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Reizdarmsyndrom erkennen und behandeln

Die Symptome des Reizdarms variieren je nach Typ, und damit auch die Therapie. Ernährung spielt eine wichtige Rolle. Ein Überblick über die Darmkrankheit

von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 07.01.2019
Frau hält sich Wärmflasche an den Bauch

Bauchschmerzen, Blähbauch, Probleme beim Stuhlgang? Das kann auf einen Reizdarm hinweisen


Reizdarm – kurz zusammengefasst

  • Das Reizdarmsyndrom ist eine Krankheit des Verdauungstraktes
  • Die genauen Ursachen sind unklar. Vermutlich spielen viele Faktoren ein Rolle, zum Beispiel Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Infektionen und Stress
  • Typischerweise treten Bauchschmerzen und andere –beschwerden auf, die mit Verstopfung, Durchfall oder einem Wechsel aus beidem und/oder Blähungen einhergehen
  • Die Diagnose stellt der Arzt, wenn ein typischer Beschwerdekomplex vorliegt und durch medizinische Diagnostik andere Ursachen wie eine infektiöse oder chronisch entzündliche Darmerkrankung ausgeschlossen wurden
  • Die Therapie richtet sich danach, welche Symptome vorherrschen und welche Ursachen eine Rolle spielen. Oft hilft eine Ernährungsumstellung. Auch Medikamente und psychologische Verfahren kommen zum Einsatz

Was ist ein Reizdarmsyndrom?

Beim Reizdarmsyndrom handelt es sich um eine Funktionsstörung des Darms. 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung berichtete bei Befragungen über reizdarmähnliche Beschwerden. Die Krankheit geht mit Bauchschmerzen und anderen Symptomen einher, die in Zusammenhang mit dem Stuhlgang stehen. Mehr dazu finden Sie im Kapitel Symptome & Diagnose. Ein Reizdarm tritt bei Frauen etwa doppelt so häufig auf wie bei Männern.

Die mit dem Reizdarmsyndrom verbundenen Einschränkungen der Lebensqualität sind unterschiedlich ausgeprägt: Etwa die Hälfte der Betroffenen fühlt sich durch die Beschwerden nicht eingeschränkt und sucht keine medizinische Hilfe. Das Ausmaß der Beeinträchtigungen im Alltag (z. B. Beruf, Familie, Sexualität, Freizeit) reicht bei der anderen Hälfte von gering bis erheblich.

Die früher für die Erkrankung gebräuchlichen Begriffe "irritables Kolon" und "Colon irritabile" sind irreführend, denn man vermutet inzwischen, dass die Krankheit nicht allein auf den Dickdarm, das sogenannte Kolon, beschränkt ist. Die englische Bezeichnung für das Reizdarmsyndrom ist Irritable Bowel Syndrome.

Ursachen: Viele Faktoren spielen vermutlich eine Rolle

Das Reizdarmsyndrom ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Möglicherweise gibt es nicht "den" Reizdarm, sondern viele. Dafür spricht, dass Forscher inzwischen mehrere Reizdarm-Subtypen (siehe Kapitel Symptome & Diagnose) identifiziert haben, bei denen sich die hauptsächlichen Beschwerden unterscheiden. Zweitens vermuten Wissenschaftler, dass verschiedene Auslöser infrage kommen, die wiederum voneinander abweichende krankmachende Mechanismen im Darm in Gang setzen könnten.

Zusammenspiel Gehirn, Psyche und Bauch

Das zentrale Nervensystem und das Darmnervensystem stehen über Botenstoffe, die von Nervenfasern freigesetzt werden, in engem Austausch: über die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Experten mutmaßen, dass das Darmnervensystem, auch Bauchhirn genannt, bei Reizdarmpatienten überaktiv ist. Das kann einerseits die Beschwerden im Bauch hervorrufen. Andererseits wird über das überaktive Bauchhirn vermutlich die Psyche beeinflusst – umgekehrt wirkt sich die Stimmung auch auf den Magen-Darm-Trakt aus. Studien zeigen: Reizdarm geht oft mit Depression, chronischem Stress, seelischen Traumata und Angststörungen einher. Die Krankheit ist jedoch kein psychisches Leiden.

Der Einfluss der Ernährung

Viele Menschen, die einen gereizten Darm haben, berichten, dass bestimmte Lebensmittel die Beschwerden triggern. In den letzten Jahren sind vor allem sogenannte FODMAPs in den Fokus geraten. Dabei handelt es sich um bestimmte Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die in vielen Nahrungsmitteln vorkommen (mehr im Kapitel Therapie – Ernährung). Manche Reizdarmpatienten vertragen vermutlich lediglich kleine Mengen davon und können die Zucker nur unvollständig im Dünndarm abbauen. Bakterien im Dickdarm zerlegen die FODMAPs dann, was die typischen Symptome auslöst. Zum Teil bereiten auch nur bestimmte Zucker wie Milchzucker oder Fruchtzucker Probleme. Manche Betroffene reagieren eventuell auf Gluten, das Klebereiweiß aus Weizen, oder auf andere Inhaltsstoffe in Weizen empfindlich – obwohl keine Zöliakie vorliegt.

Genetisch vorbelastet?

Bestimmte Genveränderungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für ein Reizdarmsyndrom, wenn weitere Faktoren hinzukommen.

Veränderte Darmflora und Infektionen

Menschen mit Reizdarmsyndrom haben gegenüber Gesunden eine veränderte Darmflora. Teilweise kommen andere Bakterienstämme verstärkt vor als bei gesunden Menschen, teilweise gibt es weniger verschiedene Arten. Antibiotika, Magen-Darm-Infektionen und chronischer Stress können zu einer veränderten Darmflora führen. Studien zeigen zudem, dass sich bei manchen Patienten zu viele Bakterien im Dünndarm befinden, wo sie normalerweise nicht hingehören. Welche Rolle die Darmflora genau beim Reizdarm spielt, muss weiter erforscht werden. Ebenso, ob eine veränderte Bakterienzusammensetzung Ursache oder Folge der Darmkrankheit ist.

Unterschwellige Entzündung

Besonders bei Reizdarmpatienten, die häufig an Durchfall leiden, spielt möglicherweise eine leichte, aber dauerhaft bestehende Entzündung der Darmschleimhaut eine Rolle.

Gallensäuren

Eine unzureichende Aufnahme von Gallensäuren im Darm kann zu Durchfällen beitragen.

Gestörte Darmbewegungen

Normalerweise bewegt sich die Darmmuskulatur rhythmisch, um den Darminhalt weiterzubefördern. Liegt ein gereizter Darm vor, können die Darmbewegungen verändert sein. Dadurch kann sich der Darminhalt langsamer fortbewegen, was zu Verstopfung führt, oder schneller, was in flottere Verdauung mündet. Die Muskeln neigen dazu, sich zu verkrampfen, was Schmerzen auslösen kann.

Herr Dr. med. Winfried Häuser

Beratender Experte

Prof. Dr. med. Winfried Häuser ist Arzt für Innere Medizin sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie". Seit 1998 ist er ärztlicher Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik der Klinik für Innere Medizin 1 (Gastroenterologie, Hepatologie, Stoffwechsel- und Infektionskrankheiten) des Klinikums Saarbrücken. Schwerpunkte seiner ambulanten ärztlichen sowie wissenschaftlichen Tätigkeit sind das Reizdarm- und das Fibromyalgiesyndrom sowie Essstörungen. Er hat an den aktuellen Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften zum Reizdarmsyndrom und funktionellen Körperbeschwerden mitgearbeitet.

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.