Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich die Adipositaschirurgie zu einem globalen Erfolgsmodell entwickelt. Die Techniken werden ständig weiterentwickelt, kommen inzwischen mit kleinen Schnitten aus („minimal-invasiv“). Weltweit lassen sich pro Jahr rund 300000 Patientinnen und Patienten operieren, um ihr massives Körperfett loszuwerden. Spitzenreiter, bezogen auf die Bevölkerungszahl, sind die USA. In Deutschland, wo rund ein Viertel der Bevölkerung stark übergewichtig (adipös) ist, kommen auf 100 000 Einwohner lediglich 11 operative Eingriffe.

Dabei belegen Studien eindrucksvoll, was sich mithilfe der Chirurgie erreichen lässt, wenn alle Diäten längst gescheitert sind: Operierte verlieren innerhalb von zehn Jahren die Hälfte bis zwei Drittel ihres Übergewichts. Und damit oft auch die typischen Folgeerkrankungen, insbesondere Typ-2-Diabetes. Blutzuckerwerte bessern sich schon kurz nach dem Eingriff, Insulinspritzen brauchen viele nicht mehr. Jeder Dritte ist seinen Diabetes auch noch fünf Jahre später komplett los. Positive Daten gibt es auch zu Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, zu Herzerkrankungen, Gelenkbeschwerden und der psychischen Gesundheit.

Warum also quälen sich so viele Adipositaskranke über Jahrzehnte mit der Last ihres Körpers, wenn Abhilfe doch so einfach scheint: Zwei Stunden im OP-Saal, danach drei Tage in der Klinik – und schon kann das neue, leichte Leben beginnen? „So eine Operation verändert das Leben tatsächlich grundlegend. Und zwar in vieler Hinsicht. Ein Spaziergang ist das nicht!“ Das sagt Professor Christian Peiper, Chefarzt der Klinik für Chirurgie des Evangelischen Krankenhauses Hamm. Zusammen mit seiner Kollegin Dr. Friederike Lefarth, Leiterin der Adipo- sitaschirurgie, operiert er jährlich bis zu 100 Patientinnen und Patienten.

„Diese Menschen haben vorher schon alles versucht“, so Peiper. Die meisten haben einen Body Mass Index (BMI) von über 40. Viele der Frauen und Männer bringen mehr als 150 Kilogramm auf die Waage. So viel übergewicht ist auf Dauer lebensbedrohend.

130 Kilo bei einer Körpergröße von 1,80 m – das entspricht einem BMI von 40. Erst ab diesem Wert werden in Deutschland Adipositas-OPs empfohlen. Niedrigere Grenzen gelten bei Begleiterkrankungen.

Nicht alles ist hinterher leichter

Wer sich mit einem OP-Wunsch an eine Klinik wendet, wird zunächst ärztlich und psychologisch begutachtet – denn eine stabile Psyche ist Voraussetzung, um mit den Veränderungen hinterher klarzukommen. Sind Ärztinnen und Ärzte von der Notwendigkeit einer Operation überzeugt und sehen alle Voraussetzungen als erfüllt, beantragen sie die Kostenübernahme bei der Krankenkasse. Die Anträge sind relativ aufwendig und werden im ersten Anlauf häufig abgelehnt. Ist die Vorbereitung jedoch optimal erfüllt, besteht kaum ein Risiko, dass die Kosten nicht übernommen werden.

Sie reichen die Rechnung nach dem Eingriff ein. In den meisten Fällen klappe das nach seinen Erfahrungen problemlos, so Peiper. Ein halbes Jahr bereitet das Team des Adipositaszentrums die Wartenden auf den Eingriff vor. Besonders wichtig ist die Aufklärung darüber, was sich hinterher ändert. „Unsere Patienten müssen wissen, was auf sie zukommt“, betont Christian Peiper. Das heißt zuerst einmal: Sie können nur noch einen Bruchteil des Gewohnten essen. Und auf den Teller darf nicht, wonach es den Esser gerade gelüstet, sondern das, was die Verdauung verträgt. Außerdem müssen Operierte teilweise lebenslang Nährstoffe einnehmen.

Ältere Techniken haben ausgedient

Theoretisch kommen zahlreiche Operationsmethoden bei Adipositas infrage. Aus Sicht von Friederike Lefarth haben sich aber viele auf lange Sicht nicht bewährt, für andere wiederum fehlen noch Langzeitdaten.

Magenband und Magenballon etwa seien ältere Verfahren, die heute kaum noch eingesetzt würden. Das Band aus Silikon schnürt den Magen im oberen Bereich ein, der aufblasbare Ballon verkleinert sein Volumen. Beide Eingriffe sind technisch einfach und können rückgängig gemacht werden. „Aber sie sind nicht nachhaltig“, so die Expertin. Beim Magenband kommt es nach längerer Tragedauer häufig zu Komplikationen, beim Ballon verschleißt das Material.

„Ein Magenballon ist keine Dauerlösung. Nach der Entfernung steigt das Gewicht sofort wieder an.“ In Einzelfällen könne der Ballon, der endoskopisch im Rahmen einer Magenspiegelung eingesetzt wird, allerdings sinnvoll sein. „Nämlich dann, wenn Patientin oder Patient zu übergewichtig für eine Operation sind.“ Der Ballon hilft ihnen, so weit abzuspecken, dass ein Eingriff in Narkose überhaupt möglich wird.

