Herr Preis, die Feiertage stehen an. Viele Kinder sind derzeit krank, Fiebermittel knapp. Was also tun?

Thomas Preis ist Pharmazeut und Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein e.V.

Thomas Preis ist Pharmazeut und Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein e.V.

Derzeit raten wir, Fiebersäfte nur zu kaufen, wenn ein Kind wirklich fiebert, denn Fiebersäfte und auch Fieberzäpfchen sind sehr knapp. Grundsätzlich ist auch eine Eigenproduktion in den Apotheken möglich. Solche Rezepturen stellt man aber nicht so nebenbei her. Das dauert bis zu einer Stunde. Und nicht jede Apotheke ist dazu auf Grund des immensen Fachkräftemangels und hoher Krankenstände in der Lage. Zudem mangelt es genauso wie bei der industriellen Herstellung zumeist an Rohstoffen.

In manchen Fällen können auch fiebersenkende Ibuprofen- oder Paracetamoltabletten eine Alternative für Kinder sein, oder?

Manches ältere Kind kann auch schon Tabletten einnehmen. So können Kinder ab vier Jahren zuvor geteilte Paracetamoltabletten einnehmen und ab sechs Jahren niedrigdosierte Ibuprofentabletten. Dabei sollte man sich genau an den Beipackzettel des Medikamentes halten oder in der Apotheke Rat suchen. Wichtig ist, die Tabletten nicht überzudosieren.

Also bei der Dosierung unbedingt auch auf die Gewichtsangaben im Beipackzettel achten. Welche Alternativen zu fiebersenkenden Medikamenten gibt es für zuhause?

Grundsätzlich ist Fieber lediglich ein Zeichen dafür, dass der Körper sich mit einer Infektion auseinandersetzt. Und nicht jede erhöhte Temperatur muss sofort mit einem Medikament behandelt werden. Erste Maßnahmen sind ausreichendes Trinken und nicht zu warme Kleidung oder feuchte Wadenwickel.

Stichwort Hausapotheke: Darf ich ein Medikament noch einnehmen, wenn es erst seit kurzem, sagen wir zwei Monate, abgelaufen ist?

Auf keinen Fall! Niemand weiß, ob das Medikament dann noch gebrauchsfähig ist. Im besten Fall wirkt es nicht, im schlechtesten Fall verursacht es schwere Schädigungen. Anders als bei Lebensmitteln wie Joghurt ist das angegebene Datum ein wirkliches Ablaufdatum, kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Das hat auch mit der Haftung des Herstellers in Bezug auf mögliche Nebenwirkungen zu tun. Sie würden ja auch nicht in ein Taxi steigen wollen, von dem sie wissen, dass der TÜV schon seit einiger Zeit abgelaufen ist.

Verfallsdatum

Medikament abgelaufen: Und dann?

Arzneimittel sollte man nur bis zum angegebenen Zeitraum verwenden. Darüber hinaus garantiert der Hersteller nicht mehr für Wirkung und Unbedenklichkeit

Was halten Sie davon, Arzneimittel im Notfall privat zu tauschen?

Auch davor warnen wir sehr deutlich. Arzneimittel sind besondere Produkte, deshalb dürfen sie auch nur von Pharmazeuten in Apotheken abgegeben werden.

Wo liegt das Problem?

Medikamente werden ganz individuell verschrieben, es kommt genau auf Wirkstoff, Dosis und Dosierung an. Denn was bei der Nachbarin gut gewirkt hat, muss bei mir selbst noch lange nicht helfen. Es kann sogar Schaden anrichten. Wenn Arzneimittelpackungen schon lange geöffnet sind, kann man nicht sicher sein, dass sie noch haltbar sind. Es kann zudem Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten geben. Auch in Notsituationen sollte niemand Arzt oder Apotheker spielen. Alte Arzneimittel zu Hause, und nicht sicher, ob sie noch haltbar sind? Dann sollte man in der Apotheke nachfragen, ob man sie noch verwenden kann.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die aktuellen Lieferengpässe in den Griff bekommen. Halten Sie sein geplantes Maßnahmenpaket für ausreichend?

Das ist lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Um eine Produktion zu starten, brauchen Pharmaunternehmen zumindest ein Jahr. Der Vorlauf um Rohstoffe, Verpackungsmaterial und die gesamte Produktionslogistik zu besorgen, ist mittlerweile so lang geworden. Die Politik müsste meiner Meinung nach viel energischer eingreifen: mit Abnahmegarantien für Basismedikamente – so, wie sie es zur Bewältigung der Pandemie bei Impfstoffen und Masken getan hat.

Würde das nicht auch lange dauern?

Ja, aber mit den jetzigen Maßnahmen wird die Pharmaindustrie nicht ausreichend genug motiviert, die sehr defizitäre Produktion von preiswerten Medikamenten wie Fiebermitteln, die kosten ja meist nur ein, zwei oder drei Euro, wieder aufzunehmen. Es wird sich an der jetzigen Situation nichts Wesentliches ändern.

Abnahmegarantien sind bisher nicht geplant. Es wird also weiterhin Engpässe geben?

Fehlende Kinderfiebersäfte und -zäpfchen sind derzeit nur die Spitze des Eisbergs. Wir sind in einer Situation, die sich keine Apothekerin, kein Apotheker je hätte vorstellen können. Jeden Tag schauen wir in unsere Bestelllisten und sehen, was uns Hersteller und Großhandel diesmal wieder nicht liefern können. Aktuell erleben wir täglich immer mehr unangenehme Überraschungen. Deshalb gehen wir davon aus, dass es auch künftig zu Lieferproblemen kommen wird, zum Beispiel bei Antibiotikasäften für Kinder, aber auch bei Herzmedikamenten, Blutdrucksenkern, Krebsmitteln, Psychopharmaka oder Antidiabetika.

Das ist ein düsteres Szenario, dass Sie zeichnen.

Unser Berufsstand weist seit mehr als zehn Jahren auf die strukturellen Probleme in der Arzneimittelproduktion hin. Trotzdem wollen wir aktuell keine Hysterie schüren: Glücklicherweise gibt es für viele Arzneimittel noch sehr viele Alternativen. Um die aber einzusetzen, bedarf es viel Arbeit in den Apotheken. Die 18.000 Apotheken in Deutschland investieren aktuell Monat für Monat über eine Million zusätzliche Arbeitsstunden, die sie nicht bezahlt bekommen. Viel Zeit geht nicht nur für die vielen Nachfragen und Telefonate mit Lieferanten und Ärzten drauf, sondern auch für die Erfüllung zeitraubender bürokratischer Auflagen gegenüber den Krankenkassen, die wir uns gerade jetzt in den angespannten Zeiten gerne ersparen würden. Da brauchen wir dringend eine Entlastung. Aber auch unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen geben wir in den Apotheken unser Bestes und lassen niemanden unversorgt. Und das gelingt auch zum allergrößten Teil immer noch.

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