Diabetes Ratgeber

Was heißt Prädiabetes?

Beim Prädiabetes sind die Zuckerwerte höher als normal, aber nicht so hoch, dass der Arzt Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Betroffen sind etwa 20 von 100 erwachsenen Bundesbürgern. Ursache ist oft eine Insulinresistenz: Die Zellen sprechen schlecht auf das blutzuckersenkende Insulin an, es bleibt zu viel Zucker im Blut. Auch die Insulinproduktion kann beeinträchtigt sein. Das erhöht das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken.

Hinweise auf einen Prädiabetes liefert die Messung des Nüchternblutzuckers und des Blutzucker-Langzeitwertes HbA1c. „Die zuverlässigste Diagnosemethode ist ein oraler Glukosetoleranztest“, sagt Professor Andreas Birkenfeld, Leiter der Klinik für Diabetologie, Endokri- nologie und Nephrologie am Universitätsklinikum Tübingen. „Dabei trinkt der Patient eine festgelegte Menge Traubenzuckerlösung. Liegt der Blutzucker nach zwei Stunden zwischen 140 mg/dl (7,8 mmol/l) und 199 mg/dl (11,0 mmol/l), sprechen wir von Prädiabetes.“

Professor Peter Schwarz, Präventionsmediziner an der Dresdner Uniklinik, definiert die Diabetesvorstufe etwas anders: „Sobald die Zuckerwerte erhöht sind, kann eigentlich nicht mehr von Prädiabetes die Rede sein.“

Warum ist es wichtig, schon leicht erhöhte Zuckerwerte zu entdecken?

Auch bei der Diabetesvorstufe kann es Komplikationen geben, wenn auch nicht so oft wie beim Diabetes. „Es besteht etwa ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko und es kann zu Nierenschäden kommen“, sagt Andreas Birkenfeld. Auch Nervenschäden seien keine Seltenheit. Die gute Nachricht: Je eher erhöhte Zuckerwerte entdeckt werden, umso besser lässt sich gegensteuern, um Komplikationen und einen Typ-2-Diabetes zu verhindern.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Diabetes entwickelt?

„Von 100 Menschen mit Prädiabetes entwickeln jedes Jahr etwa fünf bis zehn einen Typ-2-Diabetes“, sagt Experte Birkenfeld. Entscheidend dafür ist laut Mediziner Schwarz das Bauchfett, das sich um die inneren Organe ansammelt. Es fördert eine Insulinresistenz. Der Körper reagiert, indem er mehr Insulin produziert. Was irgendwann nicht mehr reicht, um den Blutzuckerspiegel normal zu halten. „Gelingt es, dieses Bauchfett durch einen gesunden Lebensstil zu verringern oder ganz verschwinden zu lassen, kann der Diabetes oft verhindert werden“, sagt Schwarz.

Um das individuelle Diabetesrisiko besser einschätzen zu können, unterscheiden Wissenschaftler mittlerweile sechs „Phänotypen“. Hinweise auf das persönliche Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, liefern auch Selbsttests wie der FINDRISK-Fragebogen. Diesen finden Sie im Internet zum Beispiel unter www.a-u.de/BvtZZ9

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In welcher Gruppe sind Sie? Ermitteln Sie ihr Risiko:

Forscher haben Menschen mit Diabetes-Risikofaktoren in sechs Gruppen unterteilt: Die Typen 1, 2 und 4 (grün) haben ein geringes Risiko für Diabetes und Komplikationen wie Herzprobleme. Bei 3 und 5 (rot) ist das Risiko für beides erhöht. 6 (rot) hat ein eher geringes Diabetesrisiko, aber ein hohes für Nierenschäden. Die Zuordnung soll zu Therapien nach Maß führen.

Wer sollte seine Zuckerwerte rasch checken lassen?

Ein erhöhter Taillenumfang weist auf zu viel Bauchfett und damit auf ein erhöhtes Diabetesrisiko hin. Frauen sollten sich ab 80 Zentimeter (cm) Taillenumfang auf Prädiabetes untersuchen lassen, Männer ab 94 cm. Ein deutlich erhöhtes Risiko besteht ab einem Taillenumfang von mehr als 88 cm bei Frauen und mehr als 102 cm bei Männern.

Mit dem Körpermasse-Index (BMI) lässt sich das so ausdrücken: Jeder mit einem BMI über 30 sollte zum Check. Birkenfeld rät schon bei einem BMI über 27 dazu. Wichtig ist eine Zuckerkontrolle auch für Menschen mit Bluthochdruck oder engen Blutsverwandten mit Typ-2-Diabetes.

Wie lässt sich das Diabetesrisiko mindern?

