Mit unserem Kiefer könnten wir Nüsse knacken. Das wäre zwar schlecht für die Zähne, die nötige Kraft aber hätten wir: Einen Druck von durchschnittlich rund 80 Kilo kann der Mensch mit seinem Kiefer ausüben. Vorausgesetzt, es hakt und schmerzt dort nicht.

Was ist eine Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)?

Macht das Kiefersystem Probleme, sprechen Medizinerinnen und Mediziner von Craniomandibulärer Dysfunktion (CMD). Vereinfacht übersetzt sind das Funktionsstörungen in Bezug auf die Bewegungen und die Beweglichkeit des Unterkiefers. Typische Beispiele: Die Zähne passen nicht richtig aufeinander, der Mund lässt sich nicht vollständig öffnen oder schließen, das Kiefergelenk knirscht beim Bewegen.

„Eine CMD bezieht sich auf drei Bereiche: Kaumuskeln, Kiefergelenke oder den Kontakt zwischen den Zähnen des Ober- und Unterkiefers“, erklärt Dr. Bruno Imhoff, Zahnarzt aus Köln und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT). Dauern moderate Schmerzen länger als vier Wochen an, sollte man zum Arzt gehen, rät der Experte. Ebenso bei starken akuten Beschwerden oder eingeschränkter Beweglichkeit.

Was löst die Beschwerden aus?

Eine sichere Diagnose zu stellen ist meist schwer. Die Auslöser einer CMD variieren und sind oft nicht eindeutig auszumachen. Möglich sind zum Beispiel Verletzungen der Bänder des Kiefergelenks. „Mit Abstand die meisten Fälle in der Praxis betreffen aber muskuläre Probleme“, sagt Imhoff.

Häufige Ursache: Betroffene knirschen mit den Zähnen oder pressen sie zu fest aufeinander. „Dabei werden die Kaumuskeln überlastet, sodass sie schmerzhaft verspannen können“, erklärt Imhoff. Das kann auch passieren, wenn jemand übermäßig viel Kaugummi kaut oder ständig an den Fingernägeln knabbert.

Wie sieht eine Therapie aus?

„Das Gute: Es gibt viele Möglichkeiten, die Muskeln zu entspannen“, so der Experte. Am häufigsten angewendet werde die Aufbissschiene. Auch effektiv: eine begleiten­de Physiotherapie oder Logopädie.

„Da das Beschwerdebild einer CMD so vielseitig ist, unterscheidet sich auch die Behandlung“, erklärt Physiotherapeutin Sarah Eisenschmid aus Tübingen. Laute das Ziel, die Kaumuskeln zu lockern, stehe vor allem einer von ihnen im Fokus: der sogenannte Masseter-Muskel. „Er ist für die Hauptbeißkraft zuständig und meist verantwortlich für den Spannungsschmerz.“ Zum Einsatz kommen Lockerungsübungen und manuelle Techniken, zudem wird oft die Koordination geschult – etwa wenn es Patienten schwerfalle, ihren Kiefer in bestimmte Richtungen zu bewegen.

Häufig macht aber nicht nur der Kiefer Probleme, sondern auch der Nacken. „Die tiefen Nackenmuskeln sind über die Halswirbelsäule eng mit dem Kiefer verbunden“, sagt Eisenschmid. Ein Knackpunkt: die Kopfhaltung. „Im Sitzen ziehen viele ihren Kopf zu weit nach vorn, wie eine Schildkröte“, erläutert die Physiotherapeutin. Entscheidend sei, dass die Patienten auch zu Hause trainieren, etwa Übungen zur Stabilisation oder Entspannung des Kiefers an die Hand bekommen.

Tipps für einen entspannten Kiefer

  • Kiefermuskeln schonen: Bei Beschwerden übermäßiges Kaugummikauen vermeiden.
  • Massieren: Der große Kaumuskel lasse sich gut selbst ausstreichen, sagt Physiotherapeutin Eisenschmid. „Finger am Kiefer, etwa auf Höhe des Ohres, ansetzen und mit konstantem Druck nach vorne unten ziehen. Sie werden spüren, wo Ihre Schmerzpunkte sind.“
  • Wärmen: Oft sind auch die Hals- und Nackenmuskeln verspannt. Zahnmediziner Imhoff rät: „Wickeln Sie ein feuchtwarmes Handtuch um Ihren Nacken, ein trockenes drum herum. Lassen Sie die Wärme im Liegen etwa eine Viertelstunde einwirken.“
  • Trainieren: Ausdauersport lockert die Muskulatur und verbessert die Haltung. Empfohlen werden fünf Einheiten pro Woche, jeweils mindestens 30 Minuten.
  • Gut schlafen: „Die Grundspannung der Muskeln sowie die Schmerzempfindlichkeit des Menschen hängen wesentlich von einer erholsamen Nachtruhe ab“, sagt Imhoff. Auch können bestimmte Techniken wie zum Beispiel die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen helfen, Anspannungen zu lösen.

Welche Risikofaktoren begünstigen eine CMD?

Doch nicht jeder, der mit den Zähnen knirscht oder den Kopf falsch hält, entwickle zwangsläufig eine CMD, sagt Zahnmediziner Imhoff. Ob Schmerzen im Kauapparat auftreten, hängt auch von einer genetischen Veranlagung ab. Das legen Ergebnisse einer US-Studie im Fachmagazin Journal of Pain nahe. Demnach sind rund acht Prozent der Bevölkerung betroffen.

„Kommen dann bestimmte Risikofaktoren hinzu, können sich CMD-Symptome ausprägen“, sagt Imhoff. Zu diesen Faktoren zählen vor allem Belastungen wie chronischer Stress oder Schlafstörungen. „Typisch sind auch Prüfungssituationen“, so Imhoff. Oft würden Betroffene zur selben Zeit auch an anderen Beschwerden, etwa Rückenschmerzen oder Migräne leiden. Das bedeute jedoch nicht, dass diese direkt vom Kiefer ausgelöst würden. „Sie treten nur gleichzeitig auf, weil der Aus­löser – etwa Anspannung – der gleiche ist“, sagt Imhoff.

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Wie gut sind die Therapieerfolge?

Der Begriff CMD werde oft zu ungenau verwendet und es würden Zusammenhänge hergestellt, die nicht bewiesen seien. Dennoch sei es wichtig, Begleiterkrankungen in der Therapie zu berücksichtigen und bei Bedarf weitere Spezialistinnen und Spezialisten hinzuzuziehen – etwa aus den Bereichen Orthopädie, Schmerzmedizin oder Psychologie. „Bei der Behandlung einer CMD brauchen Patientinnen und Patienten oft einen langen Atem“, sagt Imhoff. Die Aussicht auf Erfolg sei aber gut – vorausgesetzt, die Betroffenen arbeiteten gut mit. Nach sechs, spätestens zwölf Monaten gehe es über 90 Prozent der Patientinnen und Patienten deutlich besser.

Weitere Informationen zum Thema sowie Hilfe bei der Suche nach Spezialisten finden Sie im Internet unter: www.dgfdt.de

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