Frau Voß, wie starten Sie die physiotherapeutische Behandlung, wenn ein Patient mit Rückenschmerzen zu Ihnen kommt?

Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist ein genauer physiotherapeutischer Befund. Bei jedem Patienten sind andere körperliche Strukturen am Schmerzgeschehen beteiligt. Jeder hat eine individuelle Vorgeschichte und bei jedem spielen andere Faktoren eine Rolle, die dazu beitragen, dass der Schmerz geblieben ist. Darum spreche ich erst einmal ausführlich mit dem Patienten und stelle viele Fragen.

Was fragen Sie?

Mich interessiert unter anderem, ob die Betroffenen wissen, was die Schmerzen auslöst und unter welchen Umständen sie schlimmer und wieder besser werden. Neben der Krankengeschichte kann auch die berufliche und familiäre Situation die Schmerzen beeinflussen und für die Therapie wichtig sein. Darum erkundigen wir uns auch nach diesen Aspekten.

Anschließend prüfe ich die Körperhaltung des Patienten und begutachte die Strukturen rund um den Rücken, ertaste Schmerzpunkte und Verspannungen und teste die Beweglichkeit und die Muskelkraft. In der Fachsprache heißt das ein bio-psycho-sozialer-Behandlungsansatz. Mit diesem Rundumblick suche ich die Gründe für den Schmerz und plane die Therapie individuell für jeden Patienten.

Auf einem Rezept steht meist nur „allgemeine Krankengymnastik“ oder „Manuelle Therapie“. Was Sie schildern, klingt deutlich nach mehr.

Die Physiotherapie bietet tatsächlich viele Möglichkeiten. Zum Beispiel ist die Manuelle Therapie erst einmal nur ein Oberbegriff, der bedeutet, dass hier eine Leistung verschrieben wurde, die nur Physiotherapeuten mit entsprechender Zusatzqualifikation anbieten dürfen. Denn sie beinhaltet eine systematische Untersuchung und Behandlung des Bewegungsapparats, meist bei Patienten mit orthopädischen Beschwerden. Wie diese Behandlung im Einzelfall aussieht, hängt davon ab, was dem Patienten am ehesten hilft.

Den größten Nutzen von einer Physiotherapie haben Rückenschmerzpatienten, wenn sie in den Sitzungen lernen, selbst effektiv etwas gegen ihre Schmerzen zu tun. Darum ist Aufklärung bei manchen Patienten mindestens genauso wichtig wie die körperliche Therapiekomponente. Entsprechend kann eine manuelle Therapie auch Sitzungen beinhalten, in denen man ausschließlich edukative, also informierende Einheiten mit den Patienten macht.

Was kann die Physiotherapie beitragen, dass sich Rückenpatienten danach selbst besser helfen können?

Entscheidend ist das Verständnis für das Ziel einer solchen Behandlung. Physiotherapeuten sind keine Zauberer, die Schmerzen einfach wegschnippen können. Ich sehe uns vielmehr wie Fußballtrainer: Wir leiten an und zeigen Strategien und Wege auf. Spielen müssen die Patienten selbst.

Gibt es eine Top-Strategie, die Sie vermitteln?

Es hängt von den Voraussetzungen des Patienten ab, wie die Physiotherapie am besten helfen kann. Manche benötigen eine individuelle Auswahl an Stärkungsübungen, eine Einweisung und einen professionellen Trainingsplan, damit sie später im Fitnessstudio alleine zurechtkommen. Andere profitieren mehr von der klassischen Krankengymnastik.

