Ursachen unspezifischer Rückenschmerzen

Millionen Menschen werden in Deutschland jährlich wegen Rücken- und Gelenkschmerzen behandelt. Führend beim Rückenschmerz: allgemeine, unspezifische Ursachen
aktualisiert am 13.11.2017

Rücken-, Nacken- oder Kreuzschmerzen betreffen häufig jüngere Bevölkerungsgruppen

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Volkskrankheit Rückenschmerzen

Jeder Dritte, der zum Orthopäden geht, und jeder zwölfte, der den Hausarzt aufsucht – Frauen mehr als Männer –, tut dies wegen Rückenschmerzen. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen unter 18 Jahren haben bereits mehr oder weniger schmerzhafte Haltungsprobleme.

Viele von unspezifischen beziehungsweise nichtspezifischen Rückenschmerzen Geplagte (siehe dazu auch Kapitel "Rückenschmerz-Arten") gehören der vergleichsweise jungen, jedenfalls mitten im Berufsleben stehenden Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen an. Die Behandlung, Rehabilitation und vorzeitige Berentung von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen kostet unser Gemeinwesen Jahr für Jahr Milliarden, einschließlich der Kosten für die Arbeitsausfälle.

Gestörtes Muskelspiel

Einseitige Belastung bei bewegungsarmer Lebensweise oder eingefahrene (stereotype) Haltungsmuster, Überlastung durch Übergewicht, falsches Training oder Leistungssport, schließlich auch eine Schwangerschaft: Das sind die mit Abstand führenden Ursachen von Rückenschmerzen. Schwangerschaften und beruflich unvermeidliche Umstände einmal beiseite gelassen, sind die Beschwerden meist eine Folge ständiger Überstrapazierung oder Vernachlässigung des Rückens.

Das erklärt sich durch ein wichtiges Prinzip der Muskelarbeit: das Zusammenwirken eines Spielers und Gegenspielers beziehungsweise entsprechender Muskelgruppen. Wenn Kraftakte bestimmte Spieler- oder Gegenspieler-Muskeln überfordern oder Inaktivität sie verkümmern lassen, kommt es zu Verspannungen, Überdehnungen, Verkürzungen und schließlich Schmerzen.

Oberflächliche und tiefe Rückenmuskeln

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Genauer: Vernachlässigte, untrainierte Haltemuskeln in der Tiefe des Rückens verkürzen sich. Verkürzte Muskeln verändern die Mechanik der Gelenke, die Sehnenansätze reagieren mit Reizungen. Unterforderte Bewegungsmuskeln – das sind die oberflächlicher gelegenen Rückenmuskeln – werden geschwächt und bilden sich zurück.

Strapazierte Gegenspieler-Muskeln verspannen sich, werden überdehnt, schlechter durchblutet und verhärten sich. Schließlich melden die örtlichen Schmerzrezeptoren Alarm (mehr dazu siehe Kapitel "Aufbau der Wirbelsäule und wie hier Schmerzen entstehen"). Nach einer Haltungsschulung und moderaten Trainingstherapie arbeiten die Muskeln meist wieder entspannter, was als angenehm empfunden wird und Schmerzen vermindern oder sogar beseitigen kann.

Wenn’s plötzlich klemmt: Blockierungen der Lendenwirbel und Iliosakralgelenke

Die kleinen Wirbel- oder Facettengelenke des Rückgrats steuern und begrenzen die Bewegung der Wirbel untereinander. Auf den jeweiligen Wirbelsäulenetagen unterstützen sie auch die Beugung der Wirbelsäule nach vorne und hinten oder das Seitneigen und Drehen (Rotation).

Chronische Fehlbelastung wie auch akute Überbeanspruchung können das mechanische Gleichgewicht stören: Die an der Belastungsgrenze angekommenen Muskeln blockieren das zugehörige Gelenk (siehe Bewegungssegment, Kapitel "Aufbau der Wirbelsäule und wie hier Schmerzen entstehen"). Dies passiert vor allem auf der Ebene der Lendenwirbelsäule und steht dem nah, was oft als Hexenschuss bezeichnet wird. Typisch ist auch die schmerzhafte Blockierung nach abrupter Beugung der Lendenwirbelsäule, wenn ein schwerer Gegenstand gehoben oder wenn einfach nur überhastet das Bett verlassen wird.

