Harninkontinenz: Ursachen

Unfreiwilliger Harnverlust kann zahlreiche Auslöser haben

aktualisiert am 23.03.2017
Schematische Darstellung der Beckenbodenmuskulatur

Schematische Übersicht über Becken und Beckenboden bei Frau und Mann


Die Harnblase muss zwei Funktionen erfüllen:

1)    Erstens muss sie den Urin über längere Zeit speichern. In dieser Phase ist der Blasenmuskel (der Detrusor) entspannt, der gemeinsam mit Bindegewebe die Blasenwand bildet. Die Blase kann sich also ungehindert ausdehnen und füllen. Damit der Urin nicht gleich wieder über die Harnröhre abfließt, ist der Schließmuskel (Sphinkter) angespannt. Er dichtet die Harnblase ab.

2)    Zweitens muss die Blase ihren Inhalt zum gewünschten Zeitpunkt entleeren. Dafür zieht sich der Blasenmuskel zusammen, während der Schließmuskel mit der Beckenbodenmuskulatur erschlafft. Der Urin kann nun durch die Harnröhre abfließen.

Damit die Blasenkontrolle reibungslos funktioniert, müssen Zentren in Gehirn und Rückenmark, beteiligte Muskeln und Nerven intakt sein und sinnvoll zusammenarbeiten. Zahlreiche Ursachen können das fein aufeinander abgestimmte System stören.

Ursachen bei Belastungsinkontinenz

Hinter dieser Inkontinenzform steckt oft eine Schwächung des Beckenbodens.

Der Beckenboden – was ist das?
Der Beckenboden besteht aus Muskeln und Bindegewebe. Er bildet die untere Begrenzung des Beckens zwischen Schambein, Steißbein und den beiden seitlichen Sitzbeinhöckern. Die Muskeln und Bänder des Beckenbodens halten die Beckenorgane in Position und stützen den Blasenschließmuskel.

Belastungsinkontinenz bei Frauen

Frauen sind wesentlich häufiger von Belastungsinkontinenz betroffen als Männer, denn Frauen haben ein breiteres Becken und vergleichsweise schwächere Beckenbodenmuskeln. Zudem gibt es im weiblichen Beckenboden bekanntermaßen drei Durchtrittsstellen (für Harnröhre, Scheide und Enddarm), wo Männer nur zwei haben. Die Öffnungen stellen "natürliche Schwachstellen" im Beckenboden dar.

Dazu kommt, dass Schwangerschaften und Entbindungen den Beckenboden zusätzlich fordern. Bereits in den letzten Schwangerschaftsmonaten kann es zur Belastungsinkontinenz kommen. Sie gibt sich meistens nach der Geburt des Kindes wieder. Auch eine sogenannte postpartale Harninkontinenz (eine Inkontinenz direkt nach der Entbindung) ist keine Seltenheit. Auch sie verschwindet in vielen Fällen innerhalb der nächsten zwölf Monate. Mit individuell geeignetem Beckenbodentraining können und sollten Frauen vorbeugen und die Heilung unterstützen (siehe Kapitel "Therapie").

Auch Verletzungen oder Operationen im Becken können das Gewebe des Beckenbodens strapazieren und schwächen. Die Bänder "leiern aus", das Bindegewebe gibt nach. Letzteres kann auch durch hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren (mit-)verursacht sein. Eine gewisse Veranlagung für ein "schwaches Bindegewebe" wird manchmal bereits in die Wiege gelegt. In der Folge verschiebt sich das Gefüge des Beckenbogens, Beckenorgane können nach "unten", also Richtung Damm, absinken.

Bei Operationen, Unfällen oder Geburten kann es außerdem zu Nervenverletzungen oder –reizungen im Becken kommen. Dann erhalten die Muskeln des Beckenbodens unter Umständen nicht mehr die richtigen Signale oder werden zu spät aktiviert. Sie arbeiten nicht mehr koordiniert.

All diese Veränderungen können dazu führen, dass der Blasenschließmuskel nicht mehr ausreichend gestützt wird und der Verschluss der Harnröhre nicht mehr zuverlässig funktioniert. Erhöht sich dann der Druck im Bauchraum (beim Husten, Tragen, Lachen), kann ungewollt Urin abfließen.

Chronischer Husten ("Raucherhusten", COPD) ist ein Risikofaktor für eine Belastungsinkontinenz, da der Beckenboden dann ständig Druckspitzen aushalten muss.  Ebenso steigt die Gefahr durch häufiges Pressen bei chronischer Verstopfung. Übergewicht lastet nicht nur schwer auf Knie und Hüfte, sondern auch auf dem Beckenboden. Anstrengende körperliche Belastungen (zum Beispiel ständiges schweres Heben im Beruf) können auf Dauer ein Risiko darstellen. Umgekehrt scheint zu wenig Bewegung aber ebenfalls ungünstig zu sein, da der Beckenboden dann nicht gut trainiert ist. Sportarten wie Walking, Radfahren, Joggen oder Yoga, oder gezieltes Beckenbodentraining (siehe Kapitel "Therapie") helfen, die Muskeln des Beckenbodens vorbeugend zu stärken.

