Ein Stechen im Bauch, einen Nachmittag Kopfschmerzen oder plötzlich zittrige Hände: Die meisten von uns erleben dann und wann solche körperlichen Beschwerden – und machen sich nichts weiter daraus. Doch es gibt Menschen, die diese Empfindungen nicht loslassen. Bei ihnen lösen sie sogar massive Ängste aus: Ist das vielleicht ein Magengeschwür in meinem Bauch? Deuten die Kopfschmerzen auf einen Tumor hin? Zittern meine Hände, weil ich Parkinson bekomme?

Betroffenen können sich nicht von ihrer Angst lösen

Die Furcht davor, ernsthaft krank zu werden, kennen die meisten von uns. Sie ist normal. Doch Menschen mit einer Krankheitsangststörung, früher auch Hypochondrie genannt, werden von dieser Furcht übermannt und richten ihr Leben danach aus.

Studien legen nahe, dass etwa sechs von 100 Männern und Frauen hierzulande milde Formen dieser Ängste kennen. Bei etwa einer von100 Personen nehmen sie behandlungsbedürftige Züge an, beeinträchtigen Alltag und Wohlbefinden. Die Betroffenen sorgen sich stets, dass sie an einer schweren Krankheit wie Krebs leiden oder diese bekommen – und in naher Zukunft versterben. Sie erleben Todesängste.

„Die Männer und Frauen können dann an nichts anderes mehr denken. Stattdessen erhalten Beobachtungen des eigenen Körpers und die Angst übermäßig viel Raum und Zeit“, sagt die Psychotherapeutin Anna Pohl, die am Universitätsklinikum Köln eine Spezialambulanz

für Krankheitsangst leitet. Die Empfindungen der Erkrankten seien aber keinesfalls eingebildet, sondern real. „Jeder kennt dieses Phäno- men: Wenn zum Beispiel das eigene Kind Läuse hat, dann juckt einem sogleich die Kopfhaut – auch wenn man selbst gar keine Läuse hat“, erklärt Pohl. Die meisten von uns schütteln das Gefühl dann ab. Menschen mit Krankheitsangst können sich von den Bedenken und Zweifeln aber nicht lösen.

Einige tasten zum Beispiel Stellen am Körper immer wieder ab, an denen sie glauben, eine Veränderung oder ein Knötchen gespürt zu haben. Andere sehen sich stundenlang einen Leberfleck an, weil sie vermuten, er hätte sich verändert und dass dies auf Hautkrebs hinwei- sen könnte. Andere versuchen, auf Internetseiten Hinweise darauf zu finden, was mit ihnen möglicherweise nicht stimmt.

Die Antworten dort verursachen meist noch mehr Panik.
Viele suchen zigfach Hausärztin oder -arzt, Fachärztinnen und -ärzte auf, nehmen weite Fahrtzeiten auf sich, um noch am selben Tag ärztlich untersucht zu werden. Findet sich dabei kein Hinweise auf eine Erkrankung, beruhigt das die Patientinnen und Patienten oftmals für kurze Zeit.

Symbolbild Angst

Angst und Angststörungen

Ängste gehören zum Leben. Doch sie können außer Kontrolle geraten und krankhaft werden. Hier finden Sie Informationen über Ursachen und Therapien von Angsterkrankungen

Es bleiben Zweifel und zugleich ist die Aufmerksamkeit aufs Äußerste geschärft. Jegliche Regung des Körpers kann Anlass sein, dass die Sorge wieder aufflammt.

Psychotherapeutin Pohl weiß: Die Angst selbst führt zu Anspannung. Die Folge: Der Blutdruck ist erhöht, der Puls steigt, die Na- ckenmuskeln sind angespannt. „So können die Angstgedanken selbst auch körperliche Empfindungen auslösen – und diese wiederum neue Sorgen auslösen.“

Ursache sind oftmals Erfahrungen aus der Kindheit

Die Ursachen für eine Krankheitsangststörung gehen größtenteils auf Erfahrungen als Kind oder im Lebensverlauf zurück. Manche Betroffene haben traumatische Erfahrungen mit einer körperlichen Erkrankung gemacht oder in ihrem Umfeld eine wichtige Person durch Krankheit verloren. Bei anderen war mitunter ein Elternteil generell sehr ängstlich oder widmete jeglichem Krankheitsanzeichen übermäßig viel Aufmerksamkeit.

Die Angst um ihr Leben macht die Menschen mürbe. Die über- mäßige Krankheitsangst kann deshalb weitere psychische Prob- leme nach sich ziehen, Depressionen und Schlafstörungen sind häufig unter Betroffenen.

Mit Psychotherapie gegen die Angst vorgehen

Bis zum Beginn einer Psychotherapie vergeht dennoch oft viel Zeit. „Es dauert meistens Jahre, bis die Menschen mit Krankheitsangst zu uns in die Ambulanz kommen. Oft haben Angehörige sie auf uns hingewiesen oder der Leidensdruck wurde zu groß“, berichtet Expertin Pohl.

Sie, ihre Kolleginnen und Kollegen bieten den Betroffenen kognitive Verhaltenstherapie an, die bei Krankheitsangst als wirksam gilt. An der Uniklinik in Köln findet die Behandlung in Gruppen sowie Einzelgesprächen statt und dauert anderthalb bis zwei Jahre.

„Bis zu drei von vier Patienten profitieren stark von der Psychotherapie“, sagt Pohl. Patientinnen und Patienten lernen dabei, Ängste auszuhalten und unabhängiger von ihnen zu handeln, ihre Denkweisen zu hinterfragen. Sie üben, ihre Aufmerksamkeit weg vom Körper zu lenken. Leicht ist das nicht, meint Pohl: „Die Angst hat eine Autobahn zementiert. Mit der Behandlung versuchen wir, einen neuen Pfad durch den Wald zu ebnen.“

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