Ohrgeräusche (Tinnitus): Welchen Einfluss die Psyche hat

Psychische Belastungen und Erkrankungen spielen bei vielen Beschwerdebildern eine einflussreiche Rolle, so auch bei Tinnitus

aktualisiert am 19.03.2018
Mann unter Stress

Immer unter Hochspannung: Wenn es zu viel wird, gerät auch das Hörsystem unter Druck


Streß im Büro

Stress und Tinnitus

Stress, körperlicher oder seelischer, löst zwar unmittelbar keinen Tinnitus im Gehirn aus. 26 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus berichten jedoch, dass sie viel Stress hatten oder haben. Die Ohrgeräusche sind demnach ein "innerer Seismograph" der aktuellen Befindlichkeit. Dennoch wird die Festlegung auf eine Pauschalhypothese wie Stress der Differenziertheit des Tinnitus nicht gerecht.

Offenbar begünstigen unter anderem psychische Faktoren häufig die Entwicklung eines Tinnitus. Sie haben aber vor allem einen wichtigen Einfluss darauf, wie jemand die Dauertöne erlebt und wie er mit ihnen umgehen kann. Schon im Akutstadium spielt die seelische Verfassung eine Rolle.

Liegt zu diesem Zeitpunkt eine seelische Belastung wie Depression, Angst, ein einschneidendes Lebensereignis oder eine schwere Schlafstörung vor, läuft der Betroffene Gefahr, dass sein Tinnitus im Verlauf der nächsten Monate dekompensiert. In solchen Fällen ist neben der medizinischen Behandlung eine psychotherapeutische Beratung schon im Anfangsstadium hilfreich.

Chronischer Tinnitus: Oft leidet die Seele

Ein besonderes Gewicht erhält die Verflechtung zwischen Psyche und Hören beim chronischen Tinnitus. Wer darunter leidet, kann Gefühle gleichsam hören: Chronisch Betroffene nehmen emotionale Eindrücke auch mit Gehirnarealen wahr, die mit der Hörbahn vernetzt sind. Das ergaben Studien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Menschliches Gehirn (Schematische Darstellung)

Das Gehirn ist bei bleibenden Ohrgeräuschen dauerhaft sensibilisiert. Auf den amerikanischen Forscher Pawel Jastreboff geht ein neurophysiologisches Modell zurück, das zeigt, welche Rolle Wahrnehmung und Bewertung bei der Entstehung eines chronischen Tinnitus spielen: Zuerst sind die Geräusche mit gewissen Assoziationen wie Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit zeitlich eng verknüpft. Später verstärken die Assoziationen selbst den Tinnitus, ähnlich wie bei einem konditionierten Reflex.

Frau inmitten von Schallwellen

Dauerhafte Ohrgeräusche betreffen den gesamten Menschen. Manche Betroffene können die störenden Töne dennoch gut in ihr Leben integrieren und nehmen sie häufig kaum mehr wahr (kompensierter Tinnitus).

Andere erkranken umfassend daran (dekompensierter Tinnitus, siehe Kapitel "Tinnitus: Übersicht – Hintergrund, Auslöser") und Kapitel "Ohrgeräusche: Wie Tinnitus entsteht und wie er sich äußert"). Die Geräusche werden für sie unerträglich und beeinträchtigen den Alltag. Dabei spielt es keine Rolle, wie laut der Tinnitus erlebt wird. Die Betroffenen leiden unter Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen. Manche entwickeln ernste seelische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Die Hälfte der Menschen mit Depressionen oder Angsterkrankungen berichten über einen Tinnitus.

Es kommt ebenso vor, dass Menschen, die mit starken Ohrgeräuschen zu tun haben, schon vorher eine Depression oder Angsterkrankung hatten. Das seelische und das körperliche Leiden verstärken sich dann oft gegenseitig.