Belastungsinkontinenz bei Männern

Bei Männern entsteht eine Belastungsinkontinenz vor allem durch Verletzungen oder chirurgische Eingriffe im Beckenraum – wie Operationen der Prostata, zum Beispiel bei Prostatakrebs. Solche Therapien haben sich zwar bewährt und werden deshalb immer häufiger und nur aus gutem Grund angewandt. Allerdings muss ein Teil der Männer damit rechnen, dass sich anschließend eine Inkontinenz einstellt. Wie hoch das Risiko ist, hängt vom individuellen Krankheitsfall und dem Alter des Patienten ab. Auch die Erfahrung des Operateurs spielt eine große Rolle. Doch selbst bei optimalen Bedingungen ist das Inkontinenz-Risiko nicht gleich null. Betroffene sollten sich am besten im Vorfeld des Eingriffs ausführlich bei den Ärzten zu diesem Problem informieren. Oft bessert sich die Inkontinenz innerhalb der ersten 12 Monate nach erfolgter Operation. In einigen Fällen bleibt sie aber dauerhaft bestehen.

Nicht immer scheinen dann versehentliche Verletzungen von Muskeln oder Nerven schuld zu sein. Wird die Prostata – zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung – komplett entfernt, dann kann es zu einer Absenkung des eigentlich intakten Schließmuskels kommen, der aufgrund der veränderten Lageposition seine vollständige Kraft nicht mehr entfalten kann.

Ursachen bei Dranginkontinenz (Urgeinkontinenz)

Bei der Dranginkontinenz kann die Blase den Urin nicht mehr ausreichend  speichern. Schon bei geringer Blasenfüllung wird fälschlicherweise das Signal "Blase voll" gegeben. Die Folge ist ein plötzlicher, kaum unterdrückbarer Harndrang (Urgency), der zu unfreiwilligem Harnabgang führen kann (Dranginkontinenz). Die Blase wird in diesen Fällen als "überaktiv" (englisch: overactive bladder, OAB) bezeichnet. Männer leiden dabei öfter an einer Urgency ohne Urinverlust (auch dry OAB genannt) und  Frauen an einer Urgency mit Urinverlust (Dranginkontinenz oder wet OAB). Insgesamt wird die Dranginkontinenz mit zunehmenden Alter häufiger.

Verschiedene Ursachen kommen für eine Dranginkontinenz infrage: Nervenschäden oder -reizungen, beispielsweise nach Operationen, neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson- und Alzheimer-Krankheit, manche Krankheiten wie ein nicht ausreichend behandelter Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder ständige Reizungen der Blase, zum Beispiel durch Blasensteine oder Harnwegsinfekte. Auch kann ein Abflusshindernis am Blasenausgang, zum Beispiel eine vergrößerte Prostata oder eine Harnröhrenverengung, schuld sein. Psychosomatische Faktoren scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen. In vielen Fällen kann aber die Ursache nicht gefunden werden.

Ursachen bei Überlaufinkontinenz

Die Blase kann sich aufgrund eines Hindernisses (z.B. vergrößerte Prostata, Gebärmuttersenkung, Myome) oder einer Nervenschädigung nicht mehr richtig entleeren und ist längerfristig übermäßig voll. Im weiteren Verlauf kommt es zu einem permanenten Tröpfeln von Urin, wie bei einem undichten Wasserhahn.

Reflexinkontinenz

Nervenschäden an Gehirn oder Rückenmark (durch Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Schlaganfall, Parkinson- und Alzheimer-Krankheit oder anderen Formen von Demenz, oder eine Querschnittslähmung nach einem Unfall) führen dazu, dass die Blasenentleerung nicht mehr willentlich gesteuert werden kann, sondern "reflexartig" geschieht. Oft funktioniert dabei die Zusammenarbeit der beteiligten Muskeln nicht mehr optimal, so dass immer etwas Restharn in der Blase zurückbleibt.

Achtung, Medikamente

Verschiedene Arzneien können eine Inkontinenz fördern. Beispielsweise stimulieren manche Mittel – wie Betarezeptorenblocker gegen hohen Blutdruck oder Cholinesterase-Hemmer gegen Alzheimer-Krankheit – den Blasenmuskel, so dass eine Dranginkontinenz entstehen oder verstärkt werden kann. Diuretika ("wassertreibende" Medikamente) verschlechtern eine Inkontinenz eventuell, da sie den Körper veranlassen, mehr Flüssigkeit auszuscheiden. Ob es sich bei unfreiwilligem Urinabgang um eine Medikamenten-Nebenwirkungen handeln könnte, sollte mit dem Arzt besprochen werden. Möglicherweise kann er ein geeigneteres Präparat verschreiben. (Achtung: Wirkstoffe nicht eigenmächtig absetzen!)

Zu selten – zu oft?

Manchmal hat eine Inkontinenz auch mit dem eigenen Verhalten zu tun: Wer zu häufig oder zu selten zur Toilette geht, tut seiner Blase nichts Gutes. Im ersten Fall kann sich die Blase an die kleinen Urinmengen "gewöhnen", so dass sie irgendwann nicht mehr in der Lage ist, größere Mengen zu speichern. Im zweiten Fall wird die Blasenmuskulatur ständig überdehnt, was ihre Funktion stören kann.

Nicht zuletzt gibt es offenbar auch eine gewisse familiäre Veranlagung, die das Risiko für eine Inkontinenz erhöht.


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