Über psychische Traumata und ihre Folgen wird in der Wissenschaft viel geforscht – und im Alltag viel geredet. „Gestern ist unser Haustier gestorben, wir sind richtig traumatisiert!“ Jeder kennt solche Schilderungen von Alltagsunglücken. Wenn Rena Schaletzky sie hört, steigt ihr Puls. „Der unsensible Umgang mit dem Thema relativiert das Leid, das traumatisierte Menschen erlebt haben“, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Universitätsklinik Tübingen.

Trauma: Das versteht man darunter

Unter den Begriff Trauma fallen zum Beispiel Geiselnahme oder sexualisierte Gewalt in der Kindheit. Die Betroffenen erleben absolute Hilflosigkeit, tiefe Verzweiflung, fühlen Lebensbedrohung, Todesangst. Wer ein psychisches Trauma erlebt, steht unter Schock. Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Herzrasen sind normale Reaktionen auf ein bedrohliches Ereignis. Häufig klingen diese Beschwerden innerhalb einiger Wochen ab. Wer frühzeitig Hilfe bekommt, kommt oft besser darüber hinweg.

Khalida A., 16, musste vor Jahren mit ihren Eltern und Geschwistern aus Afghanistan fliehen. Die Erinnerungen an die Flucht, an das Lager in Griechenland und den Aufenthalt in einer Sammelunterkunft ließen sie nicht los. Sie schläft kaum, hat Albträume, fühlt sich heimatlos, als Mitarbeitende der Flüchtlingsorganisation Refugio München die typischen Symp­tome erkennen. Sie organisieren Gesprächs­termine, auch eine Psychotherapie.

Gleichzeitig bessern sich die äußeren Umstände: Die Familie zieht in eine kleine Wohnung um. Langsam fühlt sich Khalida sicherer, kann wieder schlafen. Sie geht zur Schule, findet Freunde. Auf die Frage, was ihr am meisten geholfen habe, antwortet sie: „Die Wohnung für meine Familie mit Küche, vertrautes Essen und die Ruhe.“

Ruhe, ein stabiles Umfeld, ein strukturierter Alltag. Das kann in der ersten Phase nach einem Trauma heilsame Wirkung entfalten. Ein Teil der Betroffenen erholt sich aber nicht – und leidet länger an Depressionen, Ängsten, Schmerzen, für die keine körperliche Ursache gefunden wird. Solche Beschwerden deuten auf eine sogenannte Trauma-Folgestörung hin. Die bekannteste ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Typisch dafür sind Flashbacks: Erinnerungsfetzen, die die Betroffenen plötzlich überfluten. Auslöser kann eine Gewaltszene in einem Film sein oder einfach nur ein Löffel, der auf den Boden fällt und sich wie ein Schuss anhört. Menschen mit PTBS bleiben häufig in Daueranspannung, fühlen sich bedroht und vermeiden alles, was sie an das traumatische Ereignis erinnern könnte. Das kann das Alltagsleben mit Job, Familie, Freunden oft erschweren.

PTBS: Besonders oft leiden Geflüchtete

Weltweit erkranken etwa drei Prozent der Menschen irgendwann im Leben an einer PTBS. Laut einer Leipziger Erhebung sind unter Geflüchteten sogar mehr als 30 Prozent betroffen. In Deutschland liegt die Zahl für die Normalbevölkerung bei etwa zwei Prozent. Wobei das PTBS-Risiko für Frauen deutlich höher ist als für Männer, unter anderem, weil sie häufiger von Vergewaltigungen oder Gewalterfahrungen in der Kindheit betroffen sind.

Lisa F., 30, leidet seit ihrer Kindheit an Schmerzen: „Ich wollte, dass meine Beschwerden organisch bedingt sind, dass man sie wie einen Bandscheibenvorfall reparieren kann.“ Erst durch verschiedene Psychotherapien wird ihr bewusst, dass die Ursachen für die Schmerzen, Schlafstörungen, Albträume und Traurigkeit in ihrer Kindheit liegen, in der es so etwas wie Unbeschwertheit nicht gab. Nach und nach erkennt die junge Ärztin: „Ich war Übergriffen ausgesetzt, auch Gewalt und emotionaler Vernachlässigung. Ständig angespannt und wachsam zu sein war mein Überlebensmodus.“

Dass traumatische Erfahrungen oft lange verborgen bleiben, erklärt Dr. Rena Schaletzky so: „Verdrängen hat eine Schutzfunktion.“ Es helfe vorübergehend, schmerzhafte Erinnerungen von sich fernzuhalten. Vor allem belastende Kindheitserfahrungen wie sexueller Missbrauch bleiben oft lange im Dunkeln – und wie ein Schatten auf der Seele liegen. Erst in der Therapie gelingt es, diese Ereignisse hervorzuholen.