An der Halswirbelsäule verursachen eher spezifische, also strukturelle Veränderungen Blockierungen, etwa Folgezustände nach Verletzungen wie ein kompliziertes Schleudertrauma. Aber es gibt auch einen funktionellen "Schiefhals", also den steifen Hals oder "Hexenschuss am Hals". Die Blockierung ist meist ein sehr schmerzhaftes Ereignis. Im Kreuz entspricht sie einem in der Tiefe empfundenen reißenden oder schneidenden Schmerz (siehe Absatz weiter unten, "Hexenschuss...").

Die Iliosakralgelenke (ISG) im Beckenbereich verbinden das Kreuzbein mit dem Darmbein- beziehungsweise Hüftbein des Beckens und bilden im weitesten Sinne eine Brücke zwischen Wirbelsäule und Hüftgelenk. Allerdings sind die ISG, vereinfacht auch Beckengelenke genannt, aus anatomischen Gründen kaum beweglich, sodass oft von Halbgelenken die Rede ist.

Besonders die Bänder all dieser Gelenke tragen einen nicht geringen Teil der auf die Lendenwirbelsäule einwirkenden Last mit. Kein Wunder also, dass es auch hier leicht zu Funktionsstörungen kommen kann. Muskeln, Bänder und Sehnen, die die Iliosakralgelenke fixieren, reagieren bei Überbeanspruchung gereizt, bis das Gefüge streikt und Bewegungen nur noch unter Schmerzen möglich sind. Auch bei Sportverletzungen, zum Beispiel einer Zerrung, kann das passieren. Besonders das Kreuz und die Halswirbelsäule tragen ein erhöhtes Verletzungsrisiko.

Hexenschuss: Der plötzliche Schmerz im Kreuz kann viele Ursachen haben

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Was ist ein Hexenschuss und was ein "Ischias"?

Hexenschuss (akute Lumbalgie): Das bezeichnet einen schlagartig einsetzenden, danach zunächst meist fortbestehenden, eventuell sich auch verstärkenden Schmerz, in der Regel einen Kreuzschmerz. Er führt zur Steifheit und Blockierung im Kreuz (siehe oben). Dadurch, dass der Betroffene instinktiv eine Schonhaltung einnimmt, um den Schmerzen möglichst auszuweichen, können diese sich noch verstärken, da die Muskeln sich vermehrt verspannen. Vorbeugen und Aufrichten des Körpers ist fast unmöglich – heftig verspannte Muskeln halten dagegen. Auch Zug an einer gereizten Nervenwurzel beim Vorbeugen kann die Beweglichkeit einschränken.

Ein Hexenschuss kann auch wieder von alleine abklingen. Der Name sagt nichts über die Herkunft und Bedeutung der Schmerzen aus, sondern ist lediglich eine volkstümliche Sammelbezeichnung für das Symptom "akuter Kreuzschmerz". Wie zuvor beschrieben, ist auch am Hals ein "Hexenschuss" möglich.

Die Auslöser des auch akute Lumbalgie genannten Hexenschusses sind vielfältig. Sie reichen von abrupten Bewegungen – (Ver-)Drehen, Bücken, falsches Heben (Verheben) in Verbindung mit chronischer Muskelschwäche –, Fehlhaltungen oder Attacken durch Kälte und Feuchtigkeit bis hin zu Bandscheibenvorfällen und anderen Erkrankungen der Wirbelsäule. Im Laufe der Schmerzentwicklung kann es (muss aber nicht) zum Beispiel bei einem Bandscheibenvorfall zu einer Schmerzausstrahlung in Hüfte und Bein kommen. Dann spricht der Arzt von Lumboischialgie beziehungsweise Ischiassyndrom.

Auslösend ist dann meist die Reizung einer bestimmten Nervenwurzel (Radikulopathie), die aus dem Rückenmarkskanal austritt. Je nach Ursache und Schwere der Beengung kann das Nervengewebe auch anhaltend Schaden nehmen. Daher muss der Arzt rechtzeitig eingreifen. Damit steht der Hexenschuss am Übergang zwischen unspezifischen und spezifischen Rückenschmerzen. Mehr dazu im Kapitel "Spezifischer Rückenschmerz: Immer krankhaft".

Pseudoradikuläre Beschwerden liegen dagegen vor, wenn ausstrahlende Bein- (oder Arm-)Schmerzen keiner Nervenwurzel zugeordnet werden können. Auslösend können dann zum Beispiel verschleißbedigte Veränderungen der kleinen Facettengelenke zwischen den Wirbeln sein. Darüber informiert Sie ebenfalls das Kapitel "Spezifischer Rückenschmerz: Immer krankhaft".


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