Morgens weckt er die Lebensgeister, mittags verbannt er das Esskoma, nachmittags trägt er zu einem gelungenen Café-Besuch bei: Kaffee. Gut 160 Liter trinkt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Das sind bei einer durchschnittlichen Tassengröße von 150 Millilitern über 1000 Tassen Kaffee pro Kopf. Die geröstete Bohne enthält mehr als 800 Aromastoffe, aber nur circa zwei Kilokalorien pro 100 Milliliter. Und sie macht wach. Da verwundert es wenig, dass so viele Menschen Kaffee lieben.

Frönen die Deutschen da also einem Laster? Gilt Kaffee doch als ungesund, der nervös macht, das Herz pochen lässt, gar das Leben verkürzen soll.

Weshalb Kaffee früher als ungesund galt

Dass Kaffeetrinker früher sterben, diese These gilt inzwischen als überholt. "In früheren Studien wurde nicht auf einen möglichen ungesunden Lebensstil geachtet", erklärt die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Anna Flögel, die während ihrer Zeit am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam intensiv zur Auswirkung von Kaffee auf die Gesundheit geforscht hat.

So sind Kaffeetrinker häufig auch Raucher. Wird dieser Faktor in einer Studie nicht ausgeklammert, scheint es so, als sei Kaffee ungesund, dabei lag dies am Rauchen. Gesundheitsrisiken, beispielsweise für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wurden dem Kaffee also teils fälschlicherweise zugeschrieben. "Heute weisen die Ergebnisse zahlreicher Studien darauf hin, dass Kaffee mit einer niedrigeren Gesamtsterblichkeit einhergeht", erläutert die Expertin.

Kaffee ist also doch gesund? Einige Punkte sind unter Wissenschaftlern immer noch umstritten, andere gelten inzwischen aber als gut be- oder widerlegt.

Studien deuten auf gesundheitsförderliche Effekte hin

Entgegen der geläufigen Meinung sei Kaffee nicht ungesund. „Zumindest ein moderater Konsum ist eher mit einem allgemein reduzierten Krankheitsrisiko zu verbinden“, berichtet Dr. Anna Flögel über die aktuelle Studienlage. Moderater Konsum heißt nach ihren Worten: zwei bis vier Tassen am Tag.

Eine Erkenntnis aus Langzeitstudien, in denen Zehntausende Menschen über Jahrzehnte zu ihren Lebensgewohnheiten befragt und neu aufgetretene Krankheiten erfasst wurden, ergab für Kaffeeenthusiasten Erfreuliches: „Wer Kaffee trinkt, lebt länger“, so die Expertin.

Auch deuten die Studienergebnisse eine vorbeugende Wirkung gegen Gebärmutterkörperkrebs und Leberkrebs an. Wissenschaftlich bestätigt ist zudem, dass Kaffee das Diabetesrisiko senkt. "Das zeigen große Beobachtungsstudien", sagt Dr. Young Hee Lee-Barkey, leitende Oberärztin am Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen. "Koffein scheint für diesen Effekt nicht ausschlaggebend zu sein, da er auch bei entkoffeiniertem Kaffee auftritt", erläutert Lee-Barkey. Vermutlich beeinflussen andere Inhaltsstoffe den Blutzuckerspiegel günstig.

Treibt Kaffee den Blutdruck in die Höhe?

Menschen mit zu hohem Blutdruck fragen sich häufig, ob sie Kaffee meiden sollen. Denn Koffein soll den Druck in den Gefäßen in die Höhe treiben. Doch der Effekt ist nicht allzu groß: Laut der Deutschen Herzstiftung steigt der Blutdruck für maximal 30 Minuten um circa 10 bis 20 mmHG an. Aktuelle Studien zeigen, dass Blutdruckpatienten deshalb aber wohl kein erhöhtes Risiko haben, durch Kaffeekonsum einen Schlaganfall zu erleiden.

Bei regelmäßigem Konsum fällt der Anstieg des Blutdrucks sogar noch schwächer aus. "Kaffee ist deshalb für Bluthochdruckpatienten erlaubt", sagt Professor Wolfram Delius, Kardiologe aus München. Zurückhaltung und ein ärztliches Abklären sind lediglich bei sehr hohen Blutdruckwerten geboten. Allerdings sollte der Blutdruck, wegen kurzzeitig erhöhten Werten, nicht 20 bis 30 Minuten nach dem Kaffee gemessen werden. Vorsicht geboten ist allerdings bei Herzrhythmusstörungen: Treten diese nach dem Kaffeetrinken verstärkt auf, sollte unter Umständen auf das Heißgetränk verzichtet werden. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Arzt.

Wie wirkt Kaffee auf den Flüssigkeitshaushalt?

Widerlegt ist inzwischen auch die These, dass Kaffee ein Flüssigkeitsräuber ist. Er hat zwar einen harntreibenden Effekt, doch dieser ist gering und kann durch genügend Flüssigkeitszufuhr durch den Körper ausgeglichen werden. Auf Toilette müssen Kaffeetrinker vermutlich eher wegen der großen Menge Wasser, die sie pro Tasse zu sich genommen haben.

Schlägt Kaffee auf den Magen?

Auch dass Kaffee sich auch auf Magen und Darm auswirkt, beobachten viele Menschen an sich selbst. Manch einem schlägt er auf den Magen, der andere freut sich über eine flotte Verdauung. Das zeigt wieder, wie unterschiedlich die Effekte der Bohne sein können. Durch den morgendlichen Kaffee steigt der Blutdruck kurz an und das Verdauungssystem wird angeregt. Empfindliche Menschen können allerdings Magenschmerzen bekommen. "Bitterstoffe im Kaffee greifen die Magenschleimhaut an", erklärt Flögel.

