Was ist eine Aphasie?

Unter einer Aphasie versteht man eine erworbene Sprachstörung. Das heißt, sie entsteht erst im Laufe des Lebens – meist recht plötzlich. Die Sprachstörung ist unterschiedlich ausgeprägt: So kann beispielsweise das Sprechen an sich, das Sprachverständnis oder das Reden in zusammenhängenden Sätzen gestört sein. Das Denken ist in der Regel nicht gestört.

Eine Aphasie ist meist die Folge eines Schlaganfalls. Sie kann unter anderem mit Logopädie behandelt werden: Das sind Übungen, um das Sprechen und das Sprachverständnis zu fördern.

Was sind die Ursachen einer Aphasie?

Die mit Abstand häufigste Ursache einer Aphasie ist ein Schlaganfall: Bei rund 30 Prozent aller erstmaligen Schlaganfälle kommt es in den Minuten, Tagen und Wochen danach – glücklicherweise oft nur vorübergehend – zu einer Sprachstörung.

Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn. Ist eines der Sprachzentren davon betroffen, entsteht eine Aphasie. Die Sprachzentren sind Hirnbereiche, die besonders auf die Sprache spezialisiert sind. Es gibt zwei Hauptsprachzentren mit je unterschiedlichen Funktionen: Das Wernicke-Zentrum ist grundsätzlich eher für das Verstehen von Sprache zuständig. Das Broca-Areal wiederum steuert mehr das Sprechen – also die Produktion von Sprache an sich.

Je nachdem, welches Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen wurde – in manchen Fällen sind es auch beide gleichzeitig – gibt es Ausfälle in den jeweiligen Bereichen. Aber für die Sprache spielen viele weitere Bereiche des Gehirns eine Rolle. Auch wenn andere Hirnareale betroffen sind, kann es deshalb zu einer Aphasie kommen.

Auch ein Schädel-Hirn-Trauma – etwa aufgrund eines Verkehrsunfalls –, ein Hirntumor, eine entzündliche Erkrankung des Gehirns oder bestimmte Arten von Vergiftungen können eine Aphasie hervorrufen.

Wie äußert sich eine Aphasie?

Eine Aphasie, also eine Sprachstörung, gibt es in vielen Varianten und Ausprägungen.

Bei einer Störung im Wernicke-Zentrum – man spricht in diesem Fall von Wernicke-Aphasie – können Betroffene zwar meist fließend sprechen, aber häufig ohne sinnhaften Zusammenhang. Die korrekten Wörter fallen ihnen nicht mehr ein, Buchstaben und Worte können vertauscht sein. Sie haben zudem oft große Probleme, gesprochene Sprache zu verstehen.

Bei einer sogenannten Broca-Aphasie fällt das Sprechen in komplexen Sätzen schwer: Viele sprechen sehr langsam oder abgehackt und in sehr einfachen Sätzen. Das Lesen und Schreiben ist in den meisten Fällen mit betroffen.

Hinzu kommt, dass die jeweiligen Varianten unterschiedlich stark ausgeprägt sein können: „Bei manchen Patienten gibt es nur sehr leichte Wortfindungsstörungen, andere können im ungünstigsten Fall gar nicht mehr sprechen und nichts mehr verstehen“, sagt Dr. Cornelius Werner, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Geriatrie am Johanniter-Krankenhaus Stendal.

Wie wird eine Aphasie diagnostiziert?

In der Diagnose einer Aphasie geht es neben der Bestätigung des Verdachts vor allem darum, Art und Umfang der Aphasie besser zu bestimmen. Das ist wichtig, um anschließend gezielter und wirkungsvoller behandeln zu können.

Daher ist es sinnvoll, dass die Diagnostik in der Regel eine Logopädin oder ein Logopäde vornimmt. Denn die Logopädie hat auch die zentrale Rolle bei der Behandlung. Standardisierte Tests, beispielsweise der Aachener Aphasie-Test, kurz AAT, tragen zur Diagnose bei.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Logopädie

Im Zentrum der Behandlung von Aphasie steht eine Sprachtherapie. Dabei macht man in regelmäßigen Sitzungen, die meist 30 bis 45 Minuten dauern, praktische Übungen unter Anleitung einer Logopädin oder eines Logopäden, um die Sprachfähigkeiten zu verbessern. Je nach Art der Aphasie geht es etwa darum, Wörter oder Sätze nachzusprechen, etwas vorzulesen oder sich zu unterhalten. Wahrnehmungsübungen sollen helfen, einzelne Laute und Silben zu unterscheiden. Sprechübungen wiederum sollen die Bildung von Lauten sowie den Redefluss verbessern. Hilfsmittel wie Gebärden, Sprechtafeln und Sprachcomputer sowie Sprach-Apps kommen ebenfalls teils zum Einsatz.

Logopädie erfordert für die Betroffenen eine gewisse Ausdauer und Disziplin. Viele Dinge, die man vorher als selbstverständlich angesehen hat, können mit einer Aphasie plötzlich als anstrengend wahrgenommen werden. In der Regel wird in der Therapie spielerisch vorgegangen, um die Zeit für die Patientinnen und Patienten so angenehm wie möglich zu gestalten.

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Sprachstörungen: Logopädie-App jetzt auch auf Rezept

Eine App kann die logopädische Behandlung bei Aphasie ergänzen. Sie ist jetzt auch auf Rezept erhältlich.

