Die Bank im Gymnastikraum ist niedrig, reicht nicht einmal bis zum Knie. Dirk Masuhr, Übungsleiter der Endoprothesen-Sportgruppe des Turnvereins Partenkirchen, hat sie quer in den Raum gestellt. "Und jetzt bitte alle seitlich darübersteigen, erst das eine, dann das andere Bein!" Alle steigen über die Bank, vorsichtig. Auch Barbara Grötz (57). "Das wäre früher für mich ein unüberwindbares Hindernis gewesen", sagt sie. Früher, das war die Zeit vor ihren künstlichen Hüftgelenken. Ihre echten Gelenke hatten schon immer Probleme gemacht.

In der Kindheit wurde bei ihr eine angeborene Hüftfehlstellung korrigiert. Als junge Frau litt Barbara Grötz an schweren Gelenkinfektionen, die Folgen einer Fehlbehandlung. Mit der Zeit fielen ihr alle Bewegungen zunehmend schwerer. Das Stehen während der Arbeit wurde zum Problem, an Sport war kaum zu denken. "Irgendwann ging ich nur noch auf den Felgen." Dann entschied sie sich für ein künstliches Hüftgelenk. Den Eingriff hat sie nie bereut. "Das ist ein ganz neues Leben, das ich jetzt erst kennenlerne – mit Bergsteigen, Sport und Aktivurlaub."

Künstliche Gelenke zunehmend auch bei jüngeren Patienten

Jedes Jahr bekommen Tausende Menschen in Deutschland ein künstliches Gelenk, eine sogenannte Endoprothese. Nach Zahlen des  Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen  wurden 2016 rund 230 000 Hüft- und 165 000 Kniegelenke eingesetzt.  "Letztlich bringt die Endoprothetik einen Gewinn an Lebensqualität.  Deswegen ist sie so populär", sagt Dr. Christian Fulghum, Chefarzt der endogap Klinik für Gelenkersatz im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. 

Dass in Deutschland so viele Gelenke eingesetzt werden, hat mit der  alternden Gesellschaft zu tun. Etwa ein Prozent der über 70-Jährigen  bekommen in Deutschland ein neues Hüft- und rund 0,7 Prozent ein  Kniegelenk. Gewachsen ist in den letzten Jahren jedoch vor allem die  jüngere Patientengruppe. Zum Teil hänge das mit gestiegenen Erwartungen  der Betroffenen zusammen, berichten Experten. "Mit 60 fühlen sich viele  Menschen noch zu jung, um ihren Lieblingssport aufzugeben, weil die  Gelenke nicht mehr mitmachen", sagt etwa Professor Thorsten Gehrke,  ärztlicher Direktor der Helios Endo-Klinik in Hamburg.

Kürzlich teilte  die Bertelsmann-Stiftung mit, der Anteil der  unter 60-Jährigen, die ein  künstliches Knie bekamen, sei in nur sieben  Jahren um fast ein Drittel  gestiegen. Einige Fachleute beurteilen diese  Entwicklung kritisch und  warnen: Nicht ­alle vorgenommenen Eingriffe  sind tatsächlich notwendig. Der Garmischer Orthopäde Christian Fulghum  betont, dass unter anderem  auch deshalb eine ausführliche Aufklärung  wichtig ist: "Die Operation  ist die letzte Option, und sie stellt einen erheb­lichen Eingriff dar.  Das darf man nicht banalisieren." Würden  Ärzte nur von den Vorteilen  berichten oder auf eine baldige OP drängen,  sollten Patienten zumindest  hellhörig werden.

Anstieg auch bei künstlichen Schultergelenken

Auch bei den  künstlichen Schultergelenken, die in der  ­Endoprothetik bislang eher  eine Neben­rolle spielten, ist ein Anstieg  zu beobachten. Rund 18 000  Menschen bekamen 2016 eine sogenannte Totalendoprothese der Schulter,  im Jahr 2005 waren es gerade einmal  2300. "Viele der Patienten haben  danach weniger Schmerzen, erleben eine  Verbesserung der Funktion und der Lebensqualität", sagt Dr. Olaf Lorbach vom Sportopaedicum Berlin. Speziell konstruierte Prothesen können an  der Schulter auch  Muskelpro­­bleme ausgleichen.

In fortgeschrittenem  Alter haben viele  Menschen Schäden an  der Rotatorenmanschette, einer  bestimmten  Muskelgruppe am Oberarm.  Sitzt der kugelförmige Gelenkkopf  der Prothese  nicht am Oberarm,  sondern an der Schulterpfanne, kann das  Gelenk auch  ohne diese  Manschette bewegt werden. Experte Lorbach: "Mit  einer  sogenannten  inversen Prothese bekommen auch ältere Menschen, die  den Arm vorher  kaum noch heben konnten, wieder mehr Beweglichkeit in der   Schulter."

