herzmuskelentzündungen vorkommen, bleibt noch abzuwarten. Dafür reicht nach Einordnung von Stiko-Mitglied Martin Terhardt die Zahl der Studienteilnehmer noch lange nicht aus. Eine Herzmuskelentzündung aufgrund der Impfung heilt aber meist unkompliziert ab. Zudem kann auch eine Covid-19-Erkrankung eine Herzmuskelentzündung auslösen.

Welche Kinder sollten sich zeitnah impfen lassen?

Für den Dresdner Kindermediziner Dr. Jakob Armann gibt es eindeutige Risikogruppen bei Kindern im Alter zwischen 5 und 11 Jahren. Sie haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf. Bei diesen Kindern ist er sehr froh, wenn sie sich impfen lassen können: „Anhand der aktuellen Datenlage zu Akutverläufen im Kindesalter zählen Kinder mit Trisomie 21 zur Risikogruppe. Außerdem zählen Kinder mit angeborenen Immundefekten und Kinder mit zyanotischen Herzfehlern dazu.“ Auch Kinder mit schwerem Asthma bronchiale sollten laut Prof. Jörg Dötsch der Uniklinik Köln „(...) unbedingt geimpft werden“. Das teilte er in einer Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach (SPD) mit. Dötsch ist Teil des 19-köpfigen Corona-Expertenrats der Bundesregierung.

In der wissenschaftlichen Veröffentlichung der STIKO vom 17.12.2021 gibt es außerdem eine konkrete Listung von Vorerkrankungen. Die Impfempfehlung gegen Covid-19 richtet sich explizit an Kinder im Alter von 5 bis 11, die zu dieser Risikogruppe gehören.

  •  Fettleibigkeit (>97.Perzentile des BMI) 

  • Angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression
  • Angeborene zyanotische Herzfehler (O2-Ruhesättigung <80%) und Einkammerherzen nach Fontan-Operation 

  • Chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion unterhalb der 5.Perzentile, definiert als z-ScoreWert <–1,64 für die forcierte Einsekundenkapazität (FEV1) oder Vitalkapazität (FVC).
  • Schweres oder unkontrolliertes Asthma bronchiale
  • Chronische Nierenerkrankungen
  • Chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen
  •  Diabetes mellitus, wenn nicht gut eingestellt bzw. mit HbA1c-Wert >9,0% 

  •  Schwere Herzinsuffizienz
  •  Schwere pulmonale Hypertonie 

  •  Syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung
  •  Trisomie 21
  •  Tumorerkrankungen und maligne hämatologische Erkrankungen (z.B. Leukämien und Lymphome)

Erklärvideo zu mRNA-Impfstoffen

Welche Risiken müssen bei gesunden Kindern abgewogen werden?

Bei den gesunden Kindern in der Altersgruppe 5 bis 11 ist die Risikoabwägung schwerer zu treffen. Das Risiko der Erkrankung ist deutlich geringer. Das Wissen über mögliche seltene Impfnebenwirkungen wie eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) ist für diese Altersgruppe noch begrenzt. Es geht immer darum, den Nutzen einer Impfung gegen mögliche Risiken von Impf-Nebenwirkungen abzuwägen. Bei Risikokindern ist der Nutzen höher einzustufen als bei kerngesunden, weil sie durch eine Erkrankung ein entsprechend höheres Risiko hätten, das durch die Impfung gesenkt wird. „Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn es einen Impfstoff gibt, der zugelassen und sicher bewertet ist“, so Kinderarzt Armann, „aber nur weil es diesen Impfstoff gibt, heißt das natürlich nicht, dass jeder und jede diesen Impfstoff auch braucht.“

Viele Kinder mit SARS-CoV-2-Infektionen haben keine oder nur sehr milde Krankheitssymptome. Wenn es zu Symptomen von Covid-19 kommt, sind es meistens Fieber und Husten. Typische Erkältungszeichen wie Schnupfen oder Halsschmerzen sind bei Covid-19 eher ungewöhnlich. Dass ein Kind an Covid-19 stirbt, ist sehr selten. Bis zum 09.12.2021 wurden dem Robert-Koch-Institut sieben Covid-19-bedingte Todesfälle im Alter von 5 bis 11 Jahren übermittelt. Alle sieben Kinder litten bereits vor der SARS-CoV-2-Infektion an schweren Grunderkrankungen.