In Deutschland werden im Durchschnitt etwa fünf Sitzungen pro Woche verordnet. Bei der Therapie gilt offenbar: Viel hilft viel. „Wir konnten zeigen, dass vor allem bei jüngeren Patienten unter 70 Jahren zehn Sitzungen pro Woche zu einer nachweisbaren Verbesserung der Sprachfähigkeit führen, obwohl der Schlaganfall schon mindestens sechs Monate zurückliegt“, sagt Privatdozentin Caterina Breitenstein von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster.

Betroffene können ihr Sprachtraining zusätzlich zu den fünf verordneten Logopädie-Stunden pro Woche weiter intensivieren. Es gibt mittlerweile bewährte Apps speziell für Schlaganfall-Patienten, um die Sprachfähigkeiten am Smartphone oder am Tablet zu trainieren. Am besten, man spricht die Logopädin oder den Logopäden darauf an, was hier empfehlenswert ist.

Musik- und Kunsttherapie

Unterstützend zur Logopädie können auch Musiktherapie und Kunsttherapie eingesetzt werden.

Bei der Musiktherapie soll durch gemeinsames Musizieren und Singen in der Gruppe das Sprachzentrum angeregt werden. Mithilfe der Kunsttherapie wiederum sollen neue Ausdrucksformen abseits der Sprache gefunden werden. Es wird gemalt, gezeichnet oder gestaltet: Patientinnen und Patienten formen zum Beispiel eine Skulptur aus Gips oder malen eine Unterwasserlandschaft mit Wasserfarben.

„Als zusätzliches Angebot zur Behandlung können die Musiktherapie und auch die Kunsttherapie eine Menge leisten, das erlebe ich immer wieder im Klinikalltag“, sagt Professor Jörg Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen, der die Therapie in seine Behandlung integriert hat. „Es macht den Patienten auch oft einfach Spaß – dieser Aspekt wurde in Studien bislang zwar kaum untersucht, aber in einer so erschütterten Lebensphase wie der Zeit nach einem Schlaganfall wirkt sich das sicher nicht negativ auf die Behandlung und Genesung insgesamt aus.“

Kunsttherapie

Kunsttherapie, Gestaltungstherapie

Kreatives Gestalten unter Anleitung von Kunsttherapeuten kann dazu anregen, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen und Krankheiten besser zu bewältigen

Neuartige Methoden

Darüber hinaus gibt es neuartige Methoden, die derzeit noch erforscht werden und in der klinischen Praxis noch kaum verbreitet sind. So wird etwa versucht, das Gehirn von außen auf verschiedene Arten zu stimulieren.

Dazu gehört die transkranielle Magnetstimulation: Hier werden große Magnetspulen in die Nähe des Kopfes angebracht, die durch Haut und Schädelknochen hindurch die Gehirnzellen anregen sollen. Ähnliches soll mit der sogenannten transkraniellen Gleichstromstimulation gelingen, bei der dieser Effekt mit schwachen Stromimpulsen erzielt werden soll.

Wie ist die Prognose?

Kann eine Aphasie wieder völlig geheilt werden? Wie sich die Aphasie in den ersten sechs Monaten nach einem Schlaganfall entwickelt, ist in der Regel wegweisend für den weiteren Verlauf.

Die Aussichten auf eine vollständige Heilung sind gut: Ungefähr die Hälfte aller Menschen mit Aphasie nach einem Schlaganfall erlangen in den ersten sechs Monaten ihre Sprachfähigkeiten wieder komplett zurück. „Bei insgesamt jedem fünften Schlaganfall bleiben Sprachschwierigkeiten dauerhaft bestehen“, sagt Caterina Breitenstein aus Münster.

Die Heilungschancen werden jedoch nicht nur durch regelmäßiges Sprachtraining bestimmt, auch die Schwere des Schlaganfalls spielt eine Rolle. Ein Stück weit können abgestorbenes Gewebe und verlorene Verschaltungen kompensiert werden. Sind die Schäden durch die Minderdurchblutung jedoch besonders stark ausgeprägt, kann selbst die oder der Fleißigste und Disziplinierteste oft nur begrenzt etwas erreichen.

Bleiben die Sprachstörungen nach dem sechsten Monat bestehen, sprechen Medizinerinnen und Mediziner von einer chronischen Phase. Gerade hier könne die Logopädie noch einmal eine Menge bewirken, sagt Cornelius Werner aus Stendal: „Wir sehen vor allem dann Verbesserungen, wenn man bei der Logopädie – ergänzt mit dem Üben in einer App – auch wirklich dranbleibt und in kurzen Abständen behandelt.“

Neben Apps unterstützen auch bestimmte Bücher sowie Karten mit Bildern Betroffene dabei, sich auszudrücken. Eine wichtige Rolle spielen zudem Selbsthilfegruppen. Darüber hinaus sollen Schulungen für Angehörige helfen, das andere Ende des Kommunikationskanals zu trainieren. Denn Menschen mit einer Aphasie sind auf die Unterstützung und das Verständnis ihrer Gesprächspartner besonders angewiesen.

Tipps für den Umgang und die Kommunikation mit Betroffenen, finden Sie hier.

Quellen

Aachener Aphasie-Bedside-Test: Nobis-Bosch et al. (2013). Diagnostik und Therapie der akuten Aphasie. Georg Thieme Verlag.

Darkow, F. (2016). Aphasie: evidenzbasierte Therapieansätze. In: Der Nervenarzt. Band: 87, Nummer: 10.

Die S3-Leitlinie „Schlaganfall“ und ihre Empfehlungen für die Therapie von Sprachstörungen (Aphasie); Sprechstörungen (Dysarthrie); Schluckstörungen (Dysphagie)

Guidelines: Behandlung von Aphasien

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