Endoprothesenregister soll bei der Auswahl der Prothese helfen

Nicht  immer sind die Gründe für oder gegen ein bestimmtes Prothesenmodell  so eindeutig. Dann beruht die Entscheidung bislang auf   den  individuellen Erfahrungen der Chirurgen. Eine objektivere Entscheidungsgrundlage soll in Kürze das Endoprothesenregister Deutschland liefern. Seit 2012 können Krankenhäuser dorthin anonymisierte Daten zu Operationen, Wechselgründen und den eingesetzten Materialien übermitteln. Bislang machen rund 750 Kliniken mit, aber auf freiwilliger Basis; Kunstgelenke werden in insgesamt 1200 Krankenhäusern eingesetzt.

Eine Endoprothese ist etwa dann nötig, wenn Gelenke von Arthrose betroffen sind

Eine Endoprothese ist etwa dann nötig, wenn Gelenke von Arthrose betroffen sind

Doch man decke heute schon über 60 Prozent der Eingriffe  ab, betont Alexander Grimberg, Orthopäde und medizinischer Leiter des Endoprothesenregisters. "Mit der großen Zahl an erfassten Eingriffen  können wir eine solide Datengrundlage schaffen." Als Errungenschaft  des Registers gilt die Produktdatenbank. 55 000 verschiedene Prothesenelemente sind erfasst – vom Schaftsystem bis zur Gelenkkugel. Ärzte erhoffen sich davon unter anderem Informationen darüber, welche Eigenschaften einer Prothese die sogenannte Standzeit beeinflussen – also wie lange ein Kunstgelenk hält, ohne ausgetauscht werden zu müssen. In der Regel sind das heute bis zu 20 Jahre. 

Eine gute Erstoperation zögert den Prothesen-Wechsel hinaus

Danach kann eine Wechsel-OP, auch kalkulierte Revision genannt, anstehen. "Revisionen können aber auch früher fällig werden, etwa wenn Kunstgelenke nicht ganz optimal eingesetzt sind oder bei einer Infektion", sagt der Hamburger Endoprothetik-Experte Gehrke. Die Wechseloperation ist in der Regel etwas aufwendiger als der erste Eingriff. "Oft sind die Voraussetzungen nach 20 Jahren einfach schlechter, was Knochen und Weichteile angeht", so Gehrke. Doch nicht immer muss das komplette Gelenk ausgewechselt werden. Dank moderner modularer Systeme werden in vielen Fällen nur noch die verschlissenen Teile getauscht.

Die beste Vorbeugung gegen einen frühzeitigen Wechsel ist  eine möglichst gute Erstoperation. Damit Patienten die auch  erhalten, sollten sie sich vorab informieren, wo sie den Eingriff durchführen lassen möchten. Wie viele künstliche Gelenke werden in der Klinik pro Jahr eingesetzt? Welche Erfahrungen haben andere  Betroffene dort gemacht? Wie werden Patienten über den Eingriff und die möglichen Risiken aufgeklärt? Eine Entwicklung, die viele Betrof­fene  positiv sehen, sind die kürzeren Klinikaufenthalte.

Möglich macht es eine Methode, die "rapid recovery" genannt wird –  auf Deutsch  "schnelle Erholung". Die Patienten trainieren dabei zum  Beispiel  schon vor der OP  das Laufen mit Stützen oder erhalten Anleitungen für Übungen. Schmerzmedikamente werden während des  Eingriffs so eingestellt, dass der Patient hinterher weniger  Probleme hat. Und  schon am Tag danach  beginnt  ein Physiotherapeut mit der  Mobilisierung. Waren früher Patienten nach einer Gelenkoperation im  Schnitt drei Wochen im Krankenhaus, können sie heute oft schon nach  wenigen Tagen nach Hause.

In diesem Video erfahren Sie, wie lange Eingriff, Klinikaufenthalt und Heilung bei einem künstlichen Gelenk dauern

Erfolg der Endoprothese hängt auch vom Patienten selbst ab

Doch auch dann  bleiben  Prothesenträger  gefordert:  "Besonders bei  Knie-Operationen  hängt es zu  50 Prozent  vom  Patienten ab, ob das  Ergebnis  ein Erfolg  wird", so der  Garmischer Orthopäde Fulghum. Aus  Muskeln,  Sehnen und Prothese muss erst  ein eingespieltes Team werden:  "Das geht  nicht  ohne konsequentes Üben."

Barbara Grötz geht diesen Weg  bis heute. Sie bewegt sich, übertreibt  es  aber nicht. Ihr Gewicht hat  sie genau im Blick. Nichts soll  ihre  Hüfte  zusätzlich belasten. "Ich  passe gut auf sie auf", sagt  sie. Sie  hat ihren neuen Gelenken sogar Namen gegeben: Max und Moritz. Wenn  sie wieder mal auf einen Berg  steigt, trägt sie beide  Namen mit ins Gipfelbuch ein. "Das finden manche  Leute vielleicht  komisch – aber schließlich haben mich meine Gelenke so weit getragen."