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Der Jüngste liebe es, „Cabrio“ zu fahren, erzählt Claudia Reif. So nennt es ihr vierjähriger Sohn, wenn das Dach vom Lastenrad geöffnet ist. Dann lässt er sich die Haare vom Wind zerzausen und von Mama oder Papa durch die Gegend brausen. Was gibt es Schöneres? Das Ehepaar aus dem bayrischen Weißenhorn hat drei Kinder. Vor vier Jahren verkauften sie ihren Zweitwagen und legten sich von dem Geld ein Lastenrad mit elektrischer Unterstützung zu. Ein bewusster Schritt zu mehr Nachhaltigkeit im Familienalltag.

Bewusste Entscheidungen treffen

Aber was bedeutet das eigentlich konkret? Der Begriff Nachhaltigkeit lauert mittlerweile fast überall – ob Putzmittel, Kita-Essen oder Firmenphilosophie. „Nachhaltigkeit ist nur ein umständlicher Begriff für eine ziemlich simple Sache: Wir dürfen nicht mehr verbrauchen, als die Natur uns zur Verfügung stellen kann“, schreibt die promovierte Biologin Johanna Prinz in ­ihrem Ratgeber „Einfach nachhaltig“. Das heißt: Die Entscheidungen, die wir treffen, dürfen keinen dauerhaften Schaden anrichten. Denn die Natur kann sich nur begrenzt regenerieren. Das wissen wir im Grunde alle.

Trotzdem ist es nicht immer leicht, das im Alltag umzusetzen. Der Magen knurrt, das Kind schreit und man muss dringend los. Obendrein ist das Geld gerade knapp und die Schuhe sind schon wieder zu klein. Da greift man vielleicht allen Vorsätzen zum Trotz zur Tiefkühlpizza, geht zum Discounter und kauft die günstigen, aber nicht nachhaltig produzierten Kinderschuhe.

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Über die Medien prasseln Bilder von Kinderarbeit, abgeholzten Regenwäldern und Wetterkatastrophen auf uns ein. Kein Wunder, dass man sich mitunter gestresst fühlt, überfordert oder niedergeschlagen. Und dann sind da noch Zweifel wie: Was bringt es schon, wenn ich als Einzelperson mein Verhalten ändere? „Niemand kann die Welt alleine retten“, schreibt auch Prinz in ihrem Buch. Dennoch lohne es sich, etwas zu tun. Es komme auch nicht darauf an, sämtliche Lebensbereiche zu perfektionieren, sondern es genüge, irgendwo anzufangen. „Treffen Sie bewusste Entscheidungen, die zu Ihnen passen.“

Alltag mit dem Lastenrad

Familie Reif tut das. „Das Lastenrad ist eine super Sache“, erzählt Mama Claudia. „Man kommt schnell von A nach B und hat immer einen Parkplatz vor der Tür.“ Da die Zugverbindung zu ihrem Arbeitsplatz nicht gut genug ist, fährt sie meist mit dem Auto. Papa Markus ist derzeit mit den Kindern zu Hause. Mit dem Lastenrad bringt er die beiden Kleinen zum Kindergarten, die Große radelt allein zur Schule. Auf dem Rückweg geht er einkaufen: „Der Wocheneinkauf passt problemlos rein.“ Samstags geht die Familie auf den Wochenmarkt. „Die Verkäufer kennen uns schon, da kriegen die Kids immer ein Stückchen Wurst oder Käse“, erzählt die Mutter. Sie kauft gern regional und saisonal: „Wenn ich das ganze Jahr über Erdbeeren esse, ist es nichts Besonderes mehr. Aber nachdem ich mich ein halbes Jahr lang darauf gefreut ­habe, ist es ein ganz besonderer Genuss.“ Das möchte sie auch ihren Kindern vermitteln.

