Das Konzept klingt vielversprechend: Kinesiologische Tapes sollen Gelenke; Muskeln und Bänder stabilisieren und Schmerzen llindern - und das alles, während das volle Bewegungsausmaß erhalten bleibt. Das ist laut Sportmediziner Dr. Lutz Graumann aus Kolbermoor der entscheidende Unterschied zu unelastischen Klebebinden.


Kann die Gratwanderung wirklich gelingen? Fakt ist: Die bunt leuchtenden Klebestreifen, die mal längs, mal quer, mal überkreuz angebracht sind, sind zwischenzeitlich aus kaum einer Sportart und auch aus vielen Physiotherapiepraxen und Kliniken nicht mehr wegzudenken. „Wir tapen täglich,“ sagt auch Dr. Graumann, der eine Praxis für Sportmedizin betreibt.


Zerrungen und Überdehnungen, muskuläre Verspannungen, Gelenkprobleme – die Palette der Beschwerden, bei denen der Mediziner die dehnbaren, mit Acrylkleber beschichteten Bänder einsetzt, ist breit. Den besten Effekt will Graumann bei Schwellungen, Hämatomen und Ödemen, beobachtet haben. Hier kommen spezielle Lymphanlagen zur Anwendung, die den Lymphabfluss beschleunigen sollen.

Kinesiologisches Tape alleine ist nicht die Lösung

„Kinesiologische Tapes sind keine für sich stehende Therpiemethode, sondern stets Bestandteil eines multimodalen Therapiegeschehens“, erklärt Dr. Graumann weiter. Was soviel heißt wie: Nicht das Tape allein bringt die Lösung. Zunächst geht es um die Abklärung der Ursache, um Schmerzreduktion und beispielsweise darum, ein Gelenk wieder beweglich zu machen. „Wenn wir alle Register gezogen haben, kommen die Tapes an die Reihe“, sagt Graumann. Von einem Trend möchte er nicht sprechen, das wäre ihm zu wenig. „Die Methode ist inzwischen etabliert.“ Obwohl die Patienten die Kosten für die Tapes üblicherweise selbst tragen müssen, da kein ausreichender Beleg für ihre Wirksamkeit besteht.

Woher stammt die Methode?


Ursprünglich wurde sie in den siebziger Jahren von dem japanischen Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase entwickelt. In den neunziger Jahren kamen die Tapes dann nach Europa. Lars Junker, Physiotherapeut, Manualtherapeut und Leiter der Therapieabteilung der Klinik Porta Westfalica in Bad Oeynhausen und Referent für Kinesiotaping am Medizinischen Fortbildungszentrum Hagen, lehrt bis heute unter anderem nach original japanischen Vorlagen von Kenzo Kase. Er hat lange Zeit gebraucht, bis er die Technik perfekt beherrscht hat. Noch immer kommt es gelegentlich vor, dass er zwei Anläufe unternimmt, bis ein Tape genauso sitzt, wie es sein soll. „Das Ganze muss flüssig aus der Hand laufen“, erklärt er. Ein falsch eingeschlagener Winkel, eine Falte, die wie er sagt „nicht mit Haut gefüllt ist“ oder zu viel Zug - und die Wirkung kann beeinflusst werden, so meint er.

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„Ich bin die Trainerin: Spielen müssen die Patienten dann selbst“

Mit Fango und Massage hat die Physiotherapie nur noch am Rande zu tun. Sie bietet Behandlungsmöglichkeiten, die viele Patienten gar nicht vermutet hätten. Kristina Voß erklärt, welche das sein können.

Wie wirken Kinesiologische Tapes?


Vermutet werden vor allem zwei Wirkkomponenten: Zunächst verursacht das elastische Klebeband eine Art Mikromassage im Gewebe. Diese kommt einerseits durch das Dehnen und Zusammenziehens des Materials, welches den Stoffwechsel und die Durchblutung im darunterliegenden Gewebe anregen soll. Der unterbrochen in Wellenform aufgebrachten Acrylkleber soll ebenfalls einen Einfluss haben. Vereinfacht: Der Wechsel zwischen Kleber und Freiraum soll ein komplexes Druckgeschehen aufs Gewebe bewirken.

