Baby und Familie

Ob beim Baby oder Kleinkind: Abstillen ist oft nicht einfach. Still- und Laktations­beraterin Anja Bier (IBCLC) gibt Tipps.

Wann ist der richtige Zeitpunkt fürs Abstillen?

Anja Bier: „Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, ein halbes Jahr ausschließlich zu stillen, dann die Beikost einzuführen, aber bis zu einem Alter von zwei Jahren weiter zu stillen und darüber hinaus – wenn gewünscht. Das natürliche Abstillalter liegt im Alter von zwei bis vier Jahren oder noch später. Dann lässt das Bedürfnis nach der Brust nach und Abstillen funktioniert oft vergleichsweise mühelos. Auf jeden Fall sollten Sie sich zu nichts drängen lassen. Wichtig ist, dass Sie sich mit Ihrer Entscheidung wohlfühlen – egal ob Sie kürzer oder länger stillen.“

Meine Abstillversuche führen zu Schreidramen bei meinem Kind. Was tun?

„Wichtig ist, dass Sie als Mutter kein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie abstillen möchten. Es ist aber auch in Ordnung, wenn das Kind ausdrückt, dass es damit nicht einverstanden ist. Für ein paar Tage oder auch für zwei, drei Wochen kann das eine schwierige Zeit sein. In guter, inniger Bindung miteinander können Mutter und Kind Alternativen zum Stillen finden. Es hilft, wenn Ihr Partner oder andere Menschen Sie unterstützen, sich dann zeitweise um das Kind kümmern und es trösten. Es kann auch zwischendrin doch wieder gestillt werden.“

Ich will nachts nicht mehr stillen. Wie bringe ich meinem Kind das bei?

„Wenn das Kind aufwacht, kann man ihm einen Becher Wasser anbieten, es trösten mit Körperkontakt, Tragen und Singen. Manchen Kindern hilft es, wenn sie die Hand auf die Brust legen dürfen oder sie ein Kuscheltier bekommen. Älteren Kindern kann man auch sagen, dass die Brust nun in der Nacht ihre Ruhe braucht. Um Dauernuckeln abzugewöhnen, können Sie zunächst die Brust geben und sie gleich wegziehen, sobald das Baby einnickt. Manche Mütter machen gute Erfahrungen damit, zunächst nur einen bestimmten Zeitraum stillfrei zu halten, in dem sich zum Beispiel ausschließlich der Vater um das Kind kümmert.“

Vor oder nach der Beikost – diese Rolle spielt der Zeitpunkt:

Die Mutter will noch vor der Beikost abstillen.

„In diesem jungen Alter brauchen Kinder Flasche und Schnuller als Ersatz. Wenn früh abgestillt wird, geschieht das oft wegen Stillproblemen und das Baby trinkt bereits aus der Flasche. Pre-Milch ist das ganze erste Jahr geeignet und wird wie die Brust nach Bedarf gegeben. Wenn bereits zugefüttert wird, erhöht man die Menge Schritt für Schritt und schleicht die Brust aus. Wenn aber voll gestillt wird und es gut läuft, reagiert das Kind auf den Flaschensauger vielleicht irritiert. Man kann dann auch versuchen, die Milch mit einem Becher zu geben. Um das Bedürfnis nach Körperkontakt und Trost zu erfüllen, ist es oft günstig, das Kind viel zu tragen.“

Die Mutter will nach Einführung der Beikost – vor dem ersten Geburtstag – abstillen.

„Wenn die Beikost gut funktioniert, kann die Mutter versuchen, die Stillmahlzeiten tags­über nach und nach zu reduzieren – und muss dann nicht unbedingt als Ersatz eine Flasche einführen. Wenn das Kind wach und fröhlich ist und sich leicht ablenken lässt, nur Essen und einen Becher Wasser anbieten. So kann das Stillen auf die Zeiten mit viel Trost und Nähe beschränkt werden – abends, nachts und zum Mittagsschlaf. Um die ausreichende Versorgung mit Nährstoffen sicherzustellen, sollten noch mindestens zwei Stillmahlzeiten in 24 Stunden erhalten bleiben. Wenn die Mutter komplett abstillen will, das Kind schon zehn oder elf Monate alt ist und gut isst, reicht auch etwas Pre-Milch im Becher oder im Brei morgens und abends.“

Die Mutter will nach dem ersten Geburtstag und erfolgreicher Beikost-Einführung abstillen.

„Jetzt braucht das Kind nicht mehr unbedingt Muttermilch. Trotzdem sind Muttermilch oder Pre-Milch auch weiterhin wichtige Energiequellen. Viele junge Kleinkinder brauchen auch noch das Saugen zur Beruhigung. Tagsüber wird nun bereits weniger oder gar nicht mehr gestillt. Das Kind geht in die Kita und wird auch mal vom Vater oder einer anderen Person ins Bett gebracht, die andere Beruhigungsrituale etabliert.“

Mein Kind kommt demnächst in die Kita. Soll ich vorher abstillen?

„Das ist nicht notwendig. In der Kita schlafen viele Stillkinder einfach ohne Brust ein. Und beim Heimkommen genießen sie es, erst mal an Mamas Brust zu trinken und zu kuscheln. Damit bauen sie Spannungen ab. Weiterer Vorteil: Die Muttermilch passt sich in ihrer Zusammensetzung den Bedürfnissen des Kindes an. Etwa ab dem zweiten Lebensjahr, wenn Kinder alles in den Mund nehmen und in der Kita vielen Keimen ausgesetzt sind, steigen die Antikörper in der Muttermilch und bieten einen gewissen Schutz. Daher bekommen gestillte Kleinkinder die typischen Kinderkrankheiten oft weniger heftig. Und wenn sie krank sind und nichts essen und trinken wollen, trinken sie meistens immer noch an der Brust.“

Ich möchte möglichst schnell abstillen. Wie schaffe ich das ohne Brustschmerzen?

„Abruptes Abstillen ist schwierig. Das Kind kann sich nicht daran gewöhnen, die Brust kann die Milchmenge nicht natürlich re­duzieren, wird prall und schmerzt. Wichtig ist dann, mit der Hand oder einer Pumpe regelmäßig nur so viel Milch zu entleeren, dass die Brust entlastet wird, aber nicht mehr, denn das würde die Milchproduktion aufrechterhalten. Es hilft auch, die Brust zu kühlen. Medikamente zum Abstillen sind nicht empfehlenswert. Sie haben teils starke Nebenwirkungen und wirken auch nur in den ersten Wochen des Stillens effektiv.“

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