Die besonders ansteckende Delta-Variante – die in Indien erstmals entdeckte Mutation von SARS-CoV-2 – ist deutschlandweit mit einem Anteil von 84 Prozent zur weitaus stärksten Variante geworden.

Anteil der Alpha-Variante sinkt weiter

Infektionen mit der zuvor vorherrschenden Alpha-Variante nahmen in den vergangenen Wochen sehr schnell ab, auf noch rund 22 Prozent. Weitere als besorgniserregend eingestufte Varianten spielen unverändert eine untergeordnete Rolle in Deutschland. Es werden allerdings nicht alle positiven Proben dahingehend untersucht.

Zahlen aus Bayern

Eine süddeutsche Laborgemeinschaft fand in ihren verschiedenen Standorten Hinweise darauf, dass in Bayern ein ähnlich großer Anteil der Corona-Infektionen durch die Delta-Variante ausgelöst wird. Konnten von den SARS-CoV-2-positiven Abstrichen, die das Labor zwischen dem 28. Juni und 4. Juli untersuchte, noch 63 Prozent Delta zugeordnet werden, sind es in der Woche vom 12. bis 18. Juli 76 Prozent.

Dass die bayerische Laborgemeinschaft Becker & Kollegen der Analyse des RKI zeitlich etwas voraus ist, liegt unter anderem daran, dass das Labor eine bestimmte Kombination von Tests anwendet. Darunter sind sogenannte PCR-Tests, die relativ schnell Ergebnisse liefern. Dabei wird nicht zeitaufwändig das ganze Virusgenom analysiert, sondern es werden jeweils nur solche Stellen im Genom untersucht, die für die jeweiligen Varianten charakteristisch sind.

Mit einem ähnlichen Vorgehen hat das Labor im vergangenen Winter bereits mit einem gewissen Vorlauf gegenüber den offiziellen Zahlen des RKI das Ausbreiten von B.1.1.7, der sogenannten britischen Variante, beobachten können.

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Warum sich die Delta-Variante schneller ausbreitet

„Unsere aktuellen Befunde deuten an, dass sich nun die Delta-Variante ausbreitet. Dabei verdrängt sie ganz im Sinne einer Evolution im Zeitraffer offenbar andere Virusvarianten“, erklärt Professor Jürgen Durner, Facharzt für Labormedizin und Chief Medical Officer von Becker & Kollegen. So ist die Alpha-Variante (ehemals britische Variante), die in den letzten Monaten meist über 90 Prozent der SARS-CoV-2-Erreger ausmachte, deutlich rückläufig – und wird zunehmend von der Delta-Variante ersetzt.

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Damit sich Mutationen von SARS-CoV-2 überhaupt ausbreiten und andere Varianten verdrängen können, brauchen sie einen Vorteil. Bei der Delta-Variante konnten Forscher bereits einen solchen ausmachen: Das Virus ist offenbar deutlich ansteckender. Wissenschaftler vermuten eine zwischen 40 und 60 Prozent höhere Übertragbarkeit als bei der Alpha-Variante, auch Infektiosität genannt. Das ist ein enormer Vorteil für das Virus – für den Wirt, in diesem Fall für den Menschen, hingegen ein Nachteil.

Denn die erhöhte Infektiosität verhilft der Delta-Variante, mehr Menschen zu infizieren – und sich so weiter auszubreiten.

Wie sehr schützt die Impfung?

Zwar deutet alles darauf hin, dass die Impfung auch ein Stück weit vor der Delta-Variante schützt. Aber der Schutz ist höchstwahrscheinlich weniger groß als bei anderen Varianten – dies hält auch die englische Gesundheitsbehörde angesichts des aktuellen Kenntnisstands für hochwahrscheinlich.

Carlos A. Guzmán, Leiter der Abteilung „Vakzinologie und angewandte Mikrobiologie“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, wundert das wenig. „Wir wissen ohnehin nicht, wie lange der Impfschutz grundsätzlich anhält und wie hoch er in einigen Monaten ist. Dass nun noch mutierte Varianten auftauchen, gegen die die Impfungen womöglich nicht wirken, ist derzeit eines der großen Probleme im Kampf gegen die Pandemie“, so Guzmán.

Eine in Nature publizierte Studie zeigte unterdessen in Laborexperimenten, dass die nach einer Einzeldosis von Biontech und Astrazeneca gebildeten Antikörper kaum in der Lage waren, an die Delta-Mutante zu binden und sie unschädlich zu machen. Das berichten Forscher um Olivier Schwartz vom Institut Pasteur in Paris. Eine effiziente Reaktion gegen Delta hätten beide Vakzine erst nach der zweiten Dosis hervorgerufen - bei 95 Prozent der Personen (nach einer Dosis: 10 Prozent).

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Wird sich die Delta-Variante noch stärker in Deutschland ausbreiten?

Betrachtet man die Entwicklungen in Großbritannien – insbesondere die dort wieder steigenden Inzidenzzahlen – als Vorläufer, könnte die große Entspannung, die derzeit in Deutschland vielerorts herrscht, wieder einer gewissen Anspannung weichen. Hoffnung, dass man hierzulande die Delta-Variante lange klein halten kann, macht sich Labormediziner Durner kaum: „Angesichts des Sommers und der niedrigen Inzidenzen werden die Kontakte in Deutschland derzeit hoch- und viele Kontaktbeschränkungen heruntergefahren. Für die hochansteckende Delta-Variante könnte diese Entwicklung der ideale Boden sein, sich rasch auszubreiten.“

Hinzu kommt, dass in Deutschland noch weniger Menschen als in Großbritannien geimpft seien. „Da die meisten älteren Menschen mittlerweile geimpft und damit ein Stück weit geschützt sind, kann es sein, dass sich die Delta-Variante besonders unter den jüngeren Menschen ausbreitet, von denen einige angesichts des Sommers sicher nicht mehr jede Abstands- und Vorsichtsmaßnahme ständig befolgen werden“, so Durner.

Was kann man als Einzelner tun, um sich vor der Delta-Variante und anderen Mutationen zu schützen?

Die Antwort, die Durner gibt, dürfte den allermeisten vertraut sein: „Gerade wenn eine Mutation besonders ansteckend ist, wie es bei der Delta-Variante der Fall ist, sollte man die AHA-Regeln entsprechend konsequent umsetzen“, so Durner. Heißt: Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen. Im Sommer und auch noch im Herbst wird sich an dieser neuen Normalität wohl so schnell nichts ändern.

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Aktualisierungen:

22.6.21 Zahlen aktualisiert und Folge 128 des Podcasts „Klartext Corona“ ergänzt

24.6.21 Zahlen des RKI aktualisiert; Text ergänzt mit bundesweiter Entwicklung; Infografik mit Analyse des RKI eingefügt

29.6.21 Zahlen in Text und Diagramm „SARS-CoV-2-Varianten im Raum München“ aktualisiert

1.7.21 Zahlen in Text und Diagramm „SARS-CoV-2-Varianten in Deutschland“ aktualisiert

5.7.21 Zahlen in Text und Diagramm „SARS-CoV-2-Varianten im Raum München“ aktualisiert

8.7.21 Zahlen des RKI aktualisiert, Text ergänzt mit bundesweiter Entwicklung, Zahlen in Text und Diagramm „SARS-CoV-2-Varianten in Deutschland“ aktualisiert

15.7.21 Zahlen des RKI aktualisiert, Text ergänzt mit bundesweiter Entwicklung

Anmerkung der Redaktion:

Der Gesellschafter des Labors Becker & Kollegen, Dr. Marc Becker, ist Herausgeber der Apotheken Umschau.