Innerhalb der Physiotherapie kann auch allgemein viel mit Bewegung gemacht werden, um die Menschen an die Aktivität heranzuführen: etwa mit Übungen, die die Koordination oder die Reaktionsfähigkeit steigern. In der Regel wird viel mit dem eigenen Körpergewicht gearbeitet, es können aber auch Latexbänder, Pezziball oder Faszienrollen eingesetzt werden. Schließlich ist auch Alltagstraining möglich:

Die Patienten erfahren, wie sie wieder belastbarer werden für alltägliche Aufgaben wie Lasten heben, Schuhe zumachen, Treppensteigen oder Überkopf-Arbeiten. Dabei werden verschiedene Hebetechniken trainiert, wie auch dynamisches Sitzen. Nach dem Motto: „Die beste Position für den Rücken ist die nächste.“ Ich erarbeite mit jedem eine ganz persönliche Strategie. Sehr häufig muss ich dem Patienten jedoch erst einmal die Angst nehmen, am Rücken etwas kaputt machen zu können, wenn sie sich bewegen.

Warum ist das so?

Rückenschmerz-Patienten haben schlechte Erfahrungen mit bestimmten Bewegungen gemacht. Sie strecken sich beispielsweise nach einem Suppenteller, und das tut höllisch weh. Danach werden sie vorsichtiger und halten sich zurück. Gerade Patienten mit lange anhaltenden Rückenschmerzen trauen sich oft fast gar nichts mehr: Sie verzichten auf die geliebte Gartenarbeit oder aufs Tennisspielen. Nur weil sie befürchten, nach einer falschen Bewegung alles nur noch schlimmer zu machen – und zwar für immer.

Wie helfen Sie Patienten, diese Furcht zu überwinden?

Auch hier spielt Aufklärung eine wichtige Rolle. Die Wirbelsäule ist von Natur aus sehr belastbar. Das erkläre ich. Danach sehe ich mir genauer an, was die Patienten erreichen möchten – zum Beispiel wieder eine Stunde in der Woche Tennis spielen. Dann entwerfen wir gemeinsam einen Plan, was ich und sie selbst tun müssen, um dort wieder hinzukommen – und setzen ihn um.

Viele Menschen denken bei Physiotherapie auch an Wärmepackungen oder Massagen. Spielen solche Heilmittel noch eine Rolle?

Zumindest die Patienten, die zu uns kommen, haben nur noch sehr selten ein Rezept für Massagen. Diese Methode gilt inzwischen allgemein als zu passiv. Es fehlt ein Element, bei dem Patienten sagen: Damit kann ich mir selbst helfen. Bei den Wärmeanwendungen sieht es etwas anders aus. Sie sind in der Regel einer Krankengymnastik und oder einer manuellen Therapie vorgeschaltet.

In diesen zehn Minuten haben die Patienten die Chance, den Alltag und ihre Belastungen hinter sich zu lassen. Sie „kommen runter“ und können sich dann meist gut auf die eigentliche Behandlung einlassen. Viele machen dabei auch die Erfahrung, dass man sich mit einfachen Mitteln, wie einem Wärmekissen, effektiv entspannen kann. Das ist vielen Schmerzpatienten gar nicht mehr bewusst. Insofern ist Wärme wirklich unterstützend und kann über das Erleben von Entspannung dazu beitragen, den Pegel an Stresshormonen zu senken und damit den Schmerz besser zu kontrollieren.

Bietet die Physiotherapie noch mehr in diese Richtung?

Physiotherapie kann Wege eröffnen, um sich langfristig zu stabilisieren. Neben der Empfehlung, das erlernte Training weiterzuführen, wird mit den Patienten nach einer geeigneten Methode gesucht, die ihnen positive Ablenkung verschafft. Manche lernen beispielsweise Jonglieren oder Klettern – wenn sie das hilfreich finden. Oder sie lernen präventive Aktivitäten wie Yoga oder Nordic Walking kennen. Sobald sie wissen, was ihnen guttut, können sie sich selbst ein passendes Angebot suchen.

Sind diese Präventionskurse anerkannt, übernehmen die Krankenkassen die Kosten oder beteiligen sich zumindest daran. Alles in allem ist es das Ziel jeder Physiotherapie, die Menschen dazu zu befähigen, selbst für ihre Gesundheit aktiv zu werden.

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