Gibt es schon Informationen zu Omikron?

Sehr wenig, so Dr. Jakob Armann. Omikron scheint ansteckender zu sein. Über den klinischen Verlauf sei aktuell aber noch zu wenig bekannt. Genauso verhalte es sich mit der Wirksamkeit der Impfung bei Omikron. Armann: „Ich sehe aber nicht, dass sich hier speziell für die 5 bis 11-Jährigen etwas ändern sollte.“

Wie hoch ist das Risiko für PIMS/ Long-Covid bei nicht-geimpften Kindern?

Wieder stellt sich für Kinderarzt Jakob Armann die Frage nach dem individuellen Krankheitsrisiko eines Kindes. Bei der akuten Erkrankung ist das Risiko für einen schweren Verlauf für ein eigentlich gesundes Kind laut Armann vernachlässigbar. Dann gibt es eine mittelfristige Komplikation etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion: PIMS (Pädiatrisches Inflammatorisches Multiorgan Syndrom). „Hier ist es so, dass es wirklich alle treffen kann und nicht nur die Vorerkrankten“, so Armann. PIMS sei aber sehr selten, gut behandelbar und die Häufigkeit habe mit der Delta-Variante abgenommen.

Das bestätigt auch die Stiko: Hinweise aus Daten der USA und Deutschland zeigen, dass nach Infektionen mit der Delta-Variante weniger PIMS -Fälle vorkamen. Was nicht bekannt ist: Ob PIMS durch eine Covid-19-Impfung verhindert werden kann.

Bei Long-Covid fehlten solide, belastbare Daten. „Was wir relativ sicher wissen, ist, dass die Zahl bei Kindern unter einem Prozent der Infizierten liegt.“ Auch werden die Long-Covid-Symptome über die Zeit besser. Kinder seien zudem nach aktueller Kenntnislage deutlich weniger von Long-Covid betroffen als Erwachsene.

Sollten Eltern die Entscheidung der Stiko abwarten?

Aus seiner Praxis weiß Kinderarzt Martin Terhardt, dass manche Eltern schon mit den Hufen scharren, um ihre Kinder endlich impfen zu lassen. Der Druck ist enorm. Kinder wurden teils stark und für lange Zeit isoliert, um vor einer Infektion geschützt zu werden. Trotzdem rät Martin Terhardt als Stiko-Mitglied, auf eine entsprechende Empfehlung zu warten. Je höher die Datenlage, desto sicherer auch die Nutzen-Risiko-Abwägung. Kinderarzt Jakob Armann pflichtet bei: „Wer zuhause ein gesundes Kind hat, das nicht in die genannten Risikogruppen fällt, der kann daher auch unbesorgt noch etwas warten, bis mehr Daten vorliegen.“ In der Studie, auf die die Entscheidung der EMA fusst, war der Impfstoff an etwa 1300 5 bis 11-Jährigen verimpft worden. Aber: Bei dieser geringen Zahl lassen sich seltene Nebenwirkungen nicht sicher erfassen.

Wie unterscheidet sich der Impfstoff für Kinder vom Impfstoff für Erwachsene?

Der größte Unterschied liegt in der Menge: Erwachsene erhalten 30 Mikrogramm Impfstoff, Kinder nur 10 Mikrogramm. In unserem Podcast „Klartext Corona“ geht Dr. Henriette Rudolph, Expertin für Infektionskrankheiten bei Kindern, noch mehr ins Detail: „Der Impfstoff für Kinder ist etwas anders zusammengesetzt und kann dadurch länger im Kühlschrank gelagert werden.“ Aber es ist keine gute Idee, einfach nur ein Drittel der Erwachsenen-Dosis zu nehmen und einem Kind zu injezieren: „Im Zweifel ist der Impfstoff dann unterdosiert, denn es wären insgesamt nur 0,1 Milliliter. Es ist unklar, ob die kleine Menge dann ausreichend wirkt.“ Für den speziellen Kinderimpfstoff dagegen kann garantiert werden, dass die Zusammensetzung genau auf den Kinderkörper abgestimmt ist. In der Kinderdosis werden die 10 Mikrogramm dann mit einem Volumen von 0,2 Milliliter verimpft.

