Wie geht’s? Das ist oft die erste Frage, wenn wir Freunde treffen. In der Floskel zeigt sich, dass Bewegung und Gefühlslage eine Einheit bilden. Hängende Schultern oder selbstbewusster aufrechter Gang: Wie man sich fühlt, offenbart nicht nur der Gesichtsausdruck, sondern auch die Körperhaltung.

Johannes Michalak, Psychologie- Professor an der Universität Witten/Herdecke, hat diese Wechselwirkungen zwischen Emotionen, Gedanken und Auftreten erforscht. Zunächst untersuchte er dafür die Gangmuster depressiver Patienten und stellte fest: Sie bewegen sich nachweislich lang­samer und weniger schwungvoll als psychisch gesunde Menschen. Doch lässt sich im Umkehrschluss durch eine andere Haltung auch die innere Verfassung verändern? Das fragen sich Wissenschaftler weltweit. Eine eindeutige Antwort gibt es aktuell nicht.

Wie Körperhaltung und Gefühle zusammenhängen

Michalak zeigte in mehreren Studien lediglich, dass sich depressive Personen durch eine neue Gangart oder bestimmte Qigong-Übungen besser an positive Worte erinnern. „Durch die Veränderungen lässt sich der Erinnerungseffekt beeinflussen.“ Der Forscher vermutet, dass in unserem Gedächtnisnetzwerk Erlebnisse und Gefühlszustände mit einer körperlichen Haltung verknüpft sind. „Wird ein Knoten in diesem Netzwerk aktiviert, etwa durch die Haltung, dann wird automatisch die entsprechende emotionale Information aktiviert.“

Dass eine aufrechte Haltung auto­matisch zu einer optimistischeren Lebenseinstellung führt, hält Michalak allerdings für fraglich. Gemeinsam mit einem internationalen Team hat er mehr als 70 Studien analysiert, um herauszufinden, wie sich die Stimmungslage bei einem Wechsel der Haltung verändert.

Selbstfürsorge als Schlüssel für gute Körperhaltung

Ein Ergebnis: Testpersonen, die aus einer neutralen Körperposition he­raus in sich zusammensinken, fühlten einen viel stärkeren Effekt als die Studienteilnehmer, die vorher besonders aufrecht standen. Michalaks Fazit: „Selbst wenn man den ganzen Tag mit stolzgeschwellter Brust durch die Welt läuft, ist das kein Schlüssel für gute Laune.“

Viel wichtiger sei Selbstfürsorge. „Wer achtsam ist und sich selbst beobachtet, kann seine Körperhaltung korrigieren.“ Sein Tipp: ab und zu ­­innehalten und prüfen, ob man sich in seiner Position wirklich wohlfühlt.

Davon ist auch Dr. Arne-Björn Jäger vom Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie fest überzeugt. ­„Vielen fehlt das Bewusstsein für die Haltung“, sagt der Oberarzt, der am Brüderkrankenhaus in Trier arbeitet. Er beobachtet täglich bei seinen Patienten, wie dauerhaft falsche Bewegungsabläufe oder Belastungen sich auf den Rücken mit seinen 23 Bandscheiben und 24 Wirbelkörpern auswirken.

Vorsicht vor dem Handynacken

Besonders eine Körperstellung sieht der Experte aktuell problematisch: mit gekrümmtem Nacken auf das Handydisplay zu schauen. Das kann zu schmerzhaften Verspannungen führen. Denn der menschliche Kopf wiegt ungefähr fünf Kilogramm. Wird er geneigt, lastet ein Vielfaches dieses Gewichtes auf der Halswirbelsäule. „Bereits bei einer Neigung von nur 15 Grad steigt die Belastung auf 13 Kilo“, so Jäger. Eine gute Muskulatur leistet einen Ausgleich – aber nur, wenn sie trainiert wird. „Meist ist das nicht der Fall“, sagt der Mediziner.

