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Sie sehen ein bisschen gefährlich aus, sollen aber Schmerzen lindern: Massagepistolen. Das sind Geräte, deren Kopf von einem Elektromotor angetrieben und immer wieder mit Druck ausgefahren wird. So üben sie kleine, schnelle Schläge auf den Körper aus. Das soll den Herstellern zufolge etwa die Durchblutung fördern, Verspannungen lösen und die Selbstheilungsprozesse des Körpers anregen.

Die erste Massagepistole gab es 2008, inzwischen produzieren viele Firmen die ­Geräte, die in den sozialen Medien gerade eifrig beworben werden. In der Regel lässt sich sowohl die Stärke als auch die Häufigkeit der Schläge pro Minute einstellen. Je nach Hersteller sind das bis zu 3000 Schläge in 60 Sekunden. Die meisten Produkte haben mehrere Aufsätze mit verschiedenen Formen. Preislich gibt es große Unterschiede: Günstigere Modelle sind schon für rund 50 Euro zu haben, teure können mehrere 100 Euro kosten.

„Massagepistolen sind ein Tool, um sich selbst zu helfen, und das ist erst mal gut“, sagt Dr. Ulrich Betz, Leiter des Instituts für physikalische Therapie, Prävention und ­Rehabilitation der Universitätsmedizin Mainz. Die Muskulatur wird ähnlich ­bearbeitet wie bei einer Massage. Betz erklärt: „Wenn ich das Bindegewebe durch­arbeite, wird es mehr durchblutet und der Muskel entspannt sich.“

Darauf deutet auch eine Analyse hin: ­Britische Forscherinnen und Forscher werteten 13 Untersuchungen mit insgesamt 255 Teilnehmenden aus, in denen Massage­pistolen zum Einsatz kamen. Das Forschungsteam nahm unter anderem das Schmerzempfinden der Probandinnen und Probanden in den Blick. Mehrere ­Behandlungen mit einer Massagepistole können Muskel-, Knochen- und Binde­gewebsschmerzen reduzieren, heißt es in dem ­Papier.

Die Studienlage ist insgesamt dünn. Das wenige, was es an Forschung zum Thema gibt, bezeichnet Experte Betz als „erste zarte Knöspchen“. In aller Regel seien die untersuchten Fallzahlen zu gering und es mangele den meisten Studien am Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die eine andere oder keine Behandlung erhalten hat. Auch das britische Forschungsteam merkt in seiner Arbeit an, dass alle untersuchten Studien aus verschiedenen Gründen begrenzt aussagekräftig seien. Betz fasst zusammen: „Man kann nicht von bestimmten Wirkungen ausgehen, weil diese nicht wissenschaftlich untersucht sind.“

Damit geht ein weiteres Problem einher: Massagepistolen sind keine Medizinprodukte. „Die dafür notwendige Prüfung ist aufwendig und würde den Preis deutlich erhöhen“, erklärt Betz. Medizinprodukte sind Geräte oder Software, bei denen Einsatzbereich und Gegenanzeigen viel klarer festgelegt sind als bei normalen Gebrauchsgegenständen. Ebenfalls schwierig: Wer sich für eine Massagepistole interessiert, kann schwer einschätzen und vergleichen, wie stark die Schläge des jeweiligen Produktes sind. Die Hersteller machen hierzu keine einheitlichen Angaben.

„Massagepistolen können bei Menschen ­ohne gesundheitliche Probleme der Entspannung und Muskelregeneration nach sportlichen Aktivitäten dienen. Im Rahmen therapeutischer Maßnahmen sind sie höchstens ein zusätzliches Mittel“, betont auch Dr. Hartmut Bork, Leiter der Sektion Rehabilitation – Physikalische Therapie bei der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Und er ergänzt: „Man kann sich damit auch Schaden zufügen.“ Das zeigen auch einige Fallberichte in Fachzeitschriften über verletzte Patienten.

Deshalb gibt es bei der Anwendung einiges zu beachten: Bei frischen Narben, Durchblutungs- oder Blutgerinnungsstörungen, Osteoporose oder Verletzungen sind Massagepistolen tabu. Auch Schwangere oder Menschen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen, sollten sie nicht benutzen. Für alle anderen gilt: nur auf Muskelgewebe, nicht auf Knochen oder über luftgefüllten Organen wie Magen oder Darm anwenden. Kopf, Nacken und Hals sollte man ebenfalls aussparen. Und für einige Körperregionen, wie etwa die Rückenmuskulatur, benötigt man eine zweite Person.

Wer sich selbst etwas kostengünstiger massieren möchte, kann Tennisbälle nehmen: dazu den Ball zwischen Körper und Wand oder Fußboden mit sanftem Druck über die schmerzenden Stellen rollen.

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Quellen:

  • Sams L, Langdown B, Simons,L et al.: The Effect Of Percussive Therapy On Musculoskeletal Performance And Experiences Of Pain, A Systematic Literature Review. In: International Journal of Sports Physical Therapy 01.04.2023, 18: 309-327
  • Sulkowski K, Grant G, Brodie T. : Case Report: Vertebral Artery Dissection After Use of Handheld Massage Gun. In: Clin Pract Cases Emerg Med 06.05.2022, 2: 159-161
  • Bundesministerium für Gesundheit: Was sind Medizinprodukte?. Online: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/... (Abgerufen am 23.11.2023)