Der zweite vermutete Wirkmechanismus zielt auf die Reizweiterleitung: Die Tapes sollen eine mechanische Reizung der Hautnerven bewirken, die sich auf tieferliegende Wahrnehmungssysteme auswirkt. Von so genannten „Mechanorezeptoren“, die Bewegungsreize ans Gehirn leiten, spricht Lars Junker. „Da Bewegungsreize deutlich schneller zum Gehirn weitergeleitet werden als Schmerzreize, können sie diese überlagern.“

Fundierte, große veröffentliche Studien gibt es hierzu aktuell nicht, kleinere Studien weisen lediglich auf kurzfristige Linderungen hin. „Viele Patienten bemerken direkt nach dem Anlegen des Tapes, dass der Schmerz nachlässt und sich die Muskulatur entspannt“, sagt Junker.

Auch wenn man die Prozesse noch nicht so ganz verstehe und entsprechende Untersuchungen fehlen, findet auch Graumann: „Der Effekt ist klar zu beobachten.“ Um die 80 Prozent der Patienten, die der Sportmediziner bereits mit Klebebändern versorgt hat, haben angegeben, Linderung erlebt zu haben. „Die Akzeptanz ist hoch“, so der Mediziner. Er sieht daher im Zusammenhang mit den kinesiologischen Tapes mehr als den Placebo-Effekt. „Placebo heißt ja: Ich setze etwas ein, was keine Wirkung hat. Was wir bei den Tapes jedoch nachweislich haben ist eine Stimulierung der Hautoberfläche.“ Möglich, dass die im ein oder anderen Fall bereits ausreicht, um den Anwender daran zu erinnern, einen Muskel anders zu belasten. Oder auch: ihn aktiv zu entspannen. Was die Kluft zwischen Wissenschaft und subjektiver Wahrnehmung allerdings nicht wirklich auflöst.

Lutz Graumanns persönliche Hypothese ist die: Durch die Veränderung von Durchblutungssituation und Körperwahrnehmung können Selbstheilungsprozesse angeschoben werden. Als zusätzlicher Faktor des Heilungsgeschehens. Oder auch als präventiver und möglicher leistungssteigernder Ansatz. Siehe im Beach-Volleyball, wo die bunten Bänder besonders ausgeprägt zum Einsatz kommen. Weil die Spieler alle verletzt sind oder gesundheitliche Probleme haben? Nein, so der Sportmediziner. „Offensichtlich haben sie durch den Einsatz der Tapes etwas erlebt, was ihnen und ihrem Körper gutgetan hat. Etwas, was sie gerne wiederholt haben wollen.“

Psychosomatik also? „Wenn man so will“, sagt Dr. Graumann, der bei der manchmal vermuteten heilenden Wirkung der Farben der Tapes komplett abwinkt. Blau gleich kühlend, rot gleich wärmend? „Wenn, dann wirkt hier die Farbpsychologie.“ Er selbst hat immer mehrere Farben verfügbar, lässt die Patienten entscheiden. Nach dem Motto: Probieren geht über Studieren. Lars Junker: „Die ursprünglichen Tapes von Dr. Kenzo Kase waren allesamt weiß, die Farben kamen erst später. Wer hier experimentieren möchte: gerne.“

Er selbst hat bereits viele unterschiedliche Erfahrungen am eigenen Leib sammeln können. Bei einem Tennisarm hat ihm das Kleben nicht geholfen. Bei muskulären Verspannungen im Lendenwirbelbereich hingegen schwört Junker auf die Tapes: „Das bringt bei mir sofort Linderung.“

Soviel ist klar: Seriöser Anwender von Kinesio-Tapes machen keine Versprechungen. Auf mögliche ungewünschte Nebenwirkungen des Klebens – unter anderem Hautirritationen - weisen sie hin. „Gerade bei Patienten mit empfindlicher Haut kann es zu Problemen kommen,“ weiß Lutz Graumann.