Auch wer sich wenig bewegt und viel sitzt, ist ein Risikokandidat für Haltungsschäden. Wenig ausgeprägte Rücken- und Bauchmuskeln stützen die Wirbelsäule nicht genug. Probleme im Schulter-, Nacken- oder Lendenwirbelbereich können die Folge sein.

Wenn die Schmerzen zum Dauerzustand werden

Aktuelle Zahlen des DAK-Gesundheitsreports belegen: Etwa 75 Prozent der Berufstätigen in Deutschland leiden mindestens einmal jährlich an Rückenschmerzen. „Wir sind erst dann interessiert an unserer Haltung, wenn Schmerzen auftauchen“, bedauert ­Jäger. Oft verschwinden die Beschwerden rasch wieder. Doch bei jedem siebten Patienten werden sie zum Dauerzustand. Ein Teufelskreis beginnt: Die Vermeidung von schmerzhaften Positionen führt erneut zu einer falschen Haltung, die Rückenpro­bleme verschlimmern sich.

Gezieltes Training gegen Muskelverhärtung

Jäger betont deshalb: „Schmerzen sind ein Alarmsignal. Wenn sie länger als vier Wochen andauern, dann sollten sie immer vom Haus- oder Facharzt abgeklärt werden, um eine Chronifizierung zu vermeiden.“ Um die Pro­bleme in den Griff zu bekommen, können etwa ein gezieltes Muskeltraining, Dehnungsübungen oder Krankengymnastik helfen.

Liegen keine körperlichen Gründe für Rückenschmerzen vor, kann es auch an der Psyche liegen. „Die entsprechenden Faktoren sollten möglichst früh im Behandlungsverlauf erfasst und bei der Therapieplanung berücksichtigt werden“, lautet dazu der Ratschlag einer Studie des Robert- Koch-Instituts für den Gesundheits­report der Bundesregierung. „Alles, was uns seelisch belastet, zeigt sich langfristig auch in unserem Muskeltonus“, so Jäger.

Zur Vorbeugung empfiehlt der Orthopäde, Streck-, Dehnungs- und Lockerungsübungen in den Alltag einzubauen – am besten vor dem Spiegel, denn das fördere das Körpergefühl und die Kontrolle der Bewegungen. „Es reichen schon zehn Minuten“, sagt Jäger, der selbst jeden Morgen und Abend ein kurzes Training absolviert.

Haltungsfehler vermeiden

Außerdem müsse man klassische Haltungsfehler, zum Beispiel beim Tragen von schweren Lasten, vermeiden: „Sie sollten immer nahe am Körper gehalten werden. Je weiter man sich nach vorne beugt, umso mehr wird die Lendenwirbelsäule belastet“, erklärt Jäger. Und immer nur so viel tragen, wie es die eigene Kraft zulässt. Fängt der Muskel an zu krampfen oder zu zittern, ist das ein klassisches Zeichen der Überforderung.

Präventiv lässt sich schon sehr früh etwas tun: im Kindes- und Jugend­alter, sagt Jäger.

Bereits im Kindesalter beginnen

Gerade in der Wachstumsphase zu Beginn der Pubertät ist eine gute Körperhaltung für die Entwicklung der Wirbelsäule ausschlaggebend. Das weiß die Fachwelt schon lange: „Bereits in den 50er-Jahren wurde von Haltungsschwächen unter Schulkindern berichtet, man propagierte damals sogar orthopädisches Turnen im Sportunterricht.“

Aus diesem Grund hat der Bundesverband für Orthopädie und Unfall­­chirurgie eine Initiative für Rücken­gesundheit in den Schulen gestartet. Jäger besucht Klassen und trainiert mit Kindern und Jugendlichen gezielt Koordination und Gleichgewicht oder macht mit ihnen Gangübungen. Und er zeigt den Schülern, wie man mit der Körperhaltung Gefühle ausdrückt. Etwas, das auch im Erwachsenenalter gilt. „Denn ob wütend, verbissen, traurig, locker oder gelöst: Wie wir stehen und gehen, ist eine Botschaft an das Umfeld.“

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