Diabetes Ratgeber

Diese Pandemie ließe sich verhindern: Täglich erkranken rund 1500 Menschen in Deutschland neu an Diabetes. Das Robert Koch-Institut prognostiziert bis zum Jahr 2040 einen Anstieg auf bis zu zwölf Millionen Diabetes-Patienten in Deutschland, die meisten davon Typ 2. überall auf der Welt steigen die Zahlen. Diese Pandemie ließe sich mit gesundem Essen stoppen. Moment mal. Gesundes Essen ist überall verfügbar. Wir leben im Überfluss. Die Obst- und Gemüseregale in den Supermärkten quellen über. Jeder, der möchte, kann sich gesund ernähren. Das stimmt. In der Theorie.

Unser Spezial zum Thema

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Warum fällt es uns so schwer, gesund zu essen?

Unser Themen-Schwerpunkt erklärt, welche Maßnahmen laut Wissenschaftlern dabei helfen könnten, gesundes Essen im Alltag leichter zu machen.

Wer schon einmal versucht hat, gesünder zu essen, weiß, wie schwer das im Alltag fällt. Morgens ein schnelles Müsli, mittags essen wir in der Kantine, abends sind wir zu müde, um zu kochen, und schieben ein Fertiggericht in den Ofen. Ein Großteil der Lebensmittel in unserem Alltag ist hochverarbeitet und leider ungesund. Was wäre die Lösung? „Wir brauchen Umgebungen im Alltag, die es Menschen leichter machen, eine gesunde Wahl zu treffen“, sagt Dr. Karin Geffert. Die Medizinerin und Expertin für Public Health und Versorgungsforschung aus München hat mit ihrem Team Maßnahmen für bessere Ernährungsumfelder in einem internationalen Vergleich untersucht.

Eine zentrale Frage: Was hilft uns dabei, gesünder zu essen und das Risiko für Übergewicht und ernährungsabhängige Krankheiten wie Diabetes zu senken? Die Strategien der Industrie und vier Maßnahmen, die Wissenschaftler der Politik empfehlen, stellen wir Ihnen weiter unten vor.

Was hilft uns, gesund zu essen?

Und wir analysieren, welche dieser Regelungen die neue Ampelkoalition umsetzen will. Eines schon mal vorweg: Eine Sondersteuer oder Herstellerabgabe auf stark überzuckerte Produkte wie Softdrinks oder Frühstückscerealien, die etwa die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) seit Jahren fordert, ist vorerst vom Tisch. „Gescheitert am Widerstand der FDP“, sagt die Politikerin Renate Künast, die für die Grünen den Koalitionsvertrag im Bereich Ernährung verhandelt hat. Gescheitert auch am Widerstand der Industrie. „Die Lebensmittel-Lobby hat die letzten Jahre alles versucht, um wirksame Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung zu verhindern – meistens mit Erfolg“, so Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG.

Kein Wunder, dass die Industrie sich dagegen wehrt. Zucker ist sehr rentabel. Ein Bericht der Unternehmensberatung JPMorgan zeigt, dass der operative Gewinn bei süßen Frühstücksflocken und Softdrinks zwischen 18 und 16 Prozent liegt, bei Obst und Gemüse nur bei etwa vier Prozent. Die Industrie hat also gute Gründe, Maßnahmen für bessere Ernährung zu blockieren, nicht nur beim Problemstoff Zucker.

Welche Strategien sie dabei anwendet, erfahren Sie weiter unten.

Lebensmittel

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Strategie: Siegel-Wirrwarr

Auf Lebensmittelverpackungen geht es bunt zu. Neben Werbung schmücken zahlreiche Siegel die Produkte. Deren Zahl wächst stetig. Eigentlich sollen Siegel den Einkauf erleichtern. Doch ihre Vielzahl sorgt für Verwirrung. Beispiel Fleisch: 90 Prozent der Verbraucher wünschen sich beim Kauf Infos, wie das Tier gehalten wurde. Der Einzelhandel hat ein Label eingeführt (Haltungsform), die Tierhalter (Tierwohl) ein anderes. Daneben gibt es ein Neuland- und ein Tierschutz-Label und viele mehr. Verbraucher blicken nicht mehr durch. Damit soll nun Schluss sein. „Wir sorgen bei der Kennzeichnung für Klarheit“, sagt Grünen-Politikerin Renate Künast. „In diesem Jahr soll ein einheitliches Siegel verpflichtend eingeführt werden, das Auskunft über Haltungsform, Transport und Schlachtung gibt.“

Strategie: Mini-Portionsgrößen

407 Kalorien pro Portion, eigentlich ganz okay für eine Salami-Pizza. Doch bei der Frage, wie groß eine Portion ist, tricksen die Hersteller gewaltig. Denn in diesem Fall gilt gerade mal die Hälfte der Pizza als ganze Portion. Die Portionsgrößen, die auf vielen Packungen auf der Vorderseite angegeben werden, sind willkürlich und meist viel zu klein, zeigen Stichproben der Verbraucherzentralen. Auch bei Softdrinks, die in kleinen Flaschen zu 500 ml verkauft werden, werten Hersteller eine halbe Flasche als eine Portion. Die meisten von uns trinken die Flasche jedoch aus. Und so füllt sich unser Kalorienkonto rascher, als uns bewusst ist.

