Ohrgeräusche (Tinnitus): Welche Therapien helfen

Je nach Art des Tinnitus können verschiedene Therapien helfen, bei bekannter Ursache etwa daran ausgerichtete Maßnahmen. Was Counseling, Verhaltenstherapie und Entspannungsmethoden können

aktualisiert am 19.03.2018
Hörgerät

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Wenn neu aufgetretene Ohrgeräusche länger als ein, zwei Tage anhalten, sollte der oder die Betroffene zu einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen. Dieser wird die Ohren eingehend untersuchen, das Hörvermögen überprüfen und im Gespräch die Krankengeschichte und möglichen Entstehungsbedingungen des Ohrgeräusches nachzeichnen.

Nur bei Bedarf werden sich weitere apparative Untersuchungen (siehe Kapitel "Ohrgeräusche (Tinnitus): Diagnose") anschließen, um die Diagnose zu sichern und eine entsprechende Therapie einzuleiten.

Mann hält sich die Ohren zu

Akuter Tinnitus: Die Behandlung richtet sich nach der möglichen Grunderkrankung

Ein akuter Tinnitus zum Beispiel, der im Zusammenhang mit einer Ohrerkrankung aufgetreten ist, legt sich meistens mit der Behandlung derselben, wie zum Beispiel bei einer Mittelohrentzündung mit Antibiotika.

Bei einem Hörsturz gilt es, zugrunde liegende Störungen aufzudecken, etwa eine Menière-Krankheit. Je nachdem leitet der Arzt auch hier eine Therapie ein, die sich möglichst gezielt auf die Begleiterkrankung bezieht. Über die Therapie der Menière-Erkrankung informiert der Ratgeber "Menière-Krankheit".

Mann bekommt Infusion zur Soforthilfe bei Hörsturz

Ein Knall- oder Explosionstrauma und eine akute Lärmschädigung gelten als Eilfall, die zeitnah behandelt werden müssen, um Schäden am Trommelfell und im Innenohr zu beheben. Häufig werden Infusionen mit Kortison gegeben. Manchmal ist ein Eingriff notwendig.

Seit Jahren wird erprobt, ob das Einbringen des Kortison mittels einer Spritze durchs Trommelfell ins Mittelohr wirksamer ist als die innerliche Gabe (Infusion, Tabletten). Häufig vergehen Tinnitus und Schwerhörigkeit aber auch von alleine oder mit der Therapie wieder. Bleiben die Beeinträchtigungen bestehen, bieten sich die Versorgung mit einem Hörgerät und ergänzende Therapieschritte an (siehe weiter unten).

Psychotherapie

Tinnitus-Counseling: Aufklärung und Hörberatung

Wenn die Ohrgeräusche den Betroffenen schon im akuten Stadium sehr stark beeinträchtigen, etwa weil er sich gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet, ist es sinnvoll, sich umfassend über die Bedeutung des Tinnitus aufklären zu lassen.

Der Arzt – meist ein HNO-Arzt oder ein Arzt für psychosomatische Medizin oder Psychotherapie – bespricht dabei mit seinem Patienten frühzeitig Möglichkeiten, wie dieser am besten mit den Ohrgeräuschen im Alltag umgeht und was ihn ablenken kann. Es geht insbesondere darum, ihm die Angst vor dem Tinnitus zu nehmen und belastende Situationen besser zu bewältigen, damit sich die störenden Töne nicht in den Vordergrund drängen und eventuell dauerhaft festsetzen.

Wer unter chronischen Ohrgeräuschen leidet, profitiert zunächst davon, wenn er mehr über sein Leiden weiß. Es ist hilfreich, wenn sein Arzt ihn eingehend darüber aufklärt, wie Tinnitus entstehen und welche Bedeutung er für Körper und Seele einnehmen kann und wo man seriöse Informationsquellen finden kann. Dabei ist es wichtig, dass der Betroffene über seinen Leidensdruck offen spricht und sich ernst genommen fühlt.

In der Hörberatung werden Erkenntnisse über die persönlichen Hörgewohnheiten der Tinnitusbetroffenen vermittelt und ihr Umgang mit Musik und Lärm erfragt. Diese Form der Beratung, die auch den Psychotherapeuten aktiv einbezieht, heißt Tinnitus-Counseling. Es stellt einen wesentlichen Schritt dar, um den Tinnitus individuell zu bewältigen und geeignete Maßnahmen dafür zu finden.

Gruppentherapie

Kognitive Verhaltenstherapie: Wieder aktiv trotz Tinnitus

Wenn der Leidensdruck durch die ständigen Ohrgeräusche groß ist, erweist sich sehr häufig eine kognitive Verhaltenstherapie (VT) mit fünf bis 15 Sitzungen als sinnvoll. Sie findet als Einzel- oder Gruppentherapie, oft auch mit einem validiertem Therapiemanual, statt (sogenannte manualisiert-strukturierte kognitive VT; ein Manual ist ein Handbuch).

In den Einzel- oder Gruppengesprächen lernen die Betroffenen, wie sie mit dem Tinnitus so umgehen, dass er den Alltag nicht mehr dauerhaft beeinträchtigt. Sie erfahren zum Beispiel, dass sie das Rauschen, Pfeifen oder Summen mit angenehmer Musik oder Hörbüchern in den Hintergrund drängen können.

Auch unterschiedliche Phantasiereisen eignen sich dazu, die Dauergeräusche mit angenehmen Empfindungen zu verknüpfen.