Dr. Alexandra Achenbach, Biologin und zweifache Mutter aus München, ist überzeugt, dass jeder und jede in puncto Nachhaltigkeit etwas bewirken kann: „Dem einen fällt es leichter, die Ernährung umzustellen, der andere kann in anderen Bereichen besser verzichten.“ Man müsse sein Verhalten nicht von einem Tag auf den anderen komplett verändern. „Das sind langsame Prozesse, und das ist auch total okay so“, sagt sie. Unter anderem in ihrem Blog „Livelifegreen“ gibt sie Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag, stellt Aktionen und Projekte zum Mitmachen vor und berichtet von persönlichen Erfahrungen. Lebensmittel kauft Familie Achenbach fast ausschließlich im Bioladen, Kleidung secondhand.

Das war aber nicht immer so. „Früher habe ich mir zur Belohnung oft etwas Schönes gekauft. Oder als Trost, wenn etwas schlecht lief.“ Alexandra Achenbach studierte Prospekte mit Angeboten für Kleidung oder Dekoration und schlug zu – auch wenn sie die Sachen nicht wirklich brauchte. Die Geburt ihres ersten Kindes stimmte sie nachdenklich. Sie sprach mit ihrem Mann. Nach und nach begann die Familie, Dinge anders zu machen. Sonderangebote beim Discounter reizen die Biologin heute nicht mehr. „Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, etwas zu kaufen, weil ich weiß: Ich brauche das alles nicht. Ich kann entspannt darauf ver­zichten.“

Nicht Verzicht, sondern Gewinn

Ist nachhaltig zu leben zwangsläufig mit Verzicht verbunden? Finanziell könne man durchaus gewinnen, sagt Achenbach: „Weil wir viel weniger kaufen, sparen wir Geld. Damit können wir schöne Dinge unternehmen.“ Und: „Wir haben großen Spaß daran, Neues auszuprobieren, ausgetretene Pfade zu verlassen.“ Dabei mache man jede Menge neuer Erfahrungen: Kleidertausch-Partys mit befreundeten Familien können lustig sein – und sind vielleicht auch etwas für Leute, die nicht gern gebrauchte Kleidung von Fremden kaufen. Womöglich entdeckt man neue Hobbys: Kochen, Backen oder Gärtnern. Wer schon einmal selbst Tomaten auf Balkon, Terrasse oder im Garten gezogen hat, weiß: Aus eigenem Anbau schmecken sie viel besser als aus dem Supermarkt.

Manche Familien gehen noch viel weiter. Nadine und Julian Haertl sind mit ihren beiden Kindern nach Schweden ausgewandert. Auf ­ihrem Hof versuchen sie nicht nur, sich selbst mit Lebensmitteln, sondern auch mit Energie zu versorgen. In Youtube-Videos berichten sie regelmäßig von den Freuden des selbstbestimmten Lebens, sprechen aber auch offen und ehrlich über die Sorgen und ­Nöte, die damit verbunden sind: Die Pflanzen wollen nicht immer recht wachsen, werden mitunter von Schädlingen befallen. Im Winter finden ­die Hühner draußen kaum etwas zu fressen. Und einmal hat ein Sturm die ganze Stromversorgung weggefegt. Ein solches Selbstversorgerleben ist ­sicher nicht für jeden und jede das Richtige. „Das behaupten wir auch nicht. Wir zeigen einfach nur, wie wir es machen. Und für uns ist das die optimale Lösung“, sagt Mutter Nadine in ­einem der Videos.

Eine Mobility-Challenge

Neben Platz und Lust zum Gärtnern braucht man oft auch genügend Zeit. „Wir würden das gern machen, schaffen es aber neben dem Beruf nicht“, sagt die Biologin Susanne Kühl. Sie ist Professorin an der Universität Ulm und zudem in der Kommunalpolitik aktiv. Auch privat, als Eltern von elfjährigen Zwillingstöchtern, liegt ihr und ihrem Mann das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Vor ein paar Jahren starteten sie mit der Nachbarsfamilie eine Challenge: Wer schafft es, in einem Jahr weniger Kilo­meter mit dem Auto zurückzulegen? Ziel war, unter 5000 Kilometern zu bleiben. Das haben beide Familien geschafft. Die Kühls kamen auf rund 2400 Kilometer, die Nachbarn auf knapp über 2000.