Je nach Kaffeeart, Röstung und Zubereitung ist Kaffee im Einzelfall mehr oder weniger gut bekömmlich. Espresso gilt beispielsweise als recht gut verträglich.

Wie wirkt Koffein?

Unbestritten ist, dass Koffein, einer der zahlreichen Inhaltsstoffe im Kaffee, wach macht. Die Substanz dockt an bestimmten Molekülen auf Zellen an, sogenannten Adenosinrezeptoren. Koffein verdrängt dabei den körpereigenen Botenstoff Adenosin, der Müdigkeit auslöst, und entfaltet so seine anregende Wirkung. Bekannt ist auch, dass Koffein die Herztätigkeit beschleunigt, Harndrang auslöst, die Bronchien leicht erweitert und die Konzentration fördert. Manche Menschen reagieren auf den Wachmacher mit Schweißausbruch, zittern und sind nervös – vor allem, wenn sie viel Koffein zu sich genommen haben. Gefährlich, manchmal sogar lebensgefährlich, wird der Inhaltsstoff erst in größeren Mengen.

Koffein wirkt bei jedem Mensch anders

Der aufmunternde Effekt tritt meistens nach 15 bis 30 Minuten ein und kann mehrere Stunden anhalten. Wie schnell das Koffein im Körper abgebaut wird, schwankt von Mensch zu Mensch und wird unter anderem von den Genen beeinflusst. Bei Frauen wirkt die Substanz teilweise doppelt so lang wie bei Männern. Kinder, junge Menschen und Schwangere reagieren wiederum anders darauf als Ältere. Bei Rauchern sinkt die Konzentration von Koffein im Körper tendenziell schneller als bei Nichtrauchern. Medikamente haben ebenfalls einen Einfluss darauf, wie und wie lange es wirkt. Wer regelmäßig Kaffee trinkt, gewöhnt sich daran und reagiert weniger stark auf das Koffein als jemand, der nur selten zugreift. "Wie lange, wie überhaupt und wie intensiv Koffein im Körper wirkt, ist individuell sehr unterschiedlich", sagt Flögel.

Das sind zum Teil auch die Gründe, warum manche Menschen auf Kaffee mit Schlafstörungen reagieren und andere nicht. Wer ohnehin oft schlecht schläft, sollte entweder ganz auf Kaffee verzichten oder die letzte Tasse am frühen Nachmittag trinken.

Koffeingehalt im Kaffee sehr unterschiedlich

Auch spielen Sorte, Zubereitung und Röstverfahren eine große Rolle, wenn es um den Koffeingehalt von Kaffee geht. "Er pendelt zwischen 40 und 120 Milligramm pro Tasse", sagt Flögel. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA wird in einer aktuellen Risikobewertung konkreter: Nicht mehr als 200 Milligramm Koffein auf einmal und maximal 400 Milligramm pro Tag – dann ist Kaffee für gesunde Erwachsene unproblematisch. Das entspricht ungefähr zwei Tassen Filterkaffee zum Frühstück beziehungsweise etwa vier über den Tag verteilt. Für Schwangere und Stillende liegt die Schwelle bei maximal zwei Tassen Kaffee täglich.

Da Kaffee von Mensch zu Mensch so unterschiedlich wirkt, ist es schwer, potenzielle gesundheitsfördernde Effekte auf die Allgemeinheit zu übertragen. Dem einen hilft er womöglich, dem anderen nicht. Außerdem: "Wer ungesund lebt, weil er zum Beispiel raucht oder häufig Alkohol trinkt, den macht Kaffee nicht gesünder", sagt Flögel. Vielleicht sollte man die herrlich aromatische Bohne einfach als das sehen, was sie eigentlich ist: ein Genussmittel.

Weitere Fakten über Kaffee

Kaffeesatz als Gartendünger? Durch enthaltene Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor, Kalium und Antioxidantien kann Kaffeesatz zum Düngen verwendet werden. Wichtig hierbei: Das Pulver sollte getrocknet werden, um Schimmel zu vermeiden. Einige Pflanzen wie Krokusse, Narzissen, Tulpen oder Kohl reagieren empfindlich darauf.

Sind Bambus-Becher umweltfreundlich? Wiederverwendbare Coffee-to-go-Becher als Alternative zu Einmalprodukten sparen Müll. Gesund sind sie allerdings je nach Verwendung nicht. Bambus-Becher bestehen in der Regel aus Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH), das bei hohen Temperaturen gesundheitsbedenkliche Stoffe an das Getränk abgeben kann. Für kalte oder lauwarme Speisen und Getränke eignet sich das MFH-Geschirr aber gut.

Kaffee-Kapseln als Umweltsünde? Pro Kapsel werden durchschnittlich 2,5 Gramm Aluminium oder Kunststoff und 1,5 Gramm Papier benötigt. Ein Recycling der Kapseln ist laut der Deutschen Umwelthilfe kaum möglich, weil Müllanlagen die Rohstoffe nicht vom Kaffeesatz trennen können. Auch biologisch abbaubare Kunststoffkapseln können nicht im Biomüll abgebaut werden und benötigen einen enormen Aufwand beim Recycling.

Deutschland als Kaffeenation? Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von durchschnittlich 168 Liter in 2020 ist Kaffee der Deutschen liebstes Getränk. Deutschland sei im Bohnen-Handel der „weltweit zweitgrößter Importeur von Rohkaffee und der größte Kaffeeexporteur“, berichtet der Chef des Deutschen Kaffeeverbands, Holger Preibisch. Skandinavische Länder wie Finnland, Norwegen, Island und Dänemark liegen im Pro-Kopf-Verbrauch allerdings deutlich vor Deutschland.