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Mit einer „Weltneuheit“ begann im Oktober 2020 die Revolution im Gesundheitswesen. Deutschland sei hier ganz vorne mit dabei. So euphorisch verkündete jedenfalls der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Start der DiGA und des DiGA-Verzeichnisses.

DiGA steht für Digitale Gesundheitsanwendung, auch App auf Rezept genannt. Programme, die Erkrankten bei der Genesung helfen sollen. Im ersten Teil der Serie „Wie digital ist die Medizin in Deutschland?“ haben wir für Sie eine DiGA getestet. Wir zeigen, wie das System funktioniert, wie Sie an eine DiGA kommen und wie Fachleute die Anwendungen einschätzen.

Für eine DiGA brauchen Sie ein Smartphone oder einen Computer mit Internetverbindung sowie eine entsprechende Verschreibung von einer Ärztin oder einem Arzt. Die Krankenkassen zahlen eine DiGA aber auch ohne Rezept – wenn ein Behandlungsgrund vorliegt. Ansonsten kann man eine DiGA zudem privat zahlen. Kosten: mehrere Hundert Euro im Quartal.

Im Test: Tinnitus-App Kalmeda

Für diesen Artikel teste ich die Tinnitus- App Kalmeda. Diese basiert nach Angaben des Herstellers auf kognitiver Verhaltenstherapie. Betroffene sollen sich ihr Problem klarmachen und gegensteuern. Tatsächlich ist das eine anerkannte Therapieform bei chronischem Tinnitus.

Menschen mit dieser Diagnose hören dauerhaft ein Geräusch. Auslöser können Stress sein sowie psychische oder körperliche Ursachen. In meinem Fall bekam ich von meiner HNO-Ärztin ein rotes Rezept für Kalmeda. Es gilt für ein Quartal. Ich reichte es digital bei meiner Krankenkasse ein und erhielt kurz darauf einen Freischaltcode für die App.

So gehen Sie vor, wenn Sie eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) nutzen wollen:

Kalmeda und die Webanwendung velibra waren die ersten beiden DiGA in Deutschland. Stand Dezember 2022 listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 37 Apps auf Rezept im DiGA-Verzeichnis. Anwendungen für beispielsweise Brustkrebs, Diabetes, Schlafstörungen. 16 der 37 DiGA sind unter der Kategorie Psyche eingeordnet.

DiGA werden entweder „vorläufig“ oder „dauerhaft“ ins Verzeichnis aufgenommen. Voraussetzungen für eine dauerhafte Aufnahme: ein positiver Versorgungseffekt muss nachgewiesen sein sowie der Datenschutz. Falls entsprechende Studien noch fehlen, können Hersteller Apps als „vorläufig“ listen lassen und müssen innerhalb eines Erprobungszeitraums Studien nachreichen. Kalmeda ist als „dauerhaft“ gelistet. Dass dieser Eintrag aber nicht heißt, dass eine App aus wissenschaftlicher Sicht wirklich hilft, wird sich im Laufe dieses Textes zeigen.

Wie steht es um den Datenschutz?

Um Kalmeda nutzen zu können, musste ich mich per E-Mail registrieren. Grund: Bei einem Handywechsel soll man schnell wieder auf sein Konto zugreifen können. Dennoch hatte ich gezögert, denn ich möchte so wenig persönliche Daten wie möglich im Internet verbreiten. Wer das für übervorsichtig hält, sollte wissen: Das Hacker-Kollektiv Zerforschung hatte im Juni kritische Sicherheitslücken bei zwei DiGA gefunden, konnte sogar auf persönliche Daten von Personen zugreifen.

Kalmeda war nicht betroffen. Jedoch zweifle ich seither am Datenschutz bei DiGA. Ob meine Sorgen berechtigt sind, fragte ich Martin Tschirsich. Er ist Sicherheitsforscher und Mitglied des Hackerkollektivs Chaos Computer Club und erklärt mir, dass die Datenschutzanforderungen bisher weitreichend waren. Aber: „Der Knackpunkt ist vielmehr, dass sie geprüft und umgesetzt werden.“ Schon beim Start der DiGA hatte Tschirsich im Bundestag gefordert, Datenschutzanforderungen streng durchzusetzen: „Leider hat das Gesundheitsministerium damals auf eine Selbsterklärung der Hersteller vertraut. Die Situation ist sowohl für sicherheitsbewusste Hersteller als auch Patienten unbefriedigend.“

Zwar soll es ab Mitte 2024 neue Prüfkriterien für den Datenschutz geben, die laut Tschirsich einen „guten ersten Eindruck machen“. Aber: „Bei der Durchsetzung sind die neuen Anforderungen noch zu schwach und lassen Herstellern zu viel Spielraum, unbeliebte Anforderungen wegzudiskutieren. Ich bin aber zuversichtlich, dass hier im kommenden Jahr einiges konkretisiert wird.“

Laut Befragung sind viele Menschen mit DiGA zufrieden

Nachdem ich mich eingeloggt hatte, musste ich weitere Daten angeben: diesmal Informationen zu meinem Tinnitus. Das Ziel: zu lernen, mit der Krankheit umzugehen. Dazu bietet Kalmeda fünf Level mit jeweils bis zu zehn Lektionen. Hier klärt die App über die Krankheit auf und bietet Lerninhalte zur Verhaltenstherapie. Zum Beispiel Verhaltensstrategien zu entwickeln, die Krankheit zu akzeptieren und nicht, sie zu bekämpfen. Dazu gibt es Meditationsübungen. Die halfen mir tatsächlich abzuschalten. Und die Lektionen erinnerten mich daran, dass ich beim Umgang mit meinem Tinnitus einiges verbessern kann.