Werden die Kosten für Kinesiologische Tapes von der Krankenkasse übernommen?

In der Regel bleiben die Patienten auf den Kosten für die Therapie sitzen: Kinesiologisches Taping ist wegen der fehlenden Wirknachweise eine so genannte IGeL-Leistung (Individuelle Gesundheitsleistung). Lars Junker, der Ärzte, Physiotherapeuten, Masseure und Ergotherapeuten in Wochenendkursen schult, stellt zwar Ausbildungs-Zertifikate aus, die Therapie kann aber nicht mit den gesetzlichen Krankenversicherungen abgerechnet werden.

Wie werden Kinesiologische Tapes angebracht?

Je nachdem, was erreicht werden soll, werden die Tapes mit mal mehr, mal weniger oder auch ganz ohne Zug angebracht. So wird ein Tape, das einen stark angespannten Muskel entspannen soll, ganz ohne Zug angelegt. Korrekturanlagen arbeiten mit Zug in die zu korrigierende Richtung. Lutz Graumann nennt als Beispiel das Kleben eines Tapes zwischen die Schulterblätter: „Jedes Mal, wenn der Patient sich zu weit nach vorne beugt, wird er durch den Zug erinnert. Der Körper lernt dadurch, wie er Bewegungsabläufe anders, besser machen kann.“

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Kann man sich Kinesiologische Tapes auch selbst kleben? Wie lange dürfen die Tapes auf der Haut bleiben?


In der Frage, ob medizinische Laien einfach selbst drauflos kleben sollten, ist der Fachmann klar: „Der strukturelle Schaden hinter den Beschwerden muss auf jeden Fall zunächst von einem Experten abgeklärt sein.“ Davon, die Tapes selbst zu kleben, rät er aber auch dann eher ab. Für Lars Junker sind es mitunter auch praktische Erwägungen, die gegen die Selbsttherapie sprechen: „Mit einem Tennisarm oder Problemen am Ellenbogen dürfte die Handhabung schwierig sein.“

Bestimmte Klebetechniken seien aber entsprechend der mit dem Tape mitgelieferten Klebeanleitung durchaus auch für Nicht-Geschulte möglich. Er denkt da zum Beispiel an seine Schwiegermutter, die unter Schmerzen im Bereich des Handgelenkes litt. Zwei leichte Tapes und eine kleine Einweisung für den Schwiegervater brachten hier rasch Besserung. Vorab muss ein Experte klären, ob die Ursache hinter den Beschwerden nicht auch anderweitig behandelt werden muss und nichts gegen die Anwendung von kinesiologischen Tapes spricht.

Bei muskulären Verspannungen hingegen rät Junker zur Vorsicht: „Da kann man viel falsch machen.“ Gereizte Nerven oder Stauungen des Blutflusses sind mögliche Folgen schlecht angelegter Tapes. Bei einer Verschlechterung des Zustands, Kreislaufbeschwerden, unangenehmen Juckreiz oder auch Schmerzen, sollten die Klebestreifen daher sofort abgenommen werden. Und auch, wenn sich nach 48 Stunden keine Verbesserung einstellt, rät der Sportarzt Graumann dazu, das Tape abzunehmen: „Nach dieser Zeitspanne sind keine Effekte mehr zu erwarten.“

Bei Besserung der Symptome kann das Tape durchaus mehrere Tage auf der Haut bleiben. Die Bänder sind in der Regel wasserfest, können auch beim Baden und Duschen getragen werden. „Kinesio-Tapes gehören in mein Werkzeugköfferchen, als ein Werkzeug von vielen“, sagt Lars Junker. Nicht als Wunderwaffe und nicht, um Ursachen von Krankheiten zu beheben, „sondern als mögliches Element, um den Heilungsprozess zu unterstützen.“

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