Ob Kreuzschmerzen, Knieprobleme oder Schulterbeschwerden – in vielen Fällen hilft gezielte Bewegung, Leiden wie diesen vorzubeugen oder sie zu lindern. Neben der klassischen Krankengymnastik gibt es mittlerweile auch viele Apps, die digitale Übungsanleitungen für zu Hause bieten. Sie können durchaus helfen, etwas für seinen Körper zu tun, findet Peter Fischer, Physiotherapeut und Lehrbeauftragter der medizinischen Fakultät der Universität Tübingen.

Gerade bei Rückenschmerzen, bei denen keine krankhafte Ursache gefunden wird (sogenannter unspezifischer Kreuzschmerz), sind Sport und Bewegung wichtige Therapie und Vorbeugung. Betroffene, die Krankengymnastik verschrieben bekommen haben, müssen es also schaffen, auch wenn die Physiotherapie zu Ende ist, in Bewegung zu bleiben. „Oft klappt der Übergang nicht“, weiß Fischer aus Erfahrung. „Viele Menschen können sich nicht mehr genau an die Übungen erinnern, wollen nichts falsch machen und lassen es dann am Ende ganz bleiben, in den eigenen vier Wänden weiter zu trainieren.“

Positiv: Apps leiten an und geben Sicherheit beim Üben

Eine App sei daher eine gute Möglichkeit, den Patientinnen und Patienten ausführliche Anleitungen an die Hand zu geben. Hinzu kommt, dass digitale Angebote jederzeit und überall verfügbar sind. Damit gibt es keine Ausreden mehr, wenn der innere Schweinehund sich meldet. Auch Warte­zeiten auf einen Termin bei der Krankengymnastik lassen sich damit überbrücken, sofern aus ärztlicher Sicht nichts dagegenspricht.

„Apps auf Rezept“ für Rücken und Gelenke zahlt die Kasse

Inzwischen können Ärztinnen und Ärzte sogar einige orthopädische Apps auf Rezept verschreiben. Als sogenannte Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) unterliegen sie Kontrollen, was Wirksamkeit und Sicherheit betrifft. Ein wichtiges Kriterium dabei ist, ob sich die App an die persönlichen Bedürfnisse anpassen lässt.

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Häufig funktioniert das nach dem Ausschlussprinzip: Vorab müssen Nutzerinnen und Nutzer verschiedene Übungen absolvieren, um Beweglichkeit und Funktion bestimmter Körperbereiche zu testen. Sie geben der App Rückmeldung, welche davon gut funktionieren und welche nicht. Daraus erstellt die App ein individuelles Übungsprogramm. Im Idealfall wird jede Übung genau erklärt. Auch Variationen sollte es geben – und die Möglichkeit zur Rückmeldung: Hat die Übung geklappt? Gibt es Schmerzen? Welche Veränderungen treten auf? Anhand dieser Infos passt die App das Programm laufend an – alles automatisch. Und genau hier liegt laut vielen Kritikerinnen und Kritikern das Problem.

Orthopäden warnen: Apps nicht ohne fachkundige Anleitung nutzen

„Ohne individuelle Beratung weiß kein Pa­tient, worauf er achten muss. Der Heilungsprozess ist dann gefährdet. Im schlimmsten Fall verschlechtert der Patient seinen Gesundheitszustand“, warnte Orthopäde Dr. Burkhard Lembeck im Rahmen des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) 2021. Vor allem den Einsatz von DiGA bemängelte er. Manche seien teurer als 15 Monate Facharzt­besuch mit individueller Beratung, so Lembeck. Für das Geld erhalte man alternativ elf ­Sitzungen Krankengymnastik, bei der man persönlich behandelt werde.

Bei aller Kritik sieht Lembeck auch die Chancen von Apps – aber nur unter einer Voraussetzung: „Gesundheits-Apps sind gut, wenn die ortho­pädische, individuelle Fachberatung ­aktiv integriert ist.“ Tatsächlich erfordert das selbstständige Üben viel Eigenverantwortung.

Beschwerden immer erst ärztlich abklären lassen

Wer bereits seit Längerem an Beschwerden leidet oder starke Schmerzen hat, sollte diese erst ärztlich abklären lassen. Auch bei Verletzungen oder akuten Problemen wie einem Bandscheibenvorfall ist eine App ungeeignet. Nicht nur in solchen Fällen ist es sinnvoll, zuerst unter persönlicher Anleitung zu üben. „Generell ist eine Kombination aus beidem am besten“, bestätigt Fischer. Während die App gut geeignet ist, die Übungen zu Hause zu wiederholen, bietet der persönliche Kontakt die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder Fehler, die sich beim selbstständigen Üben eingeschlichen haben, zu korrigieren. Hinzu kommt die menschliche Komponente. „Menschen vertrauen anderen Menschen einfach mehr als einem Computerprogramm. Das wirkt sich positiv auf Kooperationsbereitschaft und Motivation der Patientinnen und Patienten aus“, meint Physiotherapeut Peter Fischer.

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Quellen:

  • DGOU: Apps für orthopädische Übungen verschlimmern oft, statt zu helfen, Pressemitteilung zum DKOU 2021 . Online: https://dgou.de/... (Abgerufen am 09.08.2022)
  • BfArM: DiGA Verzeichnis, Für DiGA-Nutzer. Online: https://diga.bfarm.de/... (Abgerufen am 11.08.2022)
  • Jo Bager, Kim Sartorius: Rückentraining für Vorsorge und Linderung: Apps, Online-Kurse und Videos im Test, /. In: c't magazin für computer technik 16.07.2021, 0: 0
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