Jedoch: Zu Entspannungsübungen gibt es jede Menge Videos im Internet. Und bisher hat die App mich nichts gelehrt, was ich nicht schon von Ärztinnen und Ärzten gehört habe. Andere Menschen scheinen mit ihren DiGA zufriedener zu sein. Das ergab eine Befragung der Unternehmensberatung McKinsey: 63 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer meldeten einen positiven Versorgungseffekt, 86 Prozent würden sich bei erneuter Erkrankung wieder eine DiGA holen.

Illustration: Mann beim Einkaufen im App-Store

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Expertin: „Die meisten DiGA sind nicht wirklich geprüft“

Vielleicht hilft mir Kalmeda, wenn ich es länger nutze. Das lässt zumindest eine Studie des Herstellers vermuten. Ob die aussagekräftig ist, fragte ich Professorin Birgit Mazurek. Ihre Antwort zusammengefasst: Es liegen keine wissenschaftlichen Daten vor, die eine Wirkung der App nachweisen. Unter anderem fehlen langfristige Kontrollen. Mazurek ist Direktorin des Tinnituszentrums der Charité Berlin, sie hat die aktuellen Leitlinien zu chronischem Tinnitus mitverfasst. Darin geben Fachleute Empfehlungen zur Behandlung. So wird zum Beispiel zu Verhaltenstherapie geraten – jedoch persönlich. Einen geringen nachgewiesenen Effekt gebe es im Online-Format.

Zu Apps gibt die Leitlinie keine Empfehlung. Mazurek: „Die meisten DiGA – außer einige im Bereich Depressionen – sind im Moment nicht wirklich geprüft.“ Zudem müssen Ärztinnen und Ärzte Erkrankte bei der Therapie regelmäßig betreuen. Das sei bei solchen Apps derzeit nicht gegeben.

Eine Sache war Mazurek besonders wichtig: dass Behandlerinnen und Behandler Komorbiditäten ausschließen – also dass jemand mehrere Krankheiten gleichzeitig hat. Tinnitus kann mit Depressionen einhergehen. „Bei solchen Apps müssen Patienten eine hohe Eigenmotivation aufbringen“, so Mazurek. „Jemand mit einer Depression schafft das aber nicht. Die verzweifeln da­ran, ihre Lage wird vielleicht schlimmer.“

App allein genügt als Therapie nicht

Mit ihrer Einschätzung ist Mazurek nicht allein: Im Dezember erschien ein Gutachten im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern zu DiGA. Fazit: „Den untersuchten DiGA fehlt es vielfach an wissenschaftlicher Tiefe und folglich an Evidenz als Basis für die Aufnahme in das bundesweite DiGA-Verzeichnis.“ Warum viele Kassen DiGA dennoch bewerben, kann Mazurek beantworten: „Kassen wollen modern und innovativ sein, ohne auf Evidenz zu achten. Das finde ich sehr schwierig.“ Sie mahnt, bei solchen Apps vorsichtig zu sein. Der richtige Weg für Tinnitus-Betroffene sollte immer sein, sich an Fachpersonal zu wenden – und nicht, sich nur auf eine App zu verlassen.

Mehr Informationen:

Hinweis: In einer älteren Version des Textes wurde behauptet, dass DiGA zunächst vorläufig aufgenommen werden. Das ist aber falsch. DiGA können auch sofort „dauerhaft“ ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen werden, wenn ein entsprechender Nachweis vorliegt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


Quellen:

  • Interview mit Prof. Birgit Mazurek

  • E-Mail-Interview mit Martin Tschirsich

  • Apotheken Umschau: Ohrgeräusche (Tinnitus) - Was Sie selbst tun können. Apotheken-Umschau.de: https://www.apotheken-umschau.de/... (Abgerufen am 16.12.2022)
  • Vahid Roodsari, A: IT-Experten finden kritische Lücken bei Gesundheitsapps. Apotheken-Umschau.de: https://www.apotheken-umschau.de/... (Abgerufen am 22.12.2022)
  • Kassenärztliche Vereinigung Bayern: KVB: Gutachten kritisiert fehlende Evidenz bei Gesundheits-Apps . https://www.kvb.de/... (Abgerufen am 22.12.2022)
  • mynoise GmbH: Tinnitus-Studie bestätigt signifikante Verbesserung. https://www.kalmeda.de/... (Abgerufen am 22.12.2022)
  • McKinsey & Company: E-Health Monitor 2022, Deutschlands Weg in die digitale Gesundheitsversorgung – Status quo und Perspektiven. https://www.mckinsey.de/... (Abgerufen am 16.12.2022)
  • Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V. (DGHNO-KHC): S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus. https://register.awmf.org/... (Abgerufen am 20.12.2022)
  • Herausgeber Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e. V. (DGHNO-KHC: Patientenleitlinie Chronischer Tinnitus. https://register.awmf.org/... (Abgerufen am 20.12.2022)