Herr Lahm, wie unterscheidet sich Ihr Leben heute am stärksten von dem als Profifußballer?

Es ist nicht vom Fußball abhängig und vielseitiger, würde ich sagen. Es richtet sich nicht mehr nach Turnier- und Trainingsplänen, ist flexibler und abwechslungsreicher. Natürlich waren mir als Profi auch andere Themen wichtig, ich habe zum Beispiel schon früh meine Stiftung gegründet – aber meine Hauptaufgabe war der Fußball.

Vermissen Sie das Leben im Team?

Wenn man wie ich von klein auf jeden Tag im Team unterwegs ist, vermisst man das natürlich am meisten. Aber ich habe jetzt andere Teams: auch beim Fußball, etwa wenn ich meinen Sohn zum Training begleite. Mir ist das Sportliche wichtig, aber genauso die Gemeinschaft. Ich mag das, wenn wir nach dem Golfen oder Tennisspielen noch zusammensitzen und uns austauschen. Natürlich über den Sport, aber auch über andere Themen.

Machen Sie auch alleine Sport?

Immer mal wieder. Ich bin aber gerne mit anderen Leuten zusammen, gerade beim Sport. Aber genauso brauche ich auch meine Ruhephasen. Die Kombination macht’s – in dieser Hinsicht hat sich mein Leben gar nicht so sehr verändert. Und darum geht es auch im Buch.

In Ihrem Buch „Gesund kann jede*r!“ spielen Routinen eine große Rolle – ist das in Ihrem Leben auch so?

Ja, Routinen spielen für mich eine große Rolle. Man erleichtert sich dadurch vieles. Wenn man eine Routine hat, braucht man sich nicht mehr so viele Gedanken zu machen. Wenn ich eine Routine im Alltag integriere, etwa an einem bestimmten Tag zum Sport zu gehen, fällt es mir leichter dranzubleiben. Genauso, wenn ich mir Ziele setze, etwa regelmäßig Sport zu machen.

So einfach ist das oft gar nicht. Wie schnell setzt man sich zu hohe Ziele, will gleich einen Halbmarathon laufen …

Ich weiß, was Sie meinen. Mein Tipp ist: Setzen Sie sich Ziele, die erreichbar sind. So hat man Erfolgserlebnisse, bleibt dran. Es gibt einem eine gewisse Zufriedenheit.

Sind Sie so auch Ihre Fußballkarriere angegangen?

Als Kind habe ich Fußball gespielt, weil es mir Spaß gemacht hat. Fußballprofi zu werden war nur ein Traum. Aber ich habe mir immer kleine Ziele gesetzt. Und als eine Karriere als Profifußballer immer realistischer wurde, war mein Ziel, einmal ein Profi­spiel zu machen. Nur eines! Das nächste Ziel war: Mich im Profifußball festbeißen. Das nächste: Nationalspieler. Und so weiter. Nach jedem Schritt habe ich reflektiert: Was kann der nächste sein? Wo stehe ich, wo will ich hin? Das lässt sich auf alle Bereiche anwenden, nicht nur auf den Sport.

Sie betonen auch im Buch, wie wichtig Ihnen diese Selbstreflexion ist. Haben Sie das gelernt oder ist das etwas, das Sie schon immer tun?

Wahrscheinlich steckt das in mir drin. Ich war schon immer so, ob beim Fußball oder im Leben. Mein Umfeld – dieser Dreiklang aus Familie, Freunden und Fußball – hat es mir ermöglicht, dass ich den Kopf frei hatte, mir diese Gedanken zu machen.

Sich gesund zu fühlen, das ist Eigenverantwortung!

Sie haben früh Verantwortung für Ihre Karriere und für Ihre Gesundheit übernommen. Ist das Buch ein Versuch, andere zu animieren, mehr für sich zu tun?

Ja, ich möchte sie überzeugen, dass sie etwas tun können! Jeder möchte sich doch gesund und fit fühlen. Das ist Eigenverantwortung. Niemand kann das einfach wegschieben – deshalb der Titel „Gesund kann jede*r!“ Denn jeder Mensch kann etwas für seine Gesundheit tun. Selbst bei einer Erkrankung, dann eben in einem anderen Rahmen. Jeder muss in seinem Rahmen schauen: Wo fange ich an, wie weit will ich gehen? Ich persönlich will keinen Marathon laufen. Ich will einfach fit bleiben. Dafür muss ich ein paar Grundvoraussetzungen in meinem Leben schaffen.