Die Wahrheit über die Nährstoffgehalte versteckt sich auf der Rückseite im Kleingedruckten. Wichtig sind die Angaben pro 100 g, die auf jeder Packung angegeben werden müssen. Hier ist auch der Zuckergehalt aufgeführt. Wer wirklich wissen will, wie viele Kalorien etwa eine halbe Tüte Chips enthält, muss oft den Taschenrechner zücken.

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Strategie: die Lobby und die Politik

Viele Entscheidungen, die unsere Ernährung betreffen, werden in der Europäischen Union getroffen. In Brüssel und Straßburg haben rund 12000 Lobbyorganisationen ihren Sitz. Ein einflussreiches Forum ist das Ende 2019 von Mitgliedern des Europäischen Parlaments gegründete European Food Forum. Hier diskutieren Parlamentarier mit Vertretern der Zucker-, Pestizid- und Saatgutindustrie ernährungspolitische Strategien. Das Gremium arbeitet sehr intransparent: Die Kommunikationsrichtlinien regeln, dass nicht nach außen dringen darf, welche Positionen einzelne Mitglieder vertreten. Auch innerhalb der Weltgesundheitsbehörde WHO übt die Lebensmittelindustrie Druck aus, zeigt eine große Studie. Und auch hierzulande regiert die Lobby mit. Die frühere Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) etwa ließ aus einer Studie des Max Rubner-Instituts Inhalte verändern, die einen Nutri-Score (Lebensmittelampel) befürworteten. Angeblich um eine ergebnisoffene Untersuchung zu ermöglichen. Ein Störgefühl bleibt.

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Ungesunde Ernährung: Was kann die Politik dagegen tun?

Übergewicht wird in Deutschland zunehmend zum Problem. Müsste die Politik stärker eingreifen? Die Lebensmittelindustrie wehrt sich dagegen – und schiebt den Konsumentinnen und Konsumenten die Verantwortung zu

Strategie: Verantwortung abweisen

Was muss passieren, damit sich Übergewicht nicht weiter so massiv ausbreitet? Seit Jahren fordern Expertinnen und Experten einhellig: Wir brauchen Umgebungen im Alltag, die Menschen eine gesunde Auswahl beim Essen erleichtern.

Die Lobbyvereinigungen der Industrie, etwa der einflussreiche Lebensmittelverband Deutschland e. V., sehen das anders. Der wirksamste Weg, Übergewicht und ernährungsabhängigen Krankheiten wie Diabetes Typ 2 vorzubeugen, sei neben Bewegung vor allem Bildung und Aufklärung.

„Seit Jahren gelingt es der Industrie, diesen Ansatz mithilfe großer Marketing-Budgets als Schlüssel gegen Übergewicht zu verkaufen“, sagt Dario Sarmadi, Pressesprecher der Verbraucherorganisation Foodwatch. Mit Erfolg: Die Politik folgte der Bildungsstrategie und inmitten aller Fakten zum Trotz jahrelang in teure Aufkläungskampagnen über Ernährung. Dabei erachten Mediziner diesen Ansatz als gescheitert und berechneten, dass durch Aufklärung die Häufigkeit von Übergewicht um nur ein Prozent gesenkt werden kann.

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Strategie: Einfluss auf die Forschung

Lobbyismus im 21. Jahrhundert hat eine neue Qualität. „Er muss nicht von außen versuchen, Einfluss zu nehmen, sondern agiert inmitten der Institutionen“, schreibt der investigative Food-Journalist Hans-Ulrich Grimm in seinem Buch „Food War“.

Ein Beispiel liefert in den Augen von Journalist Grimm das international agierende Netzwerk ILSI (International Life Sciences Institute). Hier engagieren sich neben Industrievertretern etwa von Danone oder PepsiCo auch namhafte Forscher wie etwa Prof. Dr. Stephan Bischoff, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim.

Das ILSI-Netzwerk ist maßgeblich daran beteiligt, wenn es in der EU etwa um Nährstoffempfehlungen oder die Beurteilung von Lebensmittelrisiken geht. Kritiker der Industrie sind der Meinung, dass das ILSI-Netzwerk dazu beiträgt, Debatten im Sinne der Konzerne zu beeinflussen, etwa indem Studien gefördert werden, die die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Süßstoffen belegen sollen.

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