Harninkontinenz: Therapie

Die geeignete Behandlung kann die Inkontinenz in vielen Fällen beseitigen oder zumindest bessern

aktualisiert am 23.03.2017

Beckenbodentraining kann bei Belastungsinkontinenz helfen


Es gibt keine pauschalen Therapieempfehlungen bei Inkontinenz. Die Behandlung muss individuell angepasst werden – an die Ursache, die Art und das Ausmaß der Beschwerden, aber auch an die jeweilige Lebenssituation. Der Arzt sollte über die möglichen Vor- und Nachteile der infrage kommenden Behandlungsmöglichkeiten informieren. Folgende Therapiebausteine können zum Einsatz kommen:

Beckenbodentraining

Vielen Patienten mit Belastungsinkontinenz, aber auch manchen Patienten mit Dranginkontinenz hilft es, ihren Beckenboden zu kräftigen (siehe auch Kapitel "Ursachen"). Das Training sollte unbedingt unter fachkundiger Anleitung erlernt werden, da es sonst womöglich falsch ausgeführt wird und nicht effektiv ist. Geeignete Ansprechpartner sind Physiotherapeuten (idealer Weise mit entsprechender Spezialisierung). Aber auch Fitnessstudios, Sportvereine und Volkshochschulen bieten passende Kurse an. Wichtig ist aber immer eine gute Ausbildung der Therapeuten. Einzeltherapien kann der Arzt eventuell verordnen.

So können Sie Ihren Beckenboden trainieren:

 

Oft fällt es Patienten anfangs schwer, die Beckenbodenmuskeln zu spüren und gezielt zu aktivieren. Hier kann ein Biofeedbacktraining helfen: Eine kleine Sonde wird dabei im Enddarm oder in der Scheide platziert. Sie misst und zeigt an, wie gut es gelingt, genau die gewünschten Muskeln anzuspannen. Eine Elektrostimulation kann diesen Vorgang zusätzlich unterstützen. Das Beckenbodentraining erfordert etwas Geduld und vor allem Ausdauer. Denn es muss regelmäßig und über längere Zeit erfolgen, bis sich eine Besserung einstellt. Viele Übungen lassen sich jedoch problemlos – und für andere unbemerkt – in den Alltag einbauen.

Schwangere sollten sich am besten an ihre Hebamme oder ihren Gynäkologen wenden. Ein individuell passendes Beckenbodentraining sollte nach Möglichkeit schon während der Schwangerschaft begonnen und nach der Geburt fortgeführt werden.

Übrigens: Regelmäßiges Beckenbodentraining kann auch helfen, einer Inkontinenz vorzubeugen.

Gewichtsabnahme

Übergewicht wirkt sich in vielerlei Hinsicht ungünstig auf die Gesundheit aus. Nicht zuletzt erhöht es das Risiko für eine Inkontienz. Wer auf gesunde Weise – also langsam, mit einer ausgewogenen Ernährung und viel Bewegung – Pfunde abbaut, kann erreichen, dass sich die Symptome der Inkontinenz bessern.

Verhaltensänderung

In manchen Fällen bewährt sich ein Blasentraining. Das Miktionsprotokoll (siehe auch Kapitel "Diagnose") bildet die Basis für ein "Toilettentraining" mit sinnvoll angepassten Trinkmengen, einer geeigneten Getränkeauswahl und festen "Toilettenzeiten". Zusätzlich lernen Betroffene kleine Tricks, mit deren Hilfe sich ein starker Harndrang mildern und das Wasserlassen hinauszögern lässt. Wichtig: Die geeigneten Maßnahmen sollten mit dem behandelnden Arzt besprochen und nicht in "Eigenregie" geplant werden. So hilft es zum Beispiel nicht, wenn Patienten versuchen, möglichst wenig zu trinken – im Gegenteil. Erhält der Organismus zu wenig Flüssigkeit, können daraus zusätzliche Probleme entstehen.