Auch wenn sie die Challenge nicht gewonnen haben, zieht Familie Kühl ein positives Fazit: „Das viele Radfahren und Zufußgehen hat uns gutgetan.“ Statt die Kinder zu ihren Hobbys zu fahren, nutzen die Kühls Angebote vor Ort. „Seit Kurzem machen die Mädchen Rope-Skipping, das gefällt ihnen total und sie können zu Fuß hingehen.“ Seilspringen hatten sie vorher gar nicht als Sport gekannt. „Jeder Ort bietet viele Möglichkeiten – man muss sich nur erkundigen“, ermuntert Susanne Kühl. ­Natürlich ­gebe es da auch mal Diskussionen mit den Kindern („Wieso müssen wir immer laufen und alle anderen werden gefahren?“). „Es ist schon kräftezehrend, neben Schule und Beruf immer die Energie und Zeit für alternative Mobilität aufzubringen und auch die Kinder dafür zu motivieren“, gibt Susanne Kühl zu. Da gibt sie manchmal auch mal nach und fährt doch mit dem Auto.

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Nichts müsse perfekt sein, Ausnahmen seien okay, sagt auch Alexandra Achenbach. Man ­solle den Kindern ruhig mal die Wahl lassen (Schnitzel oder Gemüsecurry?) und könne sie nicht zwingen, alles mitzutragen. „Damit tut man sich selbst und der Sache keinen Gefallen. Mein Ziel ist es, die Kinder für Nachhaltigkeit zu begeistern – nicht, ihnen den Spaß zu verderben.“ Deshalb dürfe man nicht dogmatisch sein, sondern immer bereit, Fragen zu beantworten. „Es ist ein Balance­akt“, sagt sie und lacht. Bisher ist es den Achenbachs gelungen, die Balance zu halten. „Unsere Kinder sind voll dabei“, sagt Mutter Alexandra.

Auf dem Schulweg hätten ihre Mädchen viel mit ihren Freundinnen zu besprechen und kämen fröhlich nach Hause, erzählt Zwillingsmutter Susanne Kühl. Diese Zeit und die Erlebnisse würden ihnen fehlen, wenn sie überallhin kutschiert würden. Und: „Es macht mich total stolz, wenn die beiden allein losziehen.“

Für unser aller Zukunft

Auch wenn es nicht immer leicht ist, alles unter einen Hut zu bekommen, ist für die Kühls klar: „Wir müssen etwas ändern.“ So, wie die Menschheit im Moment lebt, bräuchten wir 1,7 Erden, um unser Verhalten zu kompensieren. Auslöser für die Kühls war der Rekordsommer 2018: „Da hat es bei uns fast gar nicht geregnet, alles war total ausgetrocknet. Mir wurde klar: Der Klimawandel ist bei uns angekommen.“ Daraufhin stellten die Kühls ihr Leben relativ drastisch um. „Wir haben eine Verantwortung – auch unseren Kindern gegenüber“, sagt Susanne Kühl. Nachhaltigkeits-Bloggerin Achenbach ergänzt: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir so weit wären, wenn wir keine Kinder hätten. Sie waren und sind für mich die größte Motivation, diesen Weg einzuschlagen. Wenn ich meine Kinder anschaue, weiß ich: Für sie mache ich das alles.“

Tipps für mehr Nachhaltigkeit im Alltag

Müll vermeiden

Initiativen wie der Naturschutzbund Deutschland raten zum Beispiel:

• Wann immer möglich unverpackte Produkte kaufen, zum Beispiel auf dem Markt oder in Unverpackt-Läden. An der Frischetheke füllt das Verkaufspersonal die Ware oft in mitgebrachte Behälter ab.