Viele Betroffene brauchen dazu professionelle Hilfe. Erste Anlaufstellen für eine Beratung sind hausärztliche und Psychotherapiepraxen, Traumaambulanzen sowie psychosoziale Zentren. Die Behandlung sollte möglichst bei Therapeutinnen und Therapeuten mit Spezialisierung auf Traumatherapie erfolgen.

So kann professionelle Hilfe aussehen

Eine wichtige Rolle in traumafokussierten Psychotherapien spielt die Konfrontation mit den Traumainhalten. Unter dem Schutz einer vertrauensvollen Therapiebeziehung werden Betroffene ermuntert, über ihre Erlebnisse zu sprechen, sie aufzuschreiben – und sie auszuhalten.

„Den Film zu Ende schauen“, nennt es Professorin Christine Knaevelsrud, Psychotherapeutin an der Freien Universität Berlin. So machen die Patientinnen und Patienten die Erfahrung: Das Trauma ist Vergangenheit. Der Autounfall, eingeklemmt im Wrack, ist vorbei. Ich habe überlebt. Die Erinnerungen werden mit beruhigenden Informationen gekoppelt und auf diese Weise korrigiert.

Mit demselben Ziel wenden spezialisierte Psychotherapeutinnen und Psychiater die Methode EMDR an. Die Abkürzung steht für Eye Movement Desensitization and Re-Processing, auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung. Dabei bewegt die Therapeutin oder der Therapeut die Finger vor den Augen der oder des Traumatisierten mehrmals rasch hin und her. Sie oder er folgt den Bewegungen mit den Augen und konzentriert sich gleichzeitig auf Trauma-Erinnerungen.

Das Gehirn wird gefordert: Es muss zwei starke Reize – die Gedanken an das Trauma und die Bewegungen – gleichzeitig verarbeiten. In der Folge werden Erinnerungen ordentlich sortiert, neu bewertet und neu abgespeichert. Wie das genau funktioniert, ist nicht geklärt. Als Vorteil dieser Methode gilt die in vielen Fällen kürzere Behandlungsdauer. „Manchmal reichen fünf Sitzungen, um PTBS-Symptome deutlich zu mindern“, sagt Rena Schaletzky.

„Insgesamt lassen sich posttraumatische Belastungsstörungen gut behandeln“, bestätigt Christine Knaevelsrud. Um die Wartezeit bis zur Psychotherapie zu überbrücken, kann die Einnahme von Psychopharmaka in manchen Fällen sinnvoll sein.

Traumatherapien wirken. Die evidenz­basierten Behandlungsprogramme helfen aber unterschiedlich gut. Es bleiben offene Fragen. Warum helfen Psychopharmaka weniger, wenn Menschen mit Gewalterfahrungen in der Kindheit sie nehmen? Und warum ist das Risiko für eine PTBS bei ihnen besonders hoch? Um das besser zu verstehen, nehmen Forschende zunehmend die Spuren in den Blick, die ein psychisches Trauma im Körper hinterlassen kann.

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Veränderungen im Gehirn

Dr. Natan Yusupov vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München sagt: „Wir haben Hinweise darauf, dass bestimmte Regionen im Gehirn, die für die Stressregulation zuständig sind, sich verändern oder nicht mehr so gut miteinander kommunizieren.“ Studien zufolge ist das Gehirn bei Kindern anfälliger für umweltbedingte Veränderungen. Traumatische Erlebnisse könnten bei ihnen stärkere Spuren hinterlassen.

„Welche Bedeutung das hat, ist unklar“, sagt Yusupov. Das gilt auch für die Frage, ob man diesen biologischen Veränderungen durch eine Psychotherapie im jugendlichen Alter vorbeugen oder sie rückgängig machen könnte. Traumaforschende hoffen, in den nächsten Jahren Antworten zu finden. Das Ziel: Personen mit erhöhtem Risiko frühzeitig zu erkennen und individuelle Therapieformen zu entwickeln.

Darauf können Traumatisierte aber nicht warten. Weil der Weg zur Heilung oft langwierig ist und Therapieangebote nicht immer passen, suchen Betroffene nach eigenen Wegen und Strategien, um in ihrem
Leben besser zurechtzukommen.