Bei der Ernährung können Patienten versuchen, Stoffe zu meiden, die die Blase reizen könnten – zum Beispiel scharfe Gewürze oder Kaffee. Auf Nikotin sollte verzichtet und für eine geregelte Verdauung gesorgt werden.

Hat eine Dranginkontinenz seelische (Mit-)Auslöser, helfen eventuell Entspannungsverfahren wie autogenes Training.

Ungünstige Faktoren wie anhaltender Husten, schweres Tragen, wiederkehrende Harnwegsinfekte sollten – wenn machbar – durch eine Verhaltensänderung oder entsprechende Therapie beseitigt werden.

Medikamente

Manche Medikamente können als unerwünschte Nebenwirkung eine Inkontinenz verschlechtern oder sogar hervorrufen. In diesem Fall kann der Arzt eventuell ein geeigneteres Präparat auswählen. Achtung: Medikamente nicht eigenmächtig absetzen! Verschiedene Arzneien können die Symptome der Inkontinenz jedoch auch bessern:

Für Frauen steht ein Medikament mit dem Wirkstoff Duloxetin zur Behandlung der Belastungsinkontinenz zur Verfügung. Es handelt sich um einen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer. Allerdings kann es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommen, zum Beispiel Übelkeit und Schwindel. Das Medikament sollte daher einschleichend (langsame Dosissteigerung) dosiert werden.

Bei Dranginkontinenz haben sich Anticholinergika bewährt. Sie dämpfen die Aktivität der Blasenmuskulatur. Bis sich eine Wirkung einstellt, kann es einige Wochen dauern. Daher wird empfohlen diese Medikamente mindestens über vier bis sechs Wochen einzunehmen, um ihre Wirkung bei dem einzelnen Patienten abschätzen zu können. Allerdings können auch diese Arzneien unerwünschte Nebenwirkungen verursachen wie Mundtrockenheit, Sehstörungen, Übelkeit, Herzrasen oder Verstopfung. Eine bestimmte Form des Grünen Stars und bestimmte Herzrhythmusstörungen können gegen die Einnahme sprechen.

Bei nicht ausreichender Wirkung oder bei Auftreten von Nebenwirkungen wird eine Dosissteigerung oder ein Wechsel des Anticholinergikums empfohlen.

Seit 1. Juni 2014 ist in Deutschland zusätzlich der Wirkstoff Mirabegron zur Therapie der überaktiven Blase erhältlich – ein sogenannter Beta-3-Adrenozeptoragonist. Mirabegron kann bei nicht ausreichender Wirkung von Anticholinergika beziehungsweise bei Nebenwirkungen unter Anticholinergika und auch als Erstmedikation eingesetzt werden. Der maximale Wirkeintritt wird innerhalb von 12 Wochen erreicht und die Nebenwirkungen sind gering. Vor allem ein trockener Mund und Verstopfung, die typisch für Anticholinergika sind und häufig zu einem Therapieabbruch führen, sollen unter Mirabegron seltener auftreten. Neben der alleinigen Gabe von Mirabegron ist auch eine Kombination mit einem Anticholinergikum möglich um die Wirkung zu erhöhen.

Beim Vorliegen eines Östrogenmangels der Scheide kann eine lokale (örtliche) Hormontherapie (Scheidenzäpfchen oder Scheidencreme) sinnvoll sein.

Zeigt bei einer überaktiven Blase (OAB) die Therapie mit Medikamenten keine Wirkung, wird eine Behandlung mit Botulinumtoxin empfohlen. Es wird direkt in den Blasenmuskel gespritzt. Die Anwendung von Botulinumtoxin bei nicht-neurologischen Ursachen einer überaktiven Blase ist seit Januar 2013 zugelassen. Die Wirkdauer von Botulinumtoxin beträgt durchschnittlich sechs bis neun Monate. Bei nachlassender Wirkung erfolgt daher eine erneute Behandlung.

Operationen

Bevor ein operativer Eingriff in Erwägung gezogen wird, sollten alle nicht-operativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sein.

Besteht ein Abflusshindernis, sollte es nach Möglichkeit beseitigt werden: So sollte eine vergrößerte Prostata behandelt werden. Eine Fistel (siehe Kapitel "Ursachen") sollte verschlossen werden.

Operationen bei Männern

Der über die letzten Jahrzehnte etablierte Standard zur Therapie der Belastungsinkontinenz bei Männern ist der künstliche Schließmuskel. Hierbei wird eine Manschette um die Harnröhre gelegt, die mit Flüssigkeit gefüllt ist und die Harnröhre durch Druck von außen verschließt. Über eine Pumpe im Hodensack wird bei Bedarf Flüssigkeit aus der Manschette in einen Speicher-Ballon gepumpt. Der Urin kann dann durch Harnröhre abfließen. Die Flüssigkeit läuft anschließend von selbst wieder aus dem Ballon in die Manschette zurück. Die Harnröhre ist wieder "dicht".

Hierbei handelt es sich um ein ausgereiftes und langjährig erprobtes System mit dauerhaft hohen Kontinenzraten von bis zu 90 Prozent in Langzeit-Untersuchungen. Allerdings sind mit diesem System hohe Kosten, Materialverschleiß mit notwendigem Materialaustausch (durchschnittlich alle acht bis zehn Jahre), mechanische Komplikationen, ein Infektionsrisiko, das Risiko einer Harnröhren-Arrosion oder Harnröhren-Atrophie (Schrumpfung der Harnröhre) verbunden.

Das Alter des Patienten sollte bei der Wahl der Therapieoption heute keine Rolle mehr spielen. Keine Studie konnte bei alten Patienten schlechtere Ergebnisse im Gegensatz zu jüngeren Patienten zeigen. Allerdings muss der Patient vor allem beim Einsatz des künstlichen Schließmuskels geistig und körperlich in der Lage sein, das System zu bedienen.

Daher wurden zur operativen Therapie der Belastungsinkontinenz des Mannes in den letzten Jahren zahlreiche minimal-invasive Verfahren entwickelt. Diese Systeme sind teilweise adjustierbar, also nach dem Eingriff noch auf die individuelle Situation anpasspar, und teilweise nicht-adjustierbar. Sie basieren auf dem gleichen Prinzip: Die Harnröhre wird durch ein Implantat soweit komprimiert (zusammengedrückt), dass der Urin nicht mehr unwillkürlich fließt, aber trotzdem noch ein Wasserlassen möglich ist.

Eine Alternative zum künstlichen Schließmuskel bei schlechter Restfunktion des eigenen Schließmuskels stellen die sogenannten adjustierbaren Schlingen dar. Mit diesen Schlingen wird eine Erhöhung des Harnröhren-Widerstandes hervorgerufen und somit die Kontinenz wieder hergestellt. Bei nicht ausreichendem Widerstand kann jederzeit im Rahmen eines kleinen operativen Eingriffs der Widerstand erhöht werden (=Adjustierung).

Im Gegensatz dazu kann mit einer funktionellen Schlinge eine Korrektur des durch eine Prostataoperation in seiner Lage verschobenen Schließmuskelsystems erreicht werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass es bei zahlreichen Patienten während der Prostataentfernung nicht zu einer direkten Verletzung des Schließmuskels kommt, sondern durch die Entfernung der Prostata eine Lockerung der Haltestrukturen des Schließmuskels und somit eine Senkung der hinteren Harnröhre (Urethra) erfolgt. Im Anschluss kann der Schließmuskel nicht mehr seine komplette Kraft aufbringen, die notwendig ist um die Harnröhre zu verschließen. Durch die Rückverlagerung des Schließmuskelsystems kann die Kontinenz wiedererlangt werden. Für den Erfolg dieser Methode ist es allerdings nötig, dass der Schließmuskel noch eine gute Restfunktion hat und nicht völlig zerstört ist. Ob das der Fall ist, kann ein Urologe mittels einer Spiegelung der Harnröhre leicht untersuchen.

Operationen bei Frauen

Die Schlingen-Operation hat sich bei Frauen mit Belastungsinkontinenz bewährt (z.B. Tension free Vaginal Tape, kurz TVT oder Trans-Obturator-Tape, kurz TOT). Voraussetzung ist, dass der Blasenschließmuskel noch ausreichend gut funktioniert. Der Arzt setzt unter der Harnröhre ein Kunststoffband (eine Polypropylene) ein, das die Harnröhre stützt und den Blasenverschluss dadurch verbessert. Der Eingriff ist minimal-invasiv, also wenig eingreifend und kann sogar teilweise unter örtlicher Betäubung erfolgen. Trotzdem können auch hier Komplikationen vorkommen, zum Beispiel Blutungen, Verletzungen oder Blasenentleerungsstörungen (vor allem eine Restharnbildung).

Eine Umspritzung der Harnröhre mit Kollagen oder Silikon kann in ausgewählten Fällen die Harnröhre stabilisieren und die Symptome lindern. Allerdings hilft das Verfahren oft nur sehr kurzfristig und Komplikationen wie Abszesse und Vernarbungen an der Harnröhre können auftreten.

Als letzte Möglichkeit kann auch bei Frauen ein künstlicher Schließmuskel eingesetzt werden (siehe Operationen bei Männern), wobei die Pumpe dann in die Schamlippe eingesetzt wird.

Nervenstimulation

Ein implantierter "Blasenschrittmacher" kann dafür genutzt werden, eine überaktive Blase zu beruhigen oder eine Blase zu stimulieren, die sich nicht mehr aus eigener Kraft entleeren kann, obwohl kein Abflusshindernis besteht. Allerdings sollte dieses Verfahren nur an spezialisierten Zentren in ausgewählten Einzelfällen erfolgen. Für diese sogenannte sakrale Neuromodulation werden Stimulationselektroden in die Öffnungen des Kreuzbeins eingeführt. Im Rahmen einer Teststimulationsphase wird der Effekt getestet und bei Erfolg der permanente Neurostimulator eingepflanzt.

Hilfsmittel

Es gibt eine große Auswahl an speziellen Inkontinenz-Hilfsmitteln wie Vorlagen in verschiedenen Saugstärken für Männer und Frauen, Einmalschlüpfer mit enthaltener Vorlage oder Inkontinenzslips. Das Kondom-Urinal ist eine Art Kondom, über das der Urin in einen Beutel geleitet wird, der zum Beispiel am Bein getragen wird.

Patienten sollten sich – zum Beispiel in der Apotheke – beraten lassen, welches Produkt am besten für sie geeignet ist. Ab einem gewissen Schweregrad können Hilfsmittel auch verordnet werden. Krankenkassen dürfen allerdings bestimmen, ob Hilfsmittel von einem ganz bestimmten Hersteller zu beziehen sind.

Mit normalen Monatsbinden sollten sich Betroffene lieber nicht behelfen, denn sie sind nicht für das Problem Inkontinenz konstruiert. So speichern sie meist nicht genug Flüssigkeit, halten die Haut nicht ausreichend trocken und können auch Geruch nicht so zuverlässig binden.

Bei einer Reflexinkontinenz kann es nötig sein, dass Patienten lernen, den (Rest-)- Harn regelmäßig über einen Katheter abzuleiten (intermittierender Selbstkatheterismus).

Für Männer mit Belastungsharninkontinenz kann unter Umständen die sogenannte Penisklemme eine Option sein – zum Beispiel, um einige Stunden zu überbrücken, etwa für einen Theaterbesuch. Es gibt verschiedene Modelle. Sie sollen die Harnröhre durch Druck von außen abdichten. Manche Männer stufen die Penisklemme als hilfreich ein, andere empfinden sie als unangenehm drückend oder sogar schmerzhaft. Ob sie im individuellen Fall geeignet erscheint, welche Kosten entstehen und was es gegebenenfalls zu beachten gibt, sollten Betroffene am besten mit ihrem behandelnden Arzt besprechen.


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