Ebenfalls wieder entfernt werden kann ein Teflon-Schlauch („EndoBarrier“), der endoskopisch in den Dünndarm eingesetzt wird. Er hindert den Darm daran, Nährstoffe aufzunehmen. Als die Technik vor einigen Jahren aufkam, stieß sie in der Fachwelt auf großes Interesse. Doch aus Sicht des OP-Teams in Hamm sind die bisherigen Studiendaten nicht überzeugend.

Auch bei einer anderen Neuerung, dem sogenannten Omega-Loop- oder Mini-Bypass, ist man in Hamm noch zurückhaltend. „Der Eingriff ist weder klein noch unkompliziert, wie es der Name suggeriert. Er verändert den normalen Weg der Nahrung erheblich und führt nicht selten zu Folgeproblemen“, erklärt Lefarth.

Die zwei gängigsten Methoden

Schlauchmägen sind die weltweit häufigsten Operationen bei Adipositas, gefolgt von Bypässen:

Hier liegt der Magen im Körper

Hier liegt der Magen im Körper

Die Nahrung wandert aus dem Magen in den meterlangen Dünndarm

Die Nahrung wandert aus dem Magen in den meterlangen Dünndarm

In den chirurgisch verkleinerten Magen passt nur noch wenig Nahrung

In den chirurgisch verkleinerten Magen passt nur noch wenig Nahrung

Vom Magen bleibt nur eine kleine Tasche, ein Teil des Darms wird umgangen

Vom Magen bleibt nur eine kleine Tasche, ein Teil des Darms wird umgangen

Sie und Christian Peiper setzen vor allem auf zwei etablierte Verfahren, die weltweit mit Abstand am häufigsten zum Einsatz kommen: die Schlauchmagen-Operation und den Magen-Bypass. Bei ersterer bleibt vom vorher manchmal fußballgroßen Verdauungsorgan nur eine kleine Banane übrig. Der Rest wird chirurgisch entfernt. Peiper nennt die Vorteile: „Man nimmt ab, weil weniger in den Magen hineinpasst. Der Speisebrei wandert weiterhin ganz normal durch den Darm, Nährstoffe gelangen von dort ins Blut.“ Die Verengung des Magens kann jedoch bei manchen Menschen zu Sodbrennen führen.

Ohne Nachsorge geht es nicht

Auch ein Magen-Bypass, der zweithäufigste Eingriff hierzulande, lässt sich mit wenigen kleinen Schnitten in die Bauchdecke operieren. Technisch ist er aber anspruchsvoller: Der Magen wird stark verkleinert, ein Teil des Dünndarms abgekoppelt und ein Stück weiter unten wieder angenäht. Der Körper nimmt infolge der „Abkürzung“ weniger Energie aus der Nahrung auf. „In Verbindung mit hormonellen Veränderungen infolge der OP hilft das sehr effektiv beim Abnehmen“, erklärt Chirurgin Lefarth.

Sie kennt aber auch die Kehrseite: „Menschen mit Magen-Bypässen müssen lebenslang bestimmte Nährstoffe einnehmen.“ Auch Medikamente würden teilweise nicht mehr wie gewohnt wirken. Nach Genuss zuckerhaltiger Getränke und Lebensmittel könne es außerdem passieren, dass sich der Inhalt des Mini-Magens sturzartig in den Dünndarm entleert, gefolgt von Übelkeit, Bauchschmerzen und weiteren unangenehmen Symptomen. Ärzte bezeichnen das als Dumping.

„Um das zu vermeiden, informieren wir unsere Patienten in der Ernährungsberatung schon vorab sehr gründlich“, betont Lefarth. Ist eine Operation gut überstanden, soll eine lebenslange Nachsorge mögliche Komplikationen früh auffangen. So sieht es die Behandlungsleitlinie zur Adipositaschirurgie vor.

Damit nicht nur die Vorbereitung und die OP selbst, sondern auch die Nachsorge gut klappt, rät Peiper Interessenten, sich nur an zertifizierte Adipositaszentren zu wenden, die die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie erfüllen. „Am Anfang laden wir in kurzen Intervallen zur Nachkontrolle ein, später jährlich“, erläutert der Klinikchef. Nicht alle Operierten nehmen das Angebot an.

„Aber sie wissen, dass sie sich bei Problemen jederzeit bei uns melden können und sollen.“ Manche brauchen psychologische Betreuung. Alte Leiden wie Depressionen oder Suchtverhalten kehren nicht selten zurück, wenn nach der anfänglich rasanten Gewichtsabnahme die Kilos stagnieren oder sogar wieder zunehmen.

Die meisten ziehen aber eine positive Bilanz: Sie haben sich neu eingekleidet, können Treppen ohne Luftnot steigen, Fahrrad fahren und zum Supermarkt zu Fuß gehen. Sie haben wieder ein soziales Leben, aus dem sie sich vorher oft komplett zurückgezogen hatten. Nicht jeder kommt da noch mit. „Einer hat mir kürzlich erzählt, sein Hund verstehe die Welt nicht mehr“, erzählt Friederike Lefarth lachend, „der hat keine Ahnung, warum er plötzlich fünfmal am Tag Gassi gehen darf.“

Seriös und verständlich

informiert die Patientenleitlinie „Chirurgie der Adipositas“ über die verschiedenen Verfahren (https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/088-001.html)

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