Der Polizist Jürgen R. wird 2003 bei einem Einsatz angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Monatelang liegt er im Koma, überlebt nur knapp. Seine Erinnerungen an die Tat passen nicht zu dem, was seine Kollegen erzählen. Er fragt nach und hört nur: „Sei doch froh, dass du überlebt hast!“ Wie es seiner Psyche geht, scheint keinen zu interessieren. Jürgen R. will zurück in den Beruf, doch die körperlichen Verletzungen versperren ihm die Rückkehr in den vertrauten Alltag. Er kämpft um finanzielle Entschädigung, bürokratische Hürden zermürben ihn.

Während einer Reha macht Jürgen R. gute und schlechte Erfahrungen. Es dauert Jahre, bis er in einer Selbsthilfegruppe für traumatisierte Polizeikräfte alles erzählen kann, was und vor allem wie er es erlebt hat. „Die haben mich verstanden“, sagt Jürgen R. „In der Gruppe habe ich mich behütet gefühlt wie ein Vogel im Nest.“ Kurz danach sieht er die Anzeige „Krisenhelfer gesucht“ und reagiert sofort. Er macht eine Ausbildung zum Krisenhelfer und engagiert sich in der Selbsthilfegruppe „Schusswaffenerlebnis“, die er seit 2007 auch mit leitet. „Selbst zu handeln, statt mich hilflos zu fühlen war ein wichtiger Schritt.“

Eine positive Wende

Bei vielen traumatisierten Menschen entsteht irgendwann der Wunsch, das Erlebte ins Positive zu wenden. Christine Knaevelsrud sieht darin eine große Chance. Und die Wissenschaft hat einen Namen dafür: posttraumatische Reifung oder posttraumatisches Wachstum. Damit ist gemeint, dass sich durch ein Trauma Lebensziele ändern können. Dass Betroffene zum Beispiel Beziehungen ausmisten, wenn sie ihnen nicht guttun. „Im besten Fall werden Traumatisierte zu Alchemist:innen“, sagt Knaevelsrud. „Sie wandeln nicht Blei in Gold um, schöpfen aber aus extrem belastenden Erfahrungen neue Lebensinhalte.“

Das muss keine radikale Wende bedeuten. Lisa F. sagt: „Durch die Psychotherapien wird nicht einfach irgendwann alles gut. Ich wünsche mir viel mehr Unbeschwertheit in meinem Leben. Aber ich mache es heute anders als früher. Gegen die Schmerzen kämpfe ich nicht mehr an. Meinen Körper sehe ich mittlerweile als liebevolles Alarmsystem. Er erinnert mich, wenn es Zeit ist, mir mehr Ruhe zu gönnen. Ich will mich mit den schrecklichen Erlebnissen versöhnen, um Schmerz, Trauer und Wut loslassen zu können. Das ist die Voraussetzung für meinen Heilungsprozess.“

Seit 2020 engagiert sie sich im Betroffenenrat der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM). „Es bedeutet mir viel, zum Schutz von Kindern etwas beitragen zu können“, sagt sie.

Auch Jürgen R. gibt seinem Leben durch seine ehrenamtliche Tätigkeit eine neue Richtung: „Wenn ein Rettungsteam nach ­einer erfolglosen Reanimation die Ange­hörigen mit ihrem Schmerz zurücklässt, zurücklassen muss, bin ich als Notfallseelsorger einfach da. Höre zu. Helfe, Dinge zu regeln.“

Für ihr Schulpraktikum hat Khalida A. im Frühjahr einen Platz in einer Anwaltskanzlei gefunden. Nach der Schule will sie sich für Asylsuchende einsetzen und Geflüchteten helfen, ein neues Leben aufzubauen. Ihren Berufswunsch formuliert sie selbstbewusst und ganz selbstverständlich: Anwältin für Menschenrechte.

Wie Therapiehunde traumatisierten Soldaten helfen

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Die Zahl der im Einsatz traumatisierten Soldatinnen und Soldatensteigt seit Jahren. Viele schaffen es erst nach langer Zeit, sich Hilfe zu suchen. Bei der Therapie können auch speziell ausgebildete Hunde unterstützen


Quellen:

  • Schäfer I, Gast U, Hofmann A et al.: Posttraumatische Belastungsstörung – Behandlung der PTBS bei Erwachsenen. Leitlinie: 2019. https://www.awmf.org/... (Abgerufen am 04.04.2022)

  • Praxisleitfaden

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