Da sind wir wieder bei den kleinen Schritten, den Routinen.

Die sind für mich so wichtig, denn jeder Mensch braucht Erfolgserlebnisse! Es hilft nichts, wenn ich mir Ziele setze, die ich nicht erreiche. Lieber mit kleinen Schritten zum Ziel. Viele kleine Gewohnheiten durch gesunde Rituale ersetzen.

Lässt sich das auch auf das Thema Ernährung übertragen?

Ja, auch da kann ich mir Ziele setzen, etwa weniger Fleisch zu essen, seltener Alkohol zu trinken. Ich muss nicht gleich Vegetarier werden. Wir kommen alle aus einer anderen Zeit. Da wurde mehr Fleisch gegessen als heute. Das Wohlbefinden gehört für mich immer dazu! Fleisch und Alkohol reduzieren: unbedingt! Aber dafür muss ich nicht auf das Glas Wein in netter Gesellschaft verzichten. Auch das bedeutet für mich Gesundheit: dass ich mich wohlfühle, mir auch mal was gönne.

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Alkohol: So viel ist zu viel

Ob Alkohol dem Herzen guttut, wird sich vielleicht nie eindeutig klären lassen. Er kann aber auch Krebs verursachen. Nicht nur deshalb ist ein verantwortungsvoller Umgang wichtig

Doch wie findet man da die richtige ­Balance? Wir Menschen sind perfektionistisch, wollen alles richtig machen.

Das Buch ist nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben, das ist mir wichtig. Jeder ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich. Es ist eine Hilfestellung. Wie ernähre ich mich, bewege ich mich ausreichend, habe ich viel Stress? Ausgleich oder Balance und Resilienz sind für mich hier die Schlüsselwörter. Ich weiß um die große Bedeutung von Regeneration, dass auf Anspannung immer auch Entspannung folgen muss. Ein gutes Beispiel dafür ist die Kooperation mit den bayerischen Heilbädern und Kurorten, die begleitend zum Buch Gesundheitsprogramme anbieten.

Sie haben für das Buch mit vielen
Expertinnen und Experten zusammengearbeitet, wie kam es dazu?

Ich höre diesen Menschen gerne zu und dachte mir, es lohnt sich, das alles aufzuschreiben, die vielen Tipps weiterzugeben.

Ein Tipp lautet: „Bleiben Sie entspannt, vergessen Sie den Leistungsgedanken“ – wie leicht oder schwer fällt das einem ehemaligen Leistungssportler?

Ich habe einen gesunden Ehrgeiz, aber es kommt mir nicht darauf an zu gewinnen. Gut, wenn ich auf dem Tennisplatz stehe, will ich schon gewinnen (lacht). Aber nicht auf Teufel komm raus. Ich habe einfach Freude an der Sache und an der Gemeinschaft danach. Ich genieße die Zeit.

Sie haben sich sehr genau überlegt, wie es nach der Fußballer-Karriere weitergeht. Sie sind zum Beispiel nicht Fußballtrainer geworden. Hat Sie das mutiger gemacht, aus der Komfortzone herauszugehen, Neues auszuprobieren?

Ich habe mich schon relativ früh aus der Komfortzone gewagt, als ich 2007 meine Stiftung gegründet habe. Später bin ich Unternehmer geworden, dann kam der Job als Turnierdirektor für die Europameisterschaft 2024. Macht mich das mutiger? Ich glaube schon.

Aber auch da ist es wichtig, die richtigen Menschen um sich herum zu haben. Das gibt Sicherheit. Ich kann mir Ratschläge holen von verschiedenen Leuten, die mehr Ahnung haben, etwa vom Stiftungswesen. Ich kann auch so ein Buch nicht alleine schreiben. Ich brauche Leute, die mich unterstützen, die ihr Wissen und ihre Kompetenz einbringen. Und ich arbeite einfach gerne im Team, ich mag das.

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