An diesen Patienten im Jahr 2012 erinnert sich Dr. Denise Lenski noch ganz genau: „Er schildert mir, dass er länger alleine auf dem Gelände der Universitätsklinik Homburg lag – völlig hilflos.“ Wegen schwerer Herzrhythmusstörungen hatte er einen elektrischen Sturm erlitten, eine Serie von Schocks durch seinen implantierten Defibrillator. Das Gerät, das wie ein Herzschrittmacher in den Körper eingesetzt wird, kann Menschen mit schweren Herzkrankheiten das Leben retten. Die elektrischen Schläge, die dazu nötig sind, sind teils aber auch eine traumatische Erfahrung. Die Psychologin unterstützte ihn in der Klinik dabei, das belastende Erlebnis zu verarbeiten. „Der Mann hat sich gut erholt“, sagt Lenski.

Die Psychotherapeutin empfindet ihre Zeit in der Homburger Uniklinik rückblickend als sehr bereichernd: „Ich habe erlebt, was die Patientinnen und Patienten dort alles mitmachen – und war immer wieder überrascht, wie viel ich mit teils einfachen Mitteln erreichen kann.“ Das motivierte sie dazu, sich auf dem Spezialgebiet der Psychokardiologie zu qualifizieren. Seit 2013 betreibt Lenski eine psychotherapeutische Praxis in Saarbrücken. Zu ihr kommen Menschen mit Angststörungen, Depressionen und anderen psychischen Leiden. Rund 60 Prozent davon sind herzkrank.

Herz und Psyche beeinflussen sich gegenseitig

Der Bedarf an solchen Angeboten ist groß. Denn viele herzkranke Menschen benötigen Hilfe für ihre belastete Seele. Das untermauern publizierte Zahlen. Bei einer Erkrankung durch verengte Herzkranzgefäße leidet etwa rund jede und jeder fünfte Betroffene an einer schweren Depression. Teils ist diese eine Folge der Herzerkrankung, teils bestand sie schon zuvor.

In beiden Fällen aber gilt: Wird die Depression behandelt, wirkt sich das auch positiv auf den Verlauf der Herzkrankheit aus. Geschieht das nicht, steigt das Risiko für vorzeitigen Tod. Das Gleiche gilt für die sogenannte posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die etwa jede und jeder Achte nach einem Herzinfarkt entwickelt. Dieser bleibt unverarbeitet, die Betroffenen durchleben immer wieder den Stress und die Ängste, die sie beim Infarkt hatten. Viele leiden an schweren Schlafstörungen.

Vom eigenen Pumporgan im Stich gelassen?

„Ein Herzinfarkt, ein Herzstillstand oder eine Herzoperation bedroht einen Menschen in seiner Existenz. Viele fühlen sich von ihrem Pumporgan enttäuscht und im Stich gelassen“, berichtet Dr. Katharina Tigges-Limmer. Die psychologische Psychotherapeutin und Psychokardiologin kennt die Nöte zahlreicher Patientinnen und Patienten aus eigener Erfahrung. Seit 13 Jahren leitet sie die medizinpsychologische Abteilung der Klinik für Thorax- und kardiovaskuläre Chirurgie am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen.

Ihr Team versorgt dort Patientinnen und Patienten rund um Herzoperationen – darunter auch Menschen, die ein neues Herz brauchen. „Diese Wartephase ist eine psychische Ausnahmesituation“, sagt Tigges-Limmer. Die Betroffenen hoffen auf ihr neues Lebensglück, erleben gleichzeitig aber Todesängste. Sie spüren, wie sich ihr Zustand immer weiter verschlechtert, und fürchten zu sterben, bevor sie ein Spenderorgan erhalten. „Manche entwickeln auch Schuldgefühle, weil ihr erhofftes Glück auf dem Tod eines anderen Menschen fußt“, sagt die Psychokardiologin.

Nach Herz-OP schneller wieder fit – dank psychologischer Hilfe

Studien belegen: Herzoperationen haben mehr Erfolg, wenn die Patientinnen und Patienten psychologisch unterstützt werden. Bereits vor mehr als zehn Jahren konnte Tigges-Limmer das bei Menschen mit verengten Herzkranzgefäßen zeigen, die als Therapie einen Bypass erhalten hatten. Wer es wünschte, wurde psychologisch versorgt. Tigges-Limmer: „Diese Personen waren zuversichtlicher und ent- spannter als die Vergleichsgruppe.“ Zudem waren sie schneller wieder auf den Beinen und hatten eine bessere Ausdauer.

Die positive Erwartung
 zu stärken, lohnt sich
 bereits vor einer Bypass-OP. Das belegen
 Daten von Forschenden
 der Universität Marburg. Die Operierten
 hatten weniger Stresshormone im Blut und
 konnten die Klinik früher verlassen. Sechs 
Monate später ging es 
ihnen deutlich besser 
als Menschen, die keine psychische Hilfe erhalten hatten: Sie hatten ihre Krankheit besser im Griff, fühlten sich leistungsfähiger und litten weniger an Angststörungen und Depressionen.

Mit Entspannungstechniken Ängste zähmen

Psychotherapeutinnen und -therapeuten setzen viele verschiedene Methoden ein. Dazu zählt beispielsweise die Psycho-Edukation. Die Behandelten erhalten Informationen zu ihrer Erkrankung, zum Risiko und Nutzen ihrer Operationen und lernen, ihren Stress und ihre Ängste zu zähmen, etwa mit Entspannungstechniken wie dem autogenen Training und der progressiven Muskelentspannung.

