Was ist das Iliosakralgelenk (ISG)?

Gelenk oder kein Gelenk? Das war zumindest die Frage. Lange war sich die Wissenschaft uneins, ob das Iliosakralgelenk, kurz ISG, überhaupt als solches bezeichnet werden darf. Denn sonderlich beweglich ist die Verbindung zwischen dem Kreuzbein und den zwei Beckenschaufeln nicht: Extrem straffe Bänder und starke Muskeln halten das ISG fest zusammen. Aus gutem Grund: Als zentrale Schaltstelle zwischen Rumpf und Beinen muss es viel Gewicht abfedern – und das bei jedem Schritt. Letztlich hat es das ISG aber doch in die Riege der Gelenke geschafft.

So wird das ISG stabilisiert:

Wann spricht man vom ISG-Syndrom?

Ähnlich wie andere Gelenke macht auch das ISG gerne mal Beschwerden. Die Rede ist dann vom ISG-Syndrom. „Das ist ein Sammelbegriff für schmerzhafte Veränderungen in dem Gelenk selbst oder den Strukturen drumherum“, erklärt Dr. Astrid Schenker, Orthopädin am Universitätsklinikum Heidelberg.

Wie äußern sich ISG-Beschwerden?

Bemerkbar machen sich die oft starken Schmerzen vor allem im unteren Rücken, manchmal strahlen sie aber auch in die Leiste oder den Po aus. „Vor allem das Treppensteigen wird oft zur Qual“, erklärt Schenker. Oder man muss beim Sitzen ständig die Gesäßhälfte wechseln.

Was löst die Probleme aus?

Die Ursachen sind vielfältig: Stecken teils langwierige Erkrankungen wie Arthrose oder Rheuma dahinter, reicht manchmal ein plötzlicher Ruck: etwa, wenn die Kette vom Fahrrad springt und man plötzlich ins Leere tritt. Dabei können sich die unregelmäßigen Gelenkflächen des ISG verkanten, die Bänder und Muskeln verspannen sich schmerzhaft.

Häufiger sind solche Beschwerden aber das Ergebnis schlechter Gewohnheiten. „Fehlhaltungen oder einseitige Belastungen, etwa langes Sitzen, verursachen oft ISG-Probleme“, sagt Physiotherapeut Raphael Herberz vom DRK-Schmerz-Zentrum in Mainz. Diese können auf Dauer zu einem Ungleichgewicht im Rücken führen.

Raphael Herberz, Leitung Sport- und Physiotherapie des DRK-Schmerz-Zentrums in Mainz

Raphael Herberz, Leitung Sport- und Physiotherapie des DRK-Schmerz-Zentrums in Mainz

Für diese fehlende Balance sind aber oft auch Probleme in den Nachbargelenken – wie der Hüfte oder der Lendenwirbelsäule – verantwortlich. Diese ziehen das ISG in Mitleidenschaft. Ähnliches beobachtet Orthopädin Schenker auch nach Hüftoperationen: „Wir sehen nach dem Einsetzen einer Hüftprothese oft, dass sich die veränderte Biomechanik auch auf das ISG auswirkt.“

Wie werden ISG-Probleme festgestellt?

Laut Schenker ist das ISG in den letzten Jahren vermehrt ins Bewusstsein vieler Medizinerinnen und Mediziner geraten. Zu Recht. Denn die Beschwerden seien durchaus häufig. Das liege auch daran, dass Rückenschmerzen generell extrem verbreitet seien.

Wer darunter leidet, sollte diese zunächst ärztlich abklären lassen – vor allem, um Ernsteres auszuschließen. Denn manchmal ähneln die Symptome auch jenen eines Bandscheibenvorfalls, äußern sich als leichtes Kribbeln im Oberschenkel oder bis in die Beine ausstrahlende Schmerzen. Durch eine genaue Befragung, körperliche Untersuchung und Bewegungstests ließen sich die Symptome aber gut auf das ISG eingrenzen, sagt Schenker.

Therapie: Was hilft gegen die Schmerzen?

Entscheidend sei dann, direkt mit der Therapie zu beginnen – und die bedeutet vor allem: Bewegung. „Viele Betroffene haben allerdings so starke Schmerzen, dass sie Angst haben, sie dadurch noch zu verschlimmern“, so Schenker. Doch im Gegenteil: Wer sich schont, lässt die Beschwerden eher chronisch werden.

Sinnvoll ist daher zunächst eine Schmerztherapie, etwa mit entzündungshemmenden Mitteln wie Ibuprofen oder Diclofenac. Spritzen ins Gelenk bringen dagegen laut Schenker keinen nachhaltigen Erfolg, bergen jedoch Risiken wie Infektionen.

Unbedenklich und bei Muskelbeschwerden oft wohltuend ist Wärme, bei sehr akuten Scherzen kann aber auch Kälte Linderung schaffen. Um das Gewebe rund um das ISG zu mobilisieren und Schmerzen zu mildern, kann auch eine manuelle Therapie kurzzeitig helfen.

Das Allerwichtigste jedoch: selbst aktiv werden. Und das möglichst schnell. „Das Ziel ist, erhöhte Muskelspannungen langfristig zu reduzieren und ein muskuläres Ungleichgewicht auszugleichen“, erklärt Herberz.

Übungen gegen ISG-Beschwerden

Mit bestimmten Übungen können betroffene Muskeln gedehnt, und – noch wichtiger – andere gekräftigt werden. Das ist das A und O, so der Physiotherapeut. Nur wenn die Muskeln stark genug sind, können sie das Gelenk stabilisieren – und Beschwerden zudem vorbeugen. Regelmäßige Aktivität hilft also nicht nur akut gegen die Schmerzen, sondern lässt sie in Zukunft gar nicht erst entstehen.

ISG mobilisieren:

In Rückenlage wechselseitig die Ferse rausstrecken, die Beine bleiben gestreckt und schleifen dabei über die Unterlage, 3 x 10 Wiederholungen pro Seite, 30 Sekunden Pause.

In Rückenlage wechselseitig die Ferse rausstrecken, die Beine bleiben gestreckt und schleifen dabei über die Unterlage, 3 x 10 Wiederholungen pro Seite, 30 Sekunden Pause.

Rücken- und Gesäßmuskeln kräftigen:

Beine anstellen, Bauchnabel nach innen ziehen, Kopf liegt flach. Hochrollen bis Hüftstreckung, langsam wieder senken. 3 x 10 Wiederholungen, 30 Sekunden Pause.

Beine anstellen, Bauchnabel nach innen ziehen, Kopf liegt flach. Hochrollen bis Hüftstreckung, langsam wieder senken. 3 x 10 Wiederholungen, 30 Sekunden Pause.

Gesäßmuskeln dehnen:

Knöchel auf Oberschenkel ablegen, Knie nach außen drücken, geraden Rücken nach vorn neigen, bis Dehngefühl entsteht. 30 Sekunden halten, 3 Wiederholungen.

Knöchel auf Oberschenkel ablegen, Knie nach außen drücken, geraden Rücken nach vorn neigen, bis Dehngefühl entsteht. 30 Sekunden halten, 3 Wiederholungen.

Rückenstrecker dehnen:

Im Sitz den Oberkörper so weit wie möglich nach vorne beugen, Handflächen zeigen in Richtung Boden. Stellung circa 30 Sekunden halten, 3 Wiederholungen.

Im Sitz den Oberkörper so weit wie möglich nach vorne beugen, Handflächen zeigen in Richtung Boden. Stellung circa 30 Sekunden halten, 3 Wiederholungen.

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