Die Wirksamkeit der kognitiven VT ist unter anderem laut einer strengen Untersuchung des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Uniklinik Freiburg belegt. Viele interdisziplinäre Behandlungszentren beziehen verhaltenstherapeutische Programme von Anfang an in die Therapie mit ein.

Was ist Tinnitus-Retraining-Therapie?

Es ist höchst hilfreich, verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Entspannungstechniken mit einem "Tinnitusgerät" (Tinnitus-Masker oder Tinnitus-Noiser) zu einem umfassenden Bewältigungstraining zu kombinieren. Bei einer solchen "Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT, von engl. retrain = zurücktrainieren) lernen Tinnitus-Geplagte schrittweise, die Ohrgeräusche nicht mehr als störend wahrzunehmen. Ziel ist es, dass die inneren Töne keine belastende Rolle mehr spielen oder ganz aus dem Bewusstsein weichen.

Psychotherapie bei ausgeprägtem Tinnitus und psychischer Erkrankung

Bei sehr hoher Tinnitusbelastung ist eine Psychotherapie zur Bewältigung einer zugleich bestehenden Angststörung oder Depression sinnvoll, gegebenenfalls auch mit medikamentöser Unterstützung.

Hörgerät

Hörgeräte: Hilfreich bei Tinnitus mit Schwerhörigkeit

Wenn sich ein Hörverlust und damit verbundene Ohrgeräusche mit oben genannten Methoden nicht erfolgreich behandeln lassen und die Schwerhörigkeit ein bestimmtes Ausmaß überschritten hat, sollten sich die Betroffenen frühzeitig ein Hörgerät anpassen lassen.

Mit einem sorgfältig ausgewählten Gerät hören und verstehen sie besser, und bestimmte Ohrgeräusche stehen dann auch nicht mehr so stark im Vordergrund. Anders gesagt: Durch die nun wieder viel besser wahrgenommene Umwelt tritt der Tinnitus als eigenes Geräusch in den Hintergrund.

Viele Betroffene, die zunächst die psychologische Barriere "Hörgerät – bloß nicht"! überwinden mussten, waren hinterher zufrieden.
Hörimplantate im Innenohr (Cochlea-Implantate CI) helfen bei einseitiger Ertaubung oder ausgeprägter Schwerhörigkeit, den Tinnitus weitgehend zu maskieren.

Es gibt psychosomatische Tinnitus-Kliniken

Viele HNO-Ärzte und Kliniken bieten Tinnitus-Sprechstunden an. Menschen, die ständige und vor allem besonders laute Ohrgeräusche haben, fühlen sich allerdings zeitweilig so stark psychisch und körperlich belastet, dass ambulante Maßnahmen nicht ausreichen.

In Deutschland gibt es eine Reihe von stationären Einrichtungen mit Behandlungsschwerpunkt Tinnitusbewältigung. Dies sind in der Regel Psychosomatische Kliniken mit besonders dafür trainiertem Personal.

Yoga

Häufig angewandte, vielfach auch hilfreiche Methoden ohne gesicherte Wirkungsnachweise (keine Kostenübernahme durch die Krankenkassen)

  • Entspannungsmethoden: Viele Menschen mit Ohrgeräuschen berichten, dass der Tinnitus lauter und störender wird, wenn sie unter Stress stehen. Um etwas souveräner mit unterschiedlichen Belastungen umgehen zu können, hilft es, Entspannungsmethoden wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Yoga, Qigong oder Tai Chi zu lernen (siehe auch Kapitel "Tinnitus: Was Sie selbst tun können").
  • Biofeedback: Einige von Tinnitus Betroffene neigen zu Fehlhaltungen oder spannen in stressigen Situationen die Schulter-, Stirn- und Kiefermuskulatur übermäßig an. Mit Hilfe eines Biofeedback-Geräts lassen sich diese Muskelanspannungen auf einem Bildschirm sichtbar und hörbar machen. Der Betroffene erfährt so in mehreren Sitzungen, wie der eigene Körper auf psychische Überforderungen reagiert, und er trainiert, sich gezielt wieder zu entspannen.
  • Aktive Musiktherapie – Musizieren mit den Dauertönen: Verschiedene Forschungszentren in Deutschland haben Modelle entwickelt, die unter der Leitung von ausgebildeten Musiktherapeuten Musik als Mittel einsetzen, um quälenden Ohrgeräuschen aktiv auf der Ebene des Hörens zu begegnen. Tinnitus-Counseling, verhaltenstherapeutische Programme und Entspannungsübungen (siehe jeweils weiter oben) gehören oft zu einer solchen Musiktherapie dazu.
  • Keine ausreichend sichere Belege liegen für folgende Verfahren vor: Hypnose, hyperbare Sauerstofftherapie, elektromagnetische Stimulation, passive Musikanwendung oder spezielle Apps mit frequenzgefilterter Musik liegen

Medikamente: Gegen idiopathischen Tinnitus als solchen nicht verfügbar

Da Tinnitus das Symptom unterschiedlichster Erkrankungen ist beziehungsweise in vielen Fällen keine Erklärung für den Tinnitus gefunden wird (idiopathischer Tinnitus), gibt es auch nicht die "Tinnituspille". Begleiterkrankungen wie Depression oder Angststörungen werden individuell behandelt.

Stimmung: Schnelle Musik macht glücklich