Eine weitere häufig eingesetzte Methode ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie. Sie zielt darauf ab, die Gedanken und Gefühle, die Betroffene mit ihrer Erkrankung oder ihrem Klinikaufenthalt verbinden, positiv zu beeinflussen.

Medizinische Hypnose kann helfen, Stress abzubauen

Tigges-Limmers Team in Bad Oeynhausen setzt unter anderem auf die medizinische Hypnose. Damit half die Psychokardiologin vor Kurzem einem schwer kranken Mann, der sich von seiner dritten Herz-Operation erwartungsgemäß nur langsam erholte. Er fühlte sich von seinem Umfeld unter Druck gesetzt, bei seiner Genesung mehr Tempo zu machen. „Ich versetzte ihn in Trance und ließ ihn in seiner Fantasie eine teildurchlässige Schutzglocke um sich herum aufbauen.“

Die Glocke hatte seine Lieblingsfarbe, ein tiefes Dunkelblau, und ließ die hilfreichen, Mut machenden Hinweise hindurch. Alles, was der Mann als belastend und drängelnd empfand, perlte in seiner Vorstellung davon ab. „Der Patient entspannte sich und lächelte. Und er sagte mir, dass es ihm jetzt gut gehe.“ Studien belegen, dass medizinische Hypnose Menschen helfen kann, Angst, Stress und Schmerzen bei Operationen günstig zu beeinflussen.

Angebote für Herzpatienten rar: Betroffene müssen meist selbst aktiv werden

Doch es gibt ein Problem: „Psychologische Hilfe in herzchirurgischen und kardiologischen Kliniken ist bei Weitem nicht die Regel“, sagt Professor Christoph Herrmann-Lingen. Der Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitäts- medizin Göttingen forscht seit mehr als 30 Jahren zu der Verbindung von Herz und Psyche. Er wünscht sich, es gäbe in Herzkliniken einen festen Personalschlüssel für psychologische und psychotherapeutische Fachkräfte nach dem Vorbild der Krebs- und Tumorzentren. Menschen mit Krebs werden dort standardmäßig psychologisch betreut.

Solange dies nicht der Fall ist, müssen Betroffene in der Regel selbst aktiv werden. Wer sich über Wochen bedrückt und freudlos fühlt, kaum Antrieb hat, ständig erschöpft ist und schlecht schläft, sollte sich unbedingt an seine Hausärztin oder seinen Hausarzt wenden. Ebenso bei Ängsten, etwa wenn man aus Sorge vor einem neuen Herzanfall beginnt, bestimmte Situationen zu meiden. Bei Bedarf erfolgt eine Überweisung in eine psychotherapeutische Praxis.

Spezialisierte Einrichtungen: Medizin für Herz und Seele

Es gibt einige psychokardiologische Einrichtungen in Deutschland: ärztliche und psychotherapeutische Praxen, Rehakliniken und Krankenhäuser. Eine Übersicht gibt es hier.

Auch die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen vermitteln telefonisch Termine (Telefon 116 117). Bei der Krankenkasse kann man zudem erfragen, welche sonstigen Angebote erstattet werden, zum Beispiel autogenes Training. Eine wichtige Stütze können auch Herzsportgruppen sein. Die gemeinsame Bewegung stärkt den Körper – und die Psyche. Die Teilnahme kann ärztlich verordnet werden.

Studie nimmt Herz und Psyche in den Blick

Für Menschen mit Herzkrankheiten gibt es trotzdem zunehmend mehr spezialisierte Fachkräfte. Zu ihnen gehört Denise Lenski. „Ich schaue mir jeden Befund genau an und halte gegebenenfalls Rücksprache mit den Ärztinnen und Ärzten“, berichtet sie. Das erlaubt ihr, einzuschätzen, wie belastbar die Patientin oder der Patient ist. Insbesondere bei einer Depression ist es wichtig, zu klären, ob eine Person wegen ihrer Herzerkrankung oder ihrer psychischen Beschwerden schnell erschöpft ist. Denn das hat Konsequenzen für die Therapie.

Prof. Christoph Hermann-Lingen ist Experte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Göttingen.

Prof. Christoph Hermann-Lingen ist Experte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Göttingen.

Herz und Psyche gleichzeitig im Blick haben: Diesen ganzheitlichen Ansatz verfolgt Herrmann-Lingen schon während seiner gesamten beruflichen Laufbahn. Jetzt will er zeigen, dass Menschen mit Herzschwäche davon profitieren. Er koordiniert die europäische Studie ESCAPE, die eine neue Art der Versorgung erprobt. Eine Gruppe der Teilnehmenden erhält zusätzlich zur hausärztlichen Betreuung regelmäßige Anrufe durch geschulte Fachleute. Diese beantworten alle Fragen, erfassen körperliche und psychische Beschwerden und geben Empfehlungen. Ein Expertenteam gibt zudem per Video Unterstützung via Internet.

Die ESCAPE-Studie läuft noch bis zum Jahr 2025. Herrmann-Lingen hofft, dass sich die mit ihr erprobte Versorgung als vorteilhaft erweist und künftig von den Kassen bezahlt wird: „Im Prinzip könnte dann jede Ärztin und jeder Arzt diese Betreuung anbieten.“

Teilnehmer gesucht

Die EU-Studie ESCAPE erprobt eine neue Art der Versorgung für Menschen mit Herzschwäche. Teilnehmen können Seniorinnen und Senioren im alter ab 65 Jahren mit mindestens zwei weiteren Leiden sowie psychischen Besschwerden. Weitere Infos finden Sie hier.

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