Diabetes Ratgeber

Die Corona-Pandemie hat unser aller Leben beeinträchtigt. Doch was wir nun in den USA sehen, ist erschreckend: Die Zahl der Kinder, die neu an Typ-2-Diabetes erkranken, ist explodiert: 2020 war ein Anstieg der Diagnosen um 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen, so das traurige Ergebnis einer großangelegten Studie[1]. Untersucht wurde dabei nicht, ob es mehr Diagnosen gab, weil die Kinder zuvor an Covid-19 erkrankt waren oder ob die Umstände während der Pandemie zu diesem heftigen Anstieg führten.

Letzteres liegt allerdings nahe. Denn während der Lockdowns bewegten sich viele Kinder zu wenig, sie ernährten sich oft ungesünder. Aus einem Zuviel an Gewicht wurde noch mehr. Knapp 50 Prozent der amerikanischen Kinder zwischen fünf und neun Jahren sind inzwischen übergewichtig – das bedeutet, ihr BMI liegt über 25. Bekanntermaßen begünstigt Übergewicht Diabetes-Typ-2, was also den Anstieg der Erkrankungen erklären würde.

Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt

Auch hierzulande schlagen Kinderärztinnen und -ärzte Alarm. Zwar haben die Typ-2-Diagnosen nicht so drastisch zugenommen wie in den Vereinigten Staaten. Aber auch bei uns rollt eine weitere Epidemie an, die vielleicht nicht mehr zu stoppen ist: Es gibt immer mehr dicke Kinder und Jugendliche. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat jedes sechste Kind in Deutschland zugenommen. Das ergab eine repräsentative Elternbefragung, die für die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und das Else-Kröner-Fresenius-Zentrum (EKFZ) für Ernährungsmedizin durchgeführt wurde. Kinderärzte berichten von Gewichtszunahmen von mehr als 30 Kilo in nur sechs Monaten. Die Pandemie hat vermutlich wie ein Katalysator gewirkt und diese Entwicklung befeuert.

Redakteurin Isabelle Fabian

Redakteurin Isabelle Fabian

Die Kids essen zu süß, zu salzig, zu fettig – und zu viel Fast Food. Sie trinken zu viele Limonaden. Und sie bewegen sich zu wenig. Während der Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen haben sich viele ungesunde Gewohnheiten oft aus der Not in den Familien heraus eingeschlichen. Statt Sportunterricht oder Wandertag mit der Klasse: Homeschooling mit null Bewegung. Statt Mittagessen in Kita und Schule: ungesunde Snacks und Fertigessen. 50 300 Tonnen mehr Fertigessen wurden in den ersten drei Quartalen 2020 produziert als im Vorjahreszeitraum, so das Statistische Bundesamt. Dazu oft mehr Naschkram, mehr Medienkonsum.

Bluthochdruck & Co.: Übergewicht macht immer mehr Kinder krank

Die Folgen sind verheerend: Wer ohnehin schon dick war, wurde noch dicker. Und Übergewicht kann krank machen. Kinderärztinnen und -ärzte diagnostizieren inzwischen häufig auch schon die Folge- und Begleiterkrankungen bei unseren Jüngsten: Bluthochdruck, Fettleber und gestörter Zuckerstoffwechsel. Krankheiten, die wir eigentlich nicht mit Kindern, sondern mit älteren Erwachsenen in Verbindung bringen.

Der Zug ist schon vor der Corona-Pandemie in die falsche Richtung gefahren. Die Zahl der dicken Kinder stieg immer weiter. Etwa zwei Millionen Kids und Teens bringen zu viel auf die Waage. Aus dem Bummelzug ist inzwischen ein ICE geworden.

Coronavirus Pandemie fördert ungesunde Ernährung Jugendlicher Teenager Hand laptop

Pandemie fördert ungesunde Ernährung

Schnell etwa Süßes statt ein warmes Mittagessen - im Lockdown schaffen es nicht alle, sich gesund zu ernähren. Vor allem bei Kindern könnten die Corona-Pfunde langfristige Folgen haben

Gegenmaßnahmen dringend nötig

Was können wir tun, um die Entwicklung zu bremsen? Es braucht ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel, Ernährungsbildung in Kita, Schule und für Familien – sowie ein gesundes und kostenloses Schulessen, zumindest für mittellose Familien. Außerdem sollten ungesunde Lebensmittel großflächig als solche gekennzeichnet werden.

Warum nicht auf zu zuckrigen, zu fettigen oder zu salzigen Produkten warnen, dass sie schwerwiegende Gesundheitsschäden verursachen können? Schließlich können fettleibige Kinder eine niedrigere Lebenserwartung haben als normalgewichtige Gleichaltrige. So ist etwa jeder fünfte Todesfall bei Erwachsenen auf die Folgen von Übergewicht zurückzuführen.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden langsam zurückgefahren. Was wir jetzt brauchen, sind noch mehr Engagement und Mittel, um die Pandemie der Fettleibigkeit mit all ihren Folgen zu bremsen. Schließlich geht es um unsere Zukunft: unsere Kinder.

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Quellen:

  • Statista: Statista, Anteil der Kinder mit Übergewicht in ausgewählten OECD-Ländern nach Geschlecht im Jahr 2016.. Online: https://de.statista.com/... (Abgerufen am 08.09.2022)
  • Sheela N. Magge, Risa M. Wolf, Laura Pyle et al.: The COVID-19 pandemic is associated with a substantial rise in frequency and severity of presentation of youth-onset type 2 diabetes. In: The Journal of Pediatrics: 2022, https://doi.org/...
  • Deutsche Adipositas Gesellschaft: Folgen der Pandemie: Wie Corona das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen verändert hat. Online: https://adipositas-gesellschaft.de/... (Abgerufen am 07.09.2022)
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.: Adipositas bei Kindern: eine „stille“ Pandemie. Online: https://www.dgkj.de/... (Abgerufen am 07.09.2022)
  • Mandy Vogel, Mandy Geserick, Ruth Gausche et al.: Gewichtszunahme bei Kindern und Jugendlichen während der Covid-19-Pandemie. In: Kinder- und Jugendmedizin 2022 2022, 22-2: 112-117
  • Statistisches Bundesamt: Corona-Krise: Mehr als eine Million Tonnen Fertiggerichte von Januar bis September 2020 produziert. Online: https://www.destatis.de/... (Abgerufen am 08.09.2022)
  • Robert Koch Institut: Diabetestypen sind nicht auf Altersgruppen beschränkt: Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen und Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Online: https://www.rki.de/... (Abgerufen am 07.09.2022)
  • Robert Koch Institut: Ernährungsverhalten in Deutschland. Online: https://www.rki.de/... (Abgerufen am 06.09.2022)
  • [1] Magge S N, Wolf R M, Pyle L et al.: The COVID-19 pandemic is associated with a substantial rise in frequency and severity of presentation of youth-onset type 2 diabetes. In: The Journal of Pediatrics: 2022, https://doi.org/...