Diabetes Ratgeber

Edda Weimann ist Kinderärztin. Doch bei ihren jungen Patienten sieht sie immer öfter Probleme, die früher nur Erwachsene plagten. Dazu gehört Typ-2-Diabetes, einst „Altersdiabetes“ genannt. „Auch bei jungen Menschen entwickelt sich diese Diabetesform nicht von heute auf morgen. Betroffen sind meistens Kinder, die schon seit einigen Jahren deutlich zu viel wiegen“, sagt Professorin Weimann, die medizinische Direktorin einer Kinderklinik in Oberbayern ist.

Zahl der Kinder mit Typ-2-Diabetes steigt

Zwar tritt Typ-2-Diabetes nach wie vor am häufigsten bei Älteren auf. Doch seit einigen Jahren steigen die Zahlen auch bei Kindern und Jugendlichen. In Deutschland erkranken derzeit jedes Jahr durchschnittlich 200 der 11- bis 17-Jährigen. Meist beginnt Typ-2-Diabetes in der Pubertät. „Wir betreuen aber auch Grundschulkinder“, sagt Weimann. Ihre jüngste Patientin ist vier. Dass bereits Kleinkinder erkranken, sei aber selten. Zumindest in Deutschland.

Adipositas begünstigt Diabetes bei Kindern

Weltweit sind 158 Millionen Kinder so stark übergewichtig, dass Ärzte von Adipositas sprechen: Fettleibigkeit. In Deutschland waren bereits vor der Corona-Pandemie rund 800.000 Kinder adipös. Die vielen Extrakilos lassen nicht nur den Blutzucker steigen. Die Kinder leiden oft auch an Problemen wie Blut­hochdruck, Gelenkschäden oder einer Fettleber.

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Wer in jungen Jahren an Typ-2-Diabetes erkrankt, hat zudem ein hohes Risiko, früh Folgeschäden zu entwickeln, etwa an Augen, Nieren, Nerven und am Herzen. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Experten haben eine Reihe von teils überraschenden Gründen für die Adipositas-Welle bei Kindern ausgemacht. Und Lösungen parat, mit denen es gelingen könnte, die Welle zu stoppen und so die Kinder zu schützen.

Kinder nahmen während Pandemie zu

Vor allem bereits übergewichtige Kinder haben in der Pandemie oft weiter zugenommen. Das zeigt etwa eine Auswertung der Daten aus Adipositas-Ambulanzen und Rehakliniken. „Wir sehen in unseren Sprechstunden jetzt Kinder, die in sechs Monaten bis zu 30 Kilogramm zugenommen haben. Und immer mehr Jugendliche mit extremer Adipositas und Folgeerkrankungen wie etwa Typ-2-Diabetes“, sagt PD Dr. Susann Weihrauch-Blüher, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter der Deutschen Adipositasgesellschaft und Diabetologin an der Universitätskinderklinik Halle/Saale.

Erklärungen für den rasanten Gewichtsanstieg gibt es reichlich. Vor allem die beiden Lockdowns haben die Kinder lahmgelegt: monatelang kein Schul- und Vereinssport, kein Treffen mit Freunden. Stattdessen daheim sitzen, stundenlang Filme schauen, im Internet surfen oder mit Freunden chatten. Und dabei psychischen Stress, Frust und Langeweile mit Chips oder Schokolade bekämpfen.

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Pandemie: Jedes sechste Kind ist dicker geworden

Alarmierender Trend: Viele Kinder haben sich während Corona ungesünder ernährt, sind dicker und weniger fit geworden.

Professor Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der TU München, hat mit Kollegen eine repräsentative Befragung von Eltern durchgeführt. Zwei Ergebnisse: Jedes fünfte Kind greift seit der Pandemie häufiger zu süßen oder salzigen Snacks und Softdrinks. Vier von zehn bewegen sich weniger. Das betraf laut Hauner vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien. Diese haben ohnehin ein viermal höheres Risiko für Adipositas. „Corona hat die Ungleichheit verstärkt“, so Hauner.

Die Lösung: „Was wir jetzt noch dringender brauchen als vor Corona sind mehr Therapieprogramme, um adipösen Kindern und Jugendlichen zu helfen, dauerhaft abzunehmen“, sagt Weihrauch-Blüher. Wichtig für Eltern: Der Kinderarzt kann an Spezialisten überweisen, die solche Programme anbieten.

Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel?

Wir leben in einer dick machenden Umgebung. Fast Food und süße oder salzige Snacks sind überall zu haben – für relativ wenig Geld. Coole Helden auf Lebensmittelpackungen oder in der Werbung locken zum Kauf ungesunder Kinderprodukte.

Die Lösung: „Wir fordern von Politikern, solche Werbung, die sich an Kinder richtet, ganz zu verbieten: in Medien wie Fernsehen und Internet. Aber etwa auch vor Kitas und Schulen“, sagt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Zudem müsse durch eine Kennzeichnung auf allen Lebensmittelpackungen klar erkennbar sein, ob es sich um ein gesundes oder ungesundes Produkt handelt.

Inflation macht gesundes Essen teurer

Seit letztem Jahr sind die Preise für Lebensmittel so stark gestiegen wie schon lange nicht mehr. So war etwa frisches Gemüse im März 2022 im Vergleich zum Vorjahr rund 15 Prozent teurer. Für Menschen mit kleinem Geldbeutel wird gesunde Ernährung immer unerschwinglicher.

Die Lösung: Agrarminister Cem Özdemir von den Grünen unterstützt, was die DDG sowie Sozial- und Verbraucherverbände schon länger fordern: einen Steuererlass auf Obst und Gemüse. Dank einer neuen EU-Regelung wäre dies nun möglich. Bleibt abzuwarten, ob das dafür zuständige Finanzministerium die Forderung auf den Weg bringt. „Im Gegenzug sollten ungesunde Lebensmittel wie stark gezuckerte Getränke mit einer Herstellerabgabe belegt werden“, sagt Bitzer.

Schlechte Luft begünstigt Typ-2-Diabetes

Luftschadstoffe und Lärm am Wohnort erhöhen Studien zufolge das Risiko für Typ-2-Diabetes. Warum, erklärt Professor Wolfgang Rathmann vom Deutschen Diabetes Zentrum Düsseldorf: „Feinstaub löst Entzündungen aus, welche die Insulinempfindlichkeit verringern. Dauerlärm stresst und stört den Schlaf. Das kann Blutzucker und Gewicht hochtreiben.“ Möglicherweise sind solche Umwelteinflüsse mit schuld daran, dass Kinder aus ärmeren Familien häufiger an Typ 2 erkranken. Sie wohnen eher in Gegenden mit viel befahrenen Straßen. Dort gibt es zudem wenig Spielplätze, Grünfl.chen und Radwege, die zu Bewegung einladen.

Auch der Klimawandel wirkt sich auf die Kleinsten aus. Es gibt Hinweise, dass durch eine dauerhaft erhöhte Umgebungstemperatur bei Kindern das Gewicht steigen kann. Ein Grund, so Kinderärztin Weimann: Bei Hitze bewegen sich Kinder weniger.

Die Lösung: Experten fordern strengere Auflagen, um Jung und Alt vor schädlichen Umwelteinflüssen zu schützen. Städte und Kommunen sollten Fuß- und Radwege ausbauen und mehr Erholungsgebiete mit Grün- und Wasserflächen schaffen. „Diese kühlen auch die Stadt ab, was wegen des Klimawandels immer wichtiger wird“, sagt Weimann, die sich in der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) engagiert.

Prägung für Typ-2-Diabetes im Mutterleib

Schon im Mutterleib wirken Einflüsse auf das Kind, die mitbestimmen, ob es später dick wird und Typ-2-Diabetes entwickelt. „Das Risiko dafür steigt, wenn die Mutter bei der Empfängnis adipös ist, in der Schwangerschaft übermütig zunimmt, raucht oder zu hohe Zuckerwerte hat“, sagt Prof. Tanja Groten vom Kompetenzzentrum Diabetes und Schwangerschaft des Universitätsklinikums Jena.

„Diese Einflüsse beeinträchtigen den Stoffwechsel des Kindes auch noch nach der Geburt.“ Immer mehr junge Frauen sind stark übergewichtig, haben bereits Typ-2-Diabetes oder entwickeln einen Schwangerschaftsdiabetes. Dabei steigt der Blutzucker in der Schwangerschaft zu stark an. Bekommt das Kind aus dem Blut der Mutter ständig zu viel Zucker, produziert es mehr Insulin. Das fördert das Wachstum von Fettzellen. Das Kind kommt zu groß und zu schwer auf die Welt. Und ist quasi schon auf Typ-2-Diabetes programmiert.

Die Lösung: Um Mutter und Kind zu schützen, ist es wichtig, erhöhte Zuckerwerte rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. „Daher ist für alle Schwangeren zwischen der 24. und 28. Woche ein Zuckerbelastungstest vorgesehen“, sagt Groten. Dabei wird der Blutzucker nach Trinken einer definierten Menge Zuckerlösung gemessen. Frauen mit erhöhtem Risiko für Typ 2 rät Groten bereits bei Kinderwunsch zu einem ersten Test.

Hilfe gibt es hier:

Fragen Sie den Kinderarzt nach Therapieprogrammen für Kinder und die ganze Familie. Adressen zertifizierter Anbieter: adipositas-gesellschaft.de/aga/therapieeinrichtungen/

Die Werte sollten schon vor der Empfängnis möglichst gut sein. Auch um das Risiko für Fehlbildungen zu senken. Ebenfalls wichtig: eine ausgewogene Ernährung, auf Zigaretten und Alkohol verzichten. Wenn möglich sollten Frauen ihr Kind stillen. Das senkt das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes bei Mutter und Kind. Noch wichtiger: nach der Geburt weiter gesund leben. Auch um dem Kind das beste Vorbild zu sein.

Typ-2-Diabetes vermutlich oft vererbbar

Haben nahe Verwandte Typ-2-Diabetes, erkrankt das Kind mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Forscher vermuten, dass daran aber nicht nur die Gene schuld sind oder ungute Gewohnheiten, die sich Kinder von der Umwelt abschauen. Wer sich länger ungesund ernährt, verändert womöglich wichtige Schaltstellen an seinen Genen. Tierversuche zeigten, dass solche Veränderungen genauso erblich sind wie die Gene selbst. Sie können beim Nachwuchs zu einer Veranlagung für Übergewicht und Typ 2 führen.

Die Lösung: Möglicherweise lassen sich die Effekte rückgängig machen, etwa durch gesunde Ernährung. Klar ist: Leben Vater und Mutter gesund, schützt das auch den Nachwuchs.

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