Paracetamol in der flüssigen Darreichungsform ist schon länger Mangelware. Nun gibt es auch noch Engpässe bei Ibuprofen-Säften. Apotheken lassen sich einiges einfallen, um ihre Kunden dennoch mit dem benötigten Medikament zu versorgen. Ein Gespräch mit der Apothekerin Juliane Stark-Kreul, Inhaberin einer Apotheke in Marl.

Frau Stark-Kreul, es gibt derzeit offenbar Versorgungsprobleme mit dem Wirkstoff Ibuprofen. Welche Darreichungsformen sind denn besonders betroffen?

Derzeit betroffen sind vor allem Säfte wie Fiebersäfte mit Ibuprofen. Es wird aber auch schon bei einigen Fieberzäpfchen eng, gerade bei den niedrigdosierten, in der Dosierung 75 mg und 125 mg.

Juliane Stark-Kreul erlebt den aktuellen Lieferengpass selbst in ihrer Apotheke in Marl.

Juliane Stark-Kreul erlebt den aktuellen Lieferengpass selbst in ihrer Apotheke in Marl.

Welche Patienten trifft das denn?

Ibuprofen in flüssiger Form ist vor allem für Kinder gedacht. Deswegen sind sie in erster Linie betroffen. Hinzu kommen Menschen mit Schluckbeschwerden, die Ibuprofen nicht in fester Darreichungsform einnehmen können.

Was sind denn die Gründe für den Engpass?

Es gibt mehrere. Einerseits haben wir aktuell eine Grippe- und Erkältungswelle und natürlich auch die Corona-Welle. Ein anderer Grund ist der Ukrainekrieg. Deutschland hat Ibuprofen-Säfte ins Krisengebiet geschickt. Zu guter Letzt gibt es noch eine grundlegende Ursache: Hersteller haben sich von der Produktion her aus Deutschland zurückgezogen. Viele Wirkstoffe werden in China produziert und in Indien weiterproduziert. Läuft dann dort etwas schief wie Verunreinigung der Produktion oder ein Fabrikbrand, steht die ganze Produktion still. Und dann kommt hier in Europa einfach nichts mehr an. Wir sind also mittlerweile zu abhängig von Lieferungen aus dem Ausland.

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Handelt es sich um ein deutschlandweites Problem? Oder gibt es Regionen, die besonders betroffen sind?

Die Engpässe herrschen deutschlandweit.

Wie gehen Sie mit den Lieferengpässen um und wie können Sie als Apotheke vor Ort helfen?

Wir rufen direkt bei den Firmen an und fragen nach den Wirkstoffen. Zunächst hatten wir auch Vorräte angelegt. Aber mittlerweile ist davon vieles bei uns ausverkauft. Daher sind wir dann dazu übergangen, andere Darreichungsformen wie Zäpfchen oder Schmelztabletten, die sich im Mund auflösen, zu empfehlen. Auch gehen wir immer wieder verschiedene Großhändler durch und schauen, was lieferbar ist. Heute hatten wir gerade Glück und konnten eine größere Menge an Fiebersäften bestellen.

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Weichen Sie auch auf andere Wirkstoffe aus?

Das machen wir auch. Das ist aber teilweise nicht ganz einfach. Die Medikamente werden ja im Falle von Ibuprofen in flüssiger Form vom Kinderarzt verordnet. Wir müssen daher Rücksprache mit dem jeweiligen Arzt halten. Dafür brauchen wir auf jeden Fall Zeit. Und wenn der Kunde erst um 18 Uhr zu uns kommt, können wir den Arzt häufig nicht mehr erreichen. Etwas anderes ist es, wenn der Kunde ein Rezept vom Notarzt bekommen hat. Den Notarzt kann ich immer noch erreichen. Aber grundsätzlich ist das Wechseln des Wirkstoffs eine Möglichkeit. Wir haben ja auch durch den erwähnten Engpass von Paracetamol auf Ibuprofen gewechselt.

Sie könnten die Arzneien ja auch selbst herstellen.

Das stimmt. Zumindest solange der grundlegende Wirkstoff noch lieferbar ist. Aber auch das ist nicht ganz einfach. Das Herstellen benötigt nicht nur viel Zeit, in den Apotheken herrscht derzeit auch ein Personal-und Fachkräftemangel. Durch Corona sind wir Apotheken schon stark gebeutelt. Aber im Notfall stellen wir ein Medikament eben selbst her. Als Desinfektionsmitteln nicht lieferbar waren, haben wir Apotheken das auch so gehandhabt. Das können wir! Wir suchen nach Lösungen und finden auch eine. Gar keine Frage.

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Wann rechnen Sie wieder mit funktionierenden Lieferketten?

Das wüsste ich selbst gerne. Wir haben gerade eine ganz dramatische Situation, die wir so noch nie hatten: dass Fiebersäfte und Zäpfchen gar nicht oder nur ganz schwer lieferbar sind. Wenn wir jetzt Ibuprofen ersetzen durch andere Wirkstoffe, drohen sehr wahrscheinlich bei diesen Wirkstoffen in naher Zukunft weitere Engpässe.

Haben Sie den einen oder anderen Tipp für die Apothekenkunden, was sie aufgrund der Engpässe beachten sollen?

Wir versuchen auf jeden Fall zu helfen und das möglich zu machen, was möglich ist. Aber wie schon gesagt braucht die Suche nach Alternativen Zeit. Kunden sollten daher Rezepte nicht zu lange zu Hause liegen lassen und frühzeitig zu uns kommen. Dann können wir hier in der Apotheke eine vernünftige Lösung finden.