• Herkömmliche Windeln belasten die Umwelt (Herstellung und Entsorgung). Für zwischendurch oder daheim eignen sich auch Windeln aus Stoff.

• Nachfüllpackungen kaufen, etwa bei Handseife oder Duschgel. Dünne Folien- beutel brauchen weniger Material als feste Flaschen. Shampoo oder Duschgel gibt’s mittlerweile auch in fester Form – oft sogar ohne Mikroplastik.

• Für Spontankäufe am besten eine kleine, zusammenfaltbare Tasche einpacken.

• Baby-Reinigungstücher, Abschminktücher, Bodenwischtücher – solche Produkte sind zwar praktisch, aber wenig nachhaltig. Besser sind zum Beispiel waschbare Tücher.

Urlaub planen

Tipps von Martina von Münchhausen, Tourismusexpertin beim WWF Deutschland:

• Flugreisen wenn möglich vermeiden. Eine kurze Anfahrt ist umweltfreundlicher. Deutschland hat viele schöne Urlaubsorte mit tollen Angeboten für Familien mit kleinen Kindern, beispielsweise das Allgäu, die Uckermark oder an der Ostsee.

• Hotels und Restaurants auswählen, die auf Nachhaltigkeit setzen.

• In Regionen mit großer Wasserknappheit, bei Urlaub am Meer oder am Badesee auf Hotels mit großen Poolanlagen möglichst verzichten.

• Außerhalb der Saison reisen. Das ist günstiger und hilft dabei, die Tourismussituation am Urlaubsort zu entschärfen.

• Vor Ort keine Einweg-Plastikflaschen nutzen, sondern die eigene Flasche auffüllen.

• Wasserfeste Sonnencreme ohne Mikroplastik wählen – das schont das Ökosystem des Meeres oder des Badesees am Urlaubsort.

• National- oder Wildparks erkunden. So werden schon die Kleinsten spielerisch an die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit herangeführt.

Naturnah gärtnern

Tipps von Svenja Schwedtke, Gartenexpertin aus Bornhöved:

• Selbst ernten statt kaufen: Jetzt schnell wachsendes Gemüse wie Radieschenoder Spinat anpflanzen. Bis in den Herbst aussäen – das geht vor allem bei Erbsen gut. Deren Triebe kann man sogar naschen.

• Wenig Platz? Für viele Sorten genügen bereits Blumentöpfe auf der Fensterbank oder dem Balkon. Aber auf den Standort­ anspruch der Pflanze achten!

• Naschobst gibt es als kompakt wachsende Sträucher. Dornenlose Brombeeren oder Himbeeren sind vor allem für kleine Kinder leichter zu ernten. Und ihre Blüten sind ein Schmaus für nützliche Insekten.

Anders mobil sein

Tipps von Rolf Mecke, Mobilitätsexperte beim Verkehrsclub Deutschland:

• So viele Wege wie möglich zu Fuß, mit dem Fahrrad, Lastenrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erledigen. Das Auto, so oft es geht, stehen lassen.

• Ist ein eigenes Auto unverzichtbar, ein möglichst kleines Fahrzeug wählen. Elektroautos sind zwar umweltfreundlicher als Verbrenner, belasten die Natur aber trotzdem (durch Herstellung, Batteriematerialien, Reifenabrieb).

• Fahrgemeinschaften bilden. Möglichst mit anderen Eltern zusammentun und reihum fahren.

• Die natürliche Lust der Kinder an Bewegung nutzen. Sie möglichst wenig umherfahren, lieber viel zu Fuß gehen und so früh wie möglich mit Laufrad oder Roller anfangen. Ab etwa drei Jahren ist der Umstieg aufs Fahrrad möglich.

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Quellen: