An meinem Homeofficefenster am Waldrand sehe ich sie regelmäßig: Sportler jeden Alters in engen Kniestrümpfen auf dem Weg zur Joggingrunde. Viele tragen Mieder am Bein, manche in Kombination mit kurzen Hosen, auch im Winter. Halten diese Socken so warm oder zeigt Mann sie einfach gerne?

Hersteller von Sportbekleidung mit Kompressionseffekt werben mit Leistungszuwachs, stabilisierender Wirkung auf die Gelenke und besserer Regeneration nach dem Training. Offenbar wird die bei Venenleiden medizinisch bewährte Idee zum Zweck der Leistungssteigerung gekapert.

Testbericht nach zwei Wochen

Ich probiere es aus. Im Sportfachgeschäft fragt der Verkäufer nicht nach Schuhgröße, sondern misst meine Waden an der dicksten Stelle und legt Strümpfe Größe II zur Kasse. Sie kosten fast das Dreifache dessen, was ich sonst für Kniestrümpfe aus Merinowolle bezahle. Den Tipp, das Gestrick an heißen Tagen zu befeuchten, gibt‘s gratis.

Zwei Wochen lang trage ich meine neuen Strümpfe täglich (sie trocknen nach dem Waschen über Nacht) bei Bahnfahrten, beim Joggen, sogar beim Yoga (das geht, sie sitzen sehr fest). Mein Eindruck: angenehm. Aber laufe ich schneller? Komme ich besser in den Liegestütz? Habe ich weniger Muskelkater danach? Eher nicht. Meine „Studie“ war allerdings ohne echte sportliche Herausforderung konzipiert (für intensive Bergwanderungen oder 5000-Meter-Läufe fehlten Zeit und Motivation) und die Teilnehmerinnenzahl mit eins sehr niedrig.

Wissenschaftliche Einschätzung der Wirksamkeit

Aber es gibt zuhauf wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema. Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Unterm Strich lässt sich feststellen: Viele Läufer (bei den Studien wurden fast nur Männer untersucht) joggen mit diesen Strümpfen tatsächlich ein bisschen schneller, ermüden weniger, erholen sich besser, haben weniger Muskelkater. Nur: Welche Rolle spielt dabei allein der Glaube, mithilfe der Kompression die Leistung zu steigern?

Welche Rolle spielt also der Placebo-Effekt frei nach dem Motto: Das machen jetzt alle so, ich habe viel Geld bezahlt, und der Druck auf die Waden fühlt sich auch noch gut an – also muss was dran sein! Der Placebo-Effekt lässt sich bei Studien kaum ausschließen: Läufer spüren natürlich, ob ein echter Kompressionsstrumpf auf ihre Wade drückt oder sich nur eine Fake-Socke ans Bein schmiegt.

Ob Kompressionssportstrümpfe im Hobbybereich wirklich etwas bringen, ist nicht eindeutig zu beantworten. Schaden tun sie jedenfalls nicht. Und bei mir hatte die private Untersuchung einen positiven Nebeneffekt: Ich nehme mir eine zweite Versuchsreihe vor. Mit mehr Disziplin und sportlichen Herausforderungen als in Runde eins.

Haben Sie sich auch schon einmal über fragwürdige Therapien gewundert?

Dann schreiben Sie mir: kritisch-hinterfragt@apotheken-umschau.de

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