Die Haut ist rau, rissig und nässt. Dazu das ständige Gefühl, sich kratzen zu müssen. Im Alltag ist das für Betroffene extrem belastend. Neurodermitis, auch als atopische Dermatitis bezeichnet, ist eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen. Etwa vier Millionen Menschen in Deutschland leiden daran, insgesamt drei Prozent der Erwachsenen und etwa jedes achte Kind. Neurodermitis verläuft in Schüben und ist mit einer erblichen Veranlagung verbunden. Eine gestörte Hautbarriere spielt dabei ebenso eine Rolle wie eine überschießende Reaktion des Immunsystems.

Was tun, wenn „altbewährte“ ­Methoden bei Neurodermitis nicht helfen?

Der Juckreiz, die offenen Hautstellen: Kommt ein Schub, befinden sich viele Betroffene seelisch und körperlich in einer Ausnahmesituation. Sie schlafen schlecht und fühlen sich sprichwörtlich nicht wohl in ihrer Haut. Kurzzeitige Therapien mit kortisonhaltigen Hautcremes und -salben helfen bei akuten Schüben, reichen bei mittelschweren und schweren Verläufen aber oft nicht aus.

„Braucht man andauernd oder auf sehr großer Fläche Kortison, ist es besser, eine sogenannte Systemtherapie anzusetzen, eine Therapie, die nicht lokal, sondern auf den ganzen Organismus wirkt“, erklärt Prof. Margitta Worm, Leiterin des Allergie-Centrums an der Charité in Berlin. „In solchen Fällen gibt es die Möglichkeit, ein Biologikum zu verwenden.“ Worm hat an Zulassungsstudien für Biolo­gika mitgewirkt und therapiert damit seit Jahren: „Wir haben sehr viele zufriedene Patienten, für viele entfallen die Krankenhausaufenthalte. Das ist gerade für schwer betroffene Menschen ein großer therapeu­tischer Fortschritt.“

Wie wirken Biologika?

Biologika sind seit 2017 zur Therapie der atopischen Dermatitis zugelassen. Bei diesen Substanzen handelt es sich um spezi­fische Antikörper. Sie bremsen das Immunsystem und stoppen Entzündungsmechanismen. Biologika wirken dabei gezielter als herkömmliche Medikamente und unterdrücken nicht das gesamte Immunsystem.

Wie wendet man sie an?

Sie werden alle zwei Wochen unter die Haut gespritzt, in den Oberschenkel oder in den Bauch.Viele Patientinnen und Patienten können sich die Spritze nach einer Schulung selbst setzen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen Rötungen an der Einstichstelle. Worm be­obachtet: „Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Behandelten kann es im Verlauf der Behandlung zu einer Entzündung der Bindehaut oder der Augenlidränder kommen.“

Welche Biologika werden eingesetzt?

Bislang sind zwei Biologika für die Neurodermitis-­Behandlung zugelassen: Dupilumab und Tralokinumab. Ersteres darf Erwachsenen seit 2017 verschrieben werden. Seit 2020 ist es auch für Kinder ab sechs Jahren zugelassen. Der Wirkstoff Dupilumab blockt zwei Entzündungsbotenstoffe. Das zweite Biologikum Tralokinumab ist seit 2021 für Erwachsene zugelassen und blockt einen Entzündungsbotenstoff. Beide Präparate dürfen ausschließlich bei mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis verabreicht werden.

Prof. Bernhard Homey, Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, erklärt, dass Biologika die Lebensqualität verbessern würden: „Ekzeme können endlich abheilen, der Juckreiz lässt nach. Die Betroffenen können wieder besser schlafen.“ Besonders Kinder würden profitieren, weil der große Leidensdruck ­genommen werde. Wie bei allen Medikamenten kann es aber auch zu Nebenwirkungen kommen, Risiken und Nutzen müssen daher immer gut abgewogen werden.

Wie lange dauert die Therapie und was kostet sie?

Für etwa fünf Prozent der Neurodermitis-Patientinnen und -Patienten komme ­eine Behandlung mit Biologika infrage, schätzt Margitta Worm. Die Therapie dauert Monate, manchmal Jahre und erfordert viel Disziplin. „Auch während der Behandlung mit einem Biologikum braucht es eine gute Basispflege, die die Haut rückfettet und ihr Feuchtigkeit spendet. Diese Pflege muss unbedingt fortgeführt werden“, betont sie.

Außerdem sei es wichtig, die begonnene Therapie konsequent durchzuführen. Die aufwendig hergestellten Biologika sind teuer: Etwa 20.000 Euro kostet die Behandlung pro Patientin oder Patient im Jahr. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Der behandelnde Dermato­loge oder die Dermatologin kann beraten, ob man für solch eine Behandlung infrage kommt. Weitere spezifische Antikörper zur Neurodermitis-Behandlung sind in der klinischen Entwicklung. Eine Zulassung weiterer Präparate in naher Zukunft wird erwartet.

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Quellen:

  • Mag. (FH) Margit Wickhoff : Biologika-Therapie bei Neurodermitis gibt Jugendlichen Hoffnung. https://www.hautinfo.at/... (Abgerufen am 13.05.2022)
  • Kerstin Gräfe / Pharmazeutische Zeitung: Biologika auf dem Vormarsch. Pharmazeutische Zeitung: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/... (Abgerufen am 27.05.2022)
  • M. Worm, W. Francuzik, M. Kraft et al.: Modern therapies in atopic dermatitis: biologics and small molecule drugs. https://onlinelibrary.wiley.com/... (Abgerufen am 18.05.2022)
  • Leitlinie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft: Leitlinie Neurodermitis Aktualisierung Systemtherapie Version 2020. Leitlinie: 2020. https://derma.de/... (Abgerufen am 25.05.2022)

  • Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie, Anlage VIIa: Biologika und Biosimilars, Biotechnologisch hergestellte biologische Referenzarzneimittel und im Wesentlichen gleiche biotechnologisch hergestellte biologische Arzneimittel.. https://www.g-ba.de/... (Abgerufen am 22.05.2022)
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