Corona: Kinder impfen, um nichtgeimpfte Erwachsene zu schützen?

In erster Linie sollen Kinder dann geimpft werden, wenn bei ihnen das Risiko besteht, dass sie durch Infektion einen schweren Krankheitsverlauf haben. „Wenn ich ein Kind nur impfe, um einen ungeimpften 70-Jährigen zu schützen, damit er keinen schweren Verlauf hat“, so Kinderarzt Jakob Armann, „dann nehme ich Nebenwirkungen beim Kind in Kauf, um jemanden anderen zu schützen.“ Seiner Meinung nach keine Lösung bei Kindern.

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Wie entscheidet die Stiko?

Welche Impfungen braucht mein Kind? Generationen von Eltern kennen die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) als Richtschnur in dieser Frage

Wie lange sollte der Abstand zu weiteren Impfungen sein?

Generell gibt es verschieden Impfstoffarten, die unterschiedlich funktionieren. Für die Verwendung bei Kindern kommt in Deutschland derzeit nur der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer infrage. Er gilt, da er keine Erreger enthält, als mit den sogenannten Totimpfstoffen gleichgesetzt und könnte auch mit anderen Impfungen mit Totimpfstoff kombiniert werden. Zu typischen Impfungen mit Totimpfstoffen, die bei Kindern angewendet werde, zählen: Tetanus, Diphterie und HPV.

Ein Impfabstand von wenigstens 14 Tagen ist nur notwendig zwischen dem Covid-19-Impfstoff und Lebendimpfungen. Anders als Totimpfungen enthalten Lebendimpfungen abgeschwächte Viren. Zu den Lebendimpfstoffen zählen beispielsweise die Vakzine gegen Masern, Mumps, Windpocken oder Röteln.

Werden Impfkomplikationen nach einer Covid-19-Impfung erfasst?

Ja. Dafür zuständig ist in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut. Verdachtsfälle von Impfkomplikationen werden dort nach einer Impfung von den Ärzten oder den Geimpften direkt gemeldet. Die meisten normalen, relativ häufigen Impfreaktionen oder die selteneren Impfkomplikationen treten in den ersten Tagen bis Wochen nach der Impfung auf. Alles, was später als nach zwei Monaten auftritt, ist für Kinderarzt und STIKO-Mitglied Martin Terhardt nur sehr selten mit der Impfung zu erklären.

Dass das Paul-Ehrlich-Institut seine Aufgabe erfüllt, hat sich nach der anlaufenden Impfung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gezeigt. Es kam vermehrt zu Meldungen über Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern nach einer Covid-19-Impfung mit den mRNA-Impfstoffen. Diese traten im Verhältnis zu den verimpften Dosen aber nur selten auf. In diesem Zusammenhang wird das Nutzen-Risiko-Profil von der Stiko immer wieder neu geprüft.

Zuletzt wurde deswegen die Empfehlung für den Impfstoff Spikevax von Moderna bei Menschen unter 30 Jahren aufgehoben. Das Ergebnis ist nun, dass der Impfstoff von Moderna für Personen unter 30 Jahren nicht mehr empfohlen ist, da bei ihm das Risiko für eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) höher ist als bei dem Impfstoff von Biontech/Pfizer. Deshalb sollen Menschen unter 30 und Schwangere nur noch mit Biontech geimpft werden. Bei den 5- bis 11-Jährigen ist über die Gefahr einer Herzmuskelentzündung aufgrund der aktuell noch geringen Datenlage noch nicht genügend bekannt. Das Paul-Ehrlich-Institut erfasst aber nach der Zulassung natürlich auch hier die gemeldeten Verdachtsfälle, so dass sich im Laufe der Zeit ein entsprechendes Bild ergibt.

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