Manche Menschen sind genetisch vorbelastet und entwickeln trotz gesunder Lebensweise einen Diabetes. Andere Menschen, die ungesund leben, aber eine gute genetische Ausstattung haben, erkranken nicht daran. Warum das so ist, können Experten noch nicht sicher sagen. Einig ist man sich, dass folgende Faktoren das Diabetesrisiko erheblich senken können: ein normales Körpergewicht, genug Bewegung und eine ausgewogene Ernährung.

Dazu gehören gesunde Fette, etwa aus Nüssen oder Pflanzenölen, und komplexe Kohlenhydrate, wie sie in Vollkornprodukten, Haferflocken, Hülsenfrüchten und Gemüse stecken. Längere Pausen zwischen den Mahlzeiten erleichtern das Abnehmen. Birkenfeld empfiehlt Übergewichtigen Prädiabetikern, wenigstens fünf Prozent des Körpergewichts abzuspecken. Das sollte mit regelmäßiger körperlicher Betätigung einhergehen.

„Ideal wäre es, mindestens jeden zweiten Tag Sport zu treiben, weil das direkte und langfristige Effekte auf den Stoffwechsel hat.“ Auf 180 Trainingsminuten pro Woche sollte man kommen. Es darf ruhig anstrengend sein! „Jeder sollte das tun, wozu er Lust hat. Wenn es Laufen ist, gerne“, sagt Birkenfeld. Ausdauertraining sei aber kein Muss: „Auch Kraftsport führt zum Ziel.“ Denn Sport, der auf Muskelaufbau abziele, sei genauso förderlich für die Gesundheit. Experte Schwarz plädiert für mehr Bewegung im Alltag: „Wer täglich 10 000 Schritte läuft, kann viel erreichen.“ Wenn Sie länger nicht mehr körperlich aktiv waren, besprechen Sie bitte zuvor mit Ihrem Arzt, welcher und wie viel Sport für Sie okay ist.

Um bis zu 70 % reduziert eine Lebensstil­änderung das Diabetesrisiko bei Menschen mit Prädiabetes

Gibt es noch weitere Möglichkeiten, um Prädiabetes zu behandeln?

Es gibt Medikamente für Diabetes Typ 2, die sich zur Behandlung eignen würden. Allerdings sind diese bei Prädiabetes nicht zugelassen. Die Ärztin oder der Arzt kann sie nur „off-label“ verschreiben und die Patienten darüber aufklären. Sollten Probleme auftreten, ist die Frage: Wer haftet? Andreas Birkenfeld rät deshalb davon ab.

In einer groß angelegten Studie der Uniklinik Tübingen und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung sollen in diesem Jahr noch zwei Diabetesmedikamente (SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Analogon) unter die Lupe genommen werden. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, ob sich mit diesen Präparaten Prädiabetes-Komplikationen verhindern lassen. Bei starker Fettleibigkeit kommt im Einzelfall auch eine Magenoperation infrage. Diese kann Studien zufolge das Risiko für Herzprobleme und einen Typ-2-Diabetes deutlich verringern.

Was können Menschen tun, deren Werte sich nicht bessern?

Solche Patienten werden Non-Responder genannt, weil sie nicht auf die verordnete Therapie ansprechen. Bei den Prädiabetikern sind es diejenigen, die trotz Änderung des Lebensstils einfach nicht abnehmen. Verantwortlich könnte laut Peter Schwarz vor allem das Leberfett sein. Dieses bremse den Stoffwechsel aus.

Begünstigt werden Fetteinlagerungen in der Leber etwa durch eine ungünstige Ernährung. „Um die Pfunde purzeln zu lassen, muss man zuerst das Leberfett reduzieren“, sagt Schwarz. Das gelinge am besten mit einer Fastenkur. Das Vorgehen bitte unbedingt vorab mit dem Arzt besprechen.

Das Wichtigste in Kürze

Beim Prädiabetes sind die Zuckerwerte erhöht, aber noch nicht so hoch, dass Ärzte einen Typ-2-Diabetes diagnostizieren. Schon bei der Diabetes-Vorstufe kann es zu Schäden kommen, etwa an Herz, Niere und Nerven.

Menschen mit erhöhtem Diabetesrisiko, etwa wegen starkem Übergewicht, sollten sich auf Prädiabetes untersuchen lassen. Ein gesunder Lebensstil senkt das Risiko, dass aus dem Prädiabetes ein Typ-2-Diabetes wird.

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Prädiabetes

Prädiabetes bezeichnet ein Diabetes-Vorstadium, bei dem die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist, die Blutzuckerwerte aber bereits erhöht sind

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