Diabetes Ratgeber

Sie sind weiß, rund oder länglich und sehen völlig unscheinbar aus. In der Regel nimmt man sie zwei- bis dreimal täglich zu den Mahlzeiten ein. Und für die meisten Menschen mit Typ-2-Diabetes sind sie so etwas wie alte Bekannte: Tabletten mit dem Wirkstoff Metformin.

Denn seit Jahrzehnten gilt Metformin als Medikament der Wahl vor allem bei Übergewicht und Typ-2-Dia­betes, wenn sich die Blutzuckerwerte allein durch ein Umstellen der Ernährung und mehr Bewegung nicht ausreichend bessern lassen. Dass der Wirkstoff zum "Klassiker" in der Diabetestherapie avancierte, hat gute Gründe: Metformin ist ein sicheres Mittel — gefährliche Nebenwirkungen kommen sehr selten vor —, kostet wenig und senkt den Blutzucker, ohne Unterzuckerungen zu verursachen.

Alles Wichtige über Typ-2-Diabetes:

Coronavirus Übergewicht Fettleibig Dick Frau Mann Rücken

Diabetes mellitus Typ 2

Bei einem Typ-2-Diabetes sind die Zuckerwerte im Blut erhöht. Unbehandelt kann die Erkrankung akute Stoffwechselentgleisungen und gesundheitliche Langzeitschäden nach sich ziehen. Ein veränderter Lebensstil und eine Behandlung mit Medikamenten können das verhindern

Schutz vor Krebs

Doch offenbar bringt Metformin weitere Pluspunkte für die Gesundheit: Aus großen Studien weiß man schon seit Längerem, dass das Medikament bei Typ-2-Diabetes auch das Risiko für Herz- und Gefäß-Krankheiten wie Herzinfarkt und Schlaganfall verringert. Andere Studien haben gezeigt, dass Typ-2-Diabetiker dank Metformin seltener an bestimmten Krebsarten erkranken, darunter Darm- und Brustkrebs. Und wenn Menschen bereits unter Darmkrebs leiden, erhöht eine Metformin-Therapie die Überlebenschancen. Sogar der Entwicklung einer Demenz soll der Wirkstoff vorbeugen.

Steckbrief: Metformin

  • Wirkung: senkt den Blutzucker bei Typ-2-Diabetes, wenn ein ­Umstellen der Ernährung und mehr Bewegung nicht ausreichen
  • Arzneiformen: Filmtabletten zu 500, 850 und 1000 Milligramm; Tropfen
  • Anwendung: je nach ärztlicher Verordnung zwei- bis dreimal täglich zu den Mahlzeiten
  • Mögliche Nebenwirkungen: vor allem zu Therapiebeginn Magen-Darm-Beschwerden. Deshalb ­anfangs niedrige Dosis, die langsam erhöht wird
  • Nicht geeignet: bei schwerer Nieren-, Leber- oder Herzschwäche

Die Pille für gesundes Altern?

Zum Teil lassen sich diese Effekte über die blutzuckersenkende Wirkung des Medikaments erklären. Hohe Zuckerwerte schaden den Gefäßen. Weil Insulin auch ein Wachstumshormon ist, regt ein erhöhter Insulinspiegel im Blut das Zellwachstum im Körper an, womöglich auch das von Tumorzellen. Metformin sorgt dafür, dass mehr Zucker aus dem Blut in die Körperzellen gelangt und die Bauchspeicheldrüse weniger Insulin produzieren muss. Forscher gehen jedoch davon aus, dass Metformin noch weitere positive Wirkmechanismen besitzt.

Mehr als "nur" ein Blutzuckersenker: Forscher untersuchen unter anderem, ob Metformin den Alterungsprozess verzögern kann

Mehr als "nur" ein Blutzuckersenker: Forscher untersuchen unter anderem, ob Metformin den Alterungsprozess verzögern kann

Herz- und Gefäßprobleme, Krebs oder Demenz treten gehäuft mit dem Älterwerden auf. Wenn Metformin vor all diesen Erkrankungen schützt: Könnte es sein, dass das Mittel ein längeres beschwerdefreies Leben ermöglicht — und zwar nicht nur bei Menschen mit Typ-2-Diabetes? "Tatsächlich hat man festgestellt, dass Metformin etwa bei Fadenwürmern, Taufliegen und Mäusen die Lebensdauer verlängert", sagt Professor Dr. Björn Schumacher, Direktor des Instituts für Genomstabilität in Alterung und Erkrankung an der Universität Köln. Ein Wundermittel also gegen das Altern, vielleicht auch für gesunde Menschen?

Wie Metformin genau wirkt, ist trotz seiner langen Nutzung nicht völlig geklärt. Es scheint aber in bestimmte Vorgänge einzugreifen, die für das Altern eine Rolle spielen.

Hier erfahren Sie, wie Sie heute schon vorsorgen können:

Zwei Menschen

Diabetes im Alter: So sorgen Sie vor

Menschen mit Diabetes sind im Alter häufiger auf Pflege angewiesen. In Deutschland herrscht jedoch ein Pflegenotstand. Hier erfahren Sie, wie Sie heute schon vorsorgen können

Weniger Erbgutschäden

Umwelteinflüsse, aber auch ganz normale Stoffwechselprozesse verursachen ständig kleine Schäden an unserem Erbgut, der DNA. "Unsere Zellen besitzen einen sehr effizienten Reparaturmechanismus, der diese Schäden immer wieder beseitigt", sagt Alternsforscher Schumacher. "Dieser Mechanismus funktioniert aber in der Regel nicht so lange, wie es für unsere heutige Lebenserwartung nötig wäre." So werden Gene dauerhaft geschädigt.

Und weil unsere Gene auch für die ständige Neubildung von Körperzellen wichtig sind, werden Erbinformationen bei der Zellerneuerung nicht mehr richtig umgesetzt, Zellen sterben oder können sich nicht mehr teilen, Gewebe regeneriert sich nicht mehr. Wir werden alt — und oft auch krank. Alternsforscher vermuten, dass Metformin auf mehreren Wegen dazu beiträgt, DNA-Schäden und die Zell­alterung zu begrenzen.

Studie soll Klarheit schaffen

In den USA ist eine erste Studie mit 3000 Nicht-Diabetikern in Vorbereitung. Sie will herausfinden, ob Metformin altersbedingte Krankheiten bessern oder ihre Entwicklung und damit das Altern selbst verzögern kann. Die Teilnehmer sollen 65 bis 79 Jahre alt sein und Herzleiden, Krebs, Demenz oder ein erhöhtes Risiko hierfür haben. Sechs Jahre soll die Studie dauern, ein positives Ergebnis wäre eine Sensation.

Was auch immer herauskommen wird, sicher ist: Wer sich konsequent an die verordnete Behandlung mit Metformin hält, tut seiner Gesundheit insgesamt etwas Gutes — und nicht "nur" dem Diabetes.

Lesen Sie auch:

Medikamente bei Typ-2-Diabetes

Medikamente gegen Typ-2-Diabetes

Beim Thema Blutzuckersenker setzen Ärzte auf eine ganz individuelle Strategie, denn jeder Patient ist anders. Doch welche Mittel gibt